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Full text of "Konferenzen mit den Lehrern der Freien Waldorfschule 1919 bis 1924. Band I"

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RUDOLF STEINER G ES AMT AUSG ABE 
VEROFFENTLICHUNGEN AUS DEM ARCHIV 

Erganzungen zu den 
padagogischen Grundkursen 



Verdffentlichung aus dem Archiv der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach 
als Studienmaterial fiir die Lehrer an Waldorfschulen 

Aus verschiedenen, von Rudolf Steiner nicht durchgesehenen unvollstandigen 
Nachschriften und handschriftlichen Notizen der Teilnehmer zusammengestellt und 
herausgegeben von Erich Gabert (+) und Hans Rudolf Niederhauser 
unter redaktioneller Mitarbeit von Anton Rodi 



Erste Veroffentlichung als Vervielfaltigung fiir 
Lehrer der Waldorfschulen, o. J. (intern) 

Zweite Veroffentlichung (mit Auslassungen) 
in „Die Menschenschule", 1946—1956 

Dritte, erweiterte Ausgabe (Vervielfaltigung) 
in 8 Heften, Stuttgart 1962-1964 

Vierte, neu durchgesehene und erweiterte Ausgabe 

(erste Buchauflage in 3 Banden), Gesamtausgabe Dornach 1975 



Bibliographie-Nr. 300 / 1 

Alle Rechte fiir die Wortlaute Rudolf Steiners bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, 

Dornach / Schweiz 
© 1975 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach / Schweiz 
Abdruck, auch auszugsweise, nicht gestattet 
Printed in Switzerland by Buchdruckerei Meier + Cie AG Schaffhausen 

ISBN 3-7274-3000-1 (Reihe) 
ISBN 3-7274-3001-X (l.Band, Ln.) ISBN 3-7274-3004-4 (l.Band,Kt.) 



RUDOLF STEINER 

Konferensen 

mit den Lehrern 
der Freien Waldorfschule in Stuttgart 
1919 bis 1924 

Erster Band 
Das erste und 2weite Schuljahr 



1975 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Veroffentlichung aus dem Archiv der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung 
als Studienmaterial fur die Lehrer an Waldorfschulen 



Obersicht tiber die Konferenzen in drei Banden 



Erster Band 

1. Schuljahr: 16. September 1919 bis 24. Juli 1920 
Konferenzen vom 8. September 1919 bis 31. Juli 1920 

2. Schuljahr: 20. September 1920 bis 11. Juni 1921 
Konferenzen vom 21. September 1920 bis 26. Mai 1921 



Zweiter Band 

3. Schuljahr: 18. Juni 1921 bis 30. Mai 1922 
Konferenzen vom 16. Juni 1921 bis 10. Mai 1922 

4. Schuljahr: 20. Juni 1922 bis 24. Marz 1923 
Konferenzen vom 20. Juni 1922 bis 8. Marz 1923 



Dritter Band 

5. Schuljahr: 24. April 1923 bis 7. April 1924 
Konferenzen vom 30. Marz 1923 bis 27. Marz 1924 



6. Schuljahr: 30. April 1924 bis 30. Marz 1925 
Konferenzen vom 9. April 1924 bis 3. September 1924 



Als lebensmafiige Voraussetzung gait fiir die Teil- 
nehmer dieser Konferenzen die Kenntnis der 
Anthroposophie, der drei grundlegenden Vor- 
tragskurse: ,,Allgemeine Menschenkunde als 
Grundlage der Padagogik", ,,Erziehungskunst. 
Methodisch-Didaktisches" und die ,,Seminar- 
besprechungen", sowie der anderen Kurse, die 
Rudolf Steiner fiir die Lehrer der Waldorfschule 
gehalten hat: „Menschenerkenntnis und Unter- 
richtsgestaltung", 1921, ,,Meditativ erarbeitete 
Menschenkunde", 1920, ,,Erziehungsfragen im 
Reifealter" und ,,Zur kiinstlerischen Gestaltung 
des Unterrichts", 1922, ,,Anregungen zur inner- 
lichen Durchdringung des Lehrerberufs", 1923. 
Diese Kenntnis mufi als Grundlage zur Beurtei- 
lung des Ganzen wie der Einzelheiten dieser Kon- 
ferenzen auch beim Leser vorausgesetzt werden. 

Die Wortlaute der Konferenzen waren nicht zur 
Veroffentlichung gedacht. Es mufi hinge no m men 
werden, daft in den von Rudolf Steiner nicht 
durchgesehenen, unvollstandigen Aufzeichnun- 
gen Fehlerhaftes enthalten ist. 



INHALT 



Vorwort 9 

Einleitungen von Erich Gabert 13 

Sieben Themen, die oft erwahnt werden: 

1. Rudolf Steiner; Anthroposophische Gesellschaft; 
Weihnachtstagung 13 

2. Dreigliederung des sozialen Organismus 16 

3. Emil Molt; Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik; 
Waldorfschulverein, Weltschulverein 20 

4. Staatliche Schulbehorden 26 

5. Schulbewegung 30 

6. Jugendbewegung 32 

7. Konfessioneller und freier Religionsunterricht; 
Christengemeinschaft 35 

Die sechs einzelnen Schuljahre: 

1. Schuljahr September 1919 bis Juli 1920 42 

2. Schuljahr September 1920 bis Juni 1921 48 

3. Schuljahr Juni 1921 bis Mai 1922 51 

4. Schuljahr Juni 1922 bis Marz 1923 53 

5. Schuljahr April 1923 bis April 1924 56 

6. Schuljahr April 1924 bis Marz 1925 57 

Anspr ache am 20. August 1919 61 

Konferenzen vom: 

8. September 1919 65 

25. September 1919 69 

26. September 1919 96 

22. Dezember 1919 > 112 

23. Dezember 1919 115 

l.Januarl920 117 

6. Marz 1920 . < 120 

8. Marz 1920 122 

14. Marz 1920 125 



9.Junil920 127 

12.Junil920 131 

14. Junil920 136 

23. Junil920 155 

24. Julil920 162 

29. Julil920 182 

30. Julil920 193 

31. Julil920 201 

21. September 1920 205 

22. September 1920 214 

15. November 1920 235 

22. November 1920 244 

16. Januar 1921 255 

23. Marz 1921 273 

26. Mai 1921 278 

Zeittafel 290 

Hinweise 300 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 315 



Das Sachwortverzeichnis und die Liste zu den drei Banden (1, 2, 3) 
sind am Schlufi des 3. Bandes 



VORWORT 



Siebzig Konferenzen hat Rudolf Steiner mit dem Lehrerkollegium 
der von ihm geleiteten Freien Waldorfschule abgehalten, die erste am 
8. September 1919, am Tage nach der feierlichen Schuleroffnung, 
die letzte am 3. September 1924. Aufier am 25. und 26. September 
1919 wurde nie ein Stenograph hinzugezogen. Von dem, was uns 
heute an Nachschriften iiber den Inhalt der Konferenzen vorliegt, 
verdanken wir weitaus das meiste dem treuen Mitstenographieren 
von Dr. Karl Schubert. Aus der Zeit, ehe er im Sommer 1920 in das 
Lehrerkollegium eintrat, sind nur kurze Notizen vorhanden. Als 
spater das Kollegium grofter wurde, entstanden immer mehr, zum 
Teil auch stenographische Aufzeichnungen, die den Schubertschen 
Text erganzen konnten. 

Weil Konferenzgesprache nie so liickenlos und zuverlassig nach- 
geschrieben werden konnen wie Vortrage, tragen alle vorliegenden 
Aufzeichnungen einen oft recht fragmentarischen Charakter, und 
die Herausgeber sahen sich vor die Aufgabe gestellt, die Bruchstucke 
richtig ineinanderzufiigen, damit sie sich gegenseitig erganzen und 
stiitzen. Der Leser aber ist zu starker und aktiver innerer Arbeit 
aufgerufen, um das, was uns nur wie in einer andeutenden Partitur 
vorliegt, zu einem erklingenden Bilde lebendig zu machen. Der ge- 
naue Wortlaut bleibt nicht selten unsicher, nur wenn Rudolf Steiner 
langere zusammenhangende Ausfiihrungen machte, von denen dann 
vielleicht mehrere Nachschriften erhalten sind, kann der Text als 
verhaltnismafiig authentisch angesehen werden. 
Die erste Vervielfaltigung der Konferenz-Nachschriften wurde im 
Anfang der dreifiiger Jahre intern an die Lehrer der Waldorfschulen 
ausgegeben. Diese Hefte sind langst vergriffen. Ebenso sind die Hefte 
der ,,Menschenschule" vergriffen, in der in den Jahrgangen 20 bis 30 
(1946 bis 1956) die Konferenzen abgedruckt waren, mit Auslassun 
gen, die durch den Charakter dieser Veroffentlichung gegeben 
waren. In die zweite vervielfaltigte Ausgabe von 1962 war es mog 
lich, bisher noch nicht zuganglich gewesene Notizen mit hineinzu 
arbeiten. So konnten besonders die so unbefriedigend knappen 
Texte zu den Konferenzen vom 8. September 1919, vom Dezembei 
1919 und vom Marz 1920 nicht unwesentlich erganzt werden. Voi 
allem aber konnte die Ansprache vom 20. August 1919 hinzugefiigt 
werden. Bis vor gar nicht langer Zeit war nur aus Emil Molts 
,,Lebenserinnerungen" bekannt, daft Rudolf Steiner am Vorabend 



10 



Vorwort 



der grofien padagogischen Kurse vor der Begriindung der Waldorf- 
schule eine Ansprache an die Kursteilnehmer gehalten habe, aber 
eine Nachschrift war nicht vorhanden. Jetzt liefl sich diese Anspra- 
che aus mehreren Aufzeichnungen wenigstens so weit wiederher- 
stellen, dafi dadurch doch ein Eindruck vermittelt werden kann von 
ihrem Inhalt, aber auch von der Stimmung, die sie in sich trug. 
Auch in der vorliegenden Buchausgabe sind, wie in den fruheren 
Vervielfaltigungen, im Prinzip die Namen der Lehrer wie vor allem 
der Schiiler unkenntlich gemacht. Obwohl oft das padagogisch Wich- 
tiee vom Personlichen nicht zu trennen ist, geht es in dieser Ver- 
offentlichung um die Erkenntnis des Allgemeingultigen, insofern es 
durch den Einzelfall zur Erscheinung kommt. Nur an solchen Stel- 
len, wo Rudolf Steiner einen Lehrer erwahnt oder mit Freude etwas 
Wohlwollendes, Lobendes iiber einen Lehrer sagt, ist der Name ge- 
nannt. 

Fur die vorliegende erste Buchausgabe wurde der Text nochmals 
sorgfaltig mit den Unterlagen verglichen, verbessert und erganzt. Vor 
allem wurden, soweit als moglich, vermehrt Voten der Lehrer auf- 
genommen, wodurch der Charakter des Gespraches starker in Er- 
scheinung tritt. 

Wir haben im Ablauf der einzelnen Konferenzen nicht einen geform- 
ten inneren Aufbau vor uns wie bei Vortragen. Nur zuweilen steht 
am Anfang eine Ansprache oder eine langere Ausfiihrung Rudolf 
Steiners, etwa iiber den Lehrplan einer neu zu errichtenden Ober- 
klasse. Aber meistens werden die im taglichen Schulleben gerade 
anstehenden Fragen, ohne dafi zwischen diesen ein naherer Zusam- 
menhang bestehen muBte, der Reihe nach durchgesprochen. Darauf 
folgen dann in lebendigem Gesprach die Fragen, die nun von den 
einzelnen Lehrern gestellt werden, wobei oft auf Dinge zuriickgegrif- 
fen wird, die in derselben Konferenz schon erwahnt waren, so daft 
Rudolf Steiners Aufierungen dazu im Text zerstreut dastehen. Eine 
gewisse Gliederung und Ordnung nach Themen schien moglich und 
geraten. Deshalb ist in dieser Buchausgabe wie in einigen fruheren 
Veroffentlichungen das, was innerhalb einer Konferenz an verschie- 
denen Stellen iiber ein und dasselbe Thema — beispielsweise iiber die 
Fremdsprachen — besprochen wurde, zusammengeriickt worden. 
Die Konferenzen waren eine lebendige Fortbildung der Lehrer- 
schaft. Sie bilden eine wichtige Erganzung zu den grundlegenden 
Kursen, die Rudolf Steiner den Lehrern vor und nach derGriindung 
der Waldorfschule gehalten hat. Ohne die Kenntnis dieser Kurse sind 
diese Ausfiihrungen nicht verstandlich. Denn die hier oft nur frag- 



Vorwort 



11 



mentarisch festgehaltenen Einzelheiten erhalten Licht und Bedeu- 
tung erst, wenn sie im Zusammenhang des Ganzen betrachtet wer- 
den. Durch die Veroffentlichung wird etwas vom Leben und der 
inneren Geschichte der ersten Waldorfschule unter Rudolf Steiners 
Leitung sichtbar. 

Mit dieser Waldorfschule wurde nicht ein ideales, fertig ausgedachtes 
Schulprogramm verwirklicht. Rudolf Steiner hat vielmehr bis in Ein- 
zelheiten vorbildlich dargelebt, wie ein Schulorganismus, wie das 
Schulwesen uberhaupt aus den individuell gegebenen Lebensmog- 
lichkeiten der beteiligten Menschen, der ortlichen und zeitlichen 
Verhaltnisse nach den Bedingungen des freien Geistesleben ent- 
wickelt und einmalig gestaltet werden mufi. 

So wird selbst durch alle Mangel der Nachschriften hindurcli in die 
sen Texten heute noch etwas vom sich gestaltenden Geist der ersten 
Waldorfschule erlebbar und vermag in der Seele des Lesers etwas in 
Bewegung zu bringen, was von der lebendig fortwirkenden Kraft der 
Waldorfschul-Padagogik zeugt. 

Erich Gabert 

Hans Rudolf Niederhauser 



EINLEITUNGEN 



Hier soli zunachst manches zusammengefaBt werden, was sonst in 
vielen einzelnen Hinweisen so sehr zerstreut dastehen wiirde, daft es 
kein wirkliches Bild geben kann. Fur das Verstandnis der Konferen 
zen wird aber viel darauf ankommen, daft auch der ganze Rahmen 
deutlich gesehen werde, alles was um die Schule herum und in ihr 
vorgingin diesen Jahren 1919 bis 1924. 

Zugleich kann damit ein kleiner Beitrag geleistet werden zu einer 
Aufgabe, die sehr groB vor uns stent, zu einer Geschichte, gleichsam 
einer Biographie der Waldorfschule in der Zeit, als Rudolf Steiner sic 
leitete. Es kann aber eben nur ein ,, Beitrag" sein, weil die Ausfuhrun 
gen hier einseitig auf den Text der Konferenzen hingeordnet sind 
und nur das erwahnen, was auch dortvorkommt oder vorausgesetzt 
wird, 

Sieben Themen, die oft erwdhnt werden 

1. Rudolf Steiner; 
Anthroposophische Gesellschaft; Weihnachtstagung 

Auch aus dem Gesamtkomplex Anthroposophische Gesellschaft 
konnen hier nur wenige Tatsachen herausgehoben werden. 

a) Wahrend die Waldorfschule entstand und heranwuchs, wurde in 
Dornach in der Schweiz das erste Goetheanum gebaut, an dem auch 
manche der Lehrermitgearbeitethatten. (Vgl. ,,Der Baugedanke des 
Goetheanum"; Liste Nr. 101.) Erwahnt werden in den Konferenzen 
die Saulenarchitrave (1/245), die Pflanzenfarben, mit denen die 
Kuppeln ausgemalt wurden, das farbige Glas der Fenster, in das 
Darstellungen hineingraviert waren (1/154, 245); auch der Verein 
,,Goetheanismus", der fur die Erstellung und Verwaltung desBaufcs 
geschaffen worden war (1/184). 

In dem 1920 provisorisch eroffneten, aber noch nicht vollendeten 
Bau hielt Rudolf Steiner Hunderte von Vortragen. Auch die Hocli 
schulkurse (1/153, 2/47) fanden hier statt, ebenso die Fachkurse: 
fur die Theologen (2/39), die Arzte (1/153) und fur viele andere 
Gruppen. Den am Bau Arbeitenden hielt Rudolf Steiner seine 
„Arbeiter-Vortrage" (3/34, 77), von denen seit August 1922 Nach- 
schriften vorliegen (Liste Nr. 112, 113, 119, 128-134). Im Umkreis 
des Goetheanums, in Arlesheim, entstanden im Juni 1921 das von 



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Einleitungen 



Dr. med. Ita Wegman geleitete Klinisch-Therapeutische Institut und 
nahebei die Weleda, in der Heilmittel und Kosmetika hergestellt wer- 
den. — Mehrfach bezieht sich Rudolf Steiner auf die seit 1921 am 
Goetheanum erscheinende und von Albert Steffen geleitete Wochen- 
schrift „Das Goetheanum" (2/93, 3/89, 126. ListeNr. 139). 

b) Die Anthroposophische Gesellschaft hatte zunachst noch ihren 
Sitz in Deutschland. Rudolf Steiner stand neben ihr als Lehrer und 
Berater. Er gehorte ihrem Vorstand nicht an, war selbst nicht einmal 
Mitglied (3/114). Im Rahmen der Gesellschaft wurden in Munchen 
1910 bis 1913 die vier Mysteriendramen (1/136, 2/36) aufgefiihrt. 
In Munchen war auch am 28. August 1913 die erste Eurythmieauf- 
fiihrung (1/288). Sie wurde, wie viele spatere, von Rudolf Steiner 
mit einer Ansprache eingeleitet (3/89). In den Konferenzen ist auch 
die Rede von der Ausbildung der Eurythmistinnen durch Frau 
Dr. Steiner (1/199), von dem in Stuttgart 1922 gebauten Euryth- 
meum (1/135, 202, 3/27), von dem Kurs fur Heileurythmie 1921 
(1/190, 269) und von den von Rudolf Steiner entworfenen und zum 
Teil selbst bemalten Eurythmiefiguren (2/294, 3/96), deren Nach- 
bildungen auch in der Waldorfschule aufgestellt wurden. 
Vom Jahre 1919 ab wurden fur die Anthroposophische Gesellschaft 
die Schwierigkeiten zunehmend grofter, sowohl von auften wie 
innen. Auften meldeten sich die Gegner. In der Presse, zum Beispiel 
in der Arlesheimer ,,Birseck-Post" (2/58) erschienen Angriffe iiDel- 
ster Art. In Stuttgart hetzte General Gerold von Gleich (2/137) in 
Schrift und Vortragen. In Munchen kam es nach Rudolf Steiners 
Vortrag vom 15. Mai 1922 zu Krakeel (3/192), und es wurden tat- 
liche Angriffe versucht. 

Im Inneren der Gesellschaft hatten junge Mitglieder manche in den 
Universitaten iiblichen ,,Methoden" oder ,,Unmethoden" (2/226) 
auch in die an throposophische Arbeit hineingetragen. Darausergaben 
sich Reibereien zwischen den jungeren und den alteren Mitgliedern. 
Eigene Jugendgruppen wurden gegriindet. (Vgl. Abschnitt 6, 
,Jugendbewegung".) 

Rudolf Steiner brauchte scharfe Worte, zum Beispiel daft ,,die Ge- 
sellschaft schlaft" (2/147), oder daft sie ,,zerfallt in lauter Cliquen" 
(2/225). Er sprach auch eindringlich tadelnd vom ,, Mangel an Ver- 
antwortungsgefiihl" (2/180). Viele Mitglieder, auch ein Komitee von 
sieben Waldorflehrern (2/237—239), versuchten, dem Unheil Ein- 
halt zu tun. 

Die Krisen wurden grell beleuchtet durch ein ,,unermeftliches Un- 



Einleitungen 



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gliick" (2/224), den Brand des Goetheanums in der Neujahrsnacht 
1922/23. Bei der nun fur Marz 1923 einberufenen Delegiertenver- 
sammlung (2/292) versuchte Rudolf Steiner, die Gesellschaft zu 
reorganisieren. Ein neuer Vorstand wurde eingesetzt. Aber weil sich 
keine Hoffnung mehr zeigte fur ein gutes Zusammenarbeiten der 
Alteren und der Jiingeren, schlug Rudolf Steiner vor, daft neben der 
bisherigen Gesellschaft noch eine zweite, die ,,Freie" Anthroposo- 
phische Gesellschaft gebildet werden solle mit eigenem Vorstand, 
genannt Komitee (3/17, 20). Doch alle diese Anderungen konnten 
der Schwierigkeiten nicht mehr Herr werden. 

c) Da berief Rudolf Steiner die Mitglieder zu einer Tagung an das 
Goetheanum in der Weihnachtszeit 1923/24, um eine ,,vollstandige 
Neugestaltung" (3/110) der Gesellschaft vorzunehmen. Auf dieser 
,,Weihnachtstagung" wurde die ,,Allgemeine Anthroposophische 
Gesellschaft" gegriindet (Zeittafel). Ihr Sitz sollte am Goetheanum 
sein. Das Amt des Vorsitzenden iibernahm Rudolf Steiner selbst. Die 
anderen Vorstandsmitglieder waren Albert Steffen, Marie Steiner, 
Ita Wegman, Elisabeth Vreede, Gunther Wachsmuth. (Vgl. ,,Die 
Weihnachtstagung zur Begriindung der Allgemeinen Anthroposo- 
phischen Gesellschaft". Liste Nr. 118.) 

Viele Lehrer hatten die Weihnachtstagung mitgemacht, aber kaum 
jemand hatte die grundlegenden Vortrage horen konnen, die Rudolf 
Steiner am 18. und 30, Januar 1924 hielt, ehe er die Erste Klasse der 
Hochschule ins Leben rief. Deshalb besprach er die Fragen nach der 
Hochschule und besonders die nach deren Verhaltnis zu den ,,Sek- 
tionen", insbesondere auch der padagogischen, soweit esdie Schule 
anging, eingehend in der Konferenz vom 5. Februar 1924 (vgl. ,,Die 
Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 
und der Freien Hochschule fur Geisteswissenschaft — Der Wieder- 
aufbau des Goetheanum". Liste Nr. 50). 

Die Vorstandsmitglieder und die Leiter der Sektionen werden in den 
Konferenzen mehrfach erwahnt. Ebenso die Tatsache, dafl jetzt fur 
die Mitglieder dem ,, Goetheanum" ein Nachrichten- oder Mittei- 
lungsblatt, auch ,,Mitteilungen" genannt, beigelegt werden soli mit 
dem Titel „Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht" 
(3/120, 122, 138). Auch von Rundbriefen der Sektionen fiir deren 
Mitglieder wird gesprochen (3/118, 121). 

Ober die Kurse, die Rudolf Steiner im Jahre 1924 hielt, soweit sie 
nicht in der Zeittafel enthalten sind, wird in den ,,Hinweisen" das 
Notige vermerkt. 



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Einleitungen 



2. Dreigliederungdes sozialen Organismus 

Gleich nachdem Anfang November 1918 in Deutschland der Zusam- 
menbruch und die Revolution erfolgt waren, begann Rudolf Steiner 
die Gedanken der sozialen Dreigliederung ausgiebig vor denMitglie- 
dern der Anthroposophischen Gesellschaft und vom Februar 1919 
ab auch vor der Schweizer Offentlichkeit zu entwickeln. 
In noch viel starkerem MaBe geschah das von Ende April ab in 
Deutschland. Schon im Februar hatte Rudolf Steiner seinen ,,Aufruf 
an das deutsche Volk und an die Kulturwelt" geschrieben. Er war im 
Marz als Flugblatt und in vielen Zeitungen erschienen und wurde in 
kurzer Zeit von einer groflen Anzahl Personlichkeiten des offent- 
lichen Lebens in Deutschland, Osterreich und der Schweiz unter- 
zeichnet. Im April erschien dann sein Buch ,,Die Kernpunkte der 
sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und 
Zukunft" (Liste Nr. 47). 

Am 22. April hielt Rudolf Steiner seinen ersten Stuttgarter Drei- 
gliederungsvortrag in einer offentlichen Versammlung der Unter- 
zeichner des „Aufrufs". Nach dem Vortrag wurde der ,,Bund fiir 
Dreigliederung des sozialen Organismus" gegrundet (1/252). Dieser 
Bund war nicht eine Unterabteilung der Anthroposophischen Gesell- 
schaft, sondern er griff weit iiber deren Mitgliedschaft hinaus; in 
seinem Komitee safi zum Beispiel der Tubinger Staatsrechtslehrer 
Professor Dr. W. v. Blume. Parallel arbeitende Organisationen bilde- 
ten sich in der Schweiz und in Osterreich. Auf diesen Bund wurden 
grofie Hoffnungen gesetzt, auch von Rudolf Steiner. „Von seiner 
Regsamkeit hangt alles ab" (1/253). 

Der Bund hatte allein in Deutschland 56 Ortsgruppen. Von seiner 
Stuttgarter Zentralstelle aus wurde durch viele Redner eine aus- 
gebreitete Vortragstatigkeit fiir den Gedanken der sozialen Drei- 
gliederung veranstaltet. Vor allem hielt Rudolf Steiner selbst in vie- 
len Orten Siiddeutschlands, besonders natiirlich in Stuttgart, bis 
Ende Juli 1919 vor manchmal iiber tausend Zuhorern mehr als vier- 
zig offentliche Vortrage iiber diese Fragen; davon sind vierzehn 
erhalten geblieben (,,Neugestaltung des sozialen Organismus"; Liste 
Nr. 84). In Stuttgart wurden vom 21. April bis 3. August fiir die 
Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft iiber denselben 
Themenkreis mehr als siebzehn Vortrage gehalten (Liste Nr. 83; 
,,Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und padagogischer 
Fragen" und ,,Volkspadagogische Vortrage"). 

Um die Dreigliederung in weiteren Kreisen bekannt zu machen und 



Einleitungen 



17 



um den sozialen Willen anzufeuern, wurden zwei Zeitschriften be- 
griindet. Vom 8. Juli 1919 ab erschien die Wochenschrift „Dreiglie- 
derung des sozialen Organismus"; und spater, vom April 1921 ab die 
Monatsschrift „Die Drei" (Liste Nrn. 136 und 138). 
Zur Vorbereitung einer weiteren Organisation, die im besonderen fur 
das Gebiet des Geisteslebens wirken wollte, wurde ein „Aufruf zur 
Begriindung eines Kulturrates" (1/85, 164) verfafit; er ist abgedruckt 
im Buche von Emil Leinhas ,,Aus der Arbeit mit Rudolf Steiner", 
Basel 1950, S. 211—217. Begriindet wurde der Kulturrat im Juni 
1919 (1/85,95). 

Ebenfalls auf dem Gebiet des Geisteslebens suchte der hauptsachlich 
von Studenten begriindete ,,Bund fur anthroposophische Hochschul- 
arbeit" zu wirken, der sich im Herbst 1920 mit einem ,,Aufruf an die 
akademische Jugend" (1/254) an die Kommilitonen aller Hoch- 
schulen wandte. Der Aufruf ist abgedruckt in ,,Die Erkenntnisauf- 
gabe der Jugend*', Dornach 1957, S. 134-137 (Liste Nr. 87). Die- 
sem Bunde und seinen Bitten an Rudolf Steiner ist es wohl mit zu 
verdanken, wenn von 1920 bis 1922 eine Anzahl von bedeutsamen 
,,Hochschul"-Veranstaltungen zustande kamen, auf die auch in den 
Konferenzen Bezug genommen wird: 

Erster Anthroposophischer Hochschulkurs in Dornach, 26. Septem- 
ber bis 16. Oktober 1920 (1/153, 2/47, Liste Nr. 95). 
Zweiter Anthroposophischer Hochschulkurs in Dornach (Oster- 
kurs), 3.-10. April 1921 (Liste Nr. 100). 

Freie Anthroposophische Hochschulkurse (Ferienkurs) in Stuttgart, 
16.-23. Marz 1921 (Liste Nr. 99). 

,,Anthroposophie und Wissenschaft", Hochschulveranstaltung in 
Darmstadt, 25.-30. Juli 1921 (Liste Nr. 102). 

Sommerkurs (Summer Art Course) in Dornach, 21.— 28. August 
1921 (Liste Nr. 103). 

Anthroposophischer Hochschulkurs in Berlin, 5.— 12. Marz 1922 
(2/65, 69, 70, 76-79. Liste Nr. 107). 

Anthroposophisch-wissenschaftlicher Kurs fur Akademiker in Den 
Haag (Holland), 7.-12. April 1922 (2/89. Liste Nr. 108). 

Hierher gehoren auch die ,,Kongresse", die von der Anthroposo- 
phischen Gesellschaft veranstaltet wurden: 

Allgemeiner offentlicher Kongreft „Kulturausblicke der anthropo- 
sophischen Bewegung" in Stuttgart, 28. August bis 7. September 
1921 (2/44,78. Liste Nr. 104). 



18 



Einleitungen 



,,West — Ost. Zweiter internationaler Kongreft der anthroposo- 
phischen Bewegung" in Wien, 1.-12. Juni 1922 (2/117. Liste 
Nr. 110). 

Ebenso sind hier zu erwahnen die Stuttgarter Hochschulkurse, bei 
denen durch viele Semester hindurch vor allem die Waldorflehrer 
vortrugen, nicht aber Rudolf Steiner selbst (1/233, 234 und Sach- 
wortverzeichnis). 

Aber damit, daft so die Dreigliederung und die Anthroposophie weit- 
hin bekannt wurden, trat auch deren intellektuelie, politische und 
wirtschaftliche Gegnerschaft starker und starker hervor. 
Schon im Hochsommer 1919 erkannte Rudolf Steiner, daft vor allem 
auch wegen solcher gegnerischen Stromungen die Zeit fur ein schnel- 
les Durchdringen der Dreigliederungsgedanken in der breiten Offent- 
lichkeit bereits voriibergegangen war. Es war ,,zu spat" geworden 
(2/254). Am 31. August 1919 hielt er seinen letzten Dreigliede- 
rungsvortrag in der Offentlichkeit. 

Gewift lief die Bewegung noch weiter, aber die erste Begeisterung 
und Stoftkraft Heft nach. Rudolf Steiner sprach es schonungslos aus. 
,,Der gut gemeinte Aufruf zum Kulturrat . . . war vollstandig ins 
Wasser gefallen" (1/164); der Kulturrat war „nach einigen Wochen 
sanft entschlafen" (3/39). Und am 22. November 1920 hieft es: Die 
Wochenschrift ,, Dreigliederung des sozialen Organismus", aus der 
man ,,moglichst schnell eine Tageszeitung" hatte machen wollen, 
hat ,,in den letzten fiinf Monaten nicht an Leserzahl zugenom- 
men . . auch nicht an Mitarbeiterzahl" (1/253). Der Bund fur Drei- 
gliederung war ,,in eine Art von Theoretisieren verfallen" (2/251). 
Rudolf Steiner sah, daft es nur einen einzigen Weg zum Weiterkom- 
men gab. Er regte an, den ,,alten Dreigliederungsbund" umzuwan- 
deln in einen ,,Bund fur freies Geistesleben" (2/255). Zur selben 
Zeit, Sommer 1922, wurde die Dreigliederungszeitung umbenannt 
in ,, Anthroposophie. Wochenschrift fur freies Geistesleben". Rudolf 
Steiner hatte schon am 26. Marz 1922 im Dornacher ,,Goetheanum" 
wahrend der Konferenz von Genua seinen letzten Dreigliederungs- 
artikel erscheinen lassen (Liste Nr. 58). Die Zeit der nach auften 
gerichteten Dreigliederungsbewegung war zu Ende gegangen. Daft 
diese Gedanken aber im Inneren als zukunfthaltige Keime kraftig 
weiter wirkten, darauf wies Rudolf Steiner 1924 nach der Weih- 
nachtstagung eindringlich hin (3/ 118). 

Es ist nun notig, den Blick noch einmal in die Anfangszeit zuriick- 
zuwenden, auf eine Unternehmung, die fur die wirtschaftliche 



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Grundlage der Waldorfschule eine grofie Bedeutung hatte. Schon im 
Herbst 1919 wurde der Plan erwogen, und im Marz 1920 erfolgte 
dann die notarielle Griindung von ,,Der Kommende Tag. Aktien- 
gesellschaft zur Forderung wirtschaftlicher und geistiger Werte" 
(1/182, 253, 256). Rudolf Steiner iibernahm selbst den Vorsitz im 
Aufsichtsrat. Das Unternehmen sollte als ein Beispiel assoziativer 
Zusammenarbeit wirtschaftliche Betriebe verschiedenster Art 
(Landwirtschaft, Industrie, Bankwesen usw.) umfassen, um aus 
deren Ertragen geistige Arbeit, besonders wissenschaftliche For- 
schungzu finanzieren. 

Dem Kommenden Tag gehorten aufter kleineren an: die Werkzeug- 
Maschinenfabrik Carl Unger (1/254), die Kartonagenfabrik Jose 
del Monte (1/254), spater auch die von Emil Molt geleitete Waldorf- 
Astoria-Zigarettenfabrik; ferner eine Offsetdruckerei mit Grofibuch- 
binderei und ein Verlag (1/230), in dem die 3. Auflage der ,,Kern- 
punkte" (40.— 80. Tausend) erschien, wie auch Werke von Solow- 
jow, die Moltke-Erinnerungen, zahlreiche Schriften der Goethea- 
nisten und anderes. 

Die geistigen Unternehmungen waren vor allem das von Dr. Rudolf 
Maier und Alexander Strakosch geleitete Forschungsinstitut fur bio- 
logische (3/119) und physikalische Untersuchungen (1/126, 257, 
3/119), das Laboratorium fur die Herstellung neuer Heilmittel und 
das Klinisch-Therapeutische Institut auf der Gansheide in Stuttgart 
(2/119, 192, 289, 3/116-119). Fur die Waldorfschule kaufte der 
Kommende Tag weitere Grundstucke hinzu, baute Schulbaracken, 
ein Lehrerhaus, auch 1921 das neue Haupthaus und verpachtete das 
alles an den Waldorf schulverein (1/256, vgl. nachsten Abschnitt). 
Wegen scharfster Gegnerschaft aus Wirtschaftskreisen, wegen finan- 
zieller Schwierigkeiten durch Inflation und Wahrungsreform, aber 
auch, weil trotz bester Bemtihungen die Krafte der daran Beteiligten 
nicht ausreichten, war auch dem Kommenden Tag kein Erfolg be- 
schieden. Ebenso nicht dem fur dieselben Ziele in der Schweiz 
begriindeten ,,Futurum" (1/184). 

Rudolf Steiner trat 1923 vom Vorsitz im Aufsichtsrat zuriick. Bei 
beiden Unternehmungen wurde von da ab schrittweise die Liquida- 
tion eingeleitet. Die Fabriken wurden wieder selbstandig. Die klei- 
neren Wirtschaftsbetriebe losten sich heraus oder wurden aufgege- 
ben. Der Verlag wurde in den Philosophisch-Anthroposophischen 
Verlag in Dornach ubernommen. Das Klinisch-Therapeutische Insti- 
tut in Stuttgart blieb als Privatklinik bestehen unter der Leitung von 
Dr. Otto Palmer. Von den Forschungsinstituten blieben das von 



20 



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Frau Lilly Kolisko geleitete biologische Institut in Stuttgart und die 
Heilmittelbetriebe in Stuttgart und Schwab isch Gmiind erhalten; 
letztere wurden an die „Internationalen Laboratorien" in Arles- 
heim, spater ,,Weleda", verkauft. Alles iibrige wurde nach Dornach 
verlegt oder aufgelost. 

Die Waldorfschule konnte durch besondere Fursorge Rudolf Stei- 
ners und durch groftziigige Verzichte vieler anthroposophischer 
Aktionare vor diesen Schwierigkeiten verhaltnismaBig gut bewahrt 
bleiben. 

3. Emil Molt; Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik; 
Waldorf schulverein; Weltschulverein 

In Emil Molt lebten gleichsam zwei verschiedene Naturen, die lange 
getrennt nebeneinander hergingen. Er hatte sich aus Armut und Ein- 
samkeit heraufgearbeitet, hatte seine eigene Firma gegriindet, die 
Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, und war jetzt deren General- 
direktor. Mit grower Kraft des Willens stand er wach in der handgreif- 
lichen Welt des Wirtschaftslebens darinnen. Aber in der Tiefe seiner 
Seele und in seinen reichen Gemiitskraften war er ein treuer und nie 
erlahmender Sucher nach den tieferen und wahren, nach den geisti- 
gen Griinden des Lebens. 

Schon 1903 hatte er Rudolf Steiner gehort, und ganz besonders 
imponierten ihm die Konzentrationsiibungen. ,,Daskann man in der 
Praxis brauchen." Er wurde Schiiler von Dr. Carl Unger und stu- 
dierte, was damals von Schriften Rudolf Steiners schon vorhanden 
war. So lebte in ihm, ohne daB es ihm recht bewuBt wurde, auch der 
Stuttgarter Vortrag vom 8. Dezember 1906, der vor gerade zwolf 
Jahren gehalten worden war: ,,Erziehungsfragen vom Gesichts- 
punkte der Geisteswissenschaft" (Liste Nr. 1). Jetzt horte er, als er 
eben geschaftlich in der Schweiz war, Rudolf Steiners Dornacher 
Vortrage vom 9. und 10. November 1918, die ersten nach der Revo- 
lution. Was da gesagt wurde iiber die tieferen Ursachen des Zeit- 
geschehens und der sozialen Not, aber auch iiber die Dreigliederung 
des sozialen Organismus, das traf in Molt auf ein starkes naturliches 
Sozialgefiihl und bewegte ihn tief. 

Die praktisch tatige, rein ,,hiesige", und die durch Anthroposophie 
belebte geistige Seite seines Wesens wollten sich einigen und durch- 
dringen. Aber es war noch ein weiter Weg bis dahin. 
Emil Molt wurde in seiner Firma durch die krassen Wirkungen des 
Kriegsendes und Zusammenbruches erneut vor die sozialen Fragen 



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gestellt. Er suchte in seiner vaterlich fiirsorgenden Art durch viel- 
fache humanitare Einrichtungen zu helfen, vor allem auch nach der 
menschlich-geistigen Seite hin. Er lieB die ,,Waldorf-Nachrichten" 
herausgeben (1/80). Er richtete Arbeiterbildungskurse ein (1/110, 
127), fur deren Leitung er Herbert Hahn als ,,Kultusminister" der 
Firma berief. Und als die Arbeiter sich als ,,zu alt" vorkamen fur 
solche geistige Arbeit, blickte er auf die kommende Generation. Er 
plante eine Schule fiir die Kinder ,, seiner" Arbeiter und wollte damit 
zugleich fiir gute Nachwuchskrafte sorgen. 

Fiir dieses Projekt gewann er auch das Vertrauen der Arbeiter in 
seinem Betriebsrat, die dafiir einen Fonds von 100 000 damals noch 
guten Reichsmark zur Verfugung stellten. Der Aufsichtsrat, die 
Aktienbesitzer, erfuhren es erst hinterher. Ihnen war die Schulsache 
eigentlich ,,ein Greuel" (1/210). 

Molt ging schnell geradeaus weiter. Er erbat sich Rudolf Steiners 
zunachst nur bedingungsweise, dann unbedingt gegebene Zusage, die 
Leitung der Schule ubernehmen zu wollen. Er kaufte das bisherige 
Restaurant ,,Uhlandshohe" mit dem Gelande. Die Kosten dafiir und 
fiir den Umbau des Hauses, das er der Schule mietfreizur Verfugung 
stellte, iibernahm er auf sein Privatvermogen. 

Molt war anwesend bei der ersten Verhandlung Rudolf Steiners mit 
dem Kultusminister Heymann, bei der unter ertraglichen Kompro- 
missen (1/61) die vorlaufige Genehmigung der Schule erreicht wurde. 
Und er war auch bei Besprechungen mit Hahn und Stockmeyer, in 
denen Rudolf Steiner das Bild der neuen Schule, wenn auch erst in 
Umrissen, zeichnete. Weil immer noch in erster Linie an die Kinder 
von Werkangehorigen gedacht wurde und an nur wenige Kinder von 
Anthroposophen, waren zunachst Doppelklassen vorgesehen, 1. und 
2. Klasse zusammen und so weiter. Jedenfalls dachte niemand an 
mehr als acht Klassen, die sogenannten Volksschulklassen. Fiir sie 
wurden die kiinftigen Lehrer gefunden und eingeladen. 
Die Feier zur Eroffnung der Schule am 7. September 1919 war der 
Hdhepunkt in Molts Leben. Als dann am 16. September der Unter- 
richt endgiiltig anfing, hielt Molt, weil Rudolf Steiner nicht anwe- 
send sein konnte, die Ansprache (1/69). 

Wirtschaftlich und rechtlich gesehen war die Schule ein Teil der 
Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, von der sie ja auch ihren Namen 
hatte. Molt stellte die Lehrer an, und ihr Gehalt wurde von der Firma 
ausgezahlt. Schulgeld wie Lehrmittel waren fiir alle Kinder von 
Werkangehorigen frei. Als „Waldorfkind" gait aber schon, wer auch 
nur „ einen naheren Verwandten in der Firma" hatte. 



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Die patriarchalische, oft eigenwillige Art, in der Emil Molt seine 
Fabrik leitete, rief jedoch eine doppelte Schwierigkeit hervor. Die 
Lehrer muftten mehr und mehr ihr Verhaltnis zu Molt als ihrer 
Unterrichtsarbeit und -verantwortlichkeit unangemessen, ja unwiir- 
dig empfinden. Auf der anderen Seite traten wirtschaftliche und 
rechtliche Fragen auf. 

Entgegen Molts ursprtinglicher Absicht kamen immer mehr Kinder 
in die Schule hinein, die keinerlei Zusammenhang mit der Waldorf- 
Astoria hatten. Das Zahlenverhaltnis war bei Schulbeginn das fol- 
gende: 191 Kinder von der Waldorf-Astoria, 65 sonstige, zusammen 
256. Bei Beginn des zweiten Schuljahres stand das Verhaltnis schon 
1:1, und in jedem kommenden Jahr wurde die Ubermacht der nicht 
aus der Waldorf-Astoria stammenden Kinder grofter. 
Die Fabrik hatte keinerlei Ursache, fur die werkfremden Kinder die 
Schulkosten zu iibernehmen. Fur diese muftte eben — nach Selbst- 
einschatzung der Eltern — Schulgeld entrichtet werden. Aber wer 
sollte und wollte es einnehmen und verwalten? Sache der Fabrik 
war das sicherlich nicht. Deshalb mufke im Mai 1920 ein eigener 
Rechtstrager geschaffen werden, ein ,,Verein Freie Waldorfschule", 
wie er zuerst amtlich hieft. Im Alltag nannte man ihn damals wie 
heute „Waldorfschulverein". 

,,Die Waldorf-Astoria hat nichts verbrochen" (1/186), daft der 
Verein begriindet werden muftte. Sie war ,, nicht einmal so ehrgeizig, 
als Tragerin der Schule zu gelten" (1/187). Die Firma, dasheifttder 
Aufsichtsrat, die Geldgeber, die mit der Zeit wieder das Heft in die 
Hand bekommen hatten, tolerierten die Schule, weil sie eine ,,per- 
sonliche Herzenssache" (1/210) ihres geschatzten Generaldirektors 
war. ,,Die haben sich einverstanden erklart, wie man sich als Vater 
einem Sohn gegeniiber einverstanden erklart, der zuviel ausgibt" 
(1/213). 

Die Firma trug auch weiterhin die Schulkosten fur die Waldorfkin- 
der, und Emil Molt wollte von seiner Stellung aus sorgen, daft soweit 
moglich auch sonst noch Stiftungsgelder gegeben wiirden (1/189). 
Er wollte versuchen, auch weiterhin Geld ,,abzuknupfen" (1/211, 
213). Aber damit war fur die Firma die Grenze erreicht. Mit der 
Grundung des Vereins war fur sie die Sache geregelt. 
Die Form des Vereins hat wohl im einzelnen gewechselt, im ganzen 
blieb sie. Zuerst war die Gefahr vorhanden, weil der Gegnerschaft 
alle Mittel recht waren, daft der Verein als der Besitzer von Schule, 
Gebaude und Gelande ,,tiberfremdet" werden konnte, wenn es jeder- 
mann freistiinde, Mitglied zu werden. Deshalb waren nur die sieben 



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Griinder ordentliche, stimmberechtigte Mitglieder. Rudolf Steiner 
nannte sie einmal ,,die sieben weisen Manner, die iiber die Schule 
beraten" (3/120). Damit die Waldorf-Astoria ,,geldgeberischer" 
wiirde (1/183), ernannte man den Vorsitzenden ihres Aufsichtsrates 
zum Ehrenvorsitzenden im Waldorfschulverein. GroBere Bedeutung 
hatte das kaum. Neben Rudolf Steiner als eigentlichem ersten Vor- 
sitzenden waren im Vorstand noch Molt, Stockmeyer, Leinhas. 
,,Nur" Mitglieder waren Hahn und Benkendorffer. Spater hatten 
auch ein standiger Vertreter des Kollegiums und das jeweils ge- 
schaftsfuhrende Mitglied des Verwaltungsrates Sitz und Stimme im 
Vorstand (2/254). 

Aufierdem gehorten zum Verein als auflerordentliche Mitglieder die 
Lehrer, sonstige Mitarbeiter der Schule und die Eltern. Auch die 
Schulpaten zahlten dazu, die fur unbemittelte Eltern das Schulgeld 
iibernahmen (1/188). Schliefilich gab es noch einfach nur ,,beitra- 
gende" Mitglieder. Rudolf Steiner hoffte auf ,,Tausende von Mitglie- 
dern" (1/131, 132), damit „der Verein Millionen bringt" (1/145). 
Die aufterordentlichen und die beitragenden Mitglieder fiihlten sich 
aber zuriickgesetzt. Deshalb wurden nach wenigen Jahren auch Leh- 
rer, Eltern und Paten ,, ordentliche" Mitglieder; einige Jahre nach 
dem Tode Rudolf Steiners dann auch die nur ,, beitragenden". 
Rudolf Steiner mufite anfangs oft drangen auf eine straffe undiiber- 
sichtliche Kassenfuhrung, wenn er nachfragte, wieviel Geld jetzt 
eben ,,in der Kasse sci" (1/189), oder ,,was die reale Bilanz sei" 
(1/212,213). 

Die Generalversammlungen des Waldorfschulvereins wurden von 
den Mitgliedern gut besucht, weil sie darauf rechnen konnten, dabei 
nicht nur Kassen- und Revisionsberichte zu horen, sondern auch 
Vortrage Rudolf Steiners. (,, Rudolf Steiner in der Waldorfschule. 
Ansprachen . . ." S. 80, 131, 151, 178; Liste Nr. 8.) 
Aber auch nachdem der Waldorfschulverein schon gegrtindet war, 
schwelte es noch innerhalb des Kollegiums weiter. Die Aversionen 
kamen in mehreren Konferenzen vor und nach den Sommerferien 
1920 heraus. Die Lehrer meinten, es handle sich in erster Linie um 
die wirtschaftliche Grundlage der Schule (1/182). Es ging aber in 
Wahrheit um die Unabhangigkeit der Schule von der Waldorf-Astoria 
(1/205), und damit auch von Emil Molt selbst, der sichja weitgehend 
mit ihr identifizierte. Erst nach langwierigen Aussprachen gelang es 
Rudolf Steiners geduldiger und sicherer Fuhrung, all diese Span- 
nungen in einer uberraschend, ja verbluffend einfachen Weise aufzu- 
losen. 



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Er zeigte, wie sich auf der einen Seite durch die Griindung des Ver- 
eins die Schule radikal von der Fabrik getrennt habe. Auf der ande- 
ren Seite aber bekomme erst jetzt die enge Verbindung Emil Molts 
zur Schule ihre richtige Form. Molt habe nicht als Generaldirektor 
der Firma, sondern als Privatmann die Schule gegriindet durch seine 
groften personlichen Stiftungen, die jetzt erst in der Konferenz 
bekannt wurden (1/187). Rudolf Steiner deckte auch die tieferen 
Griinde des Ringens auf. ,,Es handelt sich darum, daft das Kollegium 
jederzeit bereit sein wird, . . . ganz mit Herrn Molt zu gehen, daft es 
aber nichts mit der Waldorf-Astoria zu tun haben will" (1/209). 
Deshalb sei Molt mit Fug und Recht Mitglied des Kollegiums, aber 
„ganz und gar nicht als Finanzier" (1/210), sondern ,,als Protektor" 
der Schule (1/206), so wie es Frau Bertha Molt sei ,,als Schulmutter" 
(1/199). 

Emil Molt hat sich in dies Bild der Tatsachen zunachst nurlangsam, 
ja fast widerwillig hineingefunden. Gar zu sehr hatte er sich immer 
als eine Einheit mit seiner Firma empfunden. Aber immer freudiger 
ergriff er in tiefer Bescheidenheit die Aufgabe des selbstlosen Hei- 
fers, groftztigig und unermudlich, bis an die Grenzen seiner finanziel- 
len Moglichkeit und seiner korperlichen Krafte. Als er in den dreifti- 
ger Jahren mit groftem Schmerz die Firma in andere Hande iiber- 
gehen lassen muftte, setzte er doch noch in den Kaufvertrag den 
Passus hinein, daft noch zehn Jahre lang derselbe Betrag wie bisher an 
die Schule bezahlt werden miisse als Schulgeld fiir die ,,Waldorfkin- 
der". 

Wie exakt die Form des Waldorfschulvereins den Schulbedurfnissen 
angepaftt war, zeigt sich darin, daft noch heute (1966) wohljede der 
liber siebzig Waldorfschulen der Welt ihren „Waldorfschurverein" 
hat, wie er auch im einzelnen Falle benannt sein mag. 
Aber mit einem Waldorfschulverein war dennoch in keiner Weise 
erreicht, was Rudolf Steiner vorgeschwebt hatte. Ein solcher Schul- 
verein wird iiberwiegend doch nur fiir seine eigene Schule sorgen. Das 
ist sein Hauptzweck. Aber fiir Rudolf Steiner war das, jedenfalls in 
jener Dreigliederungszeit, stets nur ein kleiner Teil in dem groften 
Plan, eine weitausgreifende, internationale Bewegung zu entfachen 
zur Erneuerung des ganzen Schulwesens. Die Grundlage einer sol- 
chen Bewegung sollte ein Weltschulverein sein, der die notigen Geld- 
summen herbeischaffen muftte. ,,Es ist sehr leicht moglich, daft wir 
vielleicht, wenn wir einen Weltschulverein griinden, uberhaupt fiir 
solche Schulen, international, daft wir Geld kriegen" (1/177). Dabei 
war durchaus nicht nur an Schulen fiir Kinder gedacht, sondern 



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ebensogut an Hochschulen. ,,Es miilke auch die Freie Hochschule in 
Dornach aus diesen Geldern gespeist werden . . . Wir streben an eine 
zentrale Finanzierung, . . . eine Zentralkasse" (1/184). Dafiir hatte 
die Stuttgarter Schule das weithin leuchtende Fanal sein konnen, als, 
wie es in der Abendansprache des 20. August 1919 geheiflen hatte, 
,,ein praktischer Beweis fur die Durchschlagskraft der anthroposo- 
phischen Weltorientierung" (1/61). 

Aber das wurde in Stuttgart nicht verstanden. Das erste Jahr der 
Waldorfschule hatte den Beweis fiir die neue Padagogik erbracht. 
Jetzt, als zum zweiten Schuljahr viele Kinder neu angemeldet wur- 
den, die nichts mit der Waldorf-Astoria zu tun hatten, ware der 
richtige Augenblick gewesen, um auch fiir das Finanzielle das Be- 
wufksein wach zu machen. Man hatte sagen miissen, ,,wir konnen 
nur weiterarbeiten, wenn von seiten der Allgemeinheit die notigen 
Mittel der Sache zuflieflen" (1/182). ,,Wir muftten die neuangemel- 
deten Kinder abweisen, wenn wir nicht Mittel bekommen" (1/183). 
,,Da miissen wir einen Weltschulverein griinden, der im Programm 
nicht die Unterstiitzung der Stuttgarter Waldorfschule hat, sondern 
die Griin dung von Schulen nach diesen Prinzipien" (1/184). 
Das hatte bei der Gelegenheit eines offentlichen Vortrages von 
Rudolf Steiner am 29. Juli 1920 (Liste Nr. 94) ausgesprochen wer- 
den miissen. Aber an jenem Abend wurde zwar fiir die Stuttgarter 
Schule eine gewisse Hilfe erreicht, aber das unendlich viel wichtigere 
Ziel, eine Weltbewegung und einen Schulverein zu begriinden, wurde 
gar nicht erwahnt. Der fruchtbare Moment wurde versaumt. ,,Durch 
das, was gestern geschah, ist der Plan des Weltschulvereins durch- 
kreuzt worden" (1/202). „Dieser Agitationsstoff ist uns jetzt ent- 
zogen. Nun miissen wir den Weltschulverein anders anfangen" 
(1/229). 

Dafi der Weltschulverein jetzt nicht mehr von Stuttgart aus begriin- 
det werden konne, sprach Rudolf Steiner in aller Scharfe aus. ,,Es ist 
doch besser, wenn nicht die Bettler und Landstreicher den Verein 
gegen Verarmung griinden, sondern die, die etwas in der Tasche 
haben" (1/233). 

Deshalb machte Rudolf Steiner noch einen Versuch in Dornach am 
12. und 16. Oktober 1920 bei Gelegenheit des ersten Hochschul- 
kurses (Liste Nr. 95) und wiederum einen in Holland bei mehreren 
offentlichen Vortragen im Februar undMarz 1921 (Zeittafel). Aber 
auch diese beiden Male wurde der Gedanke nicht aufgegriffen, 
Spater schwieg Rudolf Steiner dariiber. 

Mehrere Jahre nach seinem Tode setzten hollandische Freunde viele 



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Krafte daran, doch noch einen Weltschulverein ins Leben zu rufen. 
Aber es fiihrte zu keinem Erfolg. Es blieb bei der einen Waldorf- 
schule in Stuttgart und bei einigen wenigen Nachfolgeschulen. Erst 
nach dem zweiten Weltkrieg wurde deren Zahl grower. 

4. Staatliche Schulbehorden 

In derselben Zeit, in der die Dreigliederungsbewegungmit ihrer For- 
derung nach volliger Loslosung alles Schulwesens vom Staate in voll- 
stem Gange war, im Sommer 1919, wurde als ein Beispiel einer 
staatsfreien Schule die Entstehung der Waldorfschule vorbereitet. 
Aber die staatlichen Schulgesetze waren ja noch keineswegs aufier 
Kraft gesetzt, die staatlichen Schulbehorden bestanden noch, und so 
mufke die Genehmigung der neuen Schule in Verhandlung mit ihnen 
erreicht werden. 

Der Zeitpunkt fur diese Verhandlungen war so giinstig wie niemals 
vorher oder nachher. Der alte Obrigkeitsstaat mit seiner festgefugten 
Beamtenhierarchie war durch den Umsturz vom November 1918 
von Grund auf erschuttert. An die Stelle der alten, konservativ den- 
kenden Minister, waren die durch die Revolution heraufgekomme- 
nen getreten, die fur neue Ideen und Initiativen sehr viel zuganglicher 
waren. Der Kultusminister Heymann war Sozialdemokrat. Auf der 
anderen Seite war die Zeit vom November 1918 bis zum Sommer 
1919 viel zu kurz, als dafl schon alle Schulgesetze hatten im sozia- 
listischen Sinne umgeformt sein konnen. Die neue Reichsverfassung, 
die auch Bestimmungen iiber die Schulen enthalten sollte, war noch 
nicht in Kraft. So gait in Wurttemberg noch wie bisher ein Schul- 
gesetz vom Jahre 1836. Es war wohl 1909 in manchen Punkten 
geandert worden, aber gerade die Artikel, die sich auf Privatschulen 
bezogen, waren tatsachlich noch die von 1836. Und diese Artikel 
waren so weitmaschig wie in keinem anderen deutschen Lande. 
Rudolf Steiner hat den Kultusminister niemals in Zweifel gelassen, 
daft er grundsatzlich keineswegs gewillt war, von seiner Forderung 
nach einem vom Staate losgelosten Schulwesen auch nur einen 
Schritt zuriickzugehen. Er hat dem auch deutlich Ausdruck gegeben 
durch den Namen Freie Waldorfschule. Aber mit den tatsachlich 
bestehenden Rechtsverhaltnissen war nicht anders als durch Kom- 
promisse zurechtzukommen (1/61). Sie muftten nur als solche 
unmiBverstandlich ausgesprochen werden. Und das geschah. 
Dieser Kompromisse waren es vor allem drei: 



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a) Im Artikel 26 jenes Gesetzes von 1836 hieB es: ,,Privatanstalten 
konnen, wenn die Beniitzung derselben von dem Besuche der offent- 
lichen Volksschule befreien soil, mit Genehmigung des Oberschul- 
rates errichtet werden." Eine solche, wenn auch wie tiblich nurvor- 
laufige Genehmigung wurde damals bald gegeben; die endgiiltige 
erfolgte nach einer ersten Inspektion (1/273) erst am 8. Marz 1920. 
Aber weil durch die Genehmigung die Waldorfschule der staatlichen 
Schulaufsicht unterstand, mufiten an ihr auch spater die tiblichen 
Revisionen durch den Schulrat abgehalten werden. 

b) Im weiteren Text jenes Gesetzesartikels heiBt es: ,,. . . es diirfen 
dabei nur Lehrer, welche diese Behorde nach Kenntnissen und Sitt- 
lichkeit fur befahigt erkennt, angestellt werden." Es wurde von den 
kiinftigen Waldorrlehrern nicht die Ablegung einer staatlichen Leh- 
rerpriifung verlangt, und tatsachlich besaBen von den zwolf Lehrern, 
die zu Beginn der ersten Konferenzvom 8. September 1919 genannt 
werden (1/65), nur drei bis vier ein solches Zeugnis. Diese Lehrer 
muBten alle einen ausfuhrlichen Lebenslauf einreichen und sich im 
Ministerium personlich vorstellen (1/64), aber sie wurden samtlich 
ohne weiteres ,,fur befahigt erkannt". Solche, gewiB noch nicht 
absolute, aber doch sehr weitgehende Freiheit der Lehrerwahl ware 
damals anderswo nicht moglich gewesen. Rudolf Steiner sprach 
ofter von einer ,,Liicke im wurttembergischen Schulgesetz" (3/49). 
Aber der Griff des Staates wurde wieder fester, und die Liicke wurde 
durch Verordnungen geschlossen, so daB dann, von wenigen Ausnah- 
men abgesehen, von alien Lehrern der Waldorfschule staatliche 
Priifungszeugnisse gefordert wurden. 

c) Uber den Lehrplan einer privaten Volksschule enthielt das Ge- 
setz von 1836 keine Bestimmungen. Es war aber zweifellos voraus- 
gesetzt, daft es der auch an den offentlichen Volksschulen gebrauch- 
liche sein sollte. 

Das kam natiirlich fur die Waldorfschule nicht in Frage (1/62). Der 
Lehrplan muBte frei sein, das heiBt, nur von den inneren Bediirfnis- 
sen der heranwachsenden Kinder abgelesen. Andererseits aber 
meinte Rudolf Steiner, doch Rucksicht nehmen zu sollen auf Kin- 
der, die, weil etwa die Eltern an einen anderen Ort verzogen, auf eine 
offentliche Schule ubergehen muBten. Er arbeitete deshalb einen 
KompromiBvorschlag aus, der dann von der Behorde auch angenom- 
men wurde. Danach sollten die Schuler der Waldorfschule jeweils am 
Ende des 3., 6. und 8. Schuljahres das Lehrziel der offentlichen 
Schule erreicht haben. Weil alle Akten der Waldorfschule beschlag- 



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nahmt wurden, als sie Ostern 1938 verboten wurde, sind dort keine 
Kopien der damaligen Eingaben an die Schulbehorde mehr vorhan- 
den. Von dem oben erwahnten Vorschlag aber hat sich in Rudolf 
Steiners Handschrift ein Entwurf erhalten, dessen Text hier folgt. 

,,Das Lehrercollegium der Waldorfschule mochte den Unterricht 
methodisch in der Art gestalten, daft ihm fur die Gliederung des 
Lehrstoffes innerhalb der drei ersten Schuljahre vollig freie Hand 
bleibt; dagegen wird es bestrebt sein, mit dem Abschlufl des dritten 
Schuljahres die Kinder einem Lehrziele zuzufiihren, das ganz iiber- 
einstimmt mit demjenigen der 3. Klasse der offentlichen Volks- 
schule. Diese Absicht soli so durchgefiihrt werden, dafl ein aus der 
dritten Klasse der Waldorfschule etwa abgehendes Kind in die vierte 
Klasse einer anderen Volksschule ohne Storung iibertreten kann. Im 
vierten, fiinften und sechsten Schuljahr soil wieder die Gliederung 
des Unterrichtes frei vorgenommen werden konnen. Mit dem voll- 
endeten sechsten Schuljahre sollen die Kinder bei dem Lehrziele der 
sechsten Volksschulklasse und zugleich bei dem einer hoheren 
Schule angekommen sein, das klassengemafl dem vollendeten 
zwolften Lebensjahre entspricht. Dasselbe soil gelten fur Gliede- 
rung des Lehrstoffes und Erreichung des Lehrzieles bis zum voll- 
endeten achten Schuljahre. Die Kinder sollen Realschulmaflige Lehr- 
ziele vollendet erreichen und auch befahigt werden, in die dem Alter 
entsprechende Klasse einer anderen hoheren Schule iiberzutreten. 
Freie Hand erbittet sich das Lehrercollegium nur fur die Gestaltung 
des Unterrichts auf jeder der drei von ihm festgelegten Stufen: 

1. Schulanfang bis zum vollendeten neunten Lebensjahre; 

2. von diesem bis zum vollendeten zwolften Lebensjahre; 

3. von diesem bis zur Vollendung der dritten Stufe. 

Am Ende dieser Stufen sollen die den offentlichen Schulen vorge- 
schriebenen Lehrziele auch von der Waldorfschule erreicht werden." 

Uber eine etwa zu errichtende 9. Klasse fur die iiber Vierzehnjahrigen 
war in dem Gesetz von 1836 keinerlei Bestimmungenthalten, weil es 
sich nur mit der Volksschule befaBte. Hierfiir war also die Schule 
ganz frei (1/119, 3/117). 

Ein anderer Teil des Kompromisses bezog sich nicht eigentlich auf 
das Verhaltnis zum Staat, sondern auf den Religionsunterricht 
(1/63). Davon wird noch besonders gesprochen werden (Einleitung 
S. 37). 

Die oben erwahnte giinstige Lage bestand nicht lange. Schon kurz 
vor der Schuleroffnung (Anfang September) verschlechterte sie sich, 



Einleitungen 



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als am 11. August 1919 die neue Reichsverfassung, die sogenannte 
,,Weimarer Verfassung" (1/71) in Kraft trat. Sie enthielt im Artikel 
147 die Bestimmung, daB private Schulen staatlich genehmigt wer- 
den konnen, wenn sie in Lehrzielen, Einrichtungen und in der wis- 
senschaftlichen Ausbildung ihrer Lehrer nicht hinter den offent- 
lichen Schulen zurtickstehen. Weiter: ,, Private Volksschulen sind nur 
zuzulassen, wenn . . . die Unterrichtsverwaltung ein besonderes 
padagogisches Interesse anerkennt. Private Vorschulen sind aufzu- 
heben." 

Dieser Artikel der Reichsverfassung wurde damit zwar bindendes 
Recht fur alle Lander des Reiches, also fur die bisherigen Konig- und 
Furstentumer. Aber weil die Schulen auch weiterhin unter der Ho- 
heit der Lander standen, zog es sich lange hin, bis der Artikel 147 
sich voll auswirkte. 

Nur in einem Punkte griff die Reichsregierung noch direkt ein. 
Durch das Reichsgesetz vom 28. April 1920, das sogenannte 
„Grundschulgesetz" (2/242, 250, 3/145) wurde der Besuch der 
untersten drei, spater vier Klassen der staatlichen Volksschule fur 
schlechthin alle Kinder fur verbindlich erklart. Alle privaten Vor- 
schulen sollten abgebaut werden, indem sie keine neue unterste 
Klasse mehr eroffnen und die Schulerzahl ihrer schon bestehenden 
Klassen nicht vergroftern durften. 

Das gait naturgemafi auch fur Wiirttemberg, und es wurde der Wal- 
dorfschule durch Erlafi vom 31. Dezember 1920 von der Behorde 
mitgefeilt (1/255), dafl laut Grundschulgesetz jetzt schrittweise die 
untersten Klassen geschlossen werden miiflten, weil sie eine ,, private 
Vorschule" seien. Es konne nur der Waldorfschule auf Antrag geneh- 
migt werden, daB sie fur das Schuljahr 1921/22 noch eine erste 
Klasse eroffne, aber ihre vier Grundschulklassen — mit a- und b- Klas- 
sen waren es acht — durften nicht mehr Kinder fiihren als bisher, also 
zusammen 240. Dieser Zustand wurde zwar verlangert, aber er 
bewirkte doch, daft erst in die 5. Klasse, die nicht mehr zur Grund- 
schule zahlte, neue Kinder aufgenommen werden konnten. Weil nun 
der Andrang dazu sehr groB war, muBte im 5., 6. und 7. Schuljahr 
jedesmal eine dritte 5. Klasse, eine Klasse 5c errichtet werden 
(3/93, 100, 145). 

Erst im Jahre 1926, also schon nach dem Tode Rudolf Steiners, 
anderte sich das. Damals nahm der Schulrat Friedrich Hartlieb die 
vorgeschriebene Priifung (s. unten) vor. Bei ihm lag hinter allei 
behordlichen Unbestechlichkeit und Strenge eine ganz ursprungliche 
padagogische Genialitat vor. Auf Grund seiner eingehenden und sehr 



30 



Einleitungen 



gunstigen Beurteilung der Waldorfschule (abgedruckt im ,,Nachrich- 
tenblatt", 3. Jg., 1926, Nrn. 2—6) wurde vom Ministerium das 
,,besondere padagogische Interesse anerkannt", und die Beschran- 
kung wurde aufgehoben. 

Aber diese ,,gesetzliche Limitierung" (3/145) der ersten vier Klassen 
und andere Wahrnehmungen bewirkten, daB Rudolf Steiner eine 
zunehmende Einengung der urspriinglichen Bedingungen feststellen 
muftte. ,,Heute (im Mai 1923) konnte man auch hier nicht mehr eine 
Waldorfschule errichten" (3/49). 

Im iibrigen hatten es die Lander nicht eilig mit neuen und griind- 
lichen eigenen Schulgesetzen. In Wiirttemberg erschien zwar eines, 
das sogenannte „kleine Schulgesetz", schon 1920, aber es enthielt 
nur Bestimmungen, die die Waldorfschule nicht angingen. Ein wirk- 
lich umfassendes Schulgesetz kam biszu Rudolf SteinersTode nicht 
heraus. Die Schulbehorden behalfen sich mit Erlassen und Verfiigun- 
gen. - 

Nachdem nun der Unterricht der Waldorfschule einmal im Gange 
war, beschrankte sich die Beriihrung mit den Behorden, innerhalb 
der Grenzen der oben genannten Kompromisse, hauptsachlich auf 
wenige Gebiete. 

RegelmaBig wurden im Abstand weniger Jahre die vorgeschriebenen 
Schulrats-Revisionen vorgenommen (1/273, 2/59, 65—69, 141), 
und ebenso regelmaBig iiberpriifte der Amtsarzt den allgemeinen 
Gesundheitszustand der Kinder (1/121, 2/20). Wegen der beiden 
anderen Beriihrungsstellen mit den Behorden sind die Ausftihrungen 
iiber die einzelnen Schuljahre nachzulesen; liber die Fortbildungs- 
schule EinleitungS. 46, 47; iiber das Abiturium Einleitung S. 56, 58. 

5. Schulbewegung 

Von der Waldorfschule in Stuttgart ist die anthroposophische Schul- 
bewegung ausgegangen. Rudolf Steiner betonte die grofie Verant- 
wortung, die ihrer Lehrerschaft damit zufiel. „Die ganze zivilisierte 
Welt schaut auf die Waldorfschule" (2/75, 77). 
Rudolf Steiner baute diese Bewegung auf durch die grofte Zahl von 
Vortragen und Kursen, die er iiber Padagogik abhielt. Zuerst waren 
es die Vortrage wahrend der Dreigliederungsbewegung, in denen er, 
zum Beispiel fur den Verein junger Lehrer und Lehrerinnen in Stutt- 
gart am 19. Juni 1919, die entstehende Schule und ihre Padagogik 
hinstellte als ein praktisches Beispiel fiir eine „freie" Schule, eine 



Einleitungen 



31 



Institution des vom Staate, soweit als damals moglich, losgelosten 
Geisteslebens (ListeNr. 84). 

Dann folgte im August/September 1919 der grofte dreigeteilte Kurs, 
in dem er die kiinftigen Lehrer der Waldorfschule fiir ihre Aufgabe 
vorbereitete (Liste Nrn. 4—6). Dieser Kurs wurde in jedem folgen- 
den Jahre fortgefiihrt durch eine kiirzere oder langere Reihe von 
Vortragen fur die Waldorflehrer (Liste Nrn. 13, 17, 21, 28). Noch 
weitere Vortrage waren schon in Aussicht genommen, konnten aber 
nicht mehr ausgefiihrt werden (Einleitung S. 59). 
Zu Ostern 1923 trat die Schule zum ersten Male vor die Offentlich- 
keit mit der Stuttgarter „Kimstlerisch-padagogischen Tagung", auf 
der Rudolf Steiner drei Vortrage und drei Ansprachen hielt (Liste 
Nr. 25). Im folgenden Jahr, Ostern 1924, wurde die ,,Erziehungs- 
tagung" veranstaltet, die fiinf Vortrage Rudolf Steiners in sich 
schloft (ListeNr. 29). 

Zu diesen Kursen kamen die vielen Vortrage und Ansprachen Rudolf 
Steiners hinzu, die er sonst noch im Rahmen der Waldorfschule 
hielt: fur die Eltern (1/110, 2/269), bei den Mitgliederversammlun- 
gen des Waldorfschulvereins (2/81), und ganz besonders die herr- 
lichen Ansprachen an Kinder, Lehrer und Eltern bei den Monats- 
feiern (1/112) und bei den Feiern zu Schuljahrsbeginn und Schul- 
jahrsende (1/152, 157, 2/17, 36). Alle diese Vortrage und Anspra- 
chen sind enthalten in „Rudolf Steiner in der Waldorfschule. An- 
sprachen . . .", Stuttgart 1958 (ListeNr. 8). 

Rudolf Steiners Bemiihen, die Waldorfschule und ihre Padagogik 
bekanntzumachen, wurde gestiitzt durch eine wachsende Zahl von 
Vortragen, die von den Lehrern gehalten wurden. In den Konferen- 
zen sind sie kaum erwahnt. 

Als eine Art Antwort kamen an die Schule vielfache Wiinsche, sie 
besuchen und an ihrem Unterricht hospitieren zu diirfen (1/165). So 
wird die Anwesenheit von englischen Lehrern erwahnt (2/191, 
207—211). Damit die Schule nicht mit Hospitationen iiberlaufen 
werde, wurde festgesetzt, daft nie mehr als drei Besucher gleichzeitig 
in einer Klasse zuhoren diirften (3/191). 

Auch als die eigentliche Dreigliederungszeit voriiber war, hat Rudolf 
Steiner in alien Vortragen, in denenes durch innere Verbindungmit 
dem Thema gegeben war, auf die Freiheit des Geisteslebens hin- 
gewiesen. Dabei versaumte er wohl nie, in kiirzeren oder langeren 
Ausfiihrungen auch von dem praktischen Beispiel, von der Stuttgar- 
ter Schule zu sprechen. 

Aber die Zuhdrer wollten mehr dariiber wissen und baten ihn um 



32 



Einleitungen 



ganze Kurse iiber Waldorf-Padagogik. Rudolf Steiner hielt den ersten 
Kurs schon 1920 vor den Basler Lehrern (Liste Nr. 1 2). Dem folgten 
aufier in Dornach (Nrn. 19, 26) noch Kurse in Oxford, Ilkley, Bern, 
Arnheim, Torquay (Liste Nrn. 22, 27, 30, 32, 33). 
Alle diese Vortrage wurden weniger aus dem Interesse fur freies 
Kulturleben aufgenommen, sondern in erster Linie von Lehrern und 
Eltern, also in Gedanken an konkrete Kindergruppen. Deshalb war 
der Erfolg zunachst die Griindung neuer Waldorfschulen, nicht nur 
in Deutschland (Hamburg, Koln, Essen), sondern auch in England 
und Holland (Liste Nrn. 147,148, 149). 

Viele Plane kamen damals iiber gute Absichten und Vorbesprechun- 
gen nicht hinaus, so die von Paris (1/166), Berlin (1/178), Norwegen 
(2/100), Niirnberg (3/191). Auch die Basler Hoffnungen blieben 
noch in Vorverhandlungen stecken. Anfange zu einer Schule in 
Dornach wurden gleich anfangs durch Einspruch der Behorde im 
Keime erstickt (2/50), weil die Schulgesetze des Kantons Solothurn 
keine privaten Volksschulen zuliefien. Man mufite sich 1921 begnii- 
gen mit einer Fortbildungsschule fur die nicht mehr Schulpflichti- 
gen, mit der spateren ,,Friedwart-SchuIe" (3/44, 143). 
Aber alle diese Schulgriindungen, so erfreulich sie waren, entspra- 
chen doch ganz und gar nicht dem, was Rudolf Steiner in der Drei- 
gliederungszeit erhofft hatte. Es wurden keineswegs in kiirzester Zeit 
„viele" solcher Schulen eingerichtet. Die Waldorfschule blieb 
,,Modell" (1/289) mit nur sehr wenigen Nachfolgeschulen. Dennoch 
waren es die wenigen Waldorf- und Rudolf Steiner-Schulen auBer- 
halb Deutschlands, die, zum Teil erst nach Rudolf Steiners Tode 
gegriindet, die Waldorf-Padagogik in der Praxis am Leben erhielten, 
als in den dreifiiger Jahren die deutschen Schulen verboten wurden. 
Auch heute (1975) ist Rudolf Steiners Ziel nicht erreicht, obwohl 
die Zahl der Schulen bis auf 105 hinaufging. In Deutschland sind es 
46, im iibrigen Europa 36 und in den auftereuropaischen Erdteilen 
23 Schulen. 

6. Jugendbewegung 

Sowohl in die Anthroposophische Gesellschaft wie in die Waldorf- 
schule schlugen die Wellen der Jugendbewegung hinein. Das ist gut 
zu verstehen, denn auch schon in ihren Anfangen um 1900 umfaftte 
sie beide Arten von jungen Menschen, ebenso die, die schon in der 
Berufsvorbereitung standen, wie auch die Gymnasiasten, die den 
Schiilern der oberen Klassen der Waldorfschule entsprachen. Beide 



Einleitungen 



33 



Gruppen lagen Rudolf Steiner am Herzen, denn er kannte die tiefe- 
ren Ursachen der Jugendbewegung, die denen unbewuBt blieben, die 
selbst darin steckten. ,,Die Jugendbewegung hat durchaus ubersinn- 
liche Griinde" (2/46). Diese jungen Menschen suchten sehnsuchtig 
den Geist, um menschenwiirdig ihr Leben fiihren zu konnen. Weil sie 
ihn nicht fanden, bot die Jugendbewegung nach aufien hin das wirre 
Bild des Unbefriedigtseins, des eitel Absonderlichen, des fanatisch 
Uberheblichen. Dieses selbe den Geist-nicht-finden-Konnen fuhrte 
ebenso zu den Unzutraglichkeiten bei den Schiilern der oberen Klas- 
sen der Waldorfschule, aber auch bei den schon alteren in die 
Anthroposophische Gesellschaft hineinkommenden jungen Men- 
schen. Rudolf Steiner zeigte beide Male den Weg zur Heilung. 
Es lag aber bei den beiden genannten Gruppen ein entscheidender 
Unterschied vor. Wahrend der Schiilerzeit muftte das Geistige ins 
gedankliche Blickfeld hineingebracht werden;leise schon von der 7., 
8. Klasse an, spater immer deutlicher und konkreter. Um nur zwei 
Beispiele zu nennen: schon vor dem achtzehnten, neunzehnten Jahr, 
so sagte Rudolf Steiner, musse das ,,Jiingerwerden der Menschheit" 
als eine der wichtigsten Geschichtsursachen verstanden werden 
(3/35), und ebenso jene chemischen Wirkungen, die speziell inner- 
halb des menschlichen Korpers, also unter dem Einfluft des Ich ein- 
treten. Solche spirituelle Chemie, die ,,Koliskosche Chemie", solle 
diesem Alter dargestellt werden (3/36). 

Ebenso liegt es fur die in diesem Alter von vierzehn bis achtzehn 
Jahren schon in der Berufsausbildung Stehenden. Sie brauchen in 
der Fortbildungsschule eine wirkliche, das Spirituelle enthaltende 
„Lebenskunde" (1/286, 287, Einleitung S. 44). Auch fur die Dor- 
nacher Fortbildungsschule gilt dasselbe, um zum Beispiel den Unter- 
schied zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang kunstlerisch 
zu erfassen (3/44). Wenn da etwas versaumt wird im Hinweisen auf 
das Geistige, entsteht seelische Leerheit und damit alle die Schwie- 
rigkeiten, mit denen sich so viele Konferenzen der Jahre 1922—24 zu 
befassen hatten. 

Diesen durch die Fiihrung des Unterrichts hilfreichen Mafinahmen 
steht aber nun etwas zunachst recht Uberraschendes gegeniiber. Ein 
scheinbar so naheliegendes Mittel ist durchaus zu vermeiden. Essoll 
und darf in diesen Jahren noch nicht die Aufmerksamkeit der 
Schiiler hingelenkt werden auf die eigenen Seelenzustande, auf die in 
ihnen rumorende Sehnsucht nach dem Geistigen. Das soli noch im 
Unterbewu/ken verbleiben, soil noch verhullt und damit vor dem 
Intellektuellwerden behiitet werden. Schiiler sollen nicht ,,die Ge- 



34 



Einleitungen 



heimkunst des Erziehens kennenlernen und mitdiskutieren" (3/80). 
Daraus erklart sich auch Rudolf Steiners Schrecken, als er erfuhr, 
daB an einigen Abenden Lehrer und Schtiler wie auf gleicher Stufe 
stehend miteinander diskutiert hatten (2/120—122, 145). 
Daft dies in der Jugendbewegung nicht beachtet wurde — einfach 
weil man es nicht wuBte — , gehort neben dem Nicht-ergreifen-K6n- 
nen des Geistigen zu den Hauptgriinden qualender Note. Wieviel und 
wie endlos ist da diskutiert worden, auch gerade schon mit und unter 
den jiingeren Jahrgangen. Das muBte die Jungeren unnaiv und hoch- 
miitig machen. Bei den Alteren fiihrte es den raschen Zerfall der 
Jugendbewegung mit herbei. Leitungen und Zielsetzungen konfes- 
sioneller, politischer, rassenmaBiger Art bemachtigten sich des ihnen 
dienlich erscheinenden Instrumentes der Jugendbewegung. 
Als deutschvolkische Umtriebe auch in die Waldorfschule hinein- 
zuwirken drohten, sprach Rudolf Steiner von ,,freimaurerischen 
Ordensgriindungen in der Jugend", wie sie damals an manchen 
Orten, zum Beispiel in Munchen, von Vereinigungen ausgingen, die 
etwas wie Rasse-Okkultismus pflegten (3/135). Er empfahl dagegen 
innerhalb der Waldorfschiilerschaft durch ,,unsere eigenen treuen 
jungen Leute aus der Freien Gesellschaft" eigene Gruppen zu bilden, 
,,denen sich die Jungen und Madchen ebensogut anschlieften" 
(3/134,135). 

Aber fur die alteren Jahrgange dieser jungen Menschen, die das 
18. Lebensjahr schon vollendet haben, gilt grundsatzlich ein ande- 
res, ja entgegengesetztes. Sie sollen sich gerade selbst moglichst weit- 
gehend dessen bewuBt werden, was tief in ihren Seelen die Unruhe 
bewirkt, und sie sollen daraus den WillensentschluB fassen, den 
gewiesenen Weg auch wirklich zu betreten. 

Junge Menschen in groBer Zahl wandten sich an Rudolf Steiner, 
wobei anstelle ihrer eigentlichen Schwierigkeiten freilich oft die 
mehr auBeren Fragen nach dem rechten Weg zum Beruf heraus- 
kamen. Diese jungen Menschen kamen auch nicht gut zurecht mit 
den herkommlichen ,,Zweigen" der Anthroposophischen Gesell- 
schaft, in denen die Mitglieder seit Jahren miteinander arbeiteten. 
Deshalb bildeten sich an manchen Orten Gruppen einer ,, Freien 
anthroposophischen Jugend", so in Stuttgart (2/46), in Jena (2/60, 
61, 116, 117), in Breslau (3/177). Was von Besprechungen Rudolf 
Steiners mit ihnen schriftlich erhalten ist — er hatte hier besonders 
ungerne Stenographen dabei — , ist gedruckt in ,,Die Erkenntnis- 
Aufgabe der Jugend" (ListeNr. 14). 

Mehrfach wurde, aber zunachst ohne Erfolg, versucht, in Jena eine 



Einleitungen 



35 



grofie Jugendtagung mit Vortragen von Rudolf Steiner zustande zu 
bringen (2/60, 61, 116, 117). Erst im Oktober 1922 kam es zum 
,,Padagogischen Jugendkurs" in Stuttgart (2/154). Rudolf Steiner 
hielt dort dreizehn Vortrage iiber ,,Geistige Wirkenskrafte im Zusam- 
menleben von alter undjunger Generation" (Liste Nr. 23). Ein zwei- 
ter Jugendkurs (3/94, 95) kam nicht mehr zustande. Uber die von 
der Christengemeinschaft veranstaltete Jugendtagung in Kassel am 
2.-8. Januar 1924 wurde im Dornacher ,,Nachrichtenblatt" (1. Jg., 
Nr. 5) ein Bericht gegeben. Auch in Dornach selbst wurden Jugend- 
versammlungen abgehalten (3/137, 138). 

Das Entscheidende aber geschah, als sich Rudolf Steiner selbst in 
Briefen ,,Von der Jugendsektion der freien Hochschule fur Geistes- 
wissenschaft" an die ,,jungeren Mitglieder" wandte (Nachrichten- 
blatt 1. Jg., Nrn. 9—12), nachdem er den Entschluft gefaBt hatte: um 
alle Jugendprobleme in groBtem MaBstab in Angriff zu nehmen, 
solle am Goetheanum eine Jugendsektion, eine „Sektion fiir das 
Geistesstreben der Jugend" geschaffen werden. (Vgl. ,,Die Konsti- 
tution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft . . ." bes. 
S. 146-158. Liste Nr. 50.) 



7. Konfessioneller und freier Religionsunterricht; 
Christengemeinschaft 

In einem Verhaltnis ganz eigener Art stand die Waldorfschule zur 
umgebenden Welt in bezug auf den Religionsunterricht. Er wurde 
in den Raumen der Schule erteilt und war doch nicht deren eigene 
Sache. Er war, wie Rudolf Steiner wohl sagte, ,, exterritorial". 
Das gait sichtlich von dem sogenannten konfessionellen Religions- 
unterricht, von dem anfangs allein die Rede war. Schon am Abend 
des 20. August, noch vor dem grundlegenden padagogischen Kurs, 
sprach Rudolf Steiner von dem ,,Kompromift", der hier gemacht 
werden miisse (1/63). ,,Wir wollen keine anthroposophische Dog- 
matik lehren. . . . Wir wollen umsetzen das, was auf anthroposo- 
phischem Gebiet gewonnen werden kann, in wirkliche Unterrichts- 
praxis. . . . Die religiose Unterweisung wird in den Religions- 
gemeinschaften erteilt werden." Und am Ende des Kurses, in der 
Rede zur Eroffnungsfeier am 7. September hiefl es: ,,Ehrlich wer- 
den wir einhalten, was wir gelobt haben: daft die verschiedenen 
Religionsbekenntnisse, die von sich aus den Religionsunterricht 
erteilen wollen, ihre Weltanschauungsprinzipien in unsere Schule 



36 



Einleitungen 



hineintragen konnen." (,, Rudolf Steiner in der Waldorfschule" 
S. 27;ListeNr. 8.) 

Fiir Rudolf Steiner schien es dem Wesen und den Bediirfnissen des 
heranwachsenden Menschen unangemessen, ja schadlich, wenn er 
ohne jegliche religiose Unterweisung aufwachsen miiftte. Deshalb 
wurden gleich von Anfang an Zeit und Raume bereitgestellt fiir die 
von den Konfessionen beauftragten Lehrer, selbst wenn dafiir an sich 
bessere Prinzipien des Stundenplans aufgeopfert werden muftten 
(1/65, 69). 

Und Rudolf Steiner bestand streng darauf, daft diese Ubergabe an die 
Religionsgemeinschaften in jedem Sinne ,,ehrlich" durchgefuhrt 
werde. Er wurde ungehalten, als von manchen Schulkindern einige 
Kameraden nicht recht ernst genommen wurden, nur weil sie aus 
anderen Konfessionszusammenhangen stammten (2/111, 112). 
Aber schon gegen Ende des padagogischen Kurses muB Rudolf Stei- 
ner gebeten worden sein, auch fiir solche Kinder, deren Eltern gar 
keiner Konfession angehorten, und das war bei den Arbeiterkindern 
vielfach der Fall, einen auf anthroposophischer Erkenntnis gegriin- 
deten Religionsunterricht einzurichten, einen ,,freien Religions- 
unterricht" von durchaus christlichem Charakter. 
In der ersten Lehrerkonferenz am 8. September 1919 wurde ein 
Doppeltes bemerkbar. Es war schon die Rede vom ,,anthroposo- 
phischen Unterricht, dem freien Religionsunterricht", aber es wurde 
auch deutlich, daB die Gedanken uber die Gestalt dieses Unterrichts 
noch nicht voll ausgereift waren. So hiefi es, die Klassenlehrer 
konnten ihn geben (1/67). Davon war zwei Wochen spater, in den 
Konferenzen vom 25. und 26. September (1/79-81, 98—105) nicht 
mehr die Rede. Es wurden Herbert Hahn und Friedrich Oehlschlegel 
mit diesem Unterricht beauftragt. Nun wurde auch der gesamte 
Lehrplan des Religionsunterrichts fiir alle damals vorhandenen acht 
Klassen gegeben. Sie sollten in zwei Gruppen zusammengefafit wer- 
den, 1.— 4. und 5.-8. Klasse. Als dann im Herbst 1920 die 9. Klasse 
hinzukam, wurden es drei Gruppen, 1.— 3., 4.-6., 7.-9., und stufen- 
weise naherte sich die Einteilung fiir den Religionsunterricht der 
iiblichen Klasseneinteilung (3/157). Das machte auch immer mehr 
Lehrer notig fiir diesen Unterricht. Dem Lehrplan wurden standig 
Einzelheiten und die Erweiterungen fiir die neu hinzukommenden 
Klassen angefiigt. (Naheres vgl. Sachwortverzeichnis.) 
Bei einem Elternabend am 3. November 1919 wurde nun gefragt, ob 
nicht auch fiir die Schiiler des freien Religionsunterrichts an den 
Sonntagen eine religiose Feier eingerichtet werden konne. Nachdem 



Einleitungen 



37 



Uberlegungen dariiber unbefriedigend verlaufen waren, baten die 
beiden Religionslehrer in der Weihnachtszeit 1919 Rudolf Steiner 
urn seinen Rat. Wenige Tage spater iibergab er ihnen das Ritual fiir 
die Sonntagshandlung. Weil Oehlschlegel bald fiir geraume Zeit nach 
Amerika reiste und dann nicht mehr an die Schule zuriickkam, hatte 
Herbert Hahn lange allein fiir die Sonntagshandlung zu sorgen. Sie 
wurde zum ersten Male gehalten am 1. Februar 1920. Rudolf Steiner 
war immer, wenn er in Stuttgart war, dabei anwesend, zuerst am 
29. Februar 1920. 

Die Teilnahme an diesen Sonntagshandlungen war strenge be- 
schrankt auf die Schuler des freien Religionsunterrichtes, auf die 
Lehrer der Schule, die Eltern und diejenigen, ,,die anerkannt werden 
konnen durch die Lehrerschaft als moralische Vormiinder" (1/137). 
Rudolf Steiner rechnete darauf, daB moglichst viele Lehrer der 
Schule, nicht nur die Religionslehrer, bei den Handlungen dabei 
seien(2/58, 199). 

Nach und nach kamen die anderen Handlungen hinzu, die Weih- 
nachtshandlung (1/252) zum ersten Male am 25. Dezember 1920, 
die Jugendfeier (1/136) am Palmsonntag, dem 20. Marz 1921. Als 
letztes wurde von Rudolf Steiner, nachdem im September 1922 
schon die Wirksamkeit der Christengemeinschaft angefangen hatte, 
im Friihling 1923 fiir die beiden obersten Klassen die Opferfeier 
hinzugefugt (2/222, 241, 305). Sie fand zum ersten Male statt in der 
Osterzeit 1923. 

Die Absicht Rudolf Steiners war, man solle all diesen Kultus ein- 
richten ,,mit grofter Innigkeit und Herzlichkeit . . . als etwas Ernstes, 
aber ohne schwiil zu sein", dennoch ,, auf der anderen Seite ihn so 
schlicht halten, als es moglich ist" (2/199). 

So wie der freie Religionsunterricht selbstverstandlich kein „obliga- 
torischer" Unterricht war (2/305), so war auch die Teilnahme an den 
Sonntagshandlungen den Schiilern des freien Religionsunterrichtes 
durchaus ,,freigestellt, ob sie kommen wollen oder nicht" (2/304). 
Das Wesen des freien Religionsunterrichtes und die Art, wie Rudolf 
Steiner ihm gleichsam eine Mittelstellung gab zwischen der Schule 
einerseits und der Anthroposophie und Anthroposophischen Gesell- 
schaft andererseits, ist nicht leicht zu durchschauen. Es stellte an die 
damaligen Waldorflehrer, und es stellt auch heute noch groBe Anfor- 
derungen an Erkenntnisbemiihen und BewuBtsein. Es miissen da 
jedesmal Aspekte zusammengeschaut werden, die einander zu wider- 
sprechen scheinen. 

Von der einen Seite her gesehen sollte nicht nur fiir den konfessio- 



38 



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nellen Unterricht, sondern auch fur den freien vermieden werden, 
,,dafl er als etwas in die Schule Eingereihtes erscheine" (2/19). Dem 
gegeniiber steht die Antwort, die von Rudolf Steiner an Emil Molt 
gegeben wurde, als der geauftert hatte, ,,eine reine Schulangelegen- 
heit soli es ja nicht sein; es ist ja losgelost von der Schule". Da sagte 
ihm Rudolf Steiner: ,,Die Sonntagshandlung ist etwas im Rahmen 
der Schule Liegendes. Eine Einzelheit innerhalb der Schule, . . . die 
nicht eine allgemeine Schulangelegenheit ist" (1/138), weil eben 
nicht alle Schiiler daran teilnehmen. Rudolf Steiner hat auch den 
Lehrplan und alle dessen spatere Erganzungen innerhalb der allge- 
meinen Lehrerkonferenz gegeben (vgl. Sachwortverzeichnis), hat 
auch seine Auswahl der Religionslehrer, die Handhabung der Hand- 
lungen, die Ausgestaltung des Handlungsraumes, und was es sonst 
noch sein mochte (vgl. wiederum Sachwortverzeichnis), fast aus- 
nahmslos dort besprochen. Er hat damit nicht nur die Religions- 
lehrer, sondern die gesamte Lehrerschaft aufgerufen zum Tragen 
dieses Unterrichts. Und es war keine AuBerlichkeit, wenn er sich 
dabei immer der Sprachform des ,,wir" bediente — ,,unser" Reli- 
gionsunterricht. Er tat das selbstverstandlich nicht, wenn er sich 
aufterte viber den konfessionellen Unterricht, aber auch spater nicht 
in bezug auf den Religionsunterricht der Christengemeinschaft, von 
dem noch zu reden sein wird. 

Ebenso treten in Rudolf Steiners Worten zwei ganz verschiedene 
Aspekte hervor in bezug auf das Verhaltnis zur Anthroposophischen 
Gesellschaft. So sagte er zu einem der Lehrer: „Als Religionslehrer 
gehoren Sie nicht der Schule an. Den erteilen Sie, wie wenn Sie 
Pastor in einer anthroposophischen Kirche draufien waren und her- 
einkommen" (1/286). (Dazu ist die Anmerkungeinzuschieben, daft 
mit der „anthroposophischen Kirche" keineswegs die Christen- 
gemeinschaft gemeint ist. Denn die gab es damals noch nicht; der 
erste, noch vorbereitende Theologenkurs fand erst einen Monat 
spater statt. Eine ,,anthroposophische Kirche" konnte und kann es 
selbstverstandlich gar nicht geben. Der Ausdruck ist iiberspitzt 
gebraucht.) 

Und dem steht das gegeniiber, was Rudolf Steiner im Hinweis auf die 
Weihnachtstagung sagte. Erst wies er darauf hin, daft „die Schule als 
eine von der Anthroposophischen Gesellschaft unabhangige Insti- 
tution" geschaffen sei. Dann ging er auf die besondere Lage des 
Religionsunterrichtes ein. ,, Damit stimmt logisch ganz gut iiberein, 
daB der Religionsunterricht von den Religionsgemeinschaften aus 
besorgt wird, der freie Religionsunterricht von der Anthroposophi- 



Einleitungen 



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schen Gesellschaft aus, daft die Anthroposophische Gesellschaft mit 
dem freien Religionsunterricht darinnensteht wie die anderen reli- 
giosen Gemeinschaften. Die Anthroposophische Gesellschaft gibt 
eigentlich den Religionsunterricht unci den Kultus" (3/119). 
Das sagte Rudolf Steiner nach der Neubegriindung der Anthroposo- 
phischen Gesellschaft und nachdem er selbst das Amt des Ersten 
Vorsitzenden und das des Leiters der Padagogischen Sektion iiber- 
nommen hatte. Damit waren auch fiir den freien Religionsunterricht 
Aufgaben gestellt, die sich in der kommenden Zeit auswirken soli- 
ten. Es kam praktisch nicht dazu, weil Rudolf Steiner starb. Diese 
Aufgaben aber stehen immer noch da und stehen vor uns. 

Als die zuletzt angefuhrten Worte am 5. Februar 1924 gesprochen 
wurden, bestand nun aber schon seit fast einundeinhalb Jahren die 
Christengemeinschaft. 

Im Jahre 1921 waren, zuerst unabhangigvoneinander, Gruppen von 
jungen Theologen, meist Studenten, an Rudolf Steiner herangetre- 
ten mit der Frage, ob und wie sie mit Hilfe der anthroposophischen 
Erkenntnis in der rechten Weise ihren Lebensberuf auf dem religio- 
sen Felde finden konnten. Daraufhin hielt ihnen Rudolf Steiner 
mehrere ,,Theologenkurse", an deren erstem auch die Lehrer des 
freien Religionsunterrichtes teilnahmen (2/39. Liste Nrn. 105, 126). 
Auf Grund dieser Kurse schlossen sich die jungen Theologen, in 
deren Namen Rudolf Steiner um seinen Rat gefragt worden war, im 
September 1922 von sich selbst aus zusammen. Es wurde zuerst der 
Name iiblich: ,,Bewegung fiir religiose Erneuerung" (2/199). Fried- 
rich Rittelmeyer, der wegen Krankheit an den ersten Kursen nicht 
hatte teilnehmen konnen, gab jetzt seine Stellung als Pfarrer in Ber- 
lin auf. Er hatte schon seit Jahren aktiv in der anthroposophischen 
Bewegung gestanden und tat das auch weiterhin; aber er trat nun 
auch an die Spitze der „Religionserneuerung", die den Namen „Chri- 
stengemeinschaft" annahm. Sie war nicht von der Anthroposophi- 
schen Gesellschaft ausgegrundet und auch nicht von Rudolf Steiner. 
Er sprach vielfach von der ,,auf eigenen Fiiflen der Anthroposophi- 
schen Gesellschaft gegenuberstehenden Christengemeinschaft" 
(3/123). Er aufierte, diese Bewegung ,, hatte den Keim in sich, etwas 
sehr Grofles zu werden" (2/199). Und fast zwei Jahre spater sagte er 
von den Priestern, daB sie ,,in kiirzester Zeit die grofiten Fortschritte 
gemachthatten" (3/177), 

Es ist verstandlich, daft nun Fragen heraufkamen, wie das Verhaltnis 
der Anthroposophie zur Christengemeinschaft sei und wie man sich 



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richtig zu verhalten habe. Fiir die Mitglieder der Gesellschaft suchte 
Rudolf Steiner Klarheit zu schaffen durch seinen Vortrag vom 
30. Dezember 1922. Es war der zweitletzte Abendvortrag, ehe das 
erste Goetheanum abbrannte (2/226, 227. Liste Nr. 111). 
Auch um die Waldorfschule herum entstand Unsicherheit. Sind 
jetzt, nachdem das neue Priestertum der Christengemeinschaft da 
ist, freier Religionsunterricht und Kulthandlung an der Waldorf- 
schule noch berechtigt? 

Als dann bald die Priester anfingen, fur die Kinder der Gemeinde- 
mitglieder auch Religionsunterricht zu geben, erhob sich die weitere 
Frage: „Wie ist der freie Religionsunterricht in der Waldorfschule 
vereinbar mit dem Religionsunterricht der Christengemeinschaft? " 
(3/175). 

Rudolf Steiner sprach daraufhin in den Konferenzen deutlich aus, 
daB jede von diesen beiden Arten von Religionsunterricht eigenen 
Charakter, eigene Ziele und voile Berechtigung habe, auch in die 
Zukunft hinein. Er gab jetzt fiir den freien Religionsunterricht nicht 
nur, wie schon erwahnt, etwa ein halbes Jahr nach der Entstehung 
der Christengemeinschaft, das neue Ritual der Opferfeier, um das die 
Schiiler der obersten Klassen gebeten hatten (2/222, 241, 305). Er 
hat auch das Weiterbestehen des freien Religionsunterrichtes teils als 
seibstverstandlich vorausgesetzt (3/175—179), teils im Gesprach 
ausdriicklich ausgesprochen. 

Es sollten keineswegs diese beiden Bewegungen ineinanderflieften. 
Rudolf Steiner wollte ,,so lange als moglich" vermeiden, ,,bei der 
Christengemeinschaft einen Religionslehrer zu suchen for die 
Schule". Aber man solle „nicht so exklusiv sein' (3/177). Einzelnen 
der jungen Priester hatte er, wie er sagte, diesen Unterrkht gerne 
anvertraut (2/169). 

Auf der anderen Seite gestand Rudolf Steiner auch der Christen- 
gemeinschaft, die inzwischen schon in ihren eigenen Raumen fiir die 
Kinder der Gemeindeglieder einen eigenen Religionsunterricht ein- 
gerichtet hatte, ohne weiteres zu, daft sie ,,wie die anderen Konfes- 
sionen" das Recht in Anspruch nehmen konnte, ebenfalls innerhalb 
der Waldorfschule ihren Religionsunterricht auszuiiben. ,,Dann 
wiirden wir also einen Religionsunterricht mehr haben" (3/176). Er 
fand es aber besser, wenn es dabei bliebe, dafl die Kinder der Ge- 
meindemitglieder, soweit sie in die Waldorfschule gingen, auch wei- 
terhin nur am freien Religionsunterricht teilnahmen (3/ 176). 
So ist es denn auch in den weitaus meisten Fallen geschehen, bis 
1938 die Schule verboten wurde. Erst nach dem zweiten Weltkrieg 



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ist auch der Religionsunterricht der Christengemeinschaft, ebenso 
wie der bisherige konfessionelle, in den Raumen der Waldorfschule 
eingerichtet worden. 

Zu Lebzeiten Rudolf Steiners wurde diese Frage nur insoweit prak- 
tisch, als Eltern.ausdrticklich wiinschten, ihre Kinder sollten an bei- 
den Unterrichten teilnehmen. Rudolf Steiner hielt das fur durchaus 
moglich. Hindern konnte ,,h6chstens der einzigePunkt derGesund- 
heit, daft es zuviel ware" . . . Die Waldorfschule miisse da nicht „dog- 
matisch entscheiden" (3/176). ,,Am schonsten wiirde ich finden, 
wenn dann, wenn sie an beiden teilnehmen, von dem Religionslehrer 
hier und dem Religionslehrer dort die Stoffe besprochen werden, so 
daft Einklang da ist" (3/177). 

Ernsthaftere Schwierigkeiten schienen aufzukommen bei der Frage, 
wie sich die Jugendfeier der Christengemeinschaft und die des freien 
Religionsunterrichtes miteinander vereinigen lieften. Aber auch hier 
seien keinerlei Verhandlungen mit der Christengemeinschaft notig. 
Sie sei ja in sich selbstandig. ,,Wir konnen doch machen, was wir 
wollen, und die konnen machen, was sie wollen" (2/305). 
Aber dann machte Rudolf Steiner den Weg frei, indem er auf den 
grundlegenden Unterschied hinwies in der Zielsetzung der beiden 
Handlungen. ,,Der innere Sinn unserer Jugendfeier ist, daft der 
Mensch ganz allgemein in die Menschheit hineingestellt wird . . . Die 
Christengemeinschaft aber stellt in eine bestimmte Religionsgemein- 
schafthinein" (3/178). 

Daraus ergeben sich zwanglos alle praktischen Handhabungen, die 
notig sind: etwa die, welche der beiden Handlungen vorausgehen 
miisse, und dergleichen (3/177, 178). 

Vor allem aber — und das ist das Allerwichtigste — weisen solche 
Unterschiede wohl auf Wesensverschiedenheitenhin, aber sie bedeu- 
ten keinerlei reale Widerspriiche und kein Gegeneinander. ,,Innerlich 
ist es durchaus vereinbar" (3/178). Es gilt auch hier, was fiir das 
ganze Verhaltnis des freien Religionsunterrichtes zur Christen- 
gemeinschaft gilt: ,,Eine Diskrepanz zwischen beiden in inhaltlicher 
Beziehung kann es eigentlich nicht geben" (3/176). 



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Die sechs einzelnen Schuljahre 

Durch die Unzahl der gestellten Fragen und behandelten Themen 
haben die Konferenzen eine schwer iiberschaubare Form. Sie sind 
nicht leicht als Ganzes zu lesen. Der Beniitzer sucht oft nur Rudolf 
Steiners AuBerungen heraus zu den Themen, die ihn im Moment 
besonders interessieren. 

Das ist aber unberechtigt, denn es ist sehr wohl ein durchgehender 
Duktus vorhanden. Er war gewift niemandem von den Sprechenden 
bewuBt, aber das Schicksal selbst hat eine Gesamtkomposition 
geschaffen. Um zur Erkenntnis dieser Kompositionhinzuleiten, sol- 
len hier flir jedes Schuljahr die charakteristische Stimmung und die 
Hauptthemen herausgehoben werden. Weil die Aufgabe schwer ist, 
kann es sich dabei gewifi nur um einen Versuch handeln. 

1. Schuljahr: 16. September 1919 bis 24. Juli 1920 

8 Klassen 
12 Lehrer 
256 Kinder 

Alte Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft versicherten 
oft, sie hatten Rudolf Steiner so ganz besonders strahlend gesehen, 
als die Waldorfschule eroffnet wurde. Dies Strahlen liegt, wie ein 
Nachklang des groBen dreifachen Griindungskurses vom August 
1919, auch noch iiber alien Konferenzen des ganzen ersten Jahres. 
Und wie Rudolf Steiner bei Kursbeginn den tiefen Dank aussprach 
an die iiber der Schule waltenden geistigen Machte, so richtete er in 
diesem ersten Jahre auch mehrere Male den Dank an EmilMolt und 
an die Lehrer der Schule (1/162 und in den Ansprachen, siehe 
,, Rudolf Steiner in der Waldorfschule", besonders S. 51/52, Liste 
Nr. 8). 

Diese Stimmung tragt und beflugelt die Lehrer und schafft ihnen 
erstaunliche Krafte. Mit Schwung und Begeisterunggehen sie an ihre 
Aufgaben heran und suchen sich noch neue hinzu. Rudolf Steiner 
feuert wohl die Lehrer mehrfach an zu Enthusiasmus (1/63) und 
Mut (1/95, 117), aber er ruft sie auch auf zum Bewufltsein und zur 
Besinnung (1/63) und warnt sie vor Zersplitterung ihrer Krafte 
(1/84, 124). 



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Am 7. September 1919 fand die Eroffnungsfeier fur die Freie Wal- 
dorfschule statt, in der Rudolf Steiner seine grundlegende An- 
sprache hielt (Liste Nr. 8). Aber der Unterricht konnte noch nicht 
beginnen, weil die Raume des ehemaligen Kaffeerestaurants Uh- 
landshohe, Kanonenweg 44, erst zum Teil fertig waren. In der ,,ent- 
scheidenden Konferenz im engsten Kreise" vom 8. September 
(1/65), die Rudolf Steiner im Seminarkurs zuletzt (S. 184) fur ,,mor- 
gen oder iibermorgen" schon angekundigt hatte, wurde zwar ein 
provisorischer Plan ausgearbeitet, wie man unter Zuhilfenahme von 
,,Schichtunterricht" auch mit den noch zu wenigen Raumen zu- 
rechtkommen konnte (1/65, 66), aber der Unterrichtsbeginn ver- 
schob sich dann doch auf Dienstag den 16. September. Rudolf Stei- 
ner war nicht dabei anwesend. 

Das Auflere war denkbar primitiv. Schulbanke wurden erst nach und 
nach geliefert. Die Kinder mufiten in den ersten Wochen auf den vom 
Restaurant her vorhandenen Stiihlen sitzen und auf den Knien 
schreiben. 

Die Waldorfschule begann als ,,Volksschule", das heiBt mit nur acht 
Klassen. Sie hatte beim Beginn 256 Schuler; die einzelnen Klassen 
waren recht unterschiedlich besetzt, im Durchschnitt mit 32 Schii- 
lern, darunter meist ein wenigmehr Madchen als Jungen. 191 Kinder 
waren ,,Waldorfkinder", das heifit, sie hatten Eltern oder Verwandte 
in der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik. Die iibrigen Schuler waren 
fast ausschlieftlich Kinder von Anthroposophen. 
Dem Lehrerkollegium gehorten an: Rudolf Steiner als Leiter der 
Schule, Frau Marie Steiner „als Leiterin der eurythmischen Abtei- 
lung", Emil Molt als ,,Protektor der Schule", Frau Bertha Molt als 
,,Schulmutter" (1/198, 199) und anfangs zwolf Lehrer. DerenZahl 
veranderte sich im Laufe des Schuljahres, weil einige voriibergehend 
oder dauernd die Schule verliefien und andere hinzukamen; am 
Schuljahresende waren es vierzehn Lehrer. 

An die Stelle der ublichen „regierungsmafligen", rektoralen Schul- 
fiihrung stellte Rudolf Steiner die Verantwortung jedes einzelnen 
Lehrers, die sich in den Konferenzen auswirkt (1/62). ,, Recht 
republikanisch!" (1/83). ,, Konferenzen sind freie republikanische 
Unterredungen. Jeder ist darin ein Souveran" (1/68). Nachiiber drei 
Jahren schlug er fur die Schulverwaltungeinen drei- bis vierkopfigen 
Verwaltungsrat vor, ,,damit nicht die republikanische Verfassung 
durchbrochen wird" (2/235). 

Obwohl der Aufbau, die Gliederung und der Lehrplan des Unter- 
fichtes in den padagogischen Kursen von August und September von 



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Rudolf Steiner schon gegeben waren, war doch noch manches ein- 
zuftigen, zu andern oder genauer auszugestalten. Nicht alles, wasim 
ersten Schuljahre versucht wurde, Heft sich auch schon fur die Dauer 
ausfiihren. 

Die 7. und 8. Klasse sollten abwechselnd von zwei Lehrern gefuhrt 
werden, von Stockmeyer und Dr. Treichler (1/65). Weil Dr. Treich- 
ler nach einigen Wochen noch mehr Sprachunterricht zu iiberneh- 
men hatte, trat an seine Stelle als Klassenlehrer Dr. Stein (1/115, 
122). Stockmeyer und Stein riickten dann jahrlich mit ihren Klassen 
eine Stufe hoher, bis in die Oberklassen hinein. Die spateren 7. und 
8. Klassen hatten, wie die 1. bis 6., dann auch nur einen Klassen- 
lehrer (3/25). 

Uber den neu einzurichtenden Freien Religionsunterricht ist schon 
gesprochen worden im Abschnitt 7, S. 35—41. 

Uber die Eingliederung der ,,weiblichen Handarbeiten" hatte Rudolf 
Steiner im Seminarkurs noch nichts gesagt, ,,weil einfach die Beset- 
zung nicht da war" (Seminar S. 184). Deshalb wurde erst Ende 
Oktober mit diesem Unterricht begonnen, selbstverstandlich fiir 
Jungen und Madchen zusammen. Frau Bertha Molt und Fraulein 
Helene Rommel gaben den Unterricht lange gemeinsam; erst als zu 
viele neue Klassen hinzukamen, ubernahmen sie ihre Klassen einzeln. 
Bis in den Sommer 1922 wurde das Turnen von Paul Baumann und 
einzelnen Klassenlehrern schlecht und recht mitversehen. Die weni- 
gen in dieser Zeit gemachten Angaben Rudolf Steiners zu diesem 
Unterricht heben stark den von ihm gewunschten engen Zusam- 
menhang mit dem Eurythmieunterricht hervor (vgl. Sachwortver- 
zeichnis). Durch die Arbeit Graf Bothmers ergab sich spater fiir 
Rudolf Steiner die Moglichkeit, so konkret Grundlegendes uber das 
Turnen zu sagen, wie es in der Konferenz vom 1. Marz 1923 geschah 
(2/292 ff.). 

Handwerk undGartenbau wurden im methodisch-didaktischen Kurs 
und im Seminar nur ganz allgemein erwahnt, nicht als besondere 
Unterrichtsgegenstande. Wahrend nun Rudolf Steiner von Ende Sep- 
tember bis Mitte Dezember 1919 von Stuttgart abwesend war, 
wurde in der Waldorfschule eine Werkstatt mit Hobelbanken und 
einigem Schlosserwerkzeug eingerichtet, und es wurde ein junger 
Schlosser angestellt, zunachst um Apparate fiir den Physikunterricht 
herzustellen. Damit im Zusammenhang wurde Ende November, wie 
es scheint ohne Besprechung mit Rudolf Steiner, auch mit einem 
anfanglichen Handwerksunterricht durch den Schlosser begonnen, 
in zwei einzelnen Stunden jede Woche fiir die 6. bis 8. Klasse. Nach 



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den Osterferien kam unter derselben Leitune Gartenarbeit hinzu, 
schon von der 5. Klasse ab, aber zunachst nur fur Freiwillige, worauf 
Rudolf Steiner anordnete (1/121), dieser Unterricht solle fur alle 
Kinder als obligatorisch gelten. Zu der Frage, in welchem Alter der 
Handwerks- und Gartenbauunterricht beginnen sollte, vgl. Hinweis 
zu S. 196. — Vom Beginn des zweiten Schuljahres ab ging dieser 
Unterricht iiber an Max Wolffhugel, der Kunstmaler war und auch 
die Schreinerei erlernt hatte. Den Gartenbauunterricht konnte er im 
Herbst 1921 abgeben an GertrudMichels, die Gartnerin war. 
Um der in der ersten Zeit der Schule reichlich vorhandenen Unge- 
ziigeltheit ein Gegengewicht zu geben, fiihrte Rudolf Steiner einen 
Unterricht fur Takt und Moral" ein; er wurde meist ,,Anstands- 
unterricht" betitelt (1/125). Paul Baumann hatte ihnzu geben, und 
damalige Schiller berichten, er habe zum Beispiel eine Art Kultur- 
geschichte der Hoflichkeit behandelt: ,,H6flichkeit" vom Worte 
Hof, Rittertum und so weiter. Im Laufe des zweiten Schuljahres ist 
dieser Unterricht dann eingeschlafen (1/268). 

Hilfsklasse. Verstandlicherweise hatten die Eltern aus der Waldorf- 
Astoria-Zigarettenfabrik besonders bereitwillig diejenigen Kinder 
fur die neue Schule angemeldet, bei denen es in der offentlichen 
Schule nicht recht vorangehen wollte. Deshalb waren in den Klassen 
meist vier bis sechs ,,schwierige", zum Teil sogar sehr schwierige 
Kinder zu finden. Fur die, die als wirkliche Psychopathen besondere 
Sorgenkinder waren, richtete Rudolf Steiner schon im April 1920 
eine Hilfsklasse ein (1/123). Etwa zehn Kinder der 1.— 6. Klasse wur- 
den wahrend des Hauptunterrichtes, also nur von acht bis zehn Uhr, 
aus ihren Klassen herausgenommen und ,,separat" unterrichtet. Es 
sollten dabei besonders langsam und eindringlich dieselben Dinge 
durchgenommen werden wie im Klassenunterricht sonst auch 
(1/125), aber aufterdem sollten auch ganz spezielle Ubungen 
gemacht werden (1/264). Zu den Stunden nachzehn Uhr sollten die 
Kinder alle wieder in ihre regularen Klassen zuriickkehren. Diesen 
Hilfsunterricht iibergab Rudolf Steiner an Karl Schubert. 
Leider konnte diese Hilfsklasse zunachst nur bis zum Juni 1920 
durchgefiihrt werden, weil Dr. Schubert fur eine erkrankte Klassen- 
lehrerin einspringen mufite, und die Hilfsklassenkinder gingen wie- 
der ganz in ihre jeweilige Klasse zuriick. Erst im September 1921 
(2/37) konnte Dr. Schubert seine Hilfsklasse wieder ubernehmen, 
Sie veranderte sich im Laufe der Jahre zunehmend in der Richtung, 
daft immer mehr auch ganz schwere Falle, das heiftt Kinder, die 
iiberhaupt an keinem Klassenunterricht teilzunehmen in der Lage 



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waren, in die Hilfsklasse aufgenommen wurden. Dr. Schubert leitete 
dann die Hilfsklasse zum grolken Segen fur ,, seine", aber auch fiir 
alle Kinder der Waldorfschule ununterbrochen, bis die Schule Ostern 
1938 verboten wurde; ja es gelang ihm sogar, sie, im Verborgenen 
geduldet, auch dann noch bis 1945 weiterzuftihren (vgl. Sachwort- 
verzeichnis). 

Ebenfalls im Friihjahr 1920 wurde ein Kindergarten (Vorschule, 
Vorklasse) unter Leitung von Elisabeth von Grunelius eroffnet 
(1/121). Rudolf Steiner gab Ratschlage dafur (1/133, 134, 146, 
147). Leider mulke der Kindergarten wegen Geld- und Platzmangels 
schon nach wenigen Monaten wieder aufgegeben werden. Fraulein 
von Grunelius iibernahm zeitweise andere Aufgaben an der Schule. 
Ihr Kindergarten kam erst nach Rudolf Steiners Tode wieder zu- 
stande. 

Ebensowenig konnte der Versuch durchgefiihrt werden, fiir Kinder, 
die nachmittags unbeaufsichtigt waren und verwilderten, einen Hort 
(1/112) einzurichten. Auch hier reichten die Raume und Geldmittel 
nicht aus. Aufterdem war das Interesse gerade der Eltern dieser Kin- 
der doch nicht stark und zuverlassig genug. 

Auch die Versuche, fiir schulentlassene Kinder eine Fortbildungs- 
schule zu schaffen, muftten, allerdings aus anderen Griinden, immer 
wieder aufgegeben werden. 

Rudolf Steiner hatte urspriinglich gedacht an eine mit der Waldorf- 
schule nur locker zu verbindende Schule fiir junge Leute von vier- 
zehn bis fiinfzehn Jahren ab, als Vorbereitung fiir den Eintritt in die 
spezielle Berufsausbildung im Handwerk oder in der Fabrik. Diese 
Aufgabe sollte Dipl. Ing. Alexander Strakosch (1/121, 126) iiber- 
nehmen. Er war bis Herbst 1920 in Wien Vorstand eines Eisenbahn- 
werkstattenamtes und hatte durch Urlaub im August/September an 
deri padagogischen Kursen, und spater auch an den naturwissen- 
schaftlichen Kursen teilnehmen konnen. (Vgl. dazu: Alexander Stra- 
kosch, ,,Lebenswege mit Rudolf Steiner. 2. Teil." Dornach 1952, 
S. 60.) Aber dieser erste Plan erwies sich als undurchfiihrbar, weil die 
Bestimmungen iiber die staatlichen Fortbildungsschulen jede private 
Initiative auf diesem Felde ausschlossen. 

Jetzt (1/121) im Marz 1920 trat der zweite Plan auf: fiir Schiiler, die 
nach absolvierter Schulpflicht aus der 8. Klasse der Waldorfschule 
ausgetreten waren und nun schon in einer Berufsausbildung standen, 
eine solche Schule einzurichten. Sie sollte wirkliche ,,Lebenskunde" 
geben, und Rudolf Steiner wollte sie ,,Lebensschule fiir die Alte- 
sten" nennen. Er gab sogar schon einen skizzenhaften Lehrplan 



Einleitungen 



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dafiir (1/126). Aber auch dies scheiterte. Das Interesse der jungen 
Menschen selber war nicht nachhaltig genug, und die behordlichen 
Bestimmungen lieflen keinerlei Spielraum. Strakosch iibernahm 
dann im September 1920 als Klassenlehrer die 5. Klasse und war 
gleichzeitig in der Leitung des Forschungsinstitutes tatig (Einleitung 
S. 19). 

In gewisser, freilich recht anderer Weise ist spater der innerhalb des 
Waldorflehrplanes von Strakosch gegebene Unterricht in Technolo- 
gie (von der 10. Klasse ab) an diese Stelle getreten (1/286, 287, vgl. 
Sachwortverzeichnis) . 

Ganz aus der damals Deutschland ergreifenden Erregung iiber soziale 
Fragen und gleichzeitig aus der Begeisterung fur die Dreigliederungs- 
bewegung herausgeboren, waren die von Dr. Herbert Hahn fur die 6. 
bis 8. Klasse unternommenen Unterweisungen in ,,sozialer Erkennt- 
nis" (1/136). Es war das, wie Rudolf Steiner es nannte, ein ,, Unter- 
richt abseits vom iibrigen", der mit dem Wiedereintreten ,,ruhiger" 
Verhaltnisse sein natiirliches Ende fand. (Vgl. Sachwortverzeichnis.) 

Vier Dinge, die zu den besonders charakteristischen Lebensformen 
der Waldorfschule gehoren, nahmen schon im ersten Schuljahr ihre 
bleibende Gestalt an. 

1 . Dem in Wurttemberg damals iiblichen schulfreien ersten Montag 
im Monat gab Rudolf Steiner einen sinnvollen Inhalt. Er machte aus 
dem blofien freien Tag, den er auf den Donnerstag als den geeigneten 
Wochentag verlegte, ein Schulfest, die „Monatsfeier" (1/112), 
indem er einerseits den Inhalt des Festes ganz aus dem padagogi- 
schen Leben der Schule herauswachsen lieft — die Kinder sollten 
einander zeigen, was sie gearbeitet hatten — und andererseits darauf 
hinwies, daB dieser Tagetwas sein sollte wie ,,ein Gedankensammeln 
iiber den Monatsinhalt". Rudolf Steiners eigene Ansprachen bei die- 
sen Monatsfeiern und ahnlichen Gelegenheiten siehe in ,, Rudolf 
Steiner in der Waldorfschule", Stuttgart 1958, S. 29, 45, 55, 99, 
141, 171 (ListeNr. 8). 

2. Auch bei den Feiern zum Anfang und Abschlufi des Schuljahres 
erfiillte Rudolf Steiner den bisher iiblichen leeren Formalismus mit 
padagogischem Inhalt. Freilich war die Gestalt dieser Feiern, wie sie 
heute noch in den Waldorfschulen lebendig ist, bei Rudolf Steiner 
auch nicht mit einem Male vorhanden, sondern sie entwickelte sich 
schrittweise. Man vergleiche dazu Seite 157, ,,etwas, was den Schul- 
schlufi eurythmisch darstellt" mit Seite 289, wo er iiber die Anspra- 



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Einleitungen 



chen der Lehrer spricht. Er gab auch selbst Vorbilder fur die Art, wie 
da zu sprechen sei, in seinen eigenen Ansprachen, von denen sich 
sechs erhalten haben. Vgl. in ,, Rudolf Steiner in der Waldorfschule", 
S. 48,75,88, 126, 145, 175. 

3. Ein ahnlicher Prozeft des langsamen Wachsens einer Form zu 
innerer Realitat hin ist bei der Frage der Zeugnisgebung und der 
Versetzung zu beobachten. Im Seminarkurs am 6. September 1919 
(S. 183) ist noch von mehreren Zeugnissen die Rede, die im Laufe 
des Jahres zu geben seien, ,,als von der Aufienwelt Gefordertes"; 
ahnlich auch noch in der Konferenz am 23. Dezember 1919(1/116). 
Aber am 14. Juni 1920 (1/147) wird wie selbstverstandlich von nur 
einem Jahreszeugnis gesprochen. Der Kopf der Zeugnisse wurde 
spater von ihm so angegeben: 

Dieses Zeugnis 

wird 

geboren am in 

fur die Klasse im Schuljahr 19 /19 gegeben 

Uber die Art, wie diese Zeugnisse innerlich zu gestalten seien, sollten 
Rudolf Steiners mehrfache Aufierungen (vgl. Sachwortverzeichnis) 
nachgelesen werden. 

4. Der Ubergang in die nachsthohere Klasse wird von der iiblichen 
Versetzung oder Nichtversetzung hiniibergefuhrt zu dem Mitherauf- 
nehmen moglichst samtlicher Schuler mit dem Jahrgang, der ihrem 
Alter entspricht. In den beiden ersten Schuljahren wird noch bei 
alien besonders schwierigen Kindern einzeln besprochen, ob man sie 
,,versetzen", das heifit, weiter mitgehen lassen kann (1/168—171, 
281—283). Im dritten Schuljahr ist eine solche Besprechung schon 
unnotig geworden. 

2. Schuljahr: 20. September 1920 bis 11. Juni 1921 

11 Klassen 
19 Lehrer 
420 Schuler 

In den Konferenzen des zweiten Schuljahres herrscht iiberwiegend 
noch, ungeachtet gelegentlich aufziehender Wolken, die gleiche freu- 



Einleitungen 



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dige, kraftvolle Stimmung wie im Vorjahr, vielleicht bei den Lehrern 
etwas weniger draufgangerisch. Es werden im ganzen auch dieselben 
Probleme behandelt; sie werden ausgearbeitet und vertieft. 
Hauptsachlich an drei Stellen zeigt sich aber charakteristisch die 
Eigenart dieses zweiten Schuljahres: bei der Besprechung der neuen 
9. Klasse; dann als die Frage nach der wirtschaftlichen Grundlage 
und nach der geistigen Selbstandigkeit der Schule gestellt wird;und 
endlich, als Rudolf Steiner spricht iiber seine eigene Stellung als 
Leiter der Waldorfschule. 

Die Schule wachst auch dieses Jahr kraftig weiter. Fur die neue 1. 
und fur die 6. Stufe miissen Parallelklassen eingerichtet werden 
(1/169, 178). Besonders ausgestaltet werden die praktischen Fa- 
cher: Handwerk und Gartenbau (1/193—196, 270) sowie Hand- 
arbeit (1/199, 224, 225, 241, 249, 269, 270). Bei An stand sun ter- 
richt (1/268) und sozialer Erkenntnis (1/286, 287) wird festgestellt, 
daft sie jetzt aufhoren; beim Kindergarten und der Fortbildungs- 
schule (1/276—277), daft sie wieder zunachst nicht durchgefiihrt 
werden konnen. Die Art der Zeugnisgebung (1/284, 285) und der 
Versetzung (1/285) finden ihre endgiiltige Gestalt. 
Fur die neuen Klassen und fur den praktischen Unterricht, aber auch 
weil einige Kollegen fortgegangen sind, miissen neue Lehrer einge- 
stellt werden (1/199, 225, 226, 268, 274, 285). Bei dieser Gelegen- 
heit wird auch festgelegt, wer zum Lehrerkollegium gehoren soli und 
wer nicht (1/198, 199). 

Beim neusprachlichen Unterricht taucht die Frage auf, die dann nie 
zur Ruhe kommen will: ob und wie in diesen Fachern die Schiiler, 
ungeachtet ihres Klassenzusammenhanges und ihres Alters, rein 
nach dem Stande von Wissen und Fahigkeit zusammengefaftt werden 
sollen (1/171, 284;vgl. auch Sachwortverzeichnis). 
Das Problem eines eigenen Schularztes (1/263) und das der Heil- 
eurythmie (1/284) treten auf. 

Das Wichtige aber ist, daft auf die acht Volksschulklassen jetzt eine 
9. Klasse, eine Oberklasse, aufgebaut wird (Einleitung S. 28 und 
1/119). Freilich klingen die damit beriihrten Probleme vorerst nur 
leise an. Zunachst sollen die 8. und 9. Klasse von zwei Klassenlehrern 
ebenso abwechselnd weitergefiihrt werden wie bisher die 7. und 
8. Klasse (1/200). 

Auch bei dem Lehrplan fiir das 9. Schuljahr, der jetzt aufgestellt wird 
(1/191, 219—226), verbirgt sich das grundsatzlich Neue zunachst 
noch unter dem Scheine, als ob in der 9. Klasse nur das in der 
8. Klasse Besprochene „noch einmal" durchzunehmen sei. Aber 



50 



Einleitungen 



gerade in dem, wie dies ,,noch einmal" geschehen soil, steckt ja die 
entscheidende Anderung der Unterrichtsart, die diesem Lebensalter 
entsprechend und notwendig ist. Das wird dann bei den folgenden 
Klassen immer deutlicher. Hier schauen diese Fragen nur gleichsam 
wie zum Fenster herein. 

Aber schon als jetzt die Frage aufkommt, warum denn die Arbeiter- 
kinder, die proletarischen Kinder, lieber sofort ins Berufsleben ge- 
steckt werden, statt in die 9. Klasse weiterzugehen (1/260, 261), 
klingt schon das Problem des Abituriums an (1/260) und damit die 
Sorge, daft die heranwachsenden Oberklassen zu sehr in die Nachbar- 
schaft der ublichen ,,hoheren Lehranstalt" geraten konnten, so daft 
dadurch ,,irgendwelche Dinge" verhindert wiirden (1/260). ,,Irgend- 
welche Dinge", das waren nach den ,,Volkspadagogischen Vortra- 
gen" (Liste Nr. 3) diejenigen Unterrichtsgegenstande, durch die der 
junge Mensch so, wie es unserer Zeit entspricht, ins wirklich prak- 
tisch-tatige Leben hineingestellt werden sollte. Diese Frage stent von 
nun an, ob ausgesprochen oder unausgesprochen, hinter allem, was 
iiber die Oberstufe noch verhandelt wird. Es ist ein schwerer Ver- 
zicht, daft diese Ziele der ,,Volkspadagogischen Vortrage" fur die 
Oberklassen aufgegeben werden miissen. 

Und ein grofter Verzicht liegt auch in dem Fazit, das Rudolf Steiner 
am 26. Mai 1921 aus der sozialen Entwicklung der letzten Zeit Zie- 
hen muft. Die Stuttgarter Schule kann nicht mehr als der Anfang 
einer weit iiber Deutschland hinausgreifenden Bewegung der Schul- 
erneuerung gelten. Sie kann nur noch ,,Modell" sein. ,,Eine zweite 
Schule werden wir nicht mehr errichten konnen" (1/289). Tatsach- 
lich wurden die unvermeidbaren Kompromisse den Behorden gegen- 
iiber standig einschneidender,, nicht nur bei alien spater gegriindeten 
Waldorfschulen, sondern auch bei der Stuttgarter Schule selbst. 
Ein zweites Charakteristikum dieses Schuljahres ist die Frage nach 
der wirtschaftlichen Grundlage der Waldorfschule. Als sie zwischen 
den Schuljahren, bei den Konferenzen vom 29. und 31. Juli und 
21. September 1920 zur Verhandlung kommt, da lodert das Feuer 
hell auf, das lange schwelte. 

Aber in Wahrheit ist gar nicht das Materielle der Grund dafiir. Die 
Finanzierung bleibt in alien folgenden Jahren eine schwere Sorge. Es 
ist ja auch im Friihjahr 1920 der Waldorfschulverein begriindet 
(1/183, Einleitung S. 22), dessen damals gegebene Form in den 
Hauptziigen heute noch besteht. Der Weltschulverein freilich, um 
den Rudolf Steiner sich so sehr muhte (1/183-186, 189, 201, 202, 
228—233, 289), kam weder damals nochje spater zustande. 



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In Wahrheit ging die Auseinandersetzung um zweierlei: urn die gei- 
stige Selbstandigkeit der Schule, das heifit praktisch um ihre Unab- 
hangigkeit von der Waldorf-Astoria-Fabrik, und dann um das rich- 
tige Verhaltnis zur Person von Emil Molt. 

Jetzt macht Rudolf Steiner klar, daft in Wirklichkeit die Griindung 
der Schule auch finanziell das Werk von Emil Molt ist. ,,Die Schule 
ist //zrVerdienst" (1/213). 

Gerade dadurch aber wird Emil Molts Stellungzur Schule richtig. Er 
ist gleichsam als Privatmann ,,Protektor der Schule" und ,,Schul- 
vater", so wie Bertha Molt ,,Schulmutter" ist. Damit sind beide 
vollgultige Mitglieder des Lehrerkollegiums (1/199). Dies Kollegium 
wird ,,jederzeit . . . mit Herrn Molt gehen, will aber nichts mit der 
Waldorf-Astoria zu tun haben" (1/209). Die Fabrik wird auch wei- 
terhin Beitrage geben und fur die Kinder ihrer Werkangehorigen das 
Schulgeld bezahlen. Aber die Schule wird von ihr vollig frei und 
unabhangig sein. 

Damit ist auch das dritte und wesentlichste Element dieser Konfe- 
renzen innerlich auf das engste verbunden. Rudolf Steiner spricht es 
aus in seiner Ansprache vor den Lehrern beim Beginn des zweiten 
Schuljahres am 22. September 1920 (1/214-217), dafl seine Stel- 
lung als Leiter der Schule nie anders aufgefaftt werden diirfe als die 
des Esoterikers. Sie diirfe niemals auf Suggestion oder aufierer Macht 
beruhen, stets nur auf dem freien Willen und Vertrauen derLehrer. 
Damit wird — und das ist die innerste Lebensquelle der Schule — 
deren Zusammenhang mit Rudolf Steiner und also mit der Anthro- 
posophie auf das genaueste umschrieben und dargestellt. 



3. Schuljahr: 18. Juni 1921 bis 30. Mai 1922 

Die Zahlen liefien sich fiir dieses Jahr nicht genau feststellen. Es 
waren ungefahr: 15 

30 Lehrer 
540 Schiiler 

Uberwiegend klingt die Stimmung des freudigen Schaffens durch 
dies dritte Schuljahr weiter fort; ebenso beim fortgesetzten Aus- 
und Aufbau wie bei den ohne Unterbrechung durch die Konferen- 
zen aller Jahre durchlaufenden Themen der Besprechung einzelner 
schwieriger Kinder und der Beantwortung spezieller sachlicher 
oder methodischer Fragen. 



52 



Einleitungen 



Auch in der Stellungnahme gegeniiber der behordlichen Schulrevi- 
sion wird noch eine ungebrochene Einheitlichkeit erlebt. Daft die 
Revision von seiten der Lehrer unrichtig, weil einseitig gesehen 
wird, offenbart sich erst nach Monaten. Schrittweise aber werden 
kritische Worte Rudolf Steiners vernehmlicher. Die Wolken senken 
sich zuweilen drohend tief herunter. 

Wieder werden zwei neue 1. Klassen (2/17, 22) und neue Parallel- 
klassen (2/17) eingerichtet. Auch Fachlehrer werden neu berufen 
(2/19,53). 

Vor allem wird aber die zweite Oberklasse, die 10. Klasse begriindet 
und bekommt ihren Lehrplan (2/18, 22—31). Dabei wird der bis- 
herige Brauch verlassen, daft die obersten Klassen wechselweise von 
nur zwei Klassenlehrern betreut werden. Es sollen deren jetzt drei, 
womoglich sogar vier werden (2/18, 27, 38). Fur diese Klasse werden 
voile funf praktische Facher neu eingerichtet: Spinnen und Weben; 
Gesundheitslehre und Erste Hilfe; Feldmessen; technische Mechanik 
(2/18, 29, 30) und Stenographic (2/31). 

Sehr eingehend kummert sich Rudolf Steiner darum, daft fur den 
,,Asthetikunterricht", den Unterricht fur das Verstandnis des 
Kunstlerischen, ein guter Fachmann zugezogen wird (2/23, 38). Von 
nun an werden fur diesen Unterricht wiederholentlich eingehende 
Direktiven erbeten und gegeben (2/41, 64 und Sachwortver- 
zeichnis). 

Eine grofie Rolle spielt die Revision durch den zustandigen Schul- 
rat im Fruhjahr 1922 (2/68-72; Einleitung S. 22, 25). Rudolf 
Steiner laftt sich von den Klassenlehrern sehr genau berichten, was 
sie dabei erlebt haben. Er muft daraus zu der Ansicht kommen, die 
Priifung und Beurteilung sei engstirnig, nicht auf das Wesen der 
Waldorfschule eingehend, und keineswegs wohlwollend gewesen. 
Es werden deswegen eingehende Beschliisse gefaftt, wie man durch 
Artikel in den Zeitschriften ,,Die Drei" und ,,Anthroposophie" 
solchen unsachgemafien Einwendungen entgegentreten konne 
(2/68, Liste Nrn.136, 138). 

Desto harter ist der Schlag, als Rudolf Steiner im folgenden Schul- 
jahr den Bericht des Schulrates an das Ministerium gelesen hat. Er 
sagt es dann den Lehrern mit scharfen Worten. ,, Wohlwollend ist der 
Bericht!" — ,,Die Dinge sind wahr, die darin stehen; das ist das Bit- 
tere" (2/141). 

Aber auch schon in diesem 3. Schuljahr kommt gelegentlich derber 
Tadel zu Wort, noch schwach, aber unuberhorbar. Rudolf Steiner 



Einleitungen 



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klagt iiber mangelnde Mitarbeit, iiber mangelnde Lebendigkeit der 
Schiiler (2/20) und iiber zu geringen Zusammenhang unter den Leh- 
rern. „WilIig zusammenarbeiten! Gegenseitig sich verstehen im Kol- 
legium" (2/80). 

Es findet auch die erste, dieses Mai nurkurze, aber sehr eingreifende 
Besprechung statt iiber zwei besonders schwierige" Schiiler der beiden 
obersten Klassen. ,,Man mufi mit den Jungen fertig werden" 
(2/71,72). 

Rudolf Steiner tadelt aber nicht nur; er hebt auch wie immer gerne 
das Gute heraus. Er ist erfreut, „weil die Waldorfschule diesen guten 
Geist ausgebildet hat", und ,,weil sie im wesentlichen doch alles 
gehalten hat, was sie versprochen hat" (2/77). Er gibt auch an, was 
zu tun sei fur ein gutes Zusammenarbeiten. Er lobt die Dissertation 
von Dr. von Baravalle. „Das ist tatsachlich so, dafi spirituelle Krafte, 
die im Lehrerkollegium sind, das Lehrerkollegium tragen durch die 
Gegenseitigkeit des inneren wissenschaftlichen Erlebens" (2/44). 
Ganz am Ende des Schuljahres geschieht aber etwas, was einen bosen 
Schatten vorauswirft. Schiiler der obersten (10.) Klasse hatten gebe- 
ten um ein Gesprach mit Rudolf Steiner (2/93). Dabrachten sie alles 
vor, was sie an Kiimmernissen iiber einige ihrer Lehrer auf dem Her- 
zen hatten. Rudolf Steiner horte sie an, liefi sie ruhig alles ausspre- 
chen, fragte nicht nach und entliefi sie, ohne weiter darauf einzu- 
gehen. Dies Gesprach hatte eine starke Nachwirkung, aber erst im 
folgenden Jahr. 

4. Schuljahr: 20. Juni 1922 bis etwa 24. Marz 1923 

Auch hier sind die beiden ersten Zahlen nicht genau festzustellen: 

19 Klassen 
37 Lehrer 
640 Schiiler 

Gleich zu Beginn des Schuljahres, noch ehe der Unterricht beginnt, 
ziehen sich die Wolken zum ersten Male dicht zusammen und entla- 
den sich, wie auch dann im Lauf des Jahres, Schlag auf Schlag. 
Rudolf Steiner gebraucht immer wieder empdrte, tadelnde Worte, 
bis hin zum Februar 1923. 

Aber in die dadurch entstandene finster lastende Stimmung der Leh- 
rer hinein stellt er im letzten Vierteljahr, eine nach der anderen, 
sieben geschlossene Sonderdarstellungen, die jeweils ein wichtiges 



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Gebiet der Padagogik erhellen. Sie umfassen manchmal eine ganze 
Konferenz. Es wird so gleichsam das, was abzusinken droht, mit 
Riesenkraft wieder in die Hohe gehoben. 

Das erste Unwetter grollt gleich am Abend nach der Schuleroffnung 
1922. Nach kurzer Ansprache wird in einigen der wichtigsten Facher 
ein Austausch der Lehrer vorgenommen. Rudolf Steiner war dem, 
was die Schiiler der 10. Klasse ihm im Gesprach vorgebracht hatten, 
selbst griindlich beobachtend nachgegangen (2/93) und hatte den 
Eindruck bekommen, daft ,,die Waldorfschule (mit diesen Kindern) 
nicht eigentlich fertig geworden ware" (2/93). Ein schwerer Vor- 
wurf folgt dem anderen. (Es werden nur einige angefiihrt.) Statt des 
,,innigen Verbundenseins" mit der Klasse sei eine ,,gewisse . . . Ent- 
fremdung eingetreten". Es sei zu einem ,,Zerflattern" der Klasse 
gekommen, nicht zum ,,richtigen Zusammenwirken". Statt ,,Begei- 
sterung" habe sich ,, negative, skeptische Stimmung ... in den 
Unterricht hineingeschlichen" (2/95, 96). 

Der Unmut Rudolf Steiners ist so tief, dafi er am nachsten Abend die 
Konferenz schroff abbricht und im Zorn hinausgeht, als es sich zeigt, 
daB bei den Zeugnissen ,,ein Mangel an Ernst", ,,eine unerhorte 
Schlamperei" vorgekommen sei (2/110). Erst die Konferenz am drit- 
ten Tag (22. Juni 1922) verlauft in gewohnter Weise. 
Ganz besonders schlimm wird es, als im Herbst 1922 bei einer 
Gruppe von Schiilern der 9. bis 11. Klasse Ausschreitungen vorge- 
kommen waren, in denen sich eine moralische ,,Verwilderung" 
offenbarte. Die griindliche Besprechung dariiber nimmt zwei ganze 
Konferenzen (2/120—137) und dariiber in Anspruch. 
Mehrere Schiiler mussen von der Schule ausgeschlossen werden, und 
es gibt einigen Wirbel in den Klassen und bei den Menschen um die 
Schule herum. 

Rudolf Steiner gebraucht auch dieses Mai gegeniiber den Lehrern 
wieder harte Worte, und er wiederholt manche auch in anderen Kon- 
ferenzen dieses Jahres. (Auch hier wird nicht auf alles hingewiesen.) 
Er spricht von ,,gewohnlichem Schulschlendrian" (2/205), von 
,,innerer Bequemlichkeit" (2/225). ,,Die Waldorfschul-Methodik ist 
nicht iiberall angewendet" (2/205), ,,die Praxis ist noch nicht da" 
(2/108). ,,Das Dozieren ist nicht iiberwunden worden" (2/174). Es 
bestehe nicht genug ,,Interesse und Verstandnis for das Echo, das aus 
der Klasse entgegenkommt" (2/173); ,,die Kinder arbeiten nicht 
mehr innerlich seelisch mit" (2/173). So ist ,,der Kontakt verloren 
mit den Kindern" (2/204). ,,Selbstdisziplinierung" ist notig (2/224). 



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,,Frische, . . . Wurf, Schneid gehort in unsere Unterrichtstatigkeit" 
(2/206). „Wir miissen Feuer hineinbringen" (2/179). Vor allem 
aber: „Es muft Humor hinein!" (2/108). Gerade dies wird mehrfach 
auch an anderen Stellen wiederholt. „Die Stimmung ist hier eine so 
gespannte" (2/224). ,,Ein harmonisches Zusammenarbeiten miiftte 
geboren werden" (2/225). 

Es kommen noch Schwierigkeiten anderer Art hinzu. In iiber drei 
Konferenzen wird endlos verhandelt iiber die richtige Gestaltungdes 
Stundenplans (28. Oktober, 24. November, 5. und 9. Dezember 

1922) . Der Eindruck ist, daft Rudolf Steiner zuletzt resignieren muft, 
weil er kein Verstandnis findet. 

Und endlich zeigt es sich als notig, daft Rudolf Steiner die Schulver- 
waltung auf eine neue Grundlage stellt. Er schlagt vor, daft neben 
dem, der im Schulhause wohnt und deshalb gewisse laufende Ver- 
waltungsdinge zu fiihren hat (2/235), nun fur allesubrige ein ,,kleines 
Kollegium", ein drei- bis vierkopfiger Verwaltungsrat gebildet wird 
(2/235). Dies laftt sich aber erst in muhsamenundlangwierigen Ver- 
handlungen erreichen, bei denen Rudolf Steiner mit seinen tadeln- 
den Aufterungen nicht hinter dem Berge halt (23. und 31. Januar 

1923) . 

Wahrend dieser schweren Monate wird aber dennoch der Ausbau der 
Schule fortgefiihrt. Fiir die neue 11. Klasse wird ein ausfuhrlicher 
Lehrplan gegeben (2/97-99, 102-106, 109), und es sollen neue 
Lehrer berufen werden (2/151, 184). Durch neue Parallelklassen 
konnen nun die Volksschulklassen alle doppelziigig gefiihrt werden. 
Vor allem aber tut Rudolf Steiner etwas tief Eingreifendes. Gerade 
in dieser Zeit (Januar bis Marz 1923), als auch in der Anthroposo- 
phischen Gesellschaft grofte Schwierigkeiten zu uberwinden sind, 
wirkt Rudolf Steiner durch das Einflieftenlassen neuer spiritueller 
Krafte der niederdriickenden Stimmung entgegen. 
Er spricht erstens iiber den Bildschmuck in den Raumen der Schule 
(2/228—231, 240, 241); zweitens daruber, wie sich der Lehrer 
fruchtbar vorbereiten kann (2/232—235). Es folgt als drittes das 
iiber die Schulhygiene Gesagte (2/257—267), und viertens ein aus- 
fiihrliches Gesprach iiber die Stellung des franzosischen Unterrichts 
in der Schule (2/276—284). Als fiinftes schlieften sich an Ernah- 
rungsfragen (2/284—289) und sechstens die Grundlegung desTurn- 
unterrichts (2/218—220, 292—301). Schlieftlich als siebtes werden 
fur Lehrer und einige besonders interessierte Musikfreunde im Marz 
noch zwei grofte Vortrage gehalten iiber Wesen und Entwicklung der 
Musik (Zeittafel; Liste Nr. 24). 



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5. Schuljahr: 24. April 1923 bis etwa 7. April 1924 

21 Klassen 
39 Lehrer 
687 Schiiler 

Die Gewitterstiirme des Vorjahres haben die Luft gereinigt, wenn es 
auch noch keineswegs ohne Riickfalle und Riickschlage abgehen will. 
Im Zentrum des Interesses steht, auflerlich gesehen, wahrend des 
ganzen Jahres die Auseinandersetzung mit Staat und Auftenwelt, das 
heiBt hier also mit dem Abiturientenexamen. Das nimmt viel Zeit 
und Kraft in Anspruch. 

Grofite geistige Ereignisse geben die herrschende Stimmung. Erstens 
im Herbst 1923 die drei Vortrage fur die Waldorflehrer ,,Anregungen 
zur innerlichen Durchdringung des Lehr- und Erzieherberufes" 
(Liste Nr. 28). Zweitens am Ende des Schuljahres die ,,Erziehungs- 
tagung der Freien Waldorfschule" (Liste Nr. 29). Drittens, und mehr 
als alles andere, die Dornacher Weihnachtstagung vom 24. Dezember 
1923 bis zum 1. Januar 1924 (Liste Nr. 118). 

Es wird der Versuch gemacht, die Schuler schon am Ende des 
12. Schuljahres ins Abitur zu schicken. Davon ist in zwei Dritteln 
aller Konferenzen dieses Jahres die Rede; mehr oder weniger aus- 
fuhrlich, direkt oder indirekt. Besonders eindringlich wird es am 
25. April 1923 und ganz zuletzt, also schon nach der Priifung, am 
27. Marzl924. 

Diese Abituriumsnot ist auch der Grund dafiir, daft der Lehrplan der 
neueingerichteten 12. Klasse gar nicht so aufgestellt werden kann, 
wie es sein miifite. Immer wieder heiftt esahnlich wie 3/34—38: ,,Wir 
mtifiten den Lehrplan der 12. Klasse eigentlich . . .", und dann: 
,,aber wir konnen des Abiturs wegen nur . . ." Immerhin kann doch 
Wesentliches gegeben werden: iiber Chemie (3/35, 36, 76, 77), iiber 
Zoologie und Geologie (3/34, 35, 42-44, 77-79). Ausfiihrlich wird 
gesprochen iiber Interpunktion, ihr Wesen und die Methode ihrer 
Behandlung (3/56, 67-70). 

Im iibrigen Aufbau wird zum ersten Male eine dritte 5. Klasse, eine 
5c eingerichtet (3/93, 100) und wieder zwei 1. Klassen (3/21), Es 
gehen Lehrer fort, zumTeil nach schwierigen Auseinandersetzungen 
(3/21— 25), und neue kommenhinzu (2/302, 3/26). 
Aber wieder erheben sich Schwierigkeiten mit Schulern, diesmal 
nicht aus den drei obersten Klassen (dort ist eine gewisse Beruhigung 
eingetreten), sondern aus der 9. Klasse. Es ist in diesem Jahr nicht 



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alles gar so tragisch, es klingt auch Humor hinein. Ausschliisse kom- 
men nicht vor. Aber bei mehreren Schiilern wird die schwierige 
Psychologie eingehend durchgesprochen (3/60—63, 64—66, 71, 
82—86). Es handelt sich in erster Linie darum, daft die in diesem 
Alter heraufkommende ,,latente" Intelligenz sich von sich selbstaus 
nur an ,,riipelhaften Sachen iibt". ,,Die Intelligenz muft auf die rich- 
tigen Bahnen gelenkt werden" (3/72—74). 

Diesem Negativen stehen auch in diesem Jahre wieder herrlichste 
Geistgeschenke gegeniiber. Die ,,kunstlerisch-padagogische Tagung" 
vom 25.-29. Marz 1923 (Liste Nr. 25). Dann die ,,padagogischen 
Michaelsvortrage" vom 15. und 16. Oktober 1923 (Liste Nr. 28). 
Und schlieftlich Ostern 1924 die ,,Erziehungstagung" (Liste Nr. 29). 
In ihr wird schon spiirbar, was seit drei Monaten, alles iiberstrahlend, 
in die Schule hineinwirkte: die Dornacher Weihnachtstagung (Ein- 
leitungS. 15; Liste Nr. 118). 

Rudolf Steiner, der bei dieser Neubegriindung der Anthroposophi- 
schen Gesellschaft in ihr jetzt selbst den Vorsitz iibernommen hatte, 
spricht in der nachstfolgenden Konferenz (3/110—123) erstmals 
iiber die neuen Aufgaben, aber auch iiber die neuen Krafte, die sich 
aus diesem Ereignis fur die Lehrer der Waldorfschule ergeben sollten. 
Es lag die Absicht vor, dies alles in der Folgezeit noch viel weiter und 
grofter auszubauen. 



6. Schuljahr: 30. April 1924 bis 30. Marz 1925 

1919 1924 

8 Klassen 23 Klassen 

12 Lehrer 47 Lehrer 

256 Schuler 784 Schuler 

Die von Rudolf Steiner geleiteten Konferenzen des ersten (1919/20) 
und die des letzten Schuljahres (1924) stehen einander seltsam 
gegeniiber. 

So riesenhaft sich 1919 alle Anfangsschwierigkeiten auch erheben 
mochten, sie verbrannten ganz und gar in dem Feuer der Begeiste- 
rung dariiber, daft diese Waldorfschule nun Wirklichkeit werden 
sollte. Die anthroposophische Geisteswissenschaft trat weithin sicht- 
bar in das allgemeine Kulturleben ein. Sie sollte der Erziehungskunst 
neue und befeuernde Impulse geben. Mit schier unerschopflichem 
Wagemut wurden die neuen Aufgaben angepackt. 



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Einleitungen 



Im letzten Jahr, 1924, mischen sich in den hellen Glanz, wie in den 
letzten zwei Jahren, auch wieder uniibersehbar getriibte Tone hinein. 
Sie gewinnen nicht die Ubermacht, gehen sogar zuriick, aber sie 
rufen auf zur Selbstbesinnung und zu erhohter Anspannung aller 
Krafte, um Begeisterung und Geistesgetragenheit standig neu erste- 
hen zu lassen. 

Der auBere Ausbau war in alien Grundziigen an sein Ende gelangt. 
Die zwolf Jahrgange, die die Schulpadagogik umfassen, standen, 
samt der Hilfsklasse, jetzt da. Parallelklassen wurden auch in diesem 
Jahr wieder neu eingerichtet (3/145), trotzdem die Schiilerzahl fiir 
die vier untersten Klassen von der Schulbehorde noch eingeschrankt 
war (3/145, Einleitung S. 29, 30); auch neue Lehrer wurden noch 
eingestellt (3/143, 145), aber es wurde nicht, wie bisher, eine neue 
Klasse auf die eigentliche Schule daraufgesetzt. 

Dafiir kam der weittragende Entschluft zustande, in diesem Schul- 
jahr nicht mehr die Reifepriifung am Ende der 12. Klasse abzuhalten. 
Dieser Versuch hatte im vorigen Jahr die oberste, 12. Klasse und 
ihren Lehrplan von Grund aus verdorben. 

Rudolf Steiner erwog lange (3/144, 146, 150, 194), wie diese Frage 
zu losen sei. Er sprach sie auch mit den Schiilern durch, die jetzt in 
die 12. Klasse eintraten (3/135, 150). Das endgiiltige Ergebnis war, 
daft vom iibernachsten Jahr, also von 1925 ab, eine eigene Klasse 
eingerichtet werden sollte fiir solche Schiiler, die ein staatliches 
Reifezeugnis benotigten fiir ihren Lebensweg. Damit aber diese 
Klasse nicht einfach als die hochste, die 13., angesehen werden 
konne, sollte sie schon durch die Namensgebung „Vorbereitungs- 
klasse fiir das Abiturium" (3/194) als eine Sondereinrichtung cha- 
rakterisiert werden. Die zwolf eigentlichen Klassen sollten ,,rein 
gehalten" werden (3/146). 

Fiir die zwolf Schulklassen aber konnte nun, ohne Rucksichtnahme 
auf Abschlufizeugnisse, der Lehrplan vervollstandigt werden, wie 
immer ausschlieBlich begriindet auf Wesen und Bediirfnisse der jun- 
gen Menschen selbst (3/146-149, 150—158). Er wurde erganzt 
durch einen jetzt neu gegebenen Gesamtlehrplan fiir den Unterricht 
in den neueren Fremdsprachen (3/161 — 165, 170—175). 
Das Hinausschieben der Abitursvorbereitung aus der eigentlichen 
Schule war aber nur ein Teil eines Kampfes, den Rudolf Steiner 
damals fuhrte, um die Waldorfschule ,,rein zu halten" von den Ein- 
fliissen, die aus deriiblichen, „bourgeoisen" (1/261) hoheren Schule 
hineinwehten. Denn diese veranlaBten zum guten Teil die erwahnten 
Triibungen des Gesprachstones in den Konferenzen. 



Einieitungen 



59 



Die Riicksicht auf die Priifung drohte, schon bis in die 9. Klasse 
hinunter, die Oberstufe einseitig intellektuell oder lernmafiig zu 
machen. Sie verhinderte, die Lebenskunde oder Technologie zu 
erweitern; sie drohte sogar, die bestehende einzuengen, die doch 
gerade ins Tatig-Menschliche, ins wirkliche Leben hineinfiihren 
sollte. Das ist in den Konferenzen nicht mit direkten Worten gesagt, 
aber wer diesen Ton in anderen Vortragen Rudolf Steiners, zum 
Beispiel 1/276, 277, oder ,,Die padagogische Praxis vom Gesichts- 
punkte geisteswissenschaftlicher Menschenerkenntnis", 7. Vortrag, 
S. 142—145 (Liste Nr. 26), vernommen hat, hort ihn auch hier 
immer wieder durch. Manche Enttauschung und Bitterkeit, mancher 
Tadel (3/167-169, 182-185, 187-190), die schon im 5. Schuljahr 
ausgesprochen waren, kommen jetzt verstarkt wieder. Die strengen 
Worte beziehen sich, wenn von den Zeugnissen (3/141, 167, 168, 
180, 181) die Rede ist, auf samtliche Klassen, sonst aber vor allem 
auf die oberen. Und da trifft es besonders die Lehrer des Hauptunter- 
richts, die selbst einst durch staatliche Oberschule und Universitat 
mit ihren intellektuellen Forderungen hindurchgehen mufiten. 
Davon war ihnen zuruckgeblieben, womit sie jetzt zu ringen hatten: 
das Dozieren (3/187), die Miidigkeit. „Ein Mensch kann doch nicht 
miide sein, wenn erimGeiste leben soil" (3/190). Mit harten Worten 
bezeichnet Rudolf Steiner diese Fehler, die noch nicht durch 
Anthroposophie iiberwunden sind, und wiederholt das immer 
wieder. ,,Es fehlt der moralische EinfluB der Lehrerschaft auf die 
Schiilerschaft von der 8. Klasse ab eigentlich doch sehr stark" 
(3/183). Die Schwierigkeiten seien ,,vorzugsweise eine Sache des 
Interesses an den Kindern . . . und eine Sache des Enthusiasmus" 
(3/189). 

Aber so streng die Worte klingen mogen, so sind sie doch niemals in 
Resignation gesagt. Sie sind positiv gemeint, wollen weiterhelfen. 
,,Ich muB einen neuen Einschlag geben" (3/189). Fur die herandran- 
genden Aufgaben soli sich der Blick starker und klarer nach innen 
wenden, damit die Arbeit der Lehrer immer tiefer angeschlossen 
werde an das Geistige, an die wahre Menschenkunde. ,,Ich will Vor- 
trage halten im September oder in der ersten Oktoberwoche iiber die 
moralische Seite der Erziehung und des Unterrichts" (3/194). Aber 
dieser Kurs wurde nicht gehalten. Die eingetretene Krankheit 
Rudolf Steiners verhinderte es. Ebenso wird erwahnt ein zugesagtes 
Seminar iiber den Sprachunterricht, das nicht mehr zustande kam. 
Diese Liicken schmerzen seither wie brennende Wunden. Denn die 
Aufgaben wurden grofter und grofier. 



60 



Einleitungen 



Die erste Gruppe der Absolventen, der ,,ehemaligen" Schiiler stand 
schon da. Mit ihnen wurden zwei Besprechungen abgehalten (Zeit- 
tafel), und Rudolf Steiner stellte weitere Fiirsorge in Aussicht. 
Auch der Kreis der Jugendgruppen, die auf die Waldorfschule hin- 
schauten, war gewachsen. Erwahnt werden die in Breslau (3/177) 
und die in Dornach (3/137, 143 und Einleitung S. 35). Die Schul- 
bewegung erweiterte sich. Es wurden neue Schulen jetzt auch in 
Holland und England errichtet, fur die Rudolf Steiner padagogische 
Kurse hielt mit Hinweisen auf das Stuttgarter Urbild. Und ebenfalls 
wuchs das Bediirfnis, aus dem Munde der Lehrer Naheres iiber Wal- 
dorf-Padagogik zu horen. Solche Vortrage waren gehalten oder in 
Aussicht genommen in Niirnberg und Munchen (3/192). 
Die Eltern der Waldorfschiiler hatten gebeten um Belehrung und 
Hilfe. Ihnen hielt Rudolf Steiner einen Vortrag am 1. Juni 1924 
(Zeittafel. ListeNr. 8). 

Oberall tonte aus den Worten Rudolf Steiners die vertiefte Kraft 
heraus, die er in die Schule einflieflen lieft. Aber das geschah wohl 
niemals intensiver, freudiger, strahlender als in seiner Ansprache an 
Kinder, Eltern, Lehrer beim Schulbeginn am 30. April 1924 
(3/145). Und niemals war die Stimmung geloster und trotz allem 
hoffnungsfreudiger als in der Konferenz vom 3. September (3/191) 
in der Nacht, ehe Rudolf Steiner nach Dornach fuhr zum Kurs iiber 
Sprachgestaltung, auf den er sich so sichtlich freute. Es war die letzte 
Lehrerkonferenz mit ihm. 

Wahrend der ganzen zweiten Halfte dieses Schuljahres lag Rudolf 
Steiner krank in Dornach. Die Sorgen und Note der Lehrer konnten 
nur durch Briefe zu ihm gelangen, die dann durch ganz kurze Rand- 
bemerkungen oder durch nach Stuttgart zu schreibende Anweisun- 
gen beantwortet wurden. Am letzten Schultag, am 30. Marz 1925, 
starb Rudolf Steiner. 

Zwei Wochen vorher hatte er noch einmal selber einen Brief an die 
Waldorflehrer geschrieben (abgedruckt in ,,Die Konstitution der All- 
gemeinen Anthroposophischen Cesellschaft . . .", S. 405; Liste 
Nr. 50). In diesem Brief faflt Rudolf Steiner noch einmal die Kern- 
krafte der Waldorf-Padagogik zusammen. Er spricht da von der 
Fruchtbarkeit der Anthroposophie und sagt: ,,Wenn die Lehrer- 
schaft treu im Herzen das Bewufltsein tragt von dieser Fruchtbar- 
keit, dann werden die guten iiber dieser Schule waltenden Geister 
wirksam sein kor.nen, und in den Taten der Lehrer wird gottlich- 
geistige Kraft walten." 

Erich Gabert 



ANSPRACHE VON DR. RUDOLF STEINER 
am 20. August 1919 in Stuttgart 



bei einem BegriiBungsabend fur die Teilnehmer an den padagogi- 
schen Kursen, die vom 21. August bis zum 6. September fur die 
kiinftigen Waldorflehrer abgehalten wurden. 

Anwesend Herr Molt Frau Koegel 

Frau Molt Herr Baumann 

Herr Stockmeyer Herr Rudolf Meier 

Fraulein von Mirbach Herr Pastor Geyer 

Fraulein Herrmann Herr Hahn 

Herr Dr. Treichler Herr Oehlschlegel 
Fraulein Dr. C. von Heydebrand 

Rudolf Steiner: Heute Abend soil nur etwas Praliminarisches 
gesagt werden. Die Waldorfschule muB eine wirkliche Kulturtat 
sein, um eine Erneuerung unseres Geisteslebens der Gegenwart zu 
erreichen. Wir miissen mit Umwandlung in alien Dingen rechnen; die 
ganze soziale Bewegung geht ja zuletzt auf Geistiges zuriick, unddie 
Schulfrage ist ein Unterglied der groBen geistigen brennenden Fra- 
gen der Gegenwart. Die Moglichkeit der Waldorfschule muB dabei 
ausgeniitzt werden, um reformierend, revolutionierend im Schul- 
wesen zu wirken. 

Das Gelingen dieser Kulturtat ist in Ihre Hand gegeben. Viel ist damit 
in Ihre Hand gegeben, um, ein Muster aufstellend, mitzuwirken. Viel 
hangt davon ab, daB diese Tat gelingt. Die Waldorfschule wird ein 
praktischer Beweis sein fiir die Durchschlagskraft der anthroposo- 
phischen Weltorientierung. Sie wird eine Einheitsschule sein in dem 
Sinne, daB sie lediglich darauf Riicksicht nimmt, so zu erziehen und 
zu unterrichten, wie es der Mensch, wie es die menschliche Gesamt- 
wesenheit erfordert. Alles miissen wir in den Dienst dieses Zieles stel- 
len. 

Aber wir haben es notig, Kompromisse zu schlieBen. Kompromisse 
sind notwendig, denn wir sind noch nicht so weit, um eine wirklich 
freie Tat zu vollbringen. Schlechte Lehrziele, schlechte AbschluB- 
ziele werden uns vom Staat vorgeschrieben. Diese Ziele sind die 
denkbar schlechtesten, und man bildet sich das denkbar Hochste auf 
sie ein. Die Politik, die politische Tatigkeit von jetzt wird sich da- 
durch auBern, daB sie den Menschen schablonenhaft behandeln 
wird, daB sie viel weitergehend als jemals versuchen wird, den Men- 



62 



Ansprache 



schen in Schablonen einzuspannen. Man wird den Menschen behan- 
deln wie einen Gegenstand, der an Drahten gezogen werden mufi, 
und wird sich einbiiden, daft das einen denkbar grofiten Fortschritt 
bedeutet. Man wird unsachgemafi und moglichst hochmiitig solche 
Dinge einrichten, wie es Erziehungsanstalten sind. Ein Beispiel und 
Vorgeschmack davon ist die Konstruktion der russischen bolsche- 
wistischen Schulen, die eine wahre Begrabnisstatte sind fur alles 
wirkliche Unterrichtswesen. Wir werden einem harten Kampf ent- 
gegengehen und miissen doch diese Kulturtat tun. 
Zwei widersprechende Krafte sind dabei in Einklang zu bringen. Auf 
der einen Seite miissen wir wissen, was unsere Ideale sind, und miis- 
sen doch noch die Schmiegsamkeit haben, uns anzupassen an das, 
was weit abstehen wird von unseren Idealen. Wie diese zwei Krafte in 
Einklang zu bringen sind, das wird schwierig sein fur jeden einzelnen 
von Ihnen. Das wird nur zu erreichen sein, wenn jeder seine voile 
Personlichkeit einsetzt. Jeder muft seine voile Personlichkeit einset- 
zen von Anfang an. 

Deshalb werden wir die Schule nicht regierungsgemaft, sondernver- 
waltungsgema.fi einrichten und sie republikanisch verwalten. In einer 
wirklichen Lehrerrepublik werden wir nicht hinter uns haben Ruhe- 
kissen, Verordnungen, die vom Rektorat kommen, sondern wir 
miissen hineintragen (in uns tragen?) dasjenige, was uns die Moglich- 
keit gibt, was jedem von uns die voile Verantwortung gibt fur das, 
was wir zu tun haben. Jeder muft selbst voll verantwortlich sein. 
Ersatz fur eine Rektoratsleistung wird geschaffen werden konnen 
dadurch, daft wir diesen Vorbereitungskurs einrichten und hier das- 
jenige arbeitend aufnehmen, was die Schule zu einer Einheit macht. 
Wir werden uns das Einheitliche erarbeiten durch den Kurs, wenn 
wir recht ernstlich arbeiten. 

Fur den Kurs ist anzukiindigen, daft er enthalten wird: 

Erstens eine fortlaufende Auseinandersetzung iiber allgemein pad- 
agogische Fragen 

zweitens eine Auseinandersetzung iiber speziell methodische Fragen 
der wichtigsten Unterrichtsgegenstande 

drittens eine Art seminaristisches Arbeiten innerhalb dessen, was 
unsere Lehraufgaben sein werden. Solche Lehraufgaben werden wir 
ausarbeiten und in Disputationsubungen zur Geltung bringen. 

An jedem Tag werden wir vormittags das mehr Theoretische haben 
und nachmittags dann das Seminaristische. Wir werden also morgen 



Ansprache 



63 



um 9 Uhr beginnen mit der Allgemeinen Padagogik, haben dannum 
1/2 11 die speziell methodische Unterweisung und am Nachmittag 
von 3—6 Uhr die seminaristischen Ubungen. 

Wir miissen uns voll bewufit sein, daB eine grofte Kulturtat nach jeder 
Richtung hin getan werden soli. 

Wir wollen hier in der Waldorfschule keine Weltanschauungsschule 
einrichten. Die Waldorfschule soil keine Weltanschauungsschule 
sein, in der wir die Kinder moglichst mit anthroposophischen Dog- 
men vollstopfen. Wir wollen keine anthroposophische Dogmatik leh- 
ren, aber wir streben hin auf praktische Handhabung der Anthro- 
posophie. Wir wollen umsetzen dasjenige, was auf anthroposophi- 
schem Gebiet gewonnen werden kann, in wirkliche Unterrichts- 
praxis. 

Auf den Lehrinhalt der Anthroposophie wird es viel weniger ankom- 
men als auf die praktische Handhabung dessen, was in padagogischer 
Richtung im allgemeinen und im speziell Methodischen im besonde- 
ren aus Anthroposophie werden kann, wie Anthroposophie in Hand- 
habung des Unterrichts iibergehen kann. 

Die religiose Unterweisung wird in den Religionsgemeinschaften 
erteilt werden. Die Anthroposophie werden wir nur betatigen in der 
Methodik des Unterrichts. Wir werden also die Kinder an die Reli- 
gionslehrer nach den Konfessionen verteilen. 

Das ist der andere Teil des Kompromisses. Durch berechtigte Kom- 
promisse beschleunigen wir unsere Kulturtat. 

Wir miissen uns bewufit sein der groften Aufgaben. Wir diirfen nicht 
bloB Padagogen sein, sondern wir werden Kulturmenschen im 
hochsten Grade, im hochsten Sinne des Wortes sein miissen. Wir 
miissen lebendiges Interesse haben fur alles, was heute in der Zeit vor 
sich geht, sonst sind wir fiir diese Schule schlechte Lehrer. Wir diirfen 
uns nicht nur einsetzen fiir unsere besonderen Aufgaben. Wir werden 
nur dann gute Lehrer sein, wenn wir lebendiges Interesse haben fiir 
alles, was in der Welt vorgeht. Durch das Interesse fiir die Welt miis- 
sen wir erst den Enthusiasmus gewinnen, den wir gebrauchen fiir die 
Schule und fiir unsere Arbeitsaufgaben. Dazu sind notig Elastizitat 
des Geistigen und Hingabe an unsere Aufgaben. 

Nur aus dem konnen wir schopfen, was heute gewonnen werden 
kann, wenn Interesse zugewendet wird 

erstens der grofien Not der Zeit, 

zweitens den groBen Aufgaben der Zeit, die man sich beide nicht 
groB genug vorstellen kann. 



64 



Ansprache 



Die Aufforderung zur Teilnahme am Kurs als Gaste ist nur an solche 
Anthroposophen ergangen, die spezielles Interesse haben, die an 
anderen Orten Ahnliches einrichten wollen. 

Gaste: Andreas Korner aus Niirnberg 
Fraulein Kieser aus Heilbronn 
Dr. W. Stein aus Wien 
Strakosch 
Wolfer 

An den beiden Sonntagen werden wir vormittags grofie Vortrage 
haben. 

Jeder Lehrer muB der Behorde einen Lebenslauf einreichen, aus dem 
hervorgeht, dafi er so viel gelernt hat, dafi er den Unterricht geben 
kann. Das wird von der Schulbehorde abhangen. Auch moralische 
Eignung. 



Konferenz vom Montag 8. September 1919, 10 Uhr 



Dr. Steiner: Wir werden den Schulanfang um 8 Uhr haben. Fur die 
Zeit vom 15. November bis zum 15. Februar kann 1/2 9 Uhr in 
Aussicht genommen werden. Klassenlehrer werden sein: 

1. Klasse Fraulein von Mirbach 

2. Klasse Herr Pastor Geyer 

3. Klasse Fraulein Lang 

4. Klasse Frau Koegel 

5. Klasse Fraulein Dr. von Heydebrand 

6. Klasse Herr Oehlschlegel 

7. und 8. Klasse Herr Dr. Treichler und Herr Stockmeyer. 

Aufterdem werden als Lehrer tatig sein: Herr Dr. Stein, Herr Hahn, 
Frau Baumann, Herr Baumann. 

Der Religionsunterricht ist auf den Nachmittag zu verlegen. Ebenso 
auch das Singen und der musikalische Unterricht; das wird von 
14—15.30 Uhr liegen. Auch die Eurythmie sollte nachmittags sein. 

Wir werden also am Nachmittag haben: 

von 14— 15.30 Uhr Musikalisches 

eine halbe Stunde Pause zur Erholung 
von 16—17 Uhr Religion 
von 17— 18 Uhr Eurythmie und Turnen 
um 18 Uhr werden die Kinder entlassen. 
Der Mittwoch- und Samstagnachmittag ist frei. 

Die Stunden werden sich in folgender Weise auf die Wochentage ver- 
teilen: 

14-15.30 Uhr 16-17 Uhr 17-18 Uhr 

Singen und Religion Eurythmie 
Musikalisches 

Montag 7./8. Klasse 7./8. Klasse 1./2. Klasse 

Dienstag 5./6. Klasse 5./6. Klasse 3./4. Klasse 

Mittwoch — — — 

Donnerstag 4./3. Klasse 4./3. Klasse 5./6. Klasse 

Freitag 2./1. Klasse 2./1. Klasse 7./8. Klasse 

Samstag — — — 



66 



8. 9. 1919 



Die Stundenzahl ist den Lehrern uberlassen. Der Religionsunter- 
richt ist in absteigender Linie zu unterrichten. Es ist gut fur den Leh- 
rer, den Sonntag nach den Kleinsten zu haben. Am Donnerstag und 
Freitag haben wir also in den vier niederen Klassen ab 16 Uhr den 
Religionslehrer. 

In der 1., 2., 3. Klasse haben wir nur Eurythmie, in der 4., 5., 6., 7., 
8. Klasse auch Turnen. Die Turner sollte man bei der Eurythmie, die 
Eury thmisten beim Turnen zuschauen lassen. 

Dann der Stundenplan fur den Vormittag: 

1. Klasse Montag Mittwoch Freitag 8 —10 Haupt- 

Dienstag Donnerstag Samstag 101/4 — 121/4 unterricht 

2. Klasse Dienstag Donnerstag Samstag 8 —10 Haupt- 

Montag Mittwoch Freitag 10 1/4 — 121/4 unterricht 

Es sollte in den ersten dreiviertel Jahren alles moglichst im Zusam- 
menhang durchgenommen werden, also die Facher ein Vierteljahr 
hintereinander, nach Wahl. Im letzten Vierteljahr kann man dann die 
Gegenstande trennen und sie abwechselnd nehmen zur Wiederho- 
lung. Nur bei der Wiederholung trennt man die Gegenstande, sonst 
nimmt man immer eine Zeitlang nur einen Gegenstand, also etwa 
Marchenerzahlen und dann Schreiben. 

3. Klasse Montag bis Samstag 8—10 Uhr fur den Klassenlehrer. 

Zwolf Stunden ist genugend fur den Lehrer. Das ist achtstundiger 
Arbeitstag mit der Vorbereitung. 

4. Klasse wie bei Klasse 3 

5. Klasse Montag Mittwoch Freitag 8 —10 

Dienstag Donnerstag Samstag IO1/4 — 121/4 

6. Klasse Dienstag Donnerstag Samstag 8 —10 

Montag Mittwoch Freitag 101/4 — 121/4 

In der 7. und 8. Klasse wechseln die beiden Klassenlehrer mitein- 
ander. 

7. Klasse 1. Lehrer Montag Mittwoch Freitag 8-10 

2. Lehrer Dienstag Donnerstag Samstag 8—10 

8. Klasse 1. Lehrer Dienstag Donnerstag Samstag 8—10 

2. Lehrer Montag Mittwoch Freitag 8—10 



8.9. 1919 



67 



Sprachunterricht : 

Die 1. Klasse hat taglich, je nachdem ob der Hauptunterricht urn 8 
oder um lO 1 /* beginnt, vorher oder nachher eine Stunde Englisch 
und Franzdsisch. Das ist eventuell auf den Nachmittag zu verlegen, 
aber womoglich sollte es am Vormittag sein. 

Die 2. Klasse ebenso. 

Die 3. Klasse hat auch taglich eine Stunde Englisch oder Franzd- 
sisch. 

Die 4. Klasse ebenso. Aber die haben dazu aufierdem taglich nach- 
mittags zwei Stunden Lateinisch, aufler Mittwoch und Samstag, also 
acht Stunden in der Woche. Aber alles womoglich am Vormittag. 

Spater wurde das von Dr. Steiner dahin abeeandert, dafi sowohl mit dem 
Lateinischen wie mit dem Griechischen in der 5. Klasse begonnen werden 
sollte. Siehe auch Seminarbesprechungen S. 182. 

Die 5. Klasse ebenso. 

In der 6. und 7. Klasse kommt Griechisch hinzu. Dafiir fallen 
wochentlich vom 6. Schuljahr ab drei englisch/franzosische Stunden 
weg. Statt dessen haben sie 1 1/2 Stunden Latein und 1 1 /2 Stunden 
Griechisch. 

Aller Sprachunterricht sollte zwischen Pausen gemacht werden. 

Das Englisch in der 1. und 2. Klasse ubernimmt Fraulein Dr. von 
Hey debrand ; alles iibrige Englisch Herr Oehlschlegel. 

Im Franzosischen ubernimmt Herr Hahn die 1. bis 3. Klasse, also 
neun Stunden; das iibrige, die 4. bis 8. Klasse Herr Dr. Treichler. 

Lateinisch: 4. (und 5.? ) Klasse Herr Pastor Geyer, 6. Klasse Herr 
Dr. Treichler. 

Griechisch: Herr Dr. Treichler. 

Herr Dr. Stein vertritt Fraulein von Mirbach fiir die Zeit ihrer Ab- 
wesenheit. Vielleicht kann Dr. Stein im Latein Dr. Treichler helfen, 
drei bis vier Wochen, bis Mitte Oktober. 

Handarbeit kann zum Teil im Hauptunterricht gegeben werden. 
Oder man kann es nachmittags einfugen. 

Der anthroposophische Unterricht, der freie Religionsunterricht, 
kann durch die Klassenlehrer gegeben werden. Aber damit soli man 
pausieren bis zum 23. September. 



68 



8.9 1919 



Vom 18. bis zum 21, September bin ich in Dresden, am 23. werde 
ich wieder hier sein. Da wird vieles zu besprechen sein. Da konnen 
Sie vieles fragen. Am 26. mufi ich wieder weg. 

Es wird gefragt nach Apparaten fur die Physik. 

Dr. Steiner: Lehrmittel muft man anschaffen, wenn sie gebraucht 
werden. Aber man sollte es vier Wochen vorher sagen, 

Es wird eine Frage gestellt nach dem Physikunterricht. 

Dr. Steiner: Man mui3 unterscheiden: geschlagene, gerissene, gestri- 
chene Tone. Am Monochord. 

Dr. Steiner weist fur den lateinischen und griechischen Unterricht auf in 

Osterreich gebrauchliche Lehrbiicher hin: 

Schmidt, ,,Lateinische Schulgrammatik", ed. Hofmann, 

Schenkel, ,,Griechisches Elementarbuch" und ,,Griechisches Obungsbuch". 

Marchen, Sagen, Erzahlungen. Geschichte (Lehrerbibliothek). 

Verein Freie Waldorfschule. 

Einheitliche Volks- und hohere Schule. 

Dr. Steiner: Konferenzen sind freie republikanische Unterredungen. 

Jeder ist darin ein Souveran. 

Jeder Lehrer sollte ein kurzes Tagebuch fiihren. 



Konferenz vom Donnerstag 25. September 1919, 8.30 Uhr 



Dr. Steiner: Meine lieben Freunde! Heute wird es sich darum han- 
deln, daft Sie die in den letzten zehn Tagen gesammelten Erfahrun- 
gen vorbringen und wir das Notige besprechen. 

Stockmeyer (als Verwalter der Schule) berichtet: Wir haben den Unterricht 
am 16. September angefangen mit einer kurzen Ansprache an die Schiiler 
durch Herrn Molt. 

An dem Stundenplan, wie er hier verabredet war, muftte einiges geandert wer- 
den, weil die evangelischen und katholischen Religionslehrer zu den von uns 
festgesetzten Stunden nicht Zeit haben. Es mufiten auch einige Klassen zu- 
sammengelegt werden. 

In den Unterricht von 8 — 10 mufite eine kleine Pause von funf Minuten ein- 
geschoben werden. 

Dr. Steiner: Das kann gemacht werden. Aber was in der Zeit ge- 
schieht, muB im freien Ermessen des Lehrers stehen. 

X. ; Beim Sprachunterricht in den oberen Klassen stellte sich heraus, dafi bei 
einzelnen Kindern noch gar keine Sprachkenntnisse vorhanden sind. Des- 
wegen miissen am Anfang statt eineinhalb Stunden nun drei englische und 
drei franzosische Stunden gegeben werden. Es muftte auch ein Anfangerkurs 
eingerichtet werden und einer fur Fortgeschrittenere. 

Dr. Steiner: Was unterrichten Sie in der 8. Klasse? 

X.: Zinsrechnung in repetierender Weise; ich will jetzt zu Diskont- und Wech- 
selrechnung iibergehen. 

Dr. Steiner: Die beiden Lehrer der 7. und 8. Klasse miissen sich eben 
fortlaufend miteinander verstandigen, daft immer, wenn ein Lehrer 
oder eine Lehrerin die Klasse verlafit, ein gewisser Abschluft vorhan- 
den ist. Wenn er dann in die Klasse zuruckkommt, mufi wiederholt 
werden. Ist es Ihnen in den paar Tagen schon gelungen, genau zu 
wissen, wieviel die Schiiler schon konnen? 

X.; Das konnte ich ungefahr schon feststellen. 

Dr. Steiner: Bei Ihrer beschrankten Schiilerzahl ist dies ja wohl 
moglich gewesen, aber die anderen werden es kaum gekonnt haben. 
Man kann durchaus daran festhalten, daft Sie vielleicht ungefahr im 
Mittel acht Tage nehmen zum Wechseln, aber es mufi dann speziell so 
eingerichtet werden, daft ein Kapitel abgeschlossen ist. 

X. : In der 7. Klasse konnen sie wenig Geschichte. 



70 



25.9. 1919 



Dr. Steiner: Sie werden wahrscheinlich in so etwas wie in der Ge- 
schichte in jeder Klasse von vorne anfangen mussen, denn eine 
ordentliche Geschichte wird keiner kennen. Die Kinder werden sich 
vielleicht das Landlaufige angeeignet haben, aber eine ordentliche 
Geschichte, wie wir sie hier angedeutet haben, werden Sie bei nie- 
mand finden. Sie werden sie in jeder Klasse von vorne anfangen 
mussen. 

X.: Viele Eltern konnten sich nicht entscheiden, ob sie den freien Religions- 
unterricht oder ob sie evangelischen oder katholischen fur ihre Kinder wahlen 
wollten. Sie haben in den Fragebogen geschrieben „beides". Sie mochten 
wegen der Familie nicht auf die Konfirmation verzichten. 

Dr. Steiner: Da diirfen wir nicht nachgeben; entweder-oder. Wir wer- 
den iiber die Frage spater noch extra sprechen. 

X.: Es ergab sich eine wirtschaftliche Frage: Sollen die Schuler, die Schulgeld 
zahlen, ihre Biicher selbst kaufen? Fur die Kinder aus der Waldorf-Astoria- 
Fabrik haben wir ja Lehrmittelfreiheit, und da konnten dann Kinder neben- 
einander sitzen, der eine hat ein Buch, das er wieder abgeben mufi, der andere 
kann es behalten. Das ist etwas, was die Klassengegensatze betont. 

Dr. Steiner: In dieser Form kann es nicht gemacht werden, daft die 
Kinder die Biicher kaufen und behalten. Es kann nur so eemacht 
werden, dafi man fur die Eltern, die das Schulgeld bezahlen, dies 
Schulgeld um die Lehrmittelpreise erhoht; es im iibrigen aber so halt, 
wie mit den anderen Kindern. Also die Biicher mussen zuriickgege- 
ben werden wie bei den anderen. 

X.: Soli das auch auf Hefte und solche Dinge ausgedehnt werden? Hier in 
Stuttgart ist das Usus geworden. Und wie soli es mit Atlanten und Zirkeln 
gehalten werden? 

Dr. Steiner: Es wiirde natiirlich das beste sein bezuglich der Hefte 
und Ahnlichem, wenn fiir jede Klasse ein Vorrat angeschafft wiirde, 
und die Kinder gezwungen waren, wenn sie ein Heft ausgeschrieben 
haben, zum Lehrer zu kommen, um ein neueszu bekommen, damit 
Rechnung getragen werden konnte dem Umstand, dafl das eine Kind 
mehr Hefte braucht als das andere. Es miiflte also ein Vorrat von 
Heften vorhanden sein, und die Hefte nach Bedarf von dem Lehrer 
den Kindern gegeben werden. 

Fiir Zirkel und dergleichen, da reiBen natiirlich auch Unsitten ein, 
wenn man es blofi in den Willen der Kinder stellt, was sie sich kaufen 
oder nicht kaufen sollen. Diejenigen, die mehr Geld haben, die kau- 
fen dann bessere Sachen. Das ist auch eine Kalamitat. Es ware schon 
vielleicht nicht schlecht, wenn man es auch da so machen wiirde, daB 



25.9. 1919 



71 



das ganze Handwerkzeug der Schule gehort, und die Kinder es nur 
zum Beniitzen bekommen. 

Fur den Atlas wiirde ich etwas anderes vorschlagen: Daft eine Art 
Fonds gestiftet wiirde fur solche Dinge, und daft die Atlanten, die 
wahrend des Jahres gebraucht werden, ebenso behandelt werden wie 
die anderen Lehrmittel. Dagegen sollte beim Abgang von der Schule 
jedes Kind einen Atlas bekommen. Das ware aufterdem eine sehr 
schone Sache, wenn die Kinder beim Abgang das eine oder andere 
bekommen wiirden. Vielleicht konnte man diese Dinge sogar als 
Pramie fur Fleift geben: ein grofteres, schoneres Buch dem, der mehr 
geleistet hat; ein kleineres dem, der weniger geleistet hat; und dem, 
der faul war, vielleicht nur eine Landkarte. Das ist etwas, was man 
tun konnte ; es darf nur nicht zu weit fiihren. 

X.: Wie sollen wir es handhaben mit den Biichern fur den konfessionellen 
Religionsunterricht? Bisher gab es da auch Lehrmittelfreiheit. Nach der 
neuen Verfassung wird es voraussichtlich nicht mehr so sein. Es war bei uns 
gemeint worden, dafi die Kinder diese Bucher selbst anschaffen sollten, und 
dafi auch der Unterricht des Pfarrers besonders bezahlt werden miifite. 

Dr. Steiner: Ich habe nichts dagegen, daft es so gemacht wird. Ich 
wiirde nur meinen, daft wir zunachst fur dieses Jahr, damit alles ohne 
Reibung ablauft, uns erkundigen sollten, wie es andere Schulen 
machen. In der Zukunft werden wir schon zu einem eigenen Modus 
kommen, aber in diesem Jahr sollten wir es so machen wie die ande- 
ren Schulen. Wir mussen uns nach den offentlichen Schulen richten. 
Wenn diese noch nicht verlangen, daft die Religionsbiicher bezahlt 
werden und der Unterricht bezahlt wird, dann mussen wir auch war- 
ten, bis die es verlangen. Das wiirde uns schon vie! helfen, wenn wir 
sagen wiirden, wir machen es genauso wie die anderen offentlichen 
Schulen. 

X.: Sollen wir uns da nach den hoheren Schulen richten? 

Dr. Steiner: Nein, die Volksschule kommt fur uns in Betracht. 

X.: Es ist darin noch nichts festgelegt. 

Dr. Steiner: Ja, ich wiirde es machen nach dem Usus der Volks- 
schule. Denn die sozialistische Regierung wird zunachst nichts tun, 
sondern alles beim alten lassen. Sie wird Gesetze machen, aber 
alles beim alten lassen. 

X.: Es scheint sich zu empfehlen, eine Art Klassenbuch zu fiihren. Naturlich 
nicht so, wie es sonst iiblich ist, sondern fur Eintragungen in ganz freier Weise, so 
daiS jeder Lehrer sich uber die Arbeit der anderen Lenrer ein wenig orientieren 
kann. 



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25.9. 1919 



Dr. Steiner: Ja, schreibt man etwas Ordentliches hinein, so braucht 
man Zeit. Das ist dann die Zeit, die zu den Allotria der Kinder fiihrt. 
In der Zeit, in der man als Lehrer mit den Kindern zusammen ist, 
sollte man nie irgend etwas anderes machen. Ich meine also, man ist 
nicht im Klassenzimmer darinnen, wenn man eine Tatigkeit ausiibt, 
die sich nicht auf die Kinder bezieht. Wenn man das Zimmer betritt, 
ist man mit den Kindern, bis man weggeht, und man sollte ihnen 
nicht einen Augenblick Veranlassung geben, etwa durch Eintragung 
ins Klassenbuch oder dergleichen, untereinander zu schwatzen und 
abgezogen zu werden. 

Viel besser ist es, diese Fragen unter sich zu erledigen. Wir setzen ja 
voraus, daft die Klassenlehrer keine Handel kriegen, sich sehr lieb 
haben und sich mundlich besprechen. Wer mit einer Klasse zu tun 
hat, bespricht sich mit den anderen, die auch damit zu tun haben. 
Und was sich die einzelnen aufschreiben wollen, das machen sie 
aufterhalb des Unterrichts. Nichts, gar nichts machen in den Unter- 
richtsstunden, was vom unmittelbaren Verkehr mit den Kindern 
abzieht. 

X.: Vielleicht kann man das in der Pause machen? 

Dr. Steiner: Wozu ist es denn notig, immer einzutragen? Erstens 
muft es eingetragen werden, zweitens muft es der andere lesen. Das ist 
ein Zeitaufwand, der verlorengeht fur den Verkehr mit den Schiilern. 

X.: Soil man auch nicht eintragen, wenn Schiiler fehlen? 

Dr. Steiner: Das ist ja eigentlich auch etwas, was man nicht braucht. 

X.: Nur wenn ein Kind langer fehlt, miifite man sich erkundigen, was los ist. 

Dr. Steiner: Das kann bei einer nicht allzu groften Klasse auch 
mundlich abgemacht werden im Verkehr mit den Schiilern. Man kann 
ja fragen, wer fehlt, und es sich dann eintragen ins eigene Notizbuch- 
lein. Das ist etwas, was man tun kann. Es wird ja sonst in den Schulen 
in die Zeugnisse eingetragen, wieviel ein Kind gefehlt hat, aber wir 
brauchen dafiir kein Klassenbuch. 

X.: Es war notwendig, den Schiilern das Klettern auf den Kastanienbaumen 
zu verbieten. Wir wollen aber moglichst wenig Verbote geben. 

Dr. Steiner: Es ist sehr notwendig, daft wir uns dariiber klar sind, daft 
wir in die Schule herein nicht lauter Engel bekommen. Das darf uns 
in keinem Falle hindern, unseren Ideen und unseren Idealen nach- 
zugehen. Diese Dinge diirfen uns nicht dazu fiihren, auch nur zu 



25. 9. 1919 



73 



denken: wir konnen nicht erreichen, was wir uns vorgenommen 
haben. Wir miissen immer klar vor uns haben auf der einen Seite, daft 
wir das, was in den Intentionen liegt, die wir im Kursus durchgefuhrt 
haben und auch sonst, verfolgen. Wieviel wir davon nicht erreichen, 
ist eine andere Frage; die miissen wir fiir sich behandeln und von Zeit 
zu Zeit genau besprechen. Heute ist noch zu kurze Zeit vergangen. 
Sie werden nur sagen konnen, wie stark die Rangenhaftigkeit zum 
Ausbruch gekommen ist. 

Aber eines mochte ich Sie doch bitten, daft Sie es recht beriicksich- 
tigen. Das ware das, daft wir als Lehrerschaft selbst — was die ande- 
ren machen durch die Kinder, das ist eine Sache fiir sich — , daft wir 
als Lehrerschaft versuchen, mogliclist nicht unsere Schulangelegen- 
heiten in die Offentlichkeit hinauszutragen. Ich bin jetzt erst seit 
Stunden wieder da, aber ich habe schon so viel Geschwatz gehort, 
wer eine Ohrfeige gekriegt hat und so weiter; es geht schon insGren- 
zenlose, dieses Geschwatz durch die Leute hindurch, daft es mir 
schrecklich war. Nicht wahr, wir brauchen uns nicht zu kummern, 
wenn es durch alle moglichen unrichtigen Fugen herauskommt. Da 
sind wir harthautig dagegen; aber tragen wir nur ja nicht selber dazu 
bei. Schweigen wir iiber alles das, was wir handhaben in der Schule. 
Halten wir uns an eine Art Schulgeheimnis. Reden wir nicht zu den 
Auftenstehenden, aufter zu den Eltern, die mit Fragen zu uns kom- 
men, und da wiederum immer nur iiber die eigenen Kinder, daft nicht 
zu Geschwatzen Veranlassunggegeben wird. Es gibt Leute, die reden 
aus Sensationslust und mit Wollust iiber solche Dinge. Das ist Gift fiir 
unsere ganze Unternehmung, wenn sie in dieser Weise in Klatsch 
iibergeht. Das ist ja leider besonders in Stuttgart, daft viel in anthro- 
posophischen Kreisen geklatscht wird. Das ist auch, was uns viel 
schadet, dieser Klatsch, der mir in widerwartiger Weise schon ent- 
gegengetreten ist, und der von uns Lehrern nicht in irgendeiner Weise 
unterstiitzt werden darf. 

X.: In einzelnen Fallen wird es vielleicht notig sein, unbegabte Kinder in nie- 
derere Klassen zuriickzuversetzen. Oder soli man empfehlen, diesen Kindern 
Nachhilfestunden geben zu lassen? 

Dr. Steiner: Das Zuriickversetzen ist natiirlich bei niedrigeren Klas- 
sen schwieriger; bei hoheren wird es sich leichter machen lassen. In 
den ersten zwei Klassen sollte man moglichst nicht zuriickversetzen. 

Es werden einzelne Falle besprochen. 

Dr. Steiner: Nachhilfestunden sind technisch nie zu empfehlen. Nur 
in den Fallen, wo die Eltern selbst an uns herankommen, wenn sie 



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25.9. 1919 



von schlechten Erfolgen horen, kann man ihnen zu Nachhilfestun- 
den raten. Wir selber als Lehrer werden nicht Nachhilfestunden 
geben. Das tun wir nicht. Da wiirde es dann noch besser sein, ein 
Kind herunterzuschieben in eine andere Klasse. 

X. spricht iiber zwei Kinder in der 4. Klasse, die beschrankt sind. 

Dr. Steiner: Diese Kinder miissen ganz nach vorn in die Nahe des 
Lehrers gesetzt werden, unbeschadet des Temperaments, damit sie 
jeden Augenblick im Auge behalten werden. 

Rabiate Kinder kann man dadurch bei der Stange halten, dafl man sie 
an die Ecken setzt oder ganz vorne oder ganz hinten hin, damit sie 
weniger Nachbarn haben, keine Vorder- und Hintermanner. 

X.: Manchmal sehen Kinder nicht richtig. Ich kenne Kinder, die nur deshalb 
zuriickblieben, weil die weitsichtig waren, und man das nicht beachtete. 

Dr. Steiner: Das mufl der aufmerksame Lehrer auch sehen, wo bei 
den Kindern Organfehler vorliegen wie Kurzsichtigkeit oder Schwer- 
horigkeit. Es ist schwierig, auf alles hin arztliche Untersuchungen 
anzustellen. Nur wenn der Lehrer es angibt, sollte eine solche statt- 
finden. 

Durch die schularztlichen Untersuchungen, wie sie an den Schulen 
iiblich sind, kommen wir zu stark in das Sachverstandigensystem 
hinein. Wir wollen jetzt lieber von einem Schularzt absehen, daja 
Herr Dr. Noll nicht hier sein wird; das wiirde etwas anderes sein. 
Jeder fremde Arzt wiirde uns Schwierigkeiten bereiten. Der Arzt 
sollte selbstverstandlich der Berater der Lehrer sein, und der Lehrer 
sich vertrauensvoll an ihn wenden konnen, wenn er etwas beiseinen 
Kindern bemerkt. 

Bei beschrankten Kindern ist es ja oftmals so, dafi plotzlich etwas bei 
ihnen aufspringt; sie bessern sich oft ganz plotzlich. Ich werde mor- 
gen der Schule einen Besuch machen und werde mir dann die ein- 
zelnen Kinder, besonders die beschrankten, daraufhin ansehen. 

X.: Meine 5. Klasse ist sehr grofi und sehr verschiedenartig. Es ist sehr schwer, sie 
miteinander zu unterrichten und besonders, sie ruhigzu halten. 

Dr. Steiner: Bei dieser Starke einer Klasse mufl man nach und nach 
immer mehr versuchen, die Klasse als Chor zu behandeln, und 
nicht einzelne unbeschaftigt zu lassen. Also mehr die ganze Klasse 
zusammen behandeln. Deshalb haben wir ja die lange Geschichte 
mit den Temperamenten gemacht. 

Das Begabtsein oder Unbegabtsein beruht ja manchmal auf einem 



25. 9. 1919 



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rein psychischen Unterschied. Die Kinder bringen oft nur nicht 
heraus, was sie in sich haben, und es ware sehr ungerecht, die Kin- 
der, die in dem richtigen Alter sind fur diese Klasse (zehn- bis elf- 
jahrig), nicht mitkommen zu lassen. Es wird ja immer darunterwel- 
che geben, die in dem einen oder anderen Fache schwach sind. Es 
sind das oft Fehler, die dann auf einmal aufhdren. Solche Fehler 
schleppen sich fort durch das kindliche Alter bis zu einem gewissen 
Schuljahr, und dann, wenn das Piinktlein aufspringt, werfen die Kin- 
der plotzlich die Fehler ab. Daher soil man die Kinder nicht zuriick- 
lassen. Gerade diese Schwierigkeit mit den Begabten und Unbegab- 
ten, die miissen wir tiberwinden. 

Wenn wir allerdings die Uberzeugung haben, dafi sie das Lehrziel der 
letzten Klasse nicht erreicht haben, dann miissen wir sie natiirlich 
zuruckschieben. Aber, das bitte ich Sie wohl zu unterscheiden, wir 
werden sie dann nicht als Unbegabte behandeln. Wenn Sie also sol- 
che haben, die das Lehrziel der letzten Klasse wirklich nicht erreicht 
haben, dann schieben Sie sie herunter. Sie miissen dies aber sehr bald 
tun. 

Man sieht an einem Fach abet nie genau, ob das Lehrziel erreicht ist 
oder nicht; man darf da nie nach einzelnen Fachern gehen. Das 
Heruntersetzen muBte aber noch im ersten Vierteljahr erfolgen. Die 
Lehrer miissen die friiheren Zeugnisse ihrer Schiiler natiirlich bekom- 
men. Aber ich bitte, immer durchaus streng zu beachten, daB wir 
nicht, um einen Schiiler rascher beurteilen zu konnen, nun zum 
iiblichen Stundenplansystem iibergehen diirfen. Immer erst ein Kapi- 
tel fertig machen, auch wenn es dann etwas langer dauert, bis die 
Beurteilung moglich ist. 

Beim Zuriickversetzen werden die einzelnen Falle genau gepriift wer- 
den miissen; man kann da nichts generaliter durchfuhren. Man darf 
da nichts leichtherzig tun, sondern nur nach strenger Priifung, und 
was man wirklich verantworten kann. 

Zu der Frage der Zuriickversetzung solcher Kinder, bei denen das 
Lehrziel der vorigen Schule nicht erreicht ist, ware noch zu sagen, 
daB man selbstverstandlich mit den Eltern sprechen mufl. Die Eltern 
miissen einverstanden sein. Man darf natiirlich den Eltern nicht 
sagen, daft ihre Kinder blode sind, sondern man mufi ihnen beweisen 
konnen, daB sie in der friiheren Schule das Lehrziel der letzten Klasse 
nicht erreicht haben, trotz des Zeugnisses. Das mufi beweisbar sein. 
Es muB aber ein Defekt der friiheren Schule sein, nicht ein Defekt 
der Kinder, um die es sich handelt. 



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X.: Kann man auch hinaufschieben in eine ho here Klasse? Ich habe in der 

7. Klasse zwei Kinder, die, wie mir scheint, gut in die 8. Klasse iibergehen 
konnten. 

Dr. Steiner: Ich wiirde das am Zeugnis priifen. Wenn Sie es aber 
verantworten konnen, kann es sehr gut gemacht werden. Gegen das 
Hinaufschieben in eine andere Klasse habe ich nichts. Das kann sogar 
auf die andere Klasse wirken, in die die Kinder hineinkommen. 

X.: Es ware doch wohl in der 7. Klasse nicht so erwunscht. Jetzt werden wir 
sie noch zwei Jahre zur Erziehung haben. Wenn wir sie heraufsetzen, haben 
wir sie nur noch ein Jahr. 

Dr. Steiner: Deswegen, weil wir die Kinder hinaufschieben, konnten 
wir sie doch auch noch zwei Jahre haben. Wir entlassen sie nicht, 
sondern behalten sie auch das nachste Jahr nochmals in der 

8. Klasse. Wenn sie das Alter in der 7. Klasse schon erreicht haben, 
nimmt man sie uns ja doch fort. Bei uns wird der Unterricht nicht so 
pedantisch sein, so daB er doch jedes Jahr eine grofte Verschieden- 
heit aufweist, namentlich in der Behandlung. Und das nachste Jahr, 
da werden wir doch schon viel ,,erleuchteter" sein als dieses Jahr, so 
daft es ganz gut zu machen ist, daft wir Kinder, die wir jetzt in der 
letzten Klasse haben, auch das nachste Jahr noch in der letzten 
Klasse haben. 

Es ist doch schon so: Dieses erste Jahr wird so ein Probejahr sein, 
namentlich fur die Lehrerschaft. Das liegt mir sehr auf der Seele. Auf 
die Lehrerschaft kommt alles an! Von Ihnen, liebe Freunde, wird es 
abhangen, ob die Ideale verwirklicht werden konnen. Es kommt 
wirklich darauf an, daft wir selber am meisten lernen. 

X.: Ich habe in der 6. Klasse ein Kind, das wirklich sehr minderbegabt ist. Es 
stort aber den Unterricht nicht, es hat sich sogar eigentlich fur die anderen 
vorteilhaft erwiesen, dafi es da ist. Ich mochte versuchen, es zu behalten. 

Dr. Steiner: Wenn das Kind die anderen nicht stort und wenn Sie 
glauben, doch noch etwas mit ihm erreichen zu konnen, dann wiirde 
ich meinen, daft Sie es in der Klasse behalten miissen. Es ist immer ein 
Ereignis, wenn wir jetzt umschieben. Lieber behalten! Gewisse Un- 
terschiede konnen wir sogar beniitzen; wir haben ja dariiber ein- 
gehend gesprochen. 

X.: Ich habe in der 8. Klasse einen Knaben, der melancholisch ist und zuriick- 
geblieben. Den mochte ich in die 7. zuriickschieben. 

Dr. Steiner: Das miiftte aber so gemacht werden, daft Sie das Kind 
dahin bringen, daft es sein eigener Wille ist, zuriickversetzt zu wer- 



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den. Sie mtiftten so mit ihm sprechen, daft Sie zuletzt seinen Willen 
dahin dirigieren, daft das Kind selber darum bittet. Nur nicht barsch 
zuriickversetzen. 

X.: In der 7. Klasse sind die Unterschiede sehr grofi. 

Dr. Steiner: Wenn Sie in der 7. und 8. Klasse nur fertig kriegen, daft 
die Kinder das Autoritatsgefiihl nicht verlieren! Das ist dasallernot- 
wendigste. Das erreicht man aber am besten dadurch, daft man auf 
die Art, wie die Kinder sind, in hochst vorsichtiger Weise eingeht und 
sich doch wiederum gar nichts vergibt. Also nicht bei den Kindern 
wie ein Pedant erscheinen, nicht wie einer, der Lieblingsmeinungen 
hat. Man muft den Kindern scheinbar nachgeben, in Wirklichkeit 
aber gar nichts nachgeben. Gerade in dem 7. und 8. Schuljahr 
kommt es sehr, sehr auf die Art der Behandlung an. Da darf man sich 
in keiner Minute etwas vergeben, so daft die Kinder nicht hinaus- 
gehen und iiber den Lehrer spotten. Die Kinder miissen immer ehr- 
geizig darauf sehen — wenn ich den Ausdruck brauchen darf, er 
betrifft nicht einen iiblen Ehrgeiz — , daft sie ihren Lehrer verteidigen 
und gliicklich sind, daft sie diesen Lehrer haben. Das kann man doch 
bei den starksten Rangen entwickeln. Man kann nach und nach das 
entwickeln, daft die Kinder den Drang haben, ihren Lehrer zu ver- 
teidigen, weil das ihr Lehrer ist. 

X.: Ist es richtig, dafi man im Sprachunterricht, selbst in der Klasse, wo die 
Kinder schon schreiben konnen, doch noch davon Abstand nimmt, das 
Schriftbild einzufuhren, so da/3 die Kinder sich zunachst nur an das Ausspre- 
chen gewohnen? 

Dr. Steiner: Ja, moglichst spat iibergehen zum Schreiben in den 
fremden Sprachen, das ist sehr wichtig. 

X.; Die Kinder werden ja eben erst eingefiihrt, und die Sprechubungen ermii- 
den zunachst sehr. Kann man da den Unterricht beleben durch Erzahlungen 
in der Muttersprache? 

Dr. Steiner: Das ist sehr gut. Aber wenn Sie etwas aus der Mutter- 
sprache nehmen, miissen Sie doch moglichst sehen, es irgendwie mit 
der fremden Sprache zu verbinden, die fremde Sprache hineinzukrie- 
gen. Stoff schaffen konnen Sie dadurch, daft Sie so etwas im Unter- 
richt machen. Das ist das Richtige. Dann auch kleine Gedichte, Lie- 
der der fremden Sprache, kleine Geschichten. 

Bei dem Sprachkurs miissen wir selbstverstandlich weniger auf Klas- 
sen sehen, sondern die Kinder zusammennehmen nach ihrem Kon- 
nen. 



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X.: Ich finde eineinhalb Stunden Musik und eineinhalb Stunden Eurythmie in 
derWoche zu wenig. 

Dr. Steiner: Da es sich um eine Frage der Verteilung in die Unter- 
richtsraume handelt, kann erst spater das Notige geschehen. 

X.: Bei meinen Kindern in der 6. Klasse ist ein grofies Bediirfnis, mehr zu sin- 
gen. Ich kann aber nicht mit ihnen singen, weil ich unmusikalisch bin. Konnte 
man musikalische Kinder herausnehmen, um ein Liedchen zu singen? 

Dr. Steiner: Das ist dasjenige, was man tun sollte. Dasrichtet sich ja 
vielleicht in der einfachsten Weise ein, indem den Kindern einfach so 
etwas mit auf den Weg gegeben wiirde, was Sie frei behandeln kon- 
nen. Dazu brauchen Sie nicht sehr musikalisch zu sein, um die Kin- 
der singen zu lassen. Die Kinder lernen die Lieder im Gesangsunter- 
richt und iiben sie, indem sie sie am Anfang oder am Ende der Stunde 
singen. 

X.; Ich lasse die Kinder Lieder singen, sie sind aber recht schwerfallig. Die 
musikalisch Veranlagten mochte ich zusammennehmen zu einer besonderen 
Chorstunde, wo schwerere Sachen gesungen werden. 

Dr. Steiner: Das wiirde der ganzen Konstitution nicht widerspre- 
chen, wenn nach und nach aus den vier oberen Klassen (5.-8.) und 
aus den vier unteren Klassen (1.— 4.) Chore zusammengestellt wiir- 
den, vielleicht fur Sonntagschore. Durch so etwas schmiedet man die 
Kinder mehr zusammen als durch etwas anderes. Aber ja keinen 
falschen Ehrgeiz begriinden; den schlieflen wir aus aus der Unter- 
richtsmethode. Der Ehrgeiz darf sich nur auf die Sache beziehen, 
nicht auf die Personlichkeit. Die vier oberen Klassen zusammen und 
die vier unteren Klassen zusammen ware deshalb gut, weil die Stim- 
men etwas anders sind. Sonst ist die Sache ja nicht an Klassen ge bun- 
den. Im Unterweisen mufi man sie als eine Klasse behandeln; da 
mussen wir auch fur die Musik streng einhalten, was wir fin* die 
Lebensepochen festgestellt haben. Die Epoche um das neunte Jahr 
und die Epoche um das zwolfte Jahr mussen wir streng beachten 
nach der inneren Struktur. Aber fur die Chore, mit denen man even- 
tuell Sonntagsveranstaltungen machen kann, konnen wir die vier 
jtingeren und die vier alteren Klassen extra zusammenstellen. 

X.: Es hat sich herausgestellt, dafi wir in der Eurythmie sehr langsam vor- 
waxtskommen. 

Dr. Steiner: Zunachst im Anfang nehmen Sie doch alles sehr stark im 
Zusammenhang mit der Musik. Die allerersten Anfangsiibungen ganz 
aus dem Musikalischen heraus entwickeln, das wiirde besonders 



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gepflegt werden miissen. Ohne das andere zu vernachlassigen, beson- 
ders in den spateren Jahrgangen. 

Jetzt ware noch iiber den freien Religionsunterricht zu sprechen. Da 
muB man den Kindern sagen: Wer freien Religionsunterricht haben 
will, mufi ihn als solchen wahlen, und es miifite dann einfach dieser 
freie Religionsunterricht als dritter sein neben den beiden anderen. 
Ein unklares Miteinandervermischen darf absolut nicht sein. Dage- 
gen konnen Sie ruhig diejenigen, die freien Religionsunterricht 
haben sollen, so nehmen, dafi Sie sie klassenweise zusammenstellen. 
Sagen wir, die unteren vier Klassen und die oberen vier Klassen 
zusammen. Es kann ihn irgend jemand von uns geben. Wie viele sind 
denn da, die sich auf freien Unterricht einiassen? 

X.: Es sind bis jetzt sechzig; dabei sechsundfunfzig Anthroposophenkinder. 
Die Zahlen werden sich noch andern, weil manche beides haben wollten. 

Dr. Steiner: Vermischen tun wir also nicht. Agitieren fur diesen 
Unterricht tun wir auch nicht. Wir kommen nur den Wiinschen ent- 
gegen. Wir raten mehr, den konfessionellen Unterricht zu nehmen. 
Die Kinder, die gar keinen Religionsunterricht nehmen sollen, die 
laftt man, aber immerhin konnte man doch nachforschen nach den 
Griinden, warum sie keinen haben sollen. Das mufite in jedem einzel- 
nen Falle festgestellt werden. Es lassen sich dann doch vielleicht die 
einen oder anderen dazu veranlassen, sich zum konfessionellen 
Unterricht zuriickzuwenden oder zu dem anthroposophischen 
Unterricht zu kommen. Irgend etwas mufi man da schon tun. Dafi 
man die Kinder einfach aufwachsen laftt ohne Religionsunterricht, 
das wollen wir nicht einfiihren. 

X.: Soil der freie Religionsunterricht vom Klassenlehrer gegeben werden? 

Dr. Steiner: Es kann jemand von uns sein, der es tibernimmt. Es mufi 
nicht der betreffende Klassenlehrer sein. Es ist nicht wiinschenswert, 
daft jemand genommen wird, der unbekannt an uns herankommt. 
Wir sollten schon innerhalb des Kreises unserer Lehrer bleiben. 
Bei sechzig Kindern wiirden wir ungefahr dreiftig zu dreifiig zusam- 
mennehmen; vielleicht die vier oberen und die vier unteren Klassen 
zusammen. Ich werde Ihnen dafiir noch einen Lehrplan geben. Die- 
sen Unterricht miissen wir sehr sorgfaltig machen. 
Bei der ersten Abteilung muB alles, was sich auf Reinkarnation und 
Karma bezieht, wegbteiben. Die miissen erst in der zweiten Gruppe 
besprochen werden. Aber da miissen sie auftreten. Vom zehnten 
Jahr ab miissen die Dinge durchgenommen werden. Gerade bei die- 



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sem Unterricht ist es aufterordentlich notwendig, daft man von An- 
fang an auf die Selbsttatigkeit der Schiiler sein Augenmerk richtet. 
Nicht theoretisch soil von Reinkarnation und Karma gesprochen 
werden, aber praktisch. 

Eine Art Riickschau auf allerlei Zustande, die da waren vor der Ge- 
burt, haben die Kinder noch, wenn sie dem siebenten Jahre nahe- 
kommen. Sie erzahlen manchmal die kuriosesten Dinge, die bild- 
hafte Dinge sind, von diesen friiheren Zustanden; zum Beispiel das ist 
nicht vereinzelt, sondern typiscb, daft die Kinder kommen und 
sagen: Ich bin in diese Welt gekommen, das war durch einen Trich- 
ter, das hat sich immer weitergezogen. — Sie beschreiben, wie sie in 
die Welt gekommen sind. Diese Dinge laftt man beschreiben, laftt sie 
mitarbeiten und pflegt das, so daft es heraufgeholt wird insBewuftt- 
sein. Das ist sehr gut, nur ist zu vermeiden, daft den Kindern etwas 
eingeredet wird. Man miiftte dasjenige herauskriegen, was sie selber 
sagen. Das sollte man tun. Das gehort zum Lehrplan. 
Dieser Unterricht konnte belebt werden im Sinne des gestrigen 
offentlichen Vortrages. Das konnte das Schonste sein, was man 
macht, ohne daft man zur Weltanschauungsschule wird, wenn man 
reine Menschenerkenntnis zugrunde legte, und jede Minute die Pad- 
agogik neu belebte. In dieser Richtung ist auch mein Aufsatz gehal- 
ten, der in der nachsten Waldorfzeitung stent. Er handelt iiber „Die 
padagogische Grundlage der Waldorfschule". Das, was ich da ange- 
deutet habe, das ist im wesentlichen eine Art Zusammenfassung fur 
das Publikum alles dessen, was wir im Kursus haben. Das bitte ich als 
Ideal zu betrachten, was dort stehen wird in dem Waldorfblatt. 
Es geniigt fur jede Abteilungeineinhalb Stunden Religionsunterricht 
die Woche; zweimal dreiviertel Stunden. Es ware besonders schon, 
wenn er sonntags sein konnte, aber das wiirde sich wohl schlecht 
machen lassen. Man konnte die Kinder auch an die ,,Wochen- 
spriiche" gewohnen bei diesem Unterricht. 

X.: Sind die nicht zu schwer? 

Dr. Steiner: Es darf niemals fur uns etwas geben, was zu schwer ist 
fur die Kinder. Es handelt sich da nicht um das Aufnehmen des 
Gedankens, sondern wie die Gedanken aufeinander folgen und so 
weiter. Ich mochte wissen, was fur die Kinder schwerer sein konnte 
als das Vaterunser. Das bildet man sich nur ein, daft das leichter ist als 
die Wochenspriiche im ,,Seelenkalender". Und das ,, Credo"! Daft die 
Leute sich gegen das ,, Credo" auflehnen, riihrt nur davon her, daft es 
kein Mensch versteht, sonst wiirden sich die Menschen nicht aufleh- 



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nen. Das enthalt nur dasjenige, was im Grunde selbstverstandlich ist, 
aber die Menschen kommen bis zum siebenundzwanzigsten Jahr 
nicht so weit, daft sie es verstehen konnen, und nachher lernen sie 
nichts mehr vom Leben. Die Verhandlungen iiber das ,, Credo" sind 
kindisch. Es steht nichts darinnen, was man von sich aus entscheiden 
kann. — Die Wochenspriiche kann man auch mit den Kindern vor der 
Stunde sprechen. 

X.: Wiirde es nicht gut sein, die Kinder eine Art Morgengebet sprechen zu 
lassen? 

Dr. Steiner: Das ist etwas, was gemacht werden konnte. Ich hatte 
auch schon die Aufmerksamkeit darauf gewendet. Ich werde Ihnen 
morgen noch etwas dariiber sagen; auch wegen eines Gebetes werden 
wir noch sprechen. Da wiirde ich nur Sie um eines bitten. Sehen Sie, 
bei diesen Dingen kommt es wahrhaftig auf Aufterlichkeiten an. 
Nennen Sie den Spruch niemals ,,Gebet", sondern ,,Eroffnungs- 
spruch der Schule". Vermeiden Sie es, daft man aus Lehrermund den 
Ausdruck ,,Gebet" hort. Dann haben Sie das Vorurteil, daft es eine 
anthroposophische Sache sei, schon fur ein gut Stuck iiberwunden. 
Das meiste, was bei uns gesiindigt wird, wird durch Worte gesiindigt. 
Die Leute gewohnen sich nicht ab, Worte zu gebrauchen, die uns 
schadlich sind. Was glauben Sie, was ich hier ausgestanden habe, daft 
ich den Leuten abgewohnt habe, zu den ,,Kernpunkten der sozialen 
Frage" Broschiire zu sagen. Es ist doch ein Buch, es schaut nur aus 
wie eine Broschiire. Es ist ein Buch! Das kriegt man nicht fertig, daft 
alle Leute sagen ,,das Buch"; sie sagen ,,die Broschiire". Es hat eine 
gewisse Bedeutung. Das Wort ist nicht unnotig. Das sind Dinge, um 
die es sich wirklich handelt. Anthroposophen sind aber diejenigen 
Menschen, die sich am wenigsten in etwas ftigen. Denen gegeniiber 
kann man gar nichts durchbringen. Die anderen Menschen sind so 
autoritatsglaubig. Und damit hat das zu tun, was ich gesagt habe: Die 
Anthroposophen sind storrig, und es kann gar nichts bei ihnen 
durchgesetzt werden; auch nichts, was berechtigt ist! 

X.: Meine 5. Klasse briillt und tobt, besonders in den Sprachstunden. Die 
franzosischen Satze empfindet sie als Witze. 

Dr. Steiner: Das Richtige ware, auf den Witz einzugehen und aus 
dem Witz heraus zu lernen. Auf Witz sollte man immer eingehen, und 
zwar mit Humor. Aber die Kinder miiftten gehorchen. Sie miiftten 
auf Befehl wieder schweigen. Sie miiftten sie mit der Gebarde ruhig 
kriegen. 

Von Anfang bis Ende der Stunde muft man suchen, den Kontakt zu 



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behalten. Wenn es auch ermudet, es muft unter alien Umstanden das 
Band zwischen Lehrer und Schiiler bestehen bleiben. Durch auftere 
Disziplin ist in solchen Fallen nichts zu regeln, sondern dadurch, daft 
man zunachst eingeht auf die Sache und dann aus der Sache heraus 
wirkt. 

Die groftte Schwierigkeit ist wohl, daft Sie das feine Stimmchen 
haben. Sie miissen Ihr Stimmchen ein biftchen schulen. Sie miissen 
,,unten" reden lernen, nicht piepsen beim Schreien. Es ware schade, 
wenn Sie nicht Ihre Stimme behandelten, so daft etwas Baft hinein- 
kame. Also Tiefe muft hineinkommen. 

X.: Wer soil den lateinischen Unterricht geben? 

Dr. Steiner: Das ist eine Frage des Lehrerkollegiums. Vorlaufig 
wiirde ich die Frage so regeln, daft Herr Pastor Geyer und Dr. Stein 
den Lateinunterricht erteilen. Es ist zuviel fur einen. 

X.: Wo soli man anfangen mit der Geschichte? 

Dr. Steiner: Sie werden fast bei jeder Klasse mit der Geschichte von 
vorne anfangen miissen. Beschranken Sie einfach den Unterricht 
nach Bedarf. Wenn Sie zum Beispiel im 8. Schuljahr genotigt sind, 
von Anfang an zu beginnen, dann nehmen Sie eben wenig, aber 
versuchen doch, ein Gesamtbild zu geben iiber die ganze Entwicke- 
lung der Menschheit, nur kiirzer. Also man muftte schon im 8. Schul- 
jahr die eanze Weltgeschichte durchmachen in unserem Sinn. 
Das trifft auch zu fur Physik. In der Naturgeschichte wird es sich sehr 
leicht machen lassen, daft die Kinder das, was sie gelernt haben, 
beniitzen und beleben. Es sind nur diejenigen Facher, die diesem 
Mangel unterliegen werden, von denen wir gesagt haben, daft sie nach 
dem zwolften Jahre anfangen, wo die Urteilskraft beginnt. In den 
beschreibenden Disziplinen wird man manches beniitzen konnen, 
was die Kinder, wenn auch vertrackt, gelernt haben. 

X. : In der griechischen Geschichte kann man wohl mehr auf die Kultur- 
geschichte und die Sagen eingehen und das Politische weglassen; die Perser- 
kriege zum Beispiel. 

Dr. Steiner: Die Perserkriege kann man schon so behandeln, daft 
man sie kulturgeschichtlich gestaltet. In alteren Zeiten kann man die 
Kriege noch kulturgeschichtlich behandeln; bis zu unserer Gegen- 
wart sind sie ja immer unerfreulicher geworden. Man kann die Perser- 
kriege schon wie ein Symptom betrachten der kulturgeschichtlichen 
Ziige. 



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X.: Das Innenpolitische ist doch weniger wichtig? 

Dr. Steiner: Doch, zum Beispiel, wie das Geld entstanden ist. 

X.: Die Verfassungen kann man wohl kurz behandeln? 

Dr. Steiner: Ja, aber den Geist der Lykurgischen Verfassung muft 
man schon schildern, zum Beispiel auch den Unterschied zwischen 
dem Athenertum und dem Spartanertum. 

X.: Bei den Romern ist das Verfassungswesen so breit dargestellt in den Lehr- 
biichern. 

Dr. Steiner: In den Lehrbuchern ist es breit und oftmals sehr falsch 
behandelt. Der Romer kannte keine Verfassung, aber er wuftte aus- 
wendig nicht nur die Zwolf-Tafel-Gesetze, sondern eine grofte An- 
zahl von Rechtsbuchern. Man bekommt eine falsche Vorstellung 
vom Romertum, wenn man nicht durchnimmt mit den Kindern, daft 
der Romer ein Rechtsmensch war, und daft das gewuftt worden ist. 
In den Lehrbuchern ist das langweilig dargestellt, aber man muft 
schon fur das Romertum die Vorstellung erwecken, daft jeder Romer 
ein Rechtskniippel war und die Gesetze an den Fingern herzahlen 
konnte. Die Zwolf-Tafel-Gesetze sind dort so gelehrt worden, wie 
bei uns das Einmaleins. 

X..- Wir wollen jede Woche eine Zusammenkunft machen zur Besprechung 
padagogischer Fragen, so dafi das, was der Einzelne sich erarbeitet, den ande- 
ren zugute kommt. 

Dr. Steiner: Das kann sehr gut geschehen. Das ist etwas, was mit 
Freude zu begriiften ware. Recht republikanisch miiftte es gehalten 
werden. 

X.: Wie weit geht man mit der Bestrafung der Kinder? 

Dr. Steiner: Das ist natiirlich ganz individuell. Am best en ware esja, 
wenn man so wenig wie moglich zu bestrafen brauchte. Man kann es 
vermeiden, Strafen herbeizufuhren. Aber unter Umstanden kann es 
auch einmal notwendig sein, daft man sogar ein biftchen priigelt. 
Aber man soil doch das Ideal befolgen, es zu vermeiden. Eigentlich 
sollte man die Ansicht haben, daft man die Dinge selber als Lehrer 
herbeifiihrt, daft weniger die Zoglinge sie herbeifiihren als der Lehrer. 
Trotzdem gebe ich Ihnen zu, daft Rangen da sind, aber die Rangen- 
haftigkeit wird durch Strafe nicht besser. Das kann nur dadurch 
besser werden, daft man allmahlich einen anderen Ton in die Klasse 
hineinkriegt. Dann werden die Rangen nach und nach auch wirklich 



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verwandelt, wenn der Ton in der Klasse ein guter wird. Jedenfalls 
versuchen Sie, in der Bestrafung nicht zu weit zu gehen. 

X.: Um dem Mangel an Lehrmitteln abzuhelfen, konnte man vielleicht eine 
Organisation ins Leben rufen und die Anthroposophen bitten, uns zur Verfu- 
gung zu stellen, was sie selbst an Lehrmitteln haben. Wir sollten auch alles 
bekommen, was an anthroposophischen Facharbeiten schon da ist. 

Dr. Steiner: Es ist projektiert gewesen, nach dieser Richtung hin 
dadurch etwas zu tun, dafi man die Lehrer, die in der Gesellschaft 
sind, einmal als solche organisiert. Es besteht also der Plan, alles, was 
anthroposophisch vorliegt, in irgendeiner Weise fruchtbar zu ma- 
chen fur den offentlichen Unterricht oder fur den Unterricht iiber- 
haupt. Vielleicht konnte man ankniipfen an diese bestehende Orga- 
nisation der Lehrerschaft in der Anthroposophischen Gesellschaft. 

X. : Wir brauchen auch Lebenskunde iiber die verschiedenen Wirtschafts- 
gebiete. Da dachte ich, dafi in der Waldorfschule der Grund gelegt werden 
konnte fur eine kiinftige Wirtschaftswissenschaft. 

Dr. Steiner: Da muft man dann feststellen, wer fur die einzelnen 
Punkte Gewahrsmenschen sind. Das sind Leute, die Sinn haben, so 
etwas zu machen, die aber richtig praktische Fachmanner sind. Also 
es miifken sich nicht Leute finden, wie sie heute als Referenten 
angegeben werden, sondern richtig praktische Leute, die aber Sinn 
fiir unsere Sache haben. Solche Menschen mufiten sich finden. Die 
miiftten die einzelnen Zweige der Lebenskunde zusammenstellen. 
Ich glaube, wenn man es nur richtig machen wiirde, konnte nach 
dieser Richtung viel geleistet werden. Aber Sie haben als Lehrer im 
ersten Jahr viel zu tun, und konnen sich nicht zersplittern. Das 
muftten Sie schon durch andere besorgen lassen. Es mtifite eine sol- 
che Organisation ernsthaft gemacht werden. Es darf keine Art von 
Fatzkerei und von Vereinsmeierei hineinkommen, sondern es muB 
in groftem Umfang sachlich gemacht werden. Da mtiftte man Men- 
schen aufrufen, die im praktischen Leben darinnenstehen. 

X.: Herr van Leer hat schon geschrieben, daft er bereit ware, das Notige zu 
tun. 

Dr. Steiner: Ja, der konnte schon helfen nach dieser Richtung. Es 
konnte da einmal eine Art Plan ausgearbeitet werden, wie das im 
wesentlichen zu machen ware. Solche Herren wie Herr van Leer und 
Herr Molt und auch andere, die im praktischen Wirtschaftsleben 
drinstehen, die wissen, wie sie sich auf solche Fragen zu konzentrie- 
ren haben, wenn sie so etwas ausarbeiten. Da wiirde vielleicht die 



25.9. 1919 



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Lehrerschaft weniger leisten; das wird am besten geleistet werden, 
wenn man sich direkt an die Fachleute wendet. Das laftt sich viel- 
leicht in Zusammenhang bringen mit den Kulturratsbestrebungen. 
Ja, das muftte alles noch besprochen werden. 

X.: Wie kann man fur den geologischen Unterricht einen Zusammenhang her- 
stellen zwischen der Geologie und der Akasha-Chronik? 

Dr. Steiner: Da ware es natiirlich gut, wenn Sie es so machen wiirden, 
daft Sie den Kindern zunachst die Schichtenbildung zum Bewufttsein 
bringen, daft Sie ihnen einen Begriff beibringen, wie die Alpen ent- 
standen sind. Und daft Sie dann den ganzen von den Alpen ausgehen- 
den Komplex behandeln: Pyrenaen, Alpen, Karpaten, Altai und so 
weiter, was ja die eine Welle ist; daft Sie diese ganze Welle den Kin- 
dern klarmachen. Und dann die andere Welle, die von Nordamerika 
iiber Siidamerika geht. Da kriegt man also heraus diese eine Welle bis 
zum Altai, bis zu den asiatischen Bergen, die geht von Westen nach 
Osten. Und dann haben wir im Westen Amerikas oben die nordame- 
rikanischen und unten die sudamerikanischen Gebirge. Das ist die 
andere Welle, von Nord nach Siid. Die steht auf der ersten senkrecht 
darauf. 



(d^knA j, ^ Alport 




Von dieser Schichtung und Gliederung gehen wir aus, und da reihen 
wir dann die Vegetation und die Fauna an. Dann versuchen wir 
einfach die Westkiiste von Europa und die Ostkiiste von Amerika, die 
Fauna und Flora und die Schichtung zu studieren. Dann gehen wir 
dazu iiber, den Begriff davon hervorzurufen, wie der Osten von Ame- 
rika und der Westen von Europa zusammenhangen, und daft das 
Becken des Atlantischen Ozeans und die Westkiiste von Europa ein- 
fach Senkungsland ist. Von diesen Begrjffen aus versuchen wir dann 
auf naturgemafte Weise klarzumachen, daft sich das im Rhythmus 
auf und ab bewegt. Von dem Begriff des Rhythmus gehen wir aus. 
Wir zeigen, daft die britischen Inseln viermal auf- und abgestiegen 



86 25.9.1919 

sind. Da kommen wir zuriick zu dem Begriff der alten Atlantis, auf 
geologischem Wege. 

Jftn&rikcL Bur op at. 




Dann konnen wir iibergehen, indem wir versuchen, in den Kindern 
die Vorstellung hervorzurufen, wie es anders war, als das eine da 
unten war, und das andere da oben. Wir gehen davon aus, daB die 
britischen Inseln viermal auf- und abgestiegen sind. Das ist einfach 
geologisch festzustellen an den Schichten. Wir versuchen also, diese 
Dinge in Zusammenhang zu stellen, aber wir diirfen nicht davor 
zunickschrecken, bei den Kindern von dem atlantischen Land zu 
sprechen. Wir diirfen das nicht iiberspringen. Auch im geschicht- 
lichen Zusammenhang konnen wir daran anknupfen. Nur werden Sie 
dann die gewohnliche Geologie desavouieren miissen. Denn die 
atlantische Katastrophe muB ja im 7. bis 8. Jahrtausend angesetzt 
werden. 

Die Eiszeit, das ist die atlantische Katastrophe. Die altere, mittlere 
und neuere Eiszeit, das ist nichts anderes als das, was vorgeht in 
Europa, wahrend die Atlantis untersinkt. Das ist gleichzeitig, also im 
7., 8. Jahrtausend. 

X.: In Pierers Konversationslexikon fand ich Artikel iiber Geologisches. Wir 
mochten gerne wissen, welche Artikel wirklich von Ihnen sind. 

Dr. Steiner: Diese Artikel sind von mir geschrieben, aber die Redak- 
tion bei dem Zustandekommen des Lexikons war so, da6 da zwei 
Redakteure waren. Es kann unter Umstanden etwas hineingepatzt 
sein; ich kann nicht fur die Einzelheiten garantieren. Der Artikel 
Basalt, Alluvium, Geologische Formationen, Eiszeit, das ist alles von 
mir. Der Artikel iiber Darwinismus ist nicht von mir. Der Artikel iiber 
Alchimie auch nicht. Nur streng die geologischen und mineralogi- 
schen, bis zu einem gewissen Buchstaben. G ist noch von mir; H nicht 
mehr, weil ich keine Zeit hatte. 

X.: Der Anschlufi ist sehr schwer zu finden hinter der Eiszeit. Wie ist da das, 
was die Wissenschaft sagt, in Parallele zu bringen mit dem, was die Geisteswis- 
senschaft vertritt? 



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Dr. Steiner: *Da finden Sie aber in den Zyklen Anhaltspunkte. Sie 
haben in der Quartarzeit die erste und zweite Saugetierfauna, und 
Sie brauchen blofi das zu erganzen, was iiber den Menschen gilt. Sie 
konnen das schon parallelisieren. Die Quartarzeit konnen Sie gut mit 
der Atlantis parallelisieren, und die Tertiarzeit konnen Sie paralleli- 
sieren im wesentlichen, nicht pedantisch, mit dem, was ich schildere 
als die lemurische Zeit. Da wiirde also die Tertiarzeit hineinkommen. 
Da haben Sie die alteren Amphibien und Reptilien, Da ist auch der 
Mensch noch in der aufteren Gestalt nur quallig da in der Substanz; er 
ist nur amphibienhaft gestaltet. 

X.: Da ist aber doch noch Feueratmung! 

Dr. Steiner: Aber diese Biester, die atmen ja auch Feuer, der Archa- 
opteryx zum Beispiel. 

X.; Also die Tiere, deren Knochen man heute im Museum sieht, die atmeten 
noch Feuer? 

Dr. Steiner: *Ja, alle die zu den Sauriern gehoren, die gehoren in das 
Ende der Tertiarzeit. Die im Jura gefundenen, das sind schon die 
Nachkommen. Ich meine die Saurier, die im Anfang der Tertiarzeit 
da waren. Die Juraformation erstreckt sich weiter fort. Es schiebt 
sich da alles ineinander. Nichts ist pedantisch zu behandeln. Vor dem 
Tertiaren liegt das Sekundarzeitalter; da gehort der Jura hinein. Da 
gehort der Archaopteryx hinein. Aber das wiirde bei uns schon die 
zweite Periode werden. Man mufi nicht pedantisch das eine dem 
anderen zuordnen. 

Anmerkung der Herausgeber: In den beiden mit * bezeichneten Absatzen lie- 
gen offensichtlich Stenogrammfehler vor. Der Text ist in sich widerspruchs- 
voll; er stimmt auch weder mit den erwahnten Artikeln und der Tabelle im 
Piererschen Lexikon uberein, noch mit Dr. Steiners Ausfiihrungen in der Kon- 
ferenz am folgenden Tage (26. September). Der Fehler scheint sich dadurch 
zu erklaren, dafi Dr. Steiner beim Sprechen auf die Tabelle hinwies, die der 
Stenograph nicht vor sich hatte. — Die Herausgeber schlagen folgende Text- 
anderung vor, in der die geanderten Worte kursiv sind. 

,,Da finden Sie aber in den Zyklen Anhaltspunkte. Sie haben in der Tertiar- 
zeit die erste und zweite Saugetierfauna, und Sie brauchen blofi das zu ergan- 
zen, was iiber den Menschen gilt. Sie konnen das schon parallelisieren. Die 
Tertiarzeit konnen Sie gut mit der Atlantis parallelisieren, und die Sekundar- 
zeit konnen Sie parallelisieren im wesentlichen, nicht pedantisch, mit dem, 
was ich schildere als lemurische Zeit. Da wiirde also die Sekundarzeit hinein- 
kommen. ..." 

,Ja, alle, die zu den Sauriern gehoren, die gehoren in das Ende der Sekundar- 
zeit. Die im Jura gefundenen, das sind schon die Nachkommen. Ich meine die 



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Saurier, die im Anfang der Sekunddrzeit da waren. . . . Vor dem Tertiaren 
liegt das Sekundarzeitalter; da gehort der Jura hinein. Da gehort der Archa- 
opteryx hinein. ..." 

X..* Wie ordnet sich ein, was wir tiber das Erdinnere gelernt haben? Dariiber 
findet man fast nichts in der aulJeren Wissenschaft. 

Dr. Steiner: Das, woriiber die auBere geologische Wissenschaft iiber- 
haupt handelt, bezieht sich ja nur auf die allerobersten Schichten. 
Diese Schichten, die bis zum Mittelpunkt der Erde gehen, die haben 
ja mit der Geologie nichts zu tun. 

X.: Kann man diese Schichten den Kindern beibringen? Man mufr doch die 
oben aufliegenden Schichten erwahnen. 

Dr. Steiner: Ja, moglichst die Schichten angeben. Man kann es nach 
einer Schichtenkarte machen, aber niemals ohne daft die Kinder 
etwas wissen von den Gesteinsarten. Die Kinder miissen die Anschau- 
ung bekommen, was das fur Steine sind. Bei der Erklarung fangt man 
an von oben herunter, weil man da leichter vermitteln kann, was da 
durchbricht. 

X.: Der Satz von der Erhaltung der Energie in der Warmelehre bereitet auch 
Schwierigkeiten. 

Dr. Steiner: Warum gibt es da Schwierigkeiten? Das Bestreben 
miifite sein, diese Dinge allmahlich hinuberzufiihren zu dem, was 
Goethe das Urphanomen nennt, also nur Phanomene zu behandeln. 
Der Satz von der Erhaltung der Energie diirfte nicht behandelt wer- 
den wie bisher. Er ist ein Postulat, kein Satz. Und zweitens ist hier 
etwas ganz anderes: Das Spektrum kann man behandeln, das ist das 
Phanomen; aber der Satz von der Erhaltung der Energie wird als phi- 
losophischer Satz behandelt. Als etwas anderes ist das mechanische 
Warmeaquivalent zu behandeln. Das ist das Phanomen. Warum nun 
nicht streng innerhalb der Phanomenologie stehenbleiben? Man 
arbeitet heute solche Gesetze heraus, die eigentlich Phanomene sind. 
Da ist es ein Unfug, daB man das ,,Gesetz" nennt, wie zum Beispiel 
das Fallgesetz. Das sind Phanomene, das sind keine Gesetze. Und 
man wird finden, daB man die ganze Physik von sogenannten Geset- 
zen freihalten kann, sie in Phanomene verwandeln und in sekundare 
und Urphanomene gruppieren kann. Wenn man in der Fall-Lehre 
anfangt die sogenannten Gesetze der Atwoodschen Fallmaschine zu 
beschreiben, so sind das Phanomene und keine Gesetze. 

X.: Da miilke man wohl so vorgehen, dafi man nicht das Fallgesetz zugrunde 
legt, zum Beispiel die Konstanz der Beschleunigung, und daraus das Fallgesetz 
entwickelt, sondern dafi man es als Tatsache behandelt. 



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Dr. Steiner: Zeichnen Sie es doch einfach auf, wenn Sie keine Fall- 
maschine haben. In der ersten Sekunde fallt es so, in der zweiten so, 
in der dritten so. Da kriegen Sie einfach die Zahlenreihen, und aus 
denen machen Sie das, was man das Gesetz nennt, was aber nur ein 
Phanomen ist. 

X.; Ober die Schwerkraft sollte man also gar nicht reden? 

Dr. Steiner: Das wiirde ja wunderbar sein, wenn Sie es dahin brach- 
ten, sich ganz abzugewohnen, von der Schwerkraft zu reden. Man 
kann es dahin bringen, wenn man nur Phanomene vorbringt. Das 
ware das schonste, denn die Schwerkraft ist ja nur eine Phrase. 

X. : Gilt das auch von der elektrischen Kraft? 

Dr. Steiner: Heute konnen Sie ja iiber Elektrizitat ganz reden, ohne 
von Kraften zu reden. Sie konnen streng in Phanomenen drinnen 
stehenbleiben. Bis zur Ionen- und Elektronentheorie konnen Sie her- 
unterkommen, ohne von etwas anderem als von Phanomenen zu 
reden. Das wiirde padagogisch ungeheuer wichtig sein, das zu 
machen. 

X. : Es ist sehr schwer, ohne Krafte auszukommen, wenn man das Mafisystem 
behandelt, das C-G-S-System, das man in den oberen Klassen haben mufi. 

Dr. Steiner: Was haben denn die Krafte damit zu tun? Wenn Sie 
Rechnungen haben, wo Sie eines mit dem anderen vertauschen 
konnen, konnen Sie es ja haben. 

X.: Dann wiirde man vielleicht fur das Wort Kraft etwas anderes setzen 
miissen. 

Dr. Steiner: Sobald der Zogling sich klar ist dariiber, dafi Kraft nichts 
weiter ist als das Produkt von Masse und Beschleunigung, sobald er 
keinen metaphysischen Begriff damit verbindet, sie also immer 
phanomenologisch behandelt, kann man ja von Kraft reden. 

X.: Konnten wir etwas Naheres horen iiber Planetenbewegung? Es ist vieles 
angedeutet worden, aber man hat noch keine klare Vorstellung iiber die wahre 
Bewegung der Planeten und der Sonne. 

Dr. Steiner: Das ist eigentlich so in Wirklichkeit: 

(Dr. Steiner demonstriert an der Zeichnung.) Jetzt mufi man einfach 
sich vorstellen, das schraubt sich fort. Das andere ist scheinbare Be- 
wegung. Die Schraubenlinie setzt sich im Weltenraum fort. Also 
nicht, dafi sich die Planeten um die Sonne bewegen, sondern diese 



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Himmelspitl 




drei: Merkur, Venus, Erde, ziehen der Sonne nach, und diese drei: 
Mars, Jupiter, Saturn, gehen voraus. Dadurch wird hervorgerufen, 
wenn also die Erde da stent, das hier ist die Sonne, dazieht die Erde 
nach. Da sieht man so hin auf die Sonne von hier aus, und das be- 
wirkt, daft es ausschaut, als wenn die Erde herumgehe, wahrend sie 
nur nachzieht. Die Erde zieht der Sonne nach. Die Steigung ist gleich 
dem, was man den Deklinationswinkel nennt; wenn Sie den Winkel, 
den Sie herausbekommen, wenn Sie den Ekliptikwinkel nehmen, 
den sie einschlieflt mit dem Aquator, dann kriegen Sie das heraus. 
Also nicht eine Spirale, sondern eine Schraubenlinie. Es ist nicht 
eben, sondern raumlich. 

X.: Wie steht jetzt die Erdachse in dieser Bewegung? 

Dr. Steiner: Wenn die Erde hier sein wiirde, wiirde die Erdachse eine 
Tangente sein. Der Winkel ist 231/2 Grad. Der Winkel, der mit der 



25.9. 1919 



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Schraube eingeschlossen wird, ist derselbe, den Sie herauskriegen, 
wenn Sie den Nordpol nehmen, und da diese Lemniskate machen als 
Bahn eines der Sterne in der Nahe desNordpols. Das miiftte ich kon- 
statieren. Da bekommt man eine scheinbare Lemniskate heraus, 
wenn man diese Linie verlangert. Sie ist nicht vorhanden, weil der 
Nordpol fix bleibt, der Himmelsnordpol. 

X.: 1413 passierte doch eine besondere Konstellation? 

Dr. Steiner: Ich habe heute darauf hingedeutet. Es ist das so, daft Sie 
nehmen konnen etwa 7000 Jahre vor 1413. Da bekommen Sie her- 
aus ein Zusammenfallen der Erdachse, also den kleinsten Winkel. 
Dann wird er grofier, und dann jetzt wiederum kleiner zunachst; 
dadurch entsteht die Lemniskate. Also zeitweilig ist der Erdwinkel 
null. Also dann war die atlantische Katastrophe. Da waren nicht 
diese Jahreszeitenunterschiede. Da war immer Tagundnachtgleiche. 

X,: Wie kommt es, dafi der Himmelspol, der nichts anderes ist als der Punkt, 
auf den sich die Erdachse hinrichtet, gleich bleiben soli? Er andert sich doch 
im Laufe der Jahre. 

Dr. Steiner: Das ist eben dadurch bewirkt, daft die Erdachse einen 
Kegel beschreibt, einen Doppelkegel. Dadurch wird fortwahrend 
seine Bewegung ausgeglichen durch die Bewegung der Erdachse. 
Wenn Sie die Erdachse immerfort parallel zu sich hatten, dann wiirde 
der Himmelspol eine Lemniskate beschreiben, aber er bleibt, wo er 
ist. Das geschieht dadurch, daft durch die Bewegung der Erdachse im 
Doppelkegel aufgehoben wird diese Bewegung, die dadurch heraus- 
kommt, daft der Himmelspol eine Lemniskate beschreiben wiirde; 
die wird dadurch aufgehoben. 

X.: Ich hatte mich eingestellt auf eine Bewegung der Erdachse, die Sie be- 
schrieben haben. Ich sagte mir, es mufi sich am Himmel scheinbar der Punkt, 
der am Himmel fix bleibt, im Laufe der Jahrhunderte andern. Das wiirde sein, 
glaubte ich, im Sinne der Lemniskate, also nicht etwa ein Kreis am Himmel 
im platonischen Jahr. 

Dr. Steiner: Das wird dadurch aufgehoben, daft diese Linie, die 
Achse der Schraube, nicht eine wirkliche Gerade ist, sondern eine 
Kurve. Das ist nur annahernd eine Gerade. In Wirklichkeit wird hier 
auch ein Kreis beschrieben. Man hat es zu tun mit einer Schraube, die 
eigentlich zu ihrem Gewinde einen Kreis hat. 

X.: Wie ist es moglich, das in Zusammenhang zu bringen mit dem Galileischen 
Relativitatsprinzip? Mit der Tatsache, daft wir keine absolute Raumbewegung 
feststellen konnen? 



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25. 9. 1919 



Dr. Steiner: Was heiftt das? 

X..' Dafi wir nicht von der absoluten Bewegung im Raum sprechen konnen. 
Wir konnen nicht sagen: dieser Korper steht im Raum still, sondern er bewegt 
sich. Es ist nur relativ. Wir konnen nur wissen, dafi ein Korper sich zum ande- 
ren hinbewegt. 

Dr. Steiner: Dies gilt eigentlich nur, solange man die Untersuchung 
nicht ausdehnt auf das Innere des betreffenden Korpers. Also, nicht 
wahr, wenn Sie zwei Menschen haben, die zueinander relativ in Be- 
wegung sind, so konnen Sie, solange Sie rein mathematisch raumlich 
untersuchen und den Untersuchungspunkt aufterhalb der betreffen- 
den Menschen nehmen — es kann Ihnen gleichgiiltig sein, was absolut 
vorgeht — , Sie werden nur die Relativitat der Bewegung bekommen. 
Aber dem Menschen ist es nicht gleichgiiltig. Zwei Meter zu laufen, 
ist ein anderes, als drei Meter zu laufen. Das Prinzip gilt also nur fur 
den Beobachter, der aufterhalb steht. In dem Augenblick, wo er drin- 
nensteht, wie wir es tun als Erdenmenschen — sobald die Unter- 
suchung beginnt, die innere Veranderung einzubeziehen, dann hort 
die Sache auf. In dem Augenblick, wo wir Untersuchungen so 
machen, daft wir absolute Veranderungen feststellen in den aufein- 
anderfolgenden Erdenepochen, hort die Sache auf. 
Deshalb betone ich so scharf, daft der Mensch heute ganz anders ist 
als in der Griechenzeit. Da kann man nicht vom Relativitatsprinzip 
sprechen. Bei dem Eisenbahnzug auch nicht; beim Schnellzug wer- 
den die Wagen mehr abgeniitzt als beim Bummelzug. Wenn man beim 
inneren Zustand ankommt, hort das Relativitatsprinzip auf. Das 
Relativitatsprinzip Einsteins ist aus unrealem Denken entsprungen. 
Er fragte, was geschieht, wenn einer anfangt fortzufliegen mit der 
Lichtgeschwindigkeit und wieder zuriickkommt; dann geschieht das 
und das. Nun mochte ich fragen, was mit einer Uhr iiberhaupt 
geschehen wiirde, wenn sie mit Lichtgeschwindigkeit fortfloge. Das 
ist doch unreal gedacht. Das ist aus dem Zusammenhang. Es sind 
bloft die Raumverhaltnisse gedacht. Das ist seit Galilei moglich 
geworden. Galilei selber hat die Sache noch nicht so verzerrt, aber 
heute ist schon durch diese Uberspannung der Relativitatstheorie 
moglich geworden, daft man solche Sachen vorbringt. 

X.: Es ist eine Merkwiirdigkeit beim Licht, dafi man bei der Lichtgeschwindig- 
keit nicht feststellen kann, in welcher Bewegungsbeziehung man sich zur 
Lichtquelle befindet. 

Dr. Steiner: Lorentzscher Versuch. Lesen Sie die Sache durch — sie 
ist interessant, aber theoretisch behandelt, was Lorentz daraus 
schlieftt. Es ist nicht notig, daft Sie es annehmen, daft da bloft Rela- 



25. 9. 1919 



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tivitatsunterschiede sind. Da kommt man aus mit der absoluten 
Mechanik. Sie haben wahrscheinlich nicht alle diese Zwangsvorstel- 
lungen beriicksichtigt. Es ist kein Unterschied als ein solcher, der her- 
vortreten wiirde, wenn Sie eine Rohre nehmen wiirden (Zeichnung) 
und Sie wiirden also hier in dieser Rohre eine sehr feine Wandung 
haben, eine elastische Wandung. Und Sie wiirden oben und unten 
eine Flussigkeit haben und dazwischen auch. Da wiirden sich zwi- 
schen diesen zwei Fltissigkeiten dieselben Verhaltnisse ergeben, wie sie 
sich bei Lorentz fur das Licht ergeben. Da mufi man mit der Zwangs- 
interpretation auftreten, wenn man diese Dinge so nehmen will. 
Sie kennen ja wohl das Prachtstiick: Sie bewegen sich in einem Eisen- 
bahnzug zunachst mit der Geschwindigkeit eines Eisenbahnzuges 
und lassen eine Kanone losschiefien, so horen Sie sie einmal in Frei- 
burg, zweimal in Karlsruhe, dreimal in Frankfurt. Wenn Sie sich 
schneller bewegen, als die Schallbewegung ist, so horen Sie zuerst die 
drei Schusse in Frankfurt, nachher erst die zwei Schusse in Karlsruhe 
und nachher einen Schufl in Freiburg. Solche Sachen kann man aus- 
spekulieren, aber sie haben keine Realitat, weil Sie sich eben nicht 
schneller bewegen konnen als die Schallgeschwindigkeit. 

X.: Wie konnte man das Astronomische herausarbeiten durch die Spiralbewe- 
gung der Pflanzen? Ist eine solche Vorrichtung moglich, dafi man das heraus- 
beweisen kann aus der Pflanze? 

Dr. Steiner: Was brauchen Sie eine Vorrichtung? Die Pflanzen sind 
doch selbst diese Vorrichtung. Sie haben nur notig, das Pistill, den 
Stempel, der Mondenbewegung zuzuordnen, und die Narbe der Son- 
nenbewegung. In dem Augenblick, wo Sie zuordnen das Pistill der 
Mondenbewegung und die Narbe der Sonnenbewegung, kriegen Sie 
das iibrige heraus. Dann haben Sie in der Spiralbewegung der Pflanze 
nachgeahmt das relative Verhaltnis zwischen dem, was Sonnen- 
bewegung ist, und dem, was Mondenbewegung ist. Dann konnen Sie 
weitergehen. Das ist kompliziert. Sie miissen es konstruieren. Zu- 
nachst bewegt sich scheinbar das Pistill nicht. Es bewegt sich inner- 
halb, in der Spirale. Das miissen Sie umkehren; das ist relativ. Der 
Stempel gehort in die Stengellinie, die Narbe in die Spiralbewegung. 
Ich glaube aber — man kann das schwer weiter andeuten — , das 
konnen Sie in der Schule nicht brauchen. Das ist eine Sache der wei- 
teren Erkenntnisentwickelung. 

X.: Gibt es keine Moglichkeit, diese Spiralbewegung der Sonne und der Erde 
aus astronomisch bekannten Tatsachen herzuleiten? 

Dr. Steiner: Warum nicht? Genau wie Sie die Kopernikanische 



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25.9. 1919 



Lehre heute lehren. Das ganze beruht auf dem Witz, der gemacht 
wird, dafl von den drei Kopernikanischen Gesetzen blofi die beiden 
ersten gelehrt werden; das dritte wird weggelassen. Fiigen Sie das 
dritte hinzu, dann kommen Sie zu dieser Sache, daft Sie eine einfache 
Spirale um die Sonne bekommen. Kopernikus hat sie gemacht. Sie 
brauchen blofl sein drittes Gesetz zu nehmen. Sie brauchen bloft das 
Buch ,,De revolutionibus corporum coelestium" wirklich zu neh- 
men, und brauchen drei Gesetze statt der zwei zu nehmen. Man hat 
nur die zwei genommen, das stimmt aber nicht mit den Bewegungen, 
die man sieht. Da fiigt man die sogenannten Besselschen Korrektur- 
gleichungen ein. Man sieht die Sterne nicht, wie sie von Kopernikus 
angegeben werden. Da mufi man das Fernrohr drehen; da dreht man 
nach Besselschen Gleichungen. Sie brauchen das nur auszuschalten, 
dann kriegen Sie das Richtige heraus. 

Das diirfen Sie aber heute nicht machen, sonst werden Sie ganz ver- 
trackt genannt. Es ist aber kinderleicht, es zu lernen, und das, was 
heute gelehrt wird, als Humbug zu erklaren. Man braucht blofi die 
Besselschen Taggleichungen herauszuwerfen und das dritte Koperni- 
kanische Gesetz zu berucksichtigen. 

X.: Konnte man das nicht veroffentlichen? 

Dr. Steiner: Johannes Schlaf hat damit angefangen, indem er die 
Punkte am Jupiter konstatiert hat, die stimmen nicht im Verlauf mit 
dem Kopernikanischen System. Die Leute sind iiber ihn hergefallen 
und sagten: Das ist ein verriickter Kerl. 

Gegen die brutale Gewalt ist eben nichts zu machen. Realisieren Sie 
die Bestrebungen des Kulturrates, dafi es Luft gibt. Die Sachen sind 
schlimmer als man denkt. Wenn ein Professor in Tubingen aus dem 
Warencharakter einen „wahren Charakter" machen kann! Das Publi- 
kum will sich nicht dazu entschliefien, anzuerkennen, daB unser gan- 
zes Schulsystem korrupt ist. Das ist etwas, was zunachst einmal gang 
und gabe werden muB, dafi unsere Universitaten weg miissen, daft die 
hoheren Schulen weg miissen. Die miissen ersetzt werden durch 
etwas ganz anderes. Das ist die eigentliche Grundlage. 
Es ist ganz unmoglich, mit den Kerlen etwas zu machen. Ich sprach 
in der Volkshochschule in Dresden. Ich sprach dann auch in der 
Schopenhauer-Gesellschaft in Dresden. Da haben nachher die Pro- 
fessoren richtiges Blech geredet. Nicht einen Gedanken konnten sie 
festhalten. Einer stand auf und sagte, er miisse die Unterschiede 
angeben, die zwischen der Schopenhauerschen Philosophic und der 
Anthroposophie bestehen. Ich sagte, ich fande das unnotig. Anthro- 



25.9. 1919 



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posophie verhalte sich zur Philosophic wie die Krone zur Wurzel 
eines Baumes. Daft zwischen der Wurzel und der Krone ein Unter- 
schied besteht, ist selbstverstandlich. Da kann sich einer hinstellen 
und sagen: Er ist genotigt, den Unterschied zwischen Wurzel und 
Krone festzustellen, und ich habe doch nichts anderes behauptet. 
Die Kerle konnen keinen geraden Gedanken fassen. Die heutige Uni- 
versitatsphilosophie ist geradezu Unsinn. Es ist ja in vielem, was sie 
bringt, ein richtiger Kern, aber mit so viel Humbug verkniipft, daft 
doch Unsinn herauskommt. Die „Wertlehre" von Rickert kennen Sie 
doch? Das biftchen, was darinnen steckt als guter Kern in der Uni- 
versitatsphilosophie, Sie finden es angefuhrt in meinen „Ratseln der 
Philosophic". 

Mit dem ,,wahren Charakter", das kommt mir gerade so vor, wie 
etwas anderes: Ich habe Leute in der Gesellschaft gefunden, die wuft- 
ten nicht, was Gewerkschaften sind. Ich habe es oftmals betont: 
diese Dinge kommen vor. Wenn man im Kulturrat sachgemaft wirken 
wiirde, wiirde man die Vernunft anstelle dieser schrecklichen Be- 
triebe setzen, dann wiirde alles besser werden. Dann konnten Sie 
auch verniinftige Astronomie lehren. Sie konnen aber der brutalen 
Macht gegeniiber nicht aufkommen. Im Kulturrat konnte das gesche- 
hen, was von Anfang an geschehen sollte: Daft er sein Programm 
wirklich aufnehme und dahin arbeite, das ganze Schulwesen in die 
Hand zu nehmen. Die Waldorfschule ist eingerichtet als Musterbei- 
spiel. Sie kann aber auch nichts machen der brutalen Gewalt gegen- 
iiber. Der Kulturrat hatte die Aufgabe, das ganze Unterrichtswesen 
umzugestalten. Wenn wir zehn Millionen hatten, konnten wir die 
Waldorfschule ausbauen. Das sind ja nur „kleine Hindernisse", dieses 
Fehlen von zehn Millionen. 

Mir liegt ungeheuer auf der Seele, daft Sie sich nicht abschrecken las- 
sen durch etwas, was Ihnen von auften entgegentritt als Ungezogen- 
heit der Kinder und dergleichen. Sie diirfen nicht die Vorstellung 
haben, daft Sie Engel in die Schule kriegen. Auch kann Ihnen viel 
miftlingen dadurch, daft Sie das Schulmaterial nicht so haben, wie es 
sein muft. Trotzdem wollen wir aber streng an dem festhalten, was 
wir uns vorgesetzt haben und wollen uns durch nichts abhalten las- 
sen, so gut es geht, es zu erreichen. 

Das ist also sehr wichtig, daft Sie praktisch auseinanderhalten das, 
was moglich ist nach den aufteren Bedingungen, die vorhanden sind, 
und das, was die Stoftkraft geben soli. Wir diirfen nichts anderes glau- 
ben, als daft unsere Ideale verwirklicht werden konnen. Sie konnen 
es auch, es zeigt sich nur nicht gleich. 



Konferenz vom Freitag 26. September 1919, 16 Uhr 



Zunachst findet eine Besprechung statt iiber einzelne Kinder, die Dr. Steiner 
sich am Vormittag angesehen hatte. 

Dr. Steiner: Den E. E. mufl man moralisch heben. Er ist ein Bol- 
schewist. 

X., der vertretungsweise die 1. Klasse ftihrte, stellt eine Frage. 

Dr. Steiner: Man sollte das Lesen sehr stark aus dem malenden 
Schreiben herausarbeiten. Die Formen mtiftte man aus dem Kimstle- 
rischen heraus ableiten. 

X. schlagt vor, morgens mit dem Vaterunser zu beginnen. 

Dr. Steiner: Ich wiirde es sehr schon finden, mit dem Vaterunser den 
Unterricht zu beginnen. Dann gehen Sie iiber zu den Spriichen, die 
ich Ihnen sagen werde. 

Fur die vier unteren Klassen bitte ich, den Spruch in der folgenden 

Weise zu sagen: „ c , ,. , 

D Der Sonne hebes Licht, 

Es hellet mir den Tag; 

Der Seele Geistesmacht, 

Sie gibt den Gliedern Kraft; 

Im Sonnen-Lichtes-Glanz 

Verehre ich, o Gott, 

Die Menschenkraft, die Du 

in meine Seele mir 

So giitig hast gepflanzt, 

Dafi ich kann arbeitsam 

und lernbegierig sein. 

Von Dir stammt Licht und Kraft, 
Zu Dir strom' Lieb' und Dank. 

Das mufiten die Schuler so empfinden, wie ich es gesprochen habe. 
Man miifite ihnen auch klarmachen nach und nach — erst sollen sie 
die Worte aufnehmen — den Gegensatz des Aufteren und des Inne- 
ren. 

Der Sonne liebes Licht, 
Es hellet mir den Tag; 
Der Seele Geistesmacht, 
Sie gibt den Gliedern Kraft; 



26. 9. 1919 



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Das eine bemerkt man beobachtend, wie das Licht den Tag erhellt; 
das andere ist das Fuhlen des Seelischen, wie es in die Glieder gent. 
Geistig-seelisch — physisch-korperlich: dasliegt in diesem Satz. 

Im Sonnen-Lichtes-Glanz 
Verehre ich, o Gott, 
Die Menschenkraft, die Du 
In meine Seele mir 
So giitig hast gepflanzt, 
Daft ich kann arbeitsam 
Und lernbegierig sein. 

Dies also verehrend zu denselben beiden. Dann noch einmal zu bei- 
den sich wendend: 

Von Dir stammt Licht und Kraft, (die Sonne) 
Zu Dir strom' Lieb' und Dank. (vom Innern) 

So, wiirde ich meinen, sollen die Kinder es empfinden: zu dem 
Gottlichen im Licht und in der Seele. 

Sie miissen versuchen, mit dieser Empfindung, wie ich es vorgelesen 
habe, es mit den Kindern zusammen im Chor zu sprechen. Zuerst 
lernen es die Kinder rein wortgemaft, so daft sie Wort, Takt und 
Rhythmus haben. Erst spater erklaren Sie einmal gelegentlich: Jetzt 
wollen wir mal sehen, was da drinnen ist. — Erst miissen sie es haben, 
dann erst erklaren. Nicht zuerst erklaren, auch nicht viel darauf 
geben, daft die Kinder es auswendig konnen. Im Gebrauch erst, nach 
und nach sollen sie es auswendig lernen. Sie sollen es formlich von 
Ihren Lippen zunachst ablesen. Wenn es lange Zeit, vier Wochen 
meinetwegen, schlecht geht, um so besser wird es spater gehen. Die 
Grofteren konnen es schon aufschreiben; mit den Kleinsten mufi 
man es nach und nach einlernen. Nicht befehlen, daft sie es auswen- 
dig lernen! Wenn Sie es ihnen aufschreiben, ist es ja schon; dann 
haben sie es in Ihrer Schrift. 

Den Spruch fur die vier hoheren Klassen gebe ich Ihnen morgen 
noch. 

Der Spruch fur die vier hoheren Klassen lautet so: 

Ich schaue in die Welt; 
In der die Sonne leuchtet, 
In der die Sterne funkeln; 
In der die Steine lagern, 
Die Pflanzen lebend wachsen, 



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26.9. 1919 



Die Tiere fiihlend leben, 
In der der Mensch beseelt 
Dem Geiste Wohnung gibt; 
Ich schaue in die Seele, 
Die mir im Innern lebet. 
Der Gottesgeist, er webt 
Im Sonn- und Seelenlicht, 
Im Weltenraum, da draufien, 
In Seelentiefen, drinnen. 
Zu Dir, o Gottesgeist, 
Will ich bittend mich wenden, 
Dafi Kraft und Segen mir 
Zum Lernen und zur Arbeit 
In meinem Innern wachse. 

Die Texte sind hier genau nach den Handschriften wiedergegeben, ausgenom- 
men die Absatze im ersten Spruch, die Dr. Steiner wahrscheinlich beim Dik- 
tieren zum Ausdruck gebracht hat, laut Stenogramm. Es ist nicht ausgeschlos- 
sen, dafi er ,,Liebeslicht" diktiert hat. 

Lehrplan fiir den freien anthroposophischen Religionsunterricht fur Kinder. 

Dr. Steiner: Dieser Unterricht miifite in zwei Stufen erteilt werden. 
Wenn Sie iiberhaupt darauf eingehen wollen, anthroposophischen 
Unterricht mit religiosen Zielen zu betreiben, dann miissen Sie den 
Begriff des Religiosen eben viel ernster nehmen, als er gewohnlich 
genommen wird. Gewohnlich wird der Begriff der Religion dadurch 
entstellt, dafi in die Religion allerlei nicht hineingehoriges Welt- 
anschauliches hineingemischt wird. Dadurch wird gerade durch die 
religiose Oberlieferung dasjenige von einem Zeitalter ins andere hin- 
iibergetragen, was man nicht weiterbilden will. Es blieben alte Welt- 
anschauungen neben den weitergebildeten Weltanschauungen 
gewahrt. Diese Dinge traten ja grotesk hervor in dem Zeitalter des 
Galilei und Giordano Bruno. Wie heute noch in Apologien diese 
Dinge gerechtfertigt werden, das ist geradezu humorvoll. Die katho- 
lische Kirche redete sich aus, dafi ja dazumal die kopernikanische 
Weltanschauung nicht anerkannt gewesen sei, die sie selber verboten 
hatte; daher durfte Galilei sie auch nicht vertreten. Darauf will ich 
jetzt nicht eingehen, sondern ich will es nurerwahnen, um Ihnenzu 
sagen, dafi das Religiose ernst genommen werden mufi, sobald es sich 
um Anthroposophisches handelt. 

Nicht wahr, das Anthroposophische ist eine Weltanschauung, und 
die wollen wir als solche durchaus nicht in unsere Schule hinein- 
tragen. Wir miissen aber jenes religiose Gefiihl, welches von dieser 



26.9. 1919 



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Weltanschauung der Menschenseele vermittelt wird, fur die Kinder, 
deren Eltern es ausdriicklich verlangen, entwickeln. Wir diirfen aber 
gerade, wenn wir von der Anthroposophie ausgehen wollen, nichts 
Falsches entwickeln, nichts Verfruhtes vor alien Dingen entwickeln. 
Wir werden daher zwei Stufen unterscheiden, Wir nehmen also die 
Kinder zunachst zusammen, die wir in den vier Unterklassen haben, 
und dann die, die wir in den vier Oberklassen haben. 
In den vier unteren Klassen versuchen wir mit den Kindern Dinge 
und Vorgange der menschlichen Umwelt so zu besprechen, daft bei 
den Kindern die Empfindung entsteht, dafl Geist in der Natur lebt. 
Da kommen also solche Dinge dann in Betracht, wie ich sie als Bei- 
spiele angefuhrt habe. Man will den Kindern zum Beispiel den Begriff 
der Seele beibringen. Da ist es notwendig, da£ man erstens den Be- 
griff des Lebens uberhaupt den Kindern nahebringt. Den Begriff des 
Lebens bringt man den Kindern nahe, wenn man sie aufmerksam 
macht darauf, daft die Menschen zuerst klein sind, dann heranwach- 
sen, alt werden, dafi sie weifle Haare bekommen, Runzeln bekom- 
men und so weiter. Also man weist auf den Ernst des Lebenslaufes 
beim Menschen hin und macht tatsachlich die Kinder mit dem Ernst 
des Todes bekannt, mit dem die Kinder ja doch bekannt werden. 
Dann ist es durchaus nicht unndtig, nun Vergleiche anzustellen zwi- 
schen dem, was in der Menschenseele vorgeht beim Wechsel von 
Schlafen und Wachen. Auf solche Dinge kann man bei dem kleinsten 
Kinde auf der ersten Stufe durchaus eingehen. Wachen und Schla- 
fen: die Erscheinung besprechen, wie da die Seele ruhend ist, wie der 
Mensch unbeweglich ist im Schlafe und so weiter. Dann bespricht 
man mit dem Kinde, wie die Seele den Korper durchdringt, wenn er 
wacht, und macht es aufmerksam darauf, daft es einen Willen gibt, 
der in den Gliedern sich regt; macht es aufmerksam darauf, daft der 
Korper der Seele die Sinne gibt, durch die man sieht, hort und so 
weiter. Solche Dinge sind also als Beweis zu geben dafiir, daft Geisti- 
ges im Physischen waltet. Das ist mit dem Kinde zu besprechen. 
Vollstandig vermieden mufi werden irgendeine oberflachliche 
ZweckmaBigkeitslehre. Also der anthroposophische Religionsunter- 
richt darf ja nicht nach dem Muster jener Zweckmafiigkeitslehre 
irgendwie orientiert sein, die da sagt: „Wozu findet man an dem 
Baume Kork? " ,,Damit man Champagnerpfropfen machen kann. 
Das hat der liebe Gott weise eingerichtet, damit man Kork hat zu 
Pfropfen." Dieses, daB etwas da ist „wozu", das wie menschliche 
Absicht waltet und in der Natur sich auslebt, das ist Gift; das darf 
nicht entwickelt werden. Also ja nicht banale Zweckmafiigkeitsvor- 
stellungen in die Natur hineintragen. 



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Ebensowenig darf die Vorstellunggepflegt werden, die die Menschen 
so sehr lieben, daft das Unbekannte ein Beweis desGeistes ist. Nicht 
wahr, die Menschen sagen: Oh, das kann man nicht wissen, da offen- 
bart sich der Geist! — Statt daft die Menschen die Empfindung be- 
kommen: Man kann vom Geiste wissen, der Geist offenbart sich in 
der Materie — , werden die Menschen so sehr darauf hingelenkt, daft 
da, wo man sich etwas nicht erklaren kann, ein Beweis ist fur das 
Gottliche. 

Diese zwei Dinge sind also streng zu vermeiden, oberflachliche 
Zweckmaftigkeitslehre und solche Wundervorstellungen, die also das 
Wunder geradezu suchen als einen Beweis des gottlichen Wakens. 
Dagegen kommt es uberall darauf an, daft wir uns Vorstellungen 
ausbilden, durch die wir ausderNaturauf das Obersinnliche hinwei- 
sen. Zum Beispiel habe ich ja oftmals das eine erwahnt: Wir sprechen 
mit den Kindern iiber die Schmetterlingspuppe, wie der Schmetter- 
ling aus der Puppe kommt, und machen ihnen daran den Begriff der 
unsterblichen Seele klar, indem wir sagen: Ja, der Mensch stirbt, und 
dann geht aus ihm die Seele heraus wie ein unsichtbarer Schmetter- 
ling, so wie der Schmetterling aus der Puppe geht. Aber wirksam ist 
eine solche Vorstellung nur, wenn Sie selber daran glauben, wenn 
Ihnen selber die Vorstellung des Auskriechens des Schmetterlings 
aus der Puppe ein von gottlichen Machten in die Natur hinein- 
gepflanztes Symbolum fur die Unsterblichkeit ist. Man muft selber 
daran glauben, sonst glauben einem die Kinder nicht. 
Solche Dinge muft man anregen in den Kindern, und sie werden dann 
besonders wirksam sein in den Kindern, wo man zeigen kann, wie ein 
Wesen in vielen Gestalten leben kann, eine Urgestalt in vielen ein- 
zelnen Gestalten. Aber es kommt darauf an, das Empfindungs- 
gemafte, nicht das Weltanschauungsgemafte im religiosen Unterricht 
zu pflegen. Sie konnen zum Beispiel die Gedichte iiber die Metamor- 
phose der Pflanzen und der Tiere ganz gut religios verwenden, nur 
miissen Sie die Gefuhle, die Empfindungen, die von Zeile zu Zeile 
gehen, verwenden. Und Sie konnen in ahnlicher Weise die Natur 
betrachten, bis die 4. Klasse vollendet ist. Da miissen Sie namentlich 
auch die Vorstellung immer wieder anregen, da/3 der Mensch im 
ganzen Weltenall drinnensteht mit all seinem Denken und all seinem 
Tun. Und Sie miiftten auch diese Vorstellung anregen, daft in dem, 
was in uns lebt, auch der Gott lebt. Und immer wieder miissen Sie auf 
solche Vorstellungen zuriickkommen: Im Baumblatt lebt das Gott- 
liche, in der Sonne lebt das Gottliche, in der Wolke und im Flusse 
lebt das Gottliche. Aber das Gottliche lebt auch im Blutlauf; das 



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Gottliche lebt im Herzen, in dem, was du fiihlst, in dem, was du 
denkst. Also immer die Vorstellung entwickeln, daft der Mensch 
auch ausgefiillt ist vom Gottlichen. 

Dann mufi man sehr stark schon in diesen Jahren die Vorstellung 
hervorrufen, daft der Mensch verpflichtet ist, weil er den Gott dar- 
stellt, weil er das Gottliche offenbart, ein guter Mensch zu sein. Der 
Mensch tut dem Gott Schaden, wenn er nicht gut ist. Der Mensch ist 
nicht um seiner selbst willen in der Welt, religios gedacht, sondern er 
ist in der Welt zur Offenbarung des Gottlichen. Man driickt das oft so 
aus, daft man sagt: Der Mensch ist nicht um seiner selbst willen da, 
sondern ,,zur Ehre Gottes". — Zur ,,Ehre" bedeutet dann aber in 
Wirklichkeit ,,zur Offenbarung". Wie es ja auch nicht heiftt in Wirk- 
lichkeit: ,,Ehre sei Gott in der Hohe", sondern: ,,Es offenbaren sich 
die Gotter in der Hohe." So ist auch der Satz, daft der Mensch ,,zur 
Ehre Gottes" da ist, so zu fassen: Er ist da, damit er durch seine 
Taten und sein ganzes Fiihlen das Gottliche ausdriickt. Und wenn er 
etwas Schlechtes tut, wenn er unfromm und ungut ist, so tut er 
etwas, was dem Gotte zur Schmach wird, wodurch der Gott selbst 
entstellt wird, zu etwas Unschonem wird. 

Diese Vorstellung muft man besonders hereinbringen. Also das Inne- 
wohnen des Gottes in dem Menschen, das ist etwas, was schon auf 
dieser Stufe verwendet werden muft. Auf dieser Stufe wiirde ich 
noch von jeder Christologie absehen und nur aus der Natur und aus 
Naturvorgangen heraus eben das gottliche Vatergefiihl erwecken. 
Und ich wiirde versuchen, daran zu kniipfen allerlei Besprechungen 
iiber Motive des Alten Testaments, namentlich auch soweit sie ver- 
wendbar sind — und sie sind es, wenn sie nur richtig behandelt wer- 
den — , die Psalmen Davids, das Hohe Lied und so weiter. Das ware 
also die erste Stufe. 

Bei der zweiten Stufe, die ja also die vier hoheren Klassen umfassen 
wiirde, wiirde es sich darum handeln, daft man viel bespricht mit den 
Kindern die Begriffe von Schicksal, Menschenschicksal. Also dem 
Kinde ware eine Vorstellung beizubringen von dem, was Schicksal 
ist, so daft das Kind wirklich fiihlt, daft der Mensch ein Schicksal hat. 
Den Unterschied dem Kinde beizubringen zwischen dem, waseinen 
zufallig bloft trifft, und dem, was Schicksal ist, das ist wichtig. Also 
man muft den Begriff des Schicksals mit dem Kinde behandeln. Die 
Frage, wann einen etwas als Schicksal trifft, oder wann einen etwas 
zufallig trifft, die laftt sich nicht definitionsgemaft erlautern. Man 
kann sie aber vielleicht an Beispielen erlautern. Ich will sagen, wenn 
ich empfinde bei einem Ereignis, das mich trifft, daft ich das Ereignis 



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so wie gesucht habe, dann ist es Schicksal. Wenn ich nicht empfinden 
kann, daft ich es gesucht habe, aber besonders stark empfinden kann, 
daft es mich iiberrascht und daft ich viel daran lernen kann fiir die 
Zukunft, dann ist es ein Zufall, dann wird es erst Schicksal. Es muft 
an diesem, was nur empfindungsgemaft erlebt werden kann, der 
Unterschied zwischen ,,vollendetem Karma" und ,,aufgehendem, 
werdendem Karma" dem Kinde allmahlich beigebracht werden. Man 
muft wirklich die Schicksalsfrage im Sinne der Karmafrage allmah- 
lich mit dem Kinde behandeln. 

Daft es in der Empfindung Unterschiede gibt, dariiber werden 
Sie Genaueres finden in der neuesten Auflage meiner „Theosophie". 
Da habe ich diese Frage einmal behandelt in dem Kapitel 
,,Reinkarnation und Karma", das ganz neu bearbeitet ist. Da habe ich 
versucht, herauszuarbeiten, wie man den Unterschied empfinden 
kann. Da konnen Sie den Kindern durchaus schon klarmachen, daft 
es eigentlich zweierlei Ereignisse gibt. Bei dem einen empfindet man 
eben mehr, daft man es gesucht hat: zum Beispiel wenn man einen 
Menschen kennenlernt, empfindet man meistens, daft man ihn ge- 
sucht hat. Wenn einen ein Naturereignis trifft, in das man verquickt 
ist, dann empfindet man, daft man viel daran lernen kann fiir die 
Zukunft. Trifft einen etwas durch Menschen, so ist es meist ein 
erfiilltes Karma. Selbst in einer solchen Weise, daft Sie sich hier zu- 
sammenfinden zum Beispiel in einem Lehrerkollegium in der Wal- 
dorfschule, ist ein erfiilltes Karma. Man findet sich so zusammen, 
weil man sich gesucht hat. Daslaftt sich aber nicht definitionsgemaft 
klarmachen, sondern nur empfindungsgemaft. Man muft dem Kinde 
viel iiber allerlei besondere Schicksale sprechen, vielleicht in Erzah- 
lungen, worin Schicksalsfragen spielen. Man kann manches sogar 
wiederholen aus den Marchenerzahlungen, indem man die Marchen 
noch einmal durchnimmt, in denen Schicksalsfragen spielen. 
Namentlich kann man auch in der Geschichte solche Beispiele auf- 
suchen, wo man an einzelnen Personen sieht, wie sich ein Schicksal 
erfiillt. Die Schicksalsfrage ist also zu besprechen, um von dieser 
Seite auf den Ernst des Lebens hinzuweisen. 

Und dann mochte ich Ihnen klarmachen, was das eigentlich Reli- 
giose im anthroposophischen Sinne ist. Das Religiose im Sinne der 
Anthroposophie ist das Gefiihlsmaftige, das, was wir aus der Welt- 
anschauung an Gefiihlen aufnehmen fiir Welt und Geist und Leben. 
Die Weltanschauung selber ist eine Sache des Kopfes, das Religiose 
aber geht immer aus dem ganzen Menschen hervor. Daher ist eine 
Religion, die Bekenntnisreligion ist, eigentlich nicht wirklich reli- 



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gios. Dasjenige, worauf es ankommt, ist, da/3 in der Religion der 
ganze Mensch, und zwar hauptsachlich Gefuhl und Wille, lebt. Das- 
jenige, was an Weltanschauungsinhalt in der Religion lebt, das ist 
eigentlich nur zum Exemplifizieren, zur Unterstiitzung, zur Vertie- 
fung des Gefiihls und zur Erstarkung des Willens. Das ist das, was aus 
der Religion flieflen soil: daB der Mensch iiber das, was einem die 
verganglichen, irdischen Dinge an Gemiitsvertiefung und Willens- 
erstarkung geben konnen, hinauswachst. 

Von der Schicksalsfrage ware dazu uberzugehen, den Unterschied zu 
besprechen zwischen dem, was man von den Eltern ererbt hat, im 
Gegensatz zu dem, was man aus einem fruheren Erdenleben mit- 
bringt. In der zweiten Stufe werden die fruheren Erdenleben heran- 
gezogen, und alles wird beigetragen, damit ganz verstandesmaBig, 
gefiihlsmaBig begriffen wird, daB der Mensch in wiederholten Erden- 
leben lebt. 

Und dann sollte durchaus beriicksichtigt werden, daB der Mensch 
zunachst sich in drei Stufen zum Gottlichen erhebt. — Also, nach- 
dem man mit dem Schicksalsbegriff beigebracht hat langsam, in 
Erzahlungen, den Vererbungsbegriff, den Begriff der wiederholten 
Erdenleben, geht man iiber zu den drei Stufen des Gottlichen: 
Erstens zu dem Gottlichen, das zu dem Engelwesen fiihrt, das fur 
jeden einzelnen Menschen personlich da ist. Und da bespricht man, 
wie der einzelne Mensch von Leben zu Leben gefiihrt wird durch 
seinen personlichen Genius. Also dieses Persdnlich-Gd ttliche, das im 
Menschen fiihrend ist, das wird zuerst besprochen. 
Zweitens versucht man nun zu erklaren, daB es hohere Gotter gibt, 
die Erzengel, und daB die dazu da sind — man kommt daallmahlich 
hinein in das, was man in der Geschichte, in der Geographie betrach- 
ten kann — , daft die Erzengel dazu da sind, um ganze Menschen- 
gruppen zu dirigieren, also Volkermassen und dergleichen. DasmuB 
scharf so beigebracht werden, daB das Kind unterscheiden lernt zwi- 
schen dem Gott, von dem zum Beispiel der Protestantismus spricht, 
der eigentlich nur der Engel ist, und zwischen dem Erzengel, der 
etwas Hoheres ist als dasjenige, was eigentlich in der evangelischen 
Religionslehre tiberhaupt vorkommt. 

Drittens ist dann nun auch der Begriff des Zeitgeistes beizubringen 
als eines waltenden Gottlichen iiber Perioden hin. Da kommt man in 
den Zusammenhang zwischen der Geschichte und der Religion. 
Und erst, wenn man solche Begriffe beigebracht hat, geht man dazu 
iiber, so etwa im zwolften Jahr — wir konnen es ja jetzt nicht so 
machen; wir werden zwei Stufen machen; die Kinder konnen durch- 



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aus schon friiher horen, was sie dann spater besser verstehen — , nach- 
dem wir die drei Stufen dem Kinde moglichst beigebracht haben, 
gehen wir iiber zur eigentlichen Christologie, indem wir die Welt- 
entwickelung in zwei Teile teilen: in die vorchristliche, die eine Vor- 
bereitung war, und in die christliche, die eine Erfullung ist. Da mufl 
der Begriff eine grofte Rolle spielen, dafi sich das Gottliche durch den 
Christus offenbarte ,,in der Fiille der Zeiten". 

Und dann gehe man auch erst iiber zu den Evangelien. Bis dahin 
verwende man, insofern man Erzahlungen braucht, um den Begriff 
der Engel, Erzengel und des Zeitgeistes zu erklaren, das Alte Testa- 
ment. Man macht aus dem Alten Testament heraus, zum Beispiel das 
Eintreten eines neuen Zeitgeistes, dem Kinde klar an der Erschei- 
nung des Moses, gegenuber dem fruheren Zeitgeist, wo die Offe n- 
barung des Moses noch nicht vorhanden war. Dann macht man wie- 
derum klar, dafi ein neuer Zeitgeist auftritt im 6. Jahrhundert der 
vorchristlichen Zeit. Dazu verwendet man zuerst das Alte Testa- 
ment. Und dann, wenn man zur Christologie iibergegangen ist, aber 
es so erlaBt hat in einer langen vorbereitenden Zeit, dann gehe man 
iiber zu den Evangelien und versuche, einzelne Glieder der Evan- 
gelien herauszunehmen, und immer wie etwas Selbstverstandliches 
die Vierheit der Evangelien beizubringen, indem man sagt: Wie ein 
Baum von vier verschiedenen Seiten photographiert werden mufi, 
um richtig gesehen zu werden, so sind die vier Evangelien wie vier 
Gesichtspunkte. Man nehme einmal das Matthaus-Evangelium, ein- 
mal das Markus-Evangelium, einmal das Lukas-Evangelium, einmal 
das Johannes-Evangelium und lege gerade besonderen Wert darauf, 
daft das immer gefuhlt wird. Aui den Gefiihlsunterschied lege man 
ganz und gar den Hauptwert. 

Das ware also die zweite Stufe mit ihrem Lehrinhalt. Der Tenor der 
ersten Stufe ist der, daft dem werdenden Menschen beigebracht wer- 
den sollte alles dasjenige, was kund werden kann vermittels des 
Gottlichen in der Natur durch Weisheit. 

Auf der zweiten Stufe ist die Umwandlung: der Mensch erkennt das 
Gottliche durch Weisheit allein nicht, sondern durch die wirkende 
Liebe. 

Das ist der Tenor, das Leitmotiv in den beiden Stufen. 
X. : Soli man Spruche Iernen lassen? 

Dr. Steiner: Ja, vorzugsweise aus dem Alten Testament, spater aus 
dem Neuen Testament. Aber nicht die Spruche, die oftmals in Gebet- 
biichern enthalten sind, die sind zumeist trivial. Also Spruche aus der 



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Bibel, und auch dasjenige, was wir haben in der Anthroposophie an 
Spruchen. Wir haben ja allerlei Sprtiche, die konnen gut verwendet 
werden in diesem anthroposophischen Religionsunterricht. 

X..- Soli man die Zehn Gebote lehren? 

Dr. Steiner: Die Zehn Gebote sindja im Al ten Testament enthalten, 
aber es muft der Ernst der Sache immer klargemacht werden. Ich 
habe ja immer betont, es steht auch da drinnen, daft man den Namen 
des Gottes nicht eitel aussprechen soil. Das wird ja iibertreten fast 
vonjedem Kanzelredner, indem der Name desChristus fortwahrend 
eitel ausgesprochen wird. Das mufi natiirlich alles gefiihlsmaftig ver- 
tieft werden. Der Religionsunterricht soil iiberhaupt gegeben werden 
nicht in Bekenntnisform, sondern in gefiihlsmaftiger Vertiefung. Das 
Credo ist als solches nicht die Hauptsache, sondern dasjenige, was 
empfunden wird beim Credo; nicht der Glaube an den Vatergott, an 
den Sohngott, an den Geistgott, sondern was man empfindet dem 
Vater, dem Sohne, dem Geiste gegenuber. So daft immer in den 
Seelengriinden waltet: 

Gott nicht erkennen, ist eine Krankheit; 

Christus nicht erkennen ist ein Schicksal, ein Ungliick; 

den Geist nicht erkennen ist eine Beschranktheit der Menschenseele. 

X.: Soil man das Historische den Kindern nahebringen: den Gang der Zara- 
thustra-Individualitat bis zur Offenbarung des Christentums? Die Geschichte 
von den beiden Jesus-Knaben? 

Dr. Steiner: Man muft den Religionsunterricht abschlieften, indem 
man den Kindern diese Zusammenhange beibringt, selbstverstand- 
lich sehr vorsichtig. 

Die erste Stufe ist durchaus mehr Naturreligion, die zweite mehr 
historische Religion. 

X.: Fur den Naturgeschichtsunterricht ist auch wohl die Zweckmafiigkeits- 
lehre zu vermeiden? Der Schmeilsche Leitfaden fur Botanik und Zoologie — 
der ist teleologisch. 

Dr. Steiner: Bei den Buchern bitte ich durchaus zu beriicksichtigen, 
daft ich sie nur betrachtet wissen mochte zu Ihrer Information beziig- 
lich der Tatsachen. Sie konnen schlechtweg voraussetzen, daft die 
Methoden, die da drinnen befolgt sind, auch in der Anschauungs- 
weise, durchaus von uns zu vermeiden sind. Bei uns miissen eben alle 
Dinge wirklich neu werden. Diese schrecklichen Dinge, die man nur 
so charakterisieren kann: Der gute Gott hat den Kork erschaffen, 



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damit man Champagnerpfropfen daraus machen kann — ,dieseGesin- 
nung, die natiirlich solche Biicher ganz durchdringt, die miissen wir 
vollstandig vermeiden. Fiir uns sind diese Biicher nur da, damit wir 
uns iiber die Tatsachen informieren. So ist es auch in der Geschichte. 
Da ist nicht minder alles Kohl, was an Urteil hineingeflossen ist. In 
der Naturgeschichte erst recht. 

Es scheint mir zum Beispiel nicht schlimm, wenn man den Brehm 
verwenden wiirde, wenn solche Dinge aktuell werden sollten. Im 
Brehm sind solche Trivialitaten vermieden. Er ist ja ein bifichen 
spiefttg. Es ware ganz gut, wenn man solche Dinge herausschreiben 
wiirde, und die Erzahlungen dabei mehr zugrunde legen wiirde. Das 
wiirde vielleicht das beste sein. Er ist ja philistros geschrieben, der 
alte Brehm; der neue kommt nicht in Betracht, der ist wiederum von 
einem Modernen bearbeitet. 

Sie konnen ungefahr annehmen, da£ alles, was vom Jahre 1885 an an 
Schulbiichern erzeugt worden ist, schlechtes Zeug ist. Seitjener Zeit 
ist alle Padagogik in der furchtbarsten Weise zuriickgegangen und in 
die Phrase hineingekommen. 

X.: Wie mufi man in der Naturgeschichte den Menschen durchnehmen? Wie 
soli man das in der 4. Klasse anfangen? 

Dr. Steiner: Fur den Menschen finden Sie fast alles irgendwie in 
meinen Zyklen zerstreut. Es ist fast alles irgendwo gesagt. Und dann 
ist ja auch vieles im Seminarkursus angedeutet. Sie brauchen es nur 
umzusetzen fiir die Schule. Die Hauptsache ist, daft Sie sich an die 
Tatsachen halten, aber auch an die Tatsachen psychologischer und 
spiritueller Art. Sie nehmen zunachst den Menschen durch nach der 
Formung des Knochensystems; da konnen Sie ja nicht unsicher sein. 
Dann gehen Sie iiber zum Muskelsystem, zum Drtisensystem. Am 
MuskeFsystem bringen Sie den Kindern bei den Begriff des Willens, 
am Nervensystem den Begriff des Denkens. Also halten Sie sich an 
das, was Sie aus der Anthroposophie kennen. Es ist notwendig, daB 
Sie sich ja nicht beirren lassen durch ein heutiges schablonenmaftiges 
Buch. Nehmen Sie sich sogar lieber — Sie brauchen ja nicht fur Ihre 
4. Klasse etwas, was ,,auf der Hohe der Wissenschaft" steht — eine 
altere Beschreibung und halten Sie sich daran. Alle diese Dinge sind, 
wie gesagt, spottschlecht geworden, seit den achtziger Jahren. Aber 
in den Zyklen finden Sie iiberall Anhaltspunkte. 

X. : Ich habe hier eine Tabelle der geologischen Formationen zusammen- 
gestellt im Anschlufi an das gestern Gesagte. 



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Dr. Steiner: Sie diirfen da nie pedantisch parallelisieren. Ja, wenn Sie 
zu der Primitivform, zum Urgebirge, gehen, haben Sie die polarische 
Zeit. Die palaozoische entspricht der hyperboraischen Epoche, auch 
da diirfen Sie nicht pedantisch die einzelnen Tierformen nehmen. 
Dann haben Sie das mesozoische Zeitalter dem lemurischen im 
wesentlichen entsprechend. Dann die erste und zweite Saugetier- 
fauna oder das kanozoische Zeitalter, das ist das atlantische Zeit- 
alter. Das atlantische ist nicht alter als etwa neuntausend Jahre. — 
Diese fiinf Zeitalter, das primitive, palaozoische, mesozoische, kano- 
zoische, anthropozoische konnen Sie also geradezu parallelisieren, 
aber nicht pedantisch. 

X.; Es ist einmal gesagt, dafl die Abzweigung der Fische und die Abzweigung 
der Vogel gewdhnlich nicht richtig angegeben werden, zum Beispiel bei 
Haeckel. 

Dr. Steiner: Die Abzweigung der Fische wird allerdings etwas zu- 
riickgeschoben im Devonschen Zeitalter. 

X.; Wie sieht der Mensch in diesem Zeitalter aus? 

Dr. Steiner: Im primitiven Zeitalter ist er fast ganz noch von athe- 
rischer Substantiality. Er lebt zwischen den anderen Erscheinungen. 
Er hat noch keine Dichte. Er wird dichter im hyperboraischen Zeit- 
alter. Nur diese Tierformen, die eigentlich der Niederschlag sind, die 
leben. Der Mensch lebt auch, nicht in geringer Kraft, er hat eine 
ungeheure Kraft. Aber er hat nichts an sich von einer Substanz, die 
zuriickbleiben konnte. Daher gibt es keine Uberreste. Er lebt durch 
die ganzen Zeitalter hindurch und bekommt erst etwa im kano- 
zoischen Zeitalter aufiere Dichte. Wenn Sie sich erinnern, wie ich das 
lemurische Zeitalter beschrieben habe, das sind fast atherische Land- 
schaften. Das ist alles da, aber es sind keine geologischen Oberreste 
da. Aber wollen Sie das berucksichtigen, daB eigentlich hier durch 
alle fiinf Zeitalter uberall schon Mensch ist: Mensch ist iiberall. Dann 
hier (Dr. Steiner demonstriert an der Tabelle) im ersten Zeitalter 
(Primitivform) ist aufler dem Menschen eigentlich noch nichts ande- 
res vorhanden; das sind nur geringfugige Oberreste. Da ist Eozoon 
canadense eigentlich mehr Formation, etwas, was sich als Figur bil- 
det; das ist nicht ein wirkliches Tier. Dann hier in der hyperboraisch- 
palaozoischen Zeit tritt das Tierische schon auf, aber in Formen, die 
spater nicht mehr erhalten sind. Hier in der lemurisch-mesozoischen 
Zeit tritt das Pflanzenreich auf, und hier tritt in der Atlantis, in dei 
kanozoischen Zeit, das Mineralreich auf; eigentlich schon in der letz 



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ten Zeit hier, in diesen zwei friiheren Zeitaltern schon. (In den bei- 
den letzten Unterrassen der lemurischen Zeit.) 

X.: 1st der Mensch schon als Kopfmensch, Brustmensch und Gliedmafien- 
mensch da? 

Dr. Steiner: Er ist ahnlich wie ein Kentaur. Stark tierischer Unterleib 
und vermenschlicht der Kopf. 

X. : Man hat fast den Eindruck, als ware es eine Zusammensetzung, eine 
Symbiose aus drei Wesenheiten. 

Dr. Steiner: So ist es auch. 

X.: Wie ist es moglich, dafi dann im Karbon Pflanzenreste sind? 

Dr. Steiner: Das sind keine Pflanzenreste. Was da so ausschaut wie 
Pflanzenreste, das ist dadurch entstanden, da6 zum Beispiel der 
Wind went und ganz bestimmte Hemmungen findet. Sagen wir, der 
Wind weht und bringt so etwas wie Pflanzenformen hervor, die sich 
geradeso erhalten haben wie der Tritt der Tiere. (Hyperboraisches 
Zeitalter.) Es ist eine Art Pflanzenkristallisation. Es ist eine Ein- 
kristallisierung mit Pflanzenformen. 

X. : Also die Baume, die existierten gar nicht? 

Dr. Steiner: Nein, die sind als Baum/ormen vorhanden gewesen. Die 
ganze Flora der Karbonzeit ist nicht physisch vorhanden. Denken 
Sie sich einen Wald, der eigentlich in seiner Atherform vorhanden ist, 
und der daher in bestimmter Weise den Wind aufhalt. Dadurch bil- 
den sich da in der Form fast Stalaktiten. Was sich bildet, das sind 
nicht Oberreste von Pflanzen. Da bilden sich Formen einfach durch 
die Konfiguration, die da entsteht durch Elementarwirkungen. Das 
sind nicht wirkliche Oberreste. Man kann nicht sagen, daft das so ist, 
wie in der Atlantis. Da haben sich dann die Sachen erhalten, und in 
der letzten lemurischen Zeit auch, aber in der Karbonzeit ist keine 
Rede davon, dafi Pflanzeniiberreste da sind. Nur tierische Oberreste. 
Aber da handelt es sich auch in der Mehrzahl um solche Tiere, die nur 
zu parallelisieren sind mit unserer Kopfform. 

X.: Wann richtete sich der Mensch auf? Man kann den Punkt nicht ein- 
ordnen. 

Dr. Steiner: Das ist doch nicht gut, wenn Sie sich diese Vorstellun- 
gen so festnageln. Denn, nicht wahr, manche Rasse richtete sich eben 
fruher auf und manche spater. Man kann nicht den bestimmten 
Punkt festnageln. So ist es in der Wirklichkeit nicht. 



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X.: Wenn das Pistill dem Monde zugeordnet ist, die Narbe der Sonne, wie 
driickt sich da die Bewegung von Sonne und Mond aus? 

Dr. Steiner; Sie mussen sich die Sache so vorstellen. (Es wirdgezeich- 
net.) Die Narbe geht nach oben, das ware die Sonnenbahn; und das 
Pistill bewegt sich ringsherum, da ist man in der Mondenbahn darin- 
nen. Da haben wir ein Abbild dieser Sonnen-Erdenbahn, die ich 
gestern aufgezeichnet habe. Der Mond bewegt sich aber um die Erde. 
Der ist im Pistill drinnen. (Dr. Steiner demonstriert an der Zeich- 
nung.) Das erscheint daher so, die Mondenbahn, die auch natiirlich 
so herumgeht, aber nicht in gerader Linie fur die Verhaltnisse er- 
scheint. Die Sonnenbahn ist die Narbe. Dieser Kreis ist eine Nach- 
bildung der Spirale, die ich gestern gezeichnet habe. Es ist auch eine 
Spirale, eine Schraube. 




X. : Wir haben gehort, dafl die Temperamente mit dem Obergewicht der ein- 
zelnen Leiber zusammenhangen. Im Zyklus 20 ist nun die Rede davon, dafi 
ein Obergewicht besteht des physischen Leibes gegeniiber dem Atherleib, des 
Atherleibes gegeniiber dem Astralleib, des Ich gegeniiber dem Astralleib. — Ist 
hier ein Zusammenhang mit den Temperamenten? — Im 18. Zyklus ist eine 
Figur erwahnt, die gibt das richtige Verhaltnis der Leiber an. 

Dr. Steiner: Das gibt das Krafteverhaltnis an. 

X.: Ist da weiter eine Beziehung zu den Temperamenten? 

Dr. Steiner: Keine andere, als die im Seminarkurs angegeben wurde. 

X. : Es wurde gesagt, dafl Melancholie durch ein Obergewicht des physischen 
Leibes entsteht. Ist das ein Obergewicht des physischen Leibes iiber den 
Atherleib? 



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Dr. Steiner: Nein, tiberhaupt ein Ubergewicht iiber die anderen 
Leiber. 

Es wird gefragt nach einem Elterntag. 

Dr. Steiner: Er sollte schon vorhanden sein, aber es ware gut, wenn 
er nicht allzuoft ware, sonst versickert das Interesse und die Eltern 
kommen nicht mehr. Es muB so eingerichtet werden, daB die Eltern 
auch wirklich kommen. Wenn er zu oft ist, wiirde es eine iibel emp- 
fundene Sache. Man sollte gerade in bezug auf Schuleinrichtungen 
keine Projekte machen, die nicht erfiillt werden. Man sollte sich nur 
vornehmen, was auch wirklich geschehen kann. Dreimal im Jahr 
einen Elterntag ansetzen, das wiirde ich fiir gut finden. Dann wiirde 
ich aber vorschlagen, daB er moglichst feierlich behandelt wird, daft 
also Karten gedruckt werden unci alien einzelnen Eltern diese Karten 
zugeschickt werden. 

Vielleicht konnte man es so einrichten, daB man den ersten so im 
Anfang des Schuljahres festsetzt; mehr als Courtoisie, damit man mit 
den Eltern wiederum in Kontakt kommt. Dann in der Mitte des 
Schuljahres einen Elternabend und einen am Ende des Schuljahres. 
Die beiden letzten sind dann die eigentlich maBgebenden. Der erste 
ist nur eine Courtoisie. Man konnte die Kinder jaetwas deklamieren 
lassen, etwas Eurythmie machen lassen und so weiter. 
Elternsprechstunden kann man einrichten; das ist ganz gut. Im all- 
gemeinen werden Sie ja wahrscheinlich die Erfahrung machen, daB 
sich die Elternschaft zu wenig kummert, auBer die anthroposo- 
phischen Eltern. 

X. bittet, ihm etwas zu sagen iiber die Popularisierung der Geisteswissen- 
schaft, besonders in bezug auf die Nach mit tagskurse fiir Arbeiter. 

Dr. Steiner: Nun, diese Popularisierung muB sich mehr daraufbezie- 
hen, den richtigen Gang einzuhalten. Ich bin im allgemeinen nicht 
dafiir, daB man das Popularisieren durch Trivialisierung bewirkt. Ich 
meine also, daB man zunachst das Buch ,,Theosophie" zugrunde legt 
und von Fall zu Fall herauszukriegen versucht, was ein bestimmtes 
Auditorium schwer oder leicht versteht. Sie werden sehen, daB die 
letzte Auflage der ,,Theosophie" viele Winke enthalt, gerade wenn 
man sie als Lehrstoff vortragt. Dann wiirde ich iibergehen zu der 
Besprechung einzelner Partien von ,,Wie erlangt man Erkenntnisse 
der hoheren Welten? ", aber niemals mit der Tendenz, daB die Leute 
Hellseher werden sollen. Sie sollen sich nur informieren iiber die 
Wege des Hellsehers, so daB sie es wissen, auf welche Weise man zu 



26.9. 1919 



111 



diesen Wahrheiten kommt. Sie sollen das Gefiihl bekommen, durch 
gesunden Menschenverstand kann man begreifen und wissen, auf 
welchen Wegen diese Dinge erfafit werden. Dann kann man richtig 
popular behandeln ,,Die geistige Fiihrung des Menschen und der 
Menschheit". Das waren fiir eine populare Darstellung die drei 
Biicher. Im ubrigen mufl man sich nach dem Auditorium richten. 

Es wird noch iiber einzelne Kinder gesprochen. 

Dr. Steiner: Das Wichtigste ist, dafi immer Kontakt da ist, dafi der 
Lehrer mit den Schulern eine richtige Einheit bildet. Das ist im 
Grunde genommen fast durch alle Klassen hindurch in sehr schoner, 
erfreulicher Weise vorhanden gewesen. Ich war sehr erfreut iiber die 
Sache. 

Ich kann Ihnen sagen, ich werde viel, auch wenn ich nicht da bin, an 
diese Schule herdenken, Denn, nicht wahr, wir mussen ja alle durch- 
drungen sein: 

Erstens von dem Ernst der Sache. Es ist eine ungeheuer wichtige 
Sache fiir uns gerade. 

Zweitens mussen wir durchdrungen sein von der Verantwortung, die 
wir tragen, sowohl der Anthroposophie gegeniiber wie der Kultur- 
bewegung gegeniiber, der sozialen Frage gegeniiber. 
Und dann drittens das, was wir als Anthroposophen besonders uns 
vorhalten mussen: die Verantwortung gegeniiber den Gottern. 

Wir mussen durchaus innerhalb der Lehrerschaft daran festhalten, 
daB wir Menschen nicht um unserer selbst willen da sind, sondern um 
die gottlichen Plane mit der Welt zu verwirklichen. Halten wir uns 
das vor, dafi wir eigentlich, indem wir das eine oder andere tun, die 
Intentionen der Gotter ausfiihren, daft wir gewissermafien die Ge- 
hause sind, um das zu verwirklichen, was als Stromungen herunter- 
fliefk und sich verwirklichen will in der Welt; da/3 wir keinen Augen- 
blick ermangeln, den ganzen Ernst und die ganze Wurde zu empfin- 
den. 

Empfinden Sie diese Wurde, diesen Ernst, diese Verantwortung. Ich 
werde Ihnen mit solchen Gedanken entgegenkommen. Wir werden 
uns mit solchen Gedanken begegnen. 

Das wollen wir heute noch als unsere Empfindung aufnehmen und in 
diesem Sinne eine Weile auseinandergehen, und dann uns immer 
wiederum geistig treffen, um die Kraft zu bekommen fiir dieses wirk- 
lich grofte Werk. 



Konferenz vom Montag 22. Dezember 1919, 9 Uhr 



Es war ein Nachmittagshort eingerichtet worden, den die Lehrer abwechselnd 
je einen Tag fuhrten. Es wird gefragt, was man darin mit den Kindern tun 
solle. 

Dr. Steiner: Da sollen die Kinder Unterhaltung haben. Mankann sie 
Spielereien machen lassen. Auch Theater konnen sie spielen. Sie 
konnen auch ihre Schulaufgaben machen. 

Man soli dabei selbst zum Kinde werden, soil die Kinder lachen 
machen. Sie sollten im Hort anderes tun als Schultatigkeit. Die Kin- 
der sollen nur fiihlen, daft man da ist, wenn sie etwas brauchen. 
Von besonderem Wert ist es, sich von den Kindern ihre Erlebnisse 
erzahlen zu lassen. Man muft sich interessieren dafiir. Es ist gesun- 
dend, wenn ein Kind sich aussprechen kann. Auch Topferarbeiten 
konnten gemacht werden. 

X. berichtet, daft man immer am ersten Montag jedes Monats, der nach Lan- 
desgewohnheit schulfrei ist, ein Schulfest veranstalten mochte; solche Feste 
hatten bisher schon am 3. November und am 1. Dezember stattgefunden. 

Dr. Sterner: Solch eine Monatsfeier sollte besser auf den Donnerstag 
gelegt werden. Montag ist der Philistertag; fur den Donnerstag spre- 
chen innere Griinde. Der Donnerstag ist als Jupitertag der geeignetste 
Tag. Der Inhalt einer solchen Monatsfeier sollte sein ein Gedanken- 
sammeln iiber den Monatsinhalt, etwas Ahnliches wie beim ,,Seelen- 
kalender". Die Spriiche aus den ,,Zwolf Stimmungen" kommen 
dabei aber hochstens fur die 7. und 8. Klasse in Frage. 

X. gibt einen Bericht iiber ihren Unterricht in der 1. Klasse. 

Dr. Steiner: Mit Stiften zu zeichnen, ist nicht gut. Man sollte lieber 
Aquarellfarben nehmen zum Malen. Olkreiden sind benutzbar. 
Erzahlungen sollten nicht zu lang sein. Zu empfehlen sind in den 
unteren Klassen kiirzere, prazise, iiberschaubare Erzahlungen. Die 
Hauptsache ist, daft die Sache nachher sitzt. Es ist darauf zu sehen, 
daft nichts, was durchgenommen wird, rasch wieder aus den Kindern 
verschwindet, und das sollte nicht durch Wiederholung, sondern 
gleich durch die erste Darstellung erreicht werden. 

X. berichtet iiber die 2. Klasse. 

Dr. Steiner: Das Dividieren miiftte schon frtih angefangen werden. 
Mit dem Rechtschreiben sollte man, wenn es einigen Kindern schwer 
wird, duldsam sein. 



22. 12. 1919 



113 



X. berichtet tiber ihre 3. Klasse; sie habe da freiwillige Rechnungen als Wil- 
lensiibungen eingefiihrt. 

Dr. Steiner: Die Kinder in Aktivitat zu versetzen, ist sehr wichtig. 
Die Fortschritte in den Sprachen sind sehr gut. Der Sprachunterricht 
hat guten Erfolg. Der Erfolg ist um so groBer, je mehr es auch hier 
gelingt, die Kinder in Aktivitat zu versetzen. 

Dabei ware auch auf Eurythmie fremder Sprachen hinzuweisen. 
Jeder Laut liegt zwischen zwei anderen. Zwischen A und I liegt: 
rechte Hand vorne, linke Hand riickwarts. Nach dem Laut, nicht 
nach dem Zeichen. 

Anmerkung: Es wird, auch von eurythmischer Seite, folgende Erganzung vor- 
geschlagen: Jeder Laut liegt zwischen zwei anderen. Zum Beispiel liegt das 
englische I zwischen A und I. Gebarde: rechte Hand vorne, linke Hand 
riickwarts. Nach dem, wie der Laut tont, nicht nach dem geschriebenen Zei- 
chen eurythmisieren. 

X. spricht iiber die 4. Klasse. 

Dr. Steiner: Das sind besonders Unbegabte. Die A. S. ist schwach- 
sinnig, ein wenig; sie kann nicht aufmerksam sein. 
Der E. E., der Bolschewist, hat sich sehr gebessert. Beiihm liegt eine 
Abnormitat der Gehirnhaut vor, eine abnorme Kopf- und Hirnhaut- 
bildung. Er hat zuckende Krampfe; vielleicht ist es eine Schadigung 
durch eine Zangengeburt, es kann aber auch vererbt sein. Da handelt 
es sich um eine Ausschaltung des Atherleibes. 

Man sollte seine Phantasie ins Humoristische abbiegen. "* J 

Bei dem G. R. ist, weil ihm ein Bein fehlt, eine andere Einstellung der 
ubersinnlichen Glieder vorhanden. Das Seelenleben eines solchen 
Kriippelkindes ist zu geistig. Man mufite ihm Interesse erwecken fur 
spirituell schwieriges Seelisches, ihn dorthin lenken undihn ins See- 
lische zuruckfiihren. 

X. iiber die 5. Klasse. 

Dr. Steiner: Die Kinder lieben die Lehrerinund sind doch furchtbar 
ungezogen. Sie sollten sehen, ihnen freier gegeniiberzutreten! 
Auch in den Fremdsprachen sollte man auf dem Umweg iiber das 
Schreiben zum Lesen kommen. 

X. iiber die 6. Klasse. 

Dr. Steiner: Die Kinder lernen besser denken und empfinden durch 
die Eurythmie und umgekehrt. 



114 



22. 12. 1919 



Die A. B. konnte man nach bestimmten Satzen, nach den Lehrer- 
sprechiibungen eurythmisieren lassen. 

Der E. H. miiflte man durch Nacherzahlen von Erschiitterndem hel- 
fen. 

Es wird geklagt, die Kinder in den hoheren Klassen seien faul und nachlassig. 

Dr. Steiner: Beim Nichtmachen der Hausaufgaben konnte man die 
Faulen nach zwolf dabehalten und androhen, dafi das Dabehalten 
ofter geschehen wird. 

Es wird wegen einiger Kinder der 7. und 8. Klasse gefragt. 

Dr. Steiner: Die Kinder der 7. und 8. Klasse sind begabt. — Bei der 
G. L., mit dem blauen Bandchen, da ist Koketterie im Spiel. Da ist es 
gut, keinen Namen zu nennen, sich umzudrehen, sie nicht zu nennen 
und nicht zu beachten. Aber man sollte darauf sehen, daft sie heraus- 
findet, daft man sie meint. 

Lob macht die Kinder nicht ehrgeizig. Lob und Tadel darf man nicht 
unterlassen. Ein Tadel, der in ein Witzwort gekleidet wird, daswirkt 
ungeheuer. Dann erinnert sich das Kind oft daran. 

X. berichtet uber den Eurythmie- und den Musikunterricht. 



Konferenz vom Dienstag 23. Dezember 1919, 16 Uhr 



X. berichtet iiber die humanistischen Facher in der 7. und 8. Klasse, die er seit 
dem Herbst tibernommen hat. 

Dr. Steiner: Romische Geschichte, da mufi man die Hauptlinien ent- 
wickeln und dann erst, vom Hauptcharakter ausgehend, die Einzel- 
heiten. Es liegt gar kein besonderer Grund vor, alles zu behandeln, 
zum Beispiel die Geschichte von der Lukretia. Es geschah in Rom 
viel mehr, als uberliefert ist, und es hat keinen Sinn, die zufallig 
iiberlieferten Einzelheiten alle zu erzahlen. 

X.: Was sind die Etrusker? 

Dr. Steiner: Die Etrusker sind ein sudliches keltisches Element, ein 
nach Siiden verpflanzter Zweig der Kelten. 

X. fragt nach kulturhistorischen Schriften zur orientalischen Geschichte. 

Dr. Steiner weist hin auf die Abschnitte iiber Geschichte Babylo- 
niens und Assyriens von Stahl und Hugo Winkler* und auf die Schrif- 
ten von Friedrich Delitzsch * * . 

* In Helmolts „Weltgeschichte". 
** Zum Beispiel „Geschichte Babyloniens und Assyriens". Stuttgart, 3. Auf- 
lage 1891. 

X.: Was ist Baal? 

Dr. Steiner: Baal ist urspriinglich eine Sonnengottheit. 
X. iiber die realistischen Facher in der 7. und 8. Klasse. 
Es wird berichtet iiber den Lateinunterricht. 

Dr. Steiner: Es ist gut, die Aufmerksamkeit vom Sprachlichen auf 
das Gemeinte zu lenken, auf die ,,Sache". 

Es ist zu wenig pers6nlicher Kontakt da mit den einzelnen Schtilern. 

Bericht iiber den Handfertigkeits- und Handarbeitsunterricht. 

Dr. Steiner: Was wir vorbringen, sollten wir erst selber lernen, zum 
Beispiel Biicher einbinden oder Schuhe machen. Wir sollten nicht 
von aufien zuviel hereinbringen. 

Es sollen auf Freitag 26. Dezember, 9 Uhr, die Kinder der 1.— 4. Klasse ,,zu 
einer Besprechung" nergerufen werden, die in irgendeiner Beziehung den Leh- 
rern Schwierigkeiten bereiten, und fur Montag 29. Dezember, 9 Uhr, solche 
Kinder aus der 5.-8. Klasse. Eine Liste der Herzurufenden wird aufgestellt. 



116 



23. 12. 1919 



X. und Y. berichten tiber den freien Religionsunterricht. 

Dr. Steiner: Im freien Religionsunterricht konnte versucht werden, 
Imaginatives, mythische Kultbilder herauszuarbeiten, zum Beispiel 
das Mithrasbild als die Oberwindung der niederen Natur. Man 
konnte solche Kultbilder verwenden, um Bildhaftes in den Vorder- 
grund zu stellen und das Erzahlungsmafiige in Mythisches, in Bild- 
haftes einzugliedern. 

Es wird nach Zeugnissen gefragt. 

Dr. Steiner: Da miifite festgestellt werden, was vorgeschrieben ist. 
Wir konnen zwei Zeugnisse geben, eines in der Mitte des Jahres als 
Interimszeugnis und eines am Ende des Schuljahres. In diesen Zeug- 
nissen soil, soweit das die geltenden Bestimmungen zulassen, nur 
allgemein iiber die Schuler gesprochen werden. Es soli der Schuler 
charakterisiert werden, und nur dann, wenn ein Fach besonders 
bemerkenswert ist, soil das erwahnt werden. Es sollte alles moglichst 
gut zensiert werden, und beim Aufsteigen in die hohere Klasse soli- 
ten moglichst wenig Rangstufen gemacht werden. 
Beim Ubergang in eine andere Schule mufi das testiert werden, was 
von der betreffenden Schule verlangt wird. 



Konferenz vom Donnerstag l.Januar 1920, 14.30 Uhr 



Dr. Steiner: Heute wiirden wir vor allem die Besprechung haben iiber 
die vorgeladenen Sorgenkinder. 

Bei dem M. H. ist es notwendig, dafi man ihn moglichst oft vor- 
nimmt. 

Die E. S. wird viel gefragt werden miissen. 

Einigen Kindern in der 4. Klasse kann man besondere Obungen 
geben, zum Beispiel dem E. E. einen Spruch wie: „Im Lernen er- 
wirbt der Mensch sich Lebenskraft." Dies konnen Sie ihn immer 
morgens im Lauf der ersten Stunde sagen lassen. 
Fur den F. R.: „Ich will achtgeben auf mich im Sprechen und Den- 
ken." 

Fur die A. S.: „Ich will achtgeben auf mich im Sprechen und Han- 
deln." 

In der 5. Klasse ist der H. A., den sollte man Verschmitztes zeichnen 
lassen, zum Beispiel eine Linie, die sich verschlingt und sich selber 
wiederfindet. Er konnte auch eurythmische Formen zeichnen. Auf- 
sagen sollte er: ,, Lernen, aufmerksam sein, FleiB entwickeln, es sei 
mir ins Herz geschrieben." 

Die T. E. in der 7. Klasse muftte man zwingen, recht genau und 
langsam zu folgen. Genau und in langsamer Folge soil sie horen, was 
man ihr vorbringt. Das soli ein anderes Tempo haben als ihr eigenes 
sprunghaftes Denken. Einen Satz mit ihr zusammen denken, ,,Ich 
will mit dir denken." Nur dabei doppelt so langsam denken, wie sie 
selbst es tut. 

Der O. R. in der 8. Klasse ist schlafrig, ein seelischer Regenwurm. 
Die Schlafrigkeit kommt daher, dafl die Menschen an den Dingen 
vorbeigehen und sich nicht darum kiimmern. Er soil niemand scha- 
den durch Allotria und soli niemandes Aufmerksamkeit storen. 
Bei Denktragheit, wie in der 3. Klasse, kann man zum Beispiel einen 
Satz wie ,,Der Baum grunt" umkehren lassen in ,,Es grunt der Baum" 
und so weiter, so dafS sie rasch den Gedanken umkehren miissen. 
Der Gesamteindruck ist: Sie sollen trotz aller Hindernisse den uner- 
schrockenen Mut haben, den Unterricht zu fiihren. 
Die in diesem Jahr noch verbliebene Zeit ist kurz, und es ist noch 
vieles zu tun. 

Es wird noch einmal vom Hort gesprochen. 

Dr. Steiner: Es mufi vermieden werden, dafi die Kinder Vergleiche 
ziehen zwischen den Lehrern. 



118 



1.1 1920 



Man sollte achtgeben auf auftere physische Symmetric und Asymme- 
trie bei Kinderh und aufsuchen, was dem seelisch parallel geht. Dazu 
mufi man die Eigentiimlichkeiten der Kinder gut kennen. 
Es gibt die Erscheinung der Flammensymmetrie, das Aufeinander- 
wirken der gleichgestimmten Schwingungen. Ellicot bemerkte sol- 
che Dinge zuerst und hat dariiber gearbeitet. Was der Lehrer denkt, 
wirkt auf die Schuler, wenn der Lehrer wirklich dabei ist. Die Haupt- 
sache ist, daft man sich fur jeden Schuler interessiert. 

X. fragt nach der Bewaltigung des Lehrstoffes und nach Hausaufgaben. 

Dr. Steiner: Hausaufgaben soli ten als freie Aufgaben gegeben wer- 
den, nicht als Pflichthausaufgaben: „Wer'smachen will!" 

Es wird nach einem Lesebueh gefragt. 

Dr. Steiner:: Beim Lesen miissen nicht immer alle Kinder mitlesen. 
Man kann ein Lesestuck mitbringen und es herumgebend lesen las- 
sen, ohne dafl die anderen mitlesen. Aber es sollte rnoglichst wenig 
gelesen werden, was nicht sicher gut verstanden wird. Es wird noch 
zuviel von den Lehrern vorgelesen. Man diirfte nichts vorlesen, das 
man nicht bis ins einzelne Wort hinein kennt durch genaue Vorbe- 
reitung. 

Es wird eine Frage gestellt nach dem Modellierunterricht. 

Dr. Steiner: Man kdnnte eine Saule von einer bestimmten Seite her 
als Vorlage nehmen, aber man darf bei einem solchen Motiv die 
Kinder nicht zum sklavischen Nachahmen verleiten. Die Kinder 
zwingen zum Beobachten, aber sie das Motiv abandern lassen! 

X.: Wie weit soil ich die Geschichte weiterfuhren, ehe icb zu etwas anderem 
iibergehe? Ich bin in der 7. Klasse mit der romischen Geschichte bis zum 
Ende der Konigszeit und in der 8. bis zu den punischen Kriegen gekommen. 

Dr. Steiner: Mit groftern Schwung bis zum Christentum kommen 
und dann zwei Monate Deutsch nehmen; Goethe und Schiller in der 
8, Klasse. 

Dr. Steiner erzahlt die Anekdote: Ein Kind wird gefragt, wer Goethe und 
Schiller seien. — ,,Ach, das sind die zwei Gipsfiguren, die bei uns auf dem 
Klavier stehen." 

In der 8. Klasse sollte im Deutschen anderes durchgenommen wer- 
den wie in der 7. 



1.1. 1920 



119 



Dr. Steiner: Die Lehrer sollten Aufsatze schreiben fur die Zeitschrift 
,,Soziale Zukunft", Beitrage aus ihrer padagogischen Erfahrungund 
insbesondere Charakteristiken von Kindergemutern. 
Vor Dittes, nach riickwarts, ist die padagogische Literatur etwas 
wert. Da fangt sie an, etwas menschlicher zu werden. 

X.: Soli im nachsten Schuljahr eine 9. Klasse eingerichtet werden? 

Dr. Steiner: Eine 9. Klasse ware sehr erwiinscht. Da ist dann kein 
Schulgesetz mehr da, und wir konnen ganz spontan anfangen. Die 
9. Klasse wird dann spontan geschaffen werden aus dem, was das 
Resultat der 8. Klasse ist. 



Konferenz vom Samstag 6. Mdrz 1920, 16 Uhr 



Oehlschlegel war nach Amerika gereist und sein Unterricht mufite anderweitig 
verteilt werden. 

Dr. Steiner: Herr Dr. Kolisko iibernimmt den Hauptunterricht in der 
6. Klasse. 

Herr Hahn iibernimmt auch noch den oberen Kurs des freien Reli- 
gionsunterrichts. Dann hat er aber zusammen mit dem Sprachunter- 
richt in der 3. und 5. Klasse im ganzen 25 Stun den; da ist eine Ent- 
lastung notig. 18 Stunden ware eine normale Stundenzahl. 
Fraulein Lang iibernimmt in ihrer 3. Klasse das Englische und Fran- 
zosische. In der 5. Klasse iibernimmt Fraulein Dr. von Heydebrand 
das Franzosische, Dr. Kolisko das Englische. 

Frau Koegel iibernimmt das Englische in ihrer 4. Klasse, Kolisko den 
iibrigen englischen Unterricht bis zu den Ferien. 

Es werden Fragen gestellt wegen der Einrichtung der Sonntagshandlungen 
und wegen der Musik dabei. 

Dr. Steiner: Die Sonntagshandlungen sind nur fur diejenigen Kinder, 
die am freien Religionsunterricht teilnehmen. Sie bieten einen Er- 
satz fiir die, welche keinen Ritus haben, fiir die Kinder und die 
Eltern. Die Sonntagshandlung ist mit Musikalischem abzuschlieflen, 
mit etwas besonderem Instrumentalen. 

Ein Hospitieren dabei fiir eingeladene Gaste soli nur stattfinden, 
wenn ich hier bin. 

Es wird berichtet iiber einen Schuler der 5. Klasse, der aus dem freien Reli- 
gionsunterricht wieder zuriickging in den katholischen. 

Dr. Steiner: Riicktritte der Schiiler aus dem freien Religionsunter- 
richt sind zu vermeiden. 

Riicktritte der Pfarrer, die evangelischen Religionsunterricht geben, 
miissen hingenommen werden. 

Es wird eine Frage gestellt zum Eurythmieunterricht. 

Dr. Steiner: Eurythmie ist obligatorisch, muB mitgemacht werden. 
Wer nicht Eurythmie macht, wird aus der Schule ausgeschlossen. 
Fiir die Eurythmiepropaganda und fiir Eurythmiekurse fiir Auften- 
stehende kann man ein eigenes Eurythmiekollegium bilden. 

X.: Soli der Gartenbauunterricht auch weiterhin freiwillig sein? 



6.3.1920 121 

Dr. Steiner: Die Gartenarbeit soli als obligatorisch in den Unterricht 
hineingenommen werden. 

X.: . . . 

Dr. Steiner: Als Schulregel kann gelten: Kinder, die ofter unent- 
schuldigt fehlen, werden aus der Schule ausgeschlossen. 

X. klagt wegen der Behandlung des Ethischen. 

Dr. Steiner: Wir sollten keine abstrakte Disziplin lehren, sondern 

Achtung hervorrufen bei den Kindern. 

Die Kinder sollten nicht so viel aufzeigen! 

Die stadtarztliche Untersuchung muft man ausfiihren lassen. 

X.: Sollen wir fiir die an Ostern aus der 8. Klasse Abgehenden eine Fortbil- 
dungsschule einrichten? 

Dr. Steiner: Man konnte sie ,,Lebensschule fiir die Altesten" nen- 
nen. Und den Kindergarten konnte man ,,Vorschule" nennen. 



Konferenz vom Montag 8. Mdrz 1920, 15.30 Uhr 



Dr. Steiner: Wir haben jetzt noch vierMonate vor uns gegeniiber den 
fiinf absolvierten. 

X. berichtet iiber den mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht in der 
7. und 8. Klasse. 

Dr. Steiner: In der 8. Klasse sollte in der Optik nur behandelt wer- 
den die Brechung (Linse) und das Spektrum. 

In der Warmelehre das Schmelzen (Thermometer), das Sieden und 
die Quellen der Warme. 

Dann der Magnetismus, ganz kurz; nur wie er sich auflert. 

Von der Elektrizitat nur das Prinzip von Reibungs- und Beriihrungs- 

elektrizitat. 

Dann die Mechanik: Hebel und schiefe Ebene. In der Aeromechanik 
Auftrieb und Luftdruck. 

In der Chemie: das Verbrennen, das Zusammensetzen und Zerlegen 
von Substanzen. 

In der 7. Klasse waren Optik, Magnetismus ausfuhrlicher zu bespre- 
chen als in der 8. Klasse. Dann die Mechanik der festen Korper. 

X. berichtet iiber die humanistischen Facher in der 7. und 8. Klasse. Es ist 
besprochen worden die Biographie Goethes und „Dichtung und Wahrheit"; 
Schillers ,,Asthetische Briefe". 

Dr. Steiner: Da ware zu empfehlen Herders ,,Ideen zur Philosophic 
der Geschichte der Menschheit". Herder stellt darin den Menschen 
dar als Zusammenfassung der anderen Naturreiche. 
Die Weltgeschichte ist bis zur Gegenwart weiterzufiihren. 

X. iiber die 6. Klasse. 

X. iiber die 5. Klasse. Manches vom Pensum sei noch unerledigt. 

Dr. Steiner: Lieber ein Pensum unerledigt lassen, nur nicht eilen! 
In der Naturlehre, Mensch und Tiere, waren zu besprechen: Gehirn, 
Sinne, Nerven, Muskeln und so weiter. 

X. iiber die 4. Klasse. Sie fragt nach der lateinischen Schrift und nach deut- 
scher Grammatik. 

Dr. Steiner: Wenn man die lateinische Schrift entwickeln will, ist es 
am besten, erst die andere Schrift aus dem Zeichnen zu entwickeln 
und dann charakteristische Buchstaben aus dem Zeichnen heriiber- 
zunehmen. 



8.3. 1920 



123 



Man kann Satze aus den Gedichten bilden, aber man muft es ganz 
liebenswiirdig machen, daft es nicht pedantisch wird. 

X. und Y. iiber die 3. und 2. Klasse. 

X. iiber die 1. Klasse. Die E. S. sei seit der Entlausung nicht wiedergekom- 
men. — Eine Frage wird gestellt nach dem Einfuhren der Buchstaben. 

Dr. Steiner: Es ware gut, die Buchstabenformen zuerst noch mehr 
nach dem Bildlichen hin machen zu lassen und dann erst zum Buch- 
staben iiberzugehen. Im allgemeinen sollte man konzentrieren! 

X. berichtet iiber Musik und Eurythmie, auch Toneurythmie. 

Dr. Steiner: Alle vier Wochen kann man an die Eltern ein Zirkular 
herumschicken wegen der Schulordnung und kann darin sagen, daft 
Eurythmie ein obligatorisches Unterrichtsfach ist. 

Es wird iiber den Sprachunterricht berichtet. 

Dr. Steiner: Beim Latein und bei den Sprachen uberhaupt, sollte 
man nicht iibersetzen, sondern nur frei den Sinn sagen, den Inhalt 
erzahlen lassen, so daft man sieht, das Kind hat das verstanden. Es 
beeintrachtigt sonst den Sprachgeist. 

In den obersten Klassen muftte man etwas vom Lautverschiebungs- 
gesetz beibringen. Wir kommen zuriick zum Standpunkt des Eng- 
lischen. 

Stramm darauf sehen, daft man immerdie Klasse unterrichtet, nicht 
nur einen einzelnen. Wahrend man sich lange mit einem beschaftigt, 
da sollte man immer Zwischenfragen an die anderen stellen und sie 
dadurch wach erhal ten. Die Klasse als Chor behandeln. 

Es wird berichtet iiber den Unterricht in sozialer Erkenntnis. 

Dr. Steiner: In der 7. und 8. Klasse konnte man das geben, was in den 
,,Kernpunkten der sozialen Frage" steht. 

Es wird gefragt nach dem Unterricht fiiir die psychopathischen Kinder. 

Dr. Steiner: Die Hilfsklasse ist fur die ganz Unbegabten. Diese Kin- 
der bleiben nur aus dem Hauptunterricht weg und werden von 
Dr. Schubert taglich in dieser Zeit separat dressiert. 
Die A. B. hat starke Anlage zu Dementia praecox. 
Der E. G. ist pathologisch unruhig; er muft recht oft ermahnt wer- 
den. Sonst konnte auch bei ihm Dementia praecox eintreten mit 
fiinfzehn Jahren. Wir haben sieben bis acht solche Kinder in der 
Schule. 

Es wird berichtet iiber einen Schiiler, der einen Diebstahl veriibt hat. 



124 



8.3. 1920 



Dr. Steiner: Bei Kindern, die stehlen, ist es gut, sie erinnern zu lassen 
Szenen, die sie in friiheren Jahren erlebt haben; sich Dinge vorstellen 
zu lassen, die sie Jahre zuriick erlebt haben, also etwa bei Siebenjah- 
rigen Erlebnisse aus dem fiinften Jahr, bei Zehnjahrigen Erlebnisse 
aus dem siebenten Jahre erinnern zu lassen. Und es ist gut, sie daran 
zu gewohnen, mit solchen Erlebnissen nach vierzehn Tagen zu wech- 
seln. Dann bessert sich das schnell. Wenn man gar nichts macht, dann 
werden diese Obel groBer und arten in Kleptomanie aus. Dann kann 
spater etwas Kleptomanisches herauskommen. 

Auf solche Sachen wirkt besonders das, was ihnen Festigkeit des 
Willens gibt, und solches Hereinrufen von Erinnerungen, daft man sie 
Wochen, Monate, Jahre zuruckgehen laftt, bewirkt Festigung des 
Willens. 

Bei Kleptomanie wirkt es auch gut, wenn das Kind zum Beispiel 
wahrend einer Viertelstunde sitzen und die eigenen Fufte, die Zehen 
mit der Hand halten mufi, als Strafe. Das ist auch vom Gesichtspunkt 
der Willensstarkung ein Mittel gegen Kleptomanie. 
Es gibt nun aber auch Kinder, die sich schlecht erinnern konnen, die 
am folgenden Tage nicht mehr wissen, was sie am Tage vorher getrie- 
ben haben. Da muft man das Erinnerungsvermogen, das Gedachtnis 
starken durch riickwarts vorstellen lassen. 

Sie lassen doch diesen Spruch, den ich Ihnen einmal als etwas wie ein 
feines Gebet fur die Kinder gegeben habe, immer noch sagen, nicht 
wahr? ,,Im Lernen erwirbt der Mensch sich Lebenskraft", „Ich will 
achtgeben auf mich im Denken und Handeln" oder ,,. . . und Spre- 
chen". 

Das Gedachtnis kann man kaum anders starken, als daft man ver- 
sucht, die Kinder sich etwas riickwarts vorstellen zu lassen: ,,Der 
Vater liest in dem Buch" umkehren lassen in ,,Buch dem in licst 
Vater der", so da/3 sie es zum bildlichen Vorstellen bringen. Oder 
Zahlen hin und her sprechen lassen: 4 6 7 3 umkehren lassen in 
3 7 6 4. Oder die Harteskala hin und zuriick. 

Man braucht auch nicht davor zuriickzuschrecken, wenn die Kinder 
kleine Gedichte gesagt haben, sie sie Wort fur Wort zuriick sprechen 
zu lassen. Auch bei den Sprechiibungen ist es gut, sie auch riickwarts 
machen zu lassen. Das ist ein technisches Mittel, das man anwenden 
muft, wenn die Gedachtnisschwache sich so stark zeigt. 

Es wird iiber die wissenschaftlichen Arbeiten im Forschungsinstitut gesprochen. 

Dr. Steiner: Sie diirfen Ihre Krafte nicht zersplittern. 

Sie sollten freundnachbarliche Beziehungen haben zu Dr. Rudolf 

Maiers Forschungsinstitut. 



Konferenz vom Sonntag 14. Mdrz 1920, 18 Uhr 



Es wird iiber die mangelnde Disziplin in der Schule geklagt. 

Dr. Steiner: Herr Baumann soil einmal pro Woche Unterricht geben 
iiber Takt und Moral, iiber Lebenstakt und Lebensgewohnheiten, so 
daft die Kinder denken miissen: das ist eine Artigkeit, das eine Unge- 
zogenheit. — Daft die Kinder das denken miissen, das soil eine Emp- 
findung hervorrufen fur die Autoritat. 

Das ist nicht mit anderem Unterricht zu verbinden, sondern in den 
Nachmittagsunterricht einzuordnen. 

Es wird noch einmal iiber das Stehlen gesprochen. 

Dr. Steiner: Es wirkt ungeheuer schadigend auf die ganze Disziplin, 
wenn man einzelne Falle herausgreift. 

In bezug auf das Stehlen ist zu sagen: Diese Falle im einzelnen zu 
behandeln, sollte eigentlich gar nicht notig werden. Aber man sollte 
die Dinge so hinstellen, daft die Kinder davor einen Abscheu bekom- 
men. 

X.: Soli man eine Osterfeier oder Jugendfeier fur die nicht konfessionellen 
Kinder einrichten? Eine Friihlingsfeier? 

Dr. Steiner: Man kann die vier oberen Klassen vom freien Religions- 
unterricht zu der Feier vereinigen. 

Anmerkung: Es handelt sich hier nicht um die heute vorhandene Jugendfeier; 
die ist von Dr. Steiner erst zu Ostern 1921 eingerichtet worden. 

Dr. Steiner: Es ist gut, die Madchen und Buben zusammenzusetzen. 

Es wird nach der Klasse fur die pathologischen Kinder gefragt. 

Dr. Steiner: In diesen Unterricht fur die psychopathischen Kinder, 
den Dr. Schubert ubernehmen wurde, sollten etwa zehn Kinder hin- 
einkommen. 

Es werden die Kinder fur diesen Unterricht ausgesucht. Von den schon mehr- 
fach Erwahnten sind dabei die A. S. und die A. B.; die iibrigen nicht. 

Dr. Steiner: In diesem Unterricht muft man sich mit den einzelnen 
beschaftigen. Nicht viel anders, aber man muft alles langsamer 
machen. 

X.: Soil man Goethes „Heidenr6slein" mit den Kindern behandeln? Es ist 
doch recht erotisch. 



126 



14.3. 1920 



Dr. Steiner: Das ,,Heidenrdslein" ist kem erotisches Gedicht, wohl 
aber ,,Ich ging im Walde so fiir mich hin ..." 

X. : Was soil man in der Fortbildungsschule mit den Kindern tun? 

Dr. Steiner: Da miiBte man vor allem aufs Praktische und aufs 
Kiinstlerische gehen. Denen miifiten Begriffe beigebracht werden 
vom Leben, von der Landwirtschaft, dem Gewerbe, der Industrie, 
dem Handel. Geschaftsaufsatze und Buchhaltung soli ten da gemacht 
werden, und im Kiinstlerischen Bildnerisches, Musikalisches und 
Literatur. 

Das wiirde die Aufgabe werden von Herrn Strakosch. 

Das Leben muft als eine Schule betrachtet werden, Man kann ihnen 

immer wieder sagen, daft sie von nun ab durch das Leben erzogen 

werden. 

Man soil den Kindern ihr Schicksal nicht abnehmen. 



Konferenz vom Mittwoch 9. Juni 1920, 16—19 Uhr 



Dr. Steiner: Dadurch dafi jeder Lehrer seine Klasse behalt, wird eine 
intimere Kenntnis der Schiiler errungen. Man mufi versuchen, nach 
dieser Richtung weiter zu streben und die Dinge anzuwenden, die im 
Lehrerkurs besprochen wurden. Sobald man das Temperament eines 
Kindes richtig beurteilen kann, kommt alles andere von selbst. Man 
miifite sich den Blick aneignen, dafi man, wenn man den Namen 
aufruft, das Temperament im Klang der Stimme schon darin hat. 

Es wird iiber einen Jahresbericht und einen Prospekt gesprochen. 

Dr. Steiner: Im Jahresbericht miifite etwas stehen iiber Grundrifi und 
Plan der Schule und iiber den Lehrplan. Dann iiber die Schiiler, aus 
welchen Schulen sie gekommen sind: 161 aus Volksschulen, 50 aus 
Mittelschulen, 64 aus hoheren Schulen, 12 Schulneulinge; zusam- 
men 287. Dann iiber die Konfessionen der Schiiler. 
Weiter iiber die Lehrerbibliothek, viele Bande. Die Sammlungen und 
Kabinette; dabei sollte das Inventar der einzelnen Sammlungen nur 
summarisch angegeben werden. Die Schiilerbibliothek. 
Dann die Eurythmie als eine neue Sache. Dariiber wird Herr Bau- 
mann gebeten, einen eigenen Bericht zu machen. Auch iiber Hand- 
fertigkeit und Handarbeit konnte etwas darinstehen, vielleicht auch 
mit Bemerkungen iiber die Mangel der Leistungen. Vor allem aber 
sollte immer das Dauernde beriicksichtigt werden. 
Abgesondert davon ware die Geschichte des ersten Schuljahres dar- 
zustellen. Man beginnt mit dem Prospekt. Spater wiirde man anstelle 
dieses Prospektes eine Abhandlung von einer Lehrkraft haben; dieses 
Jahr kann dafiir der Prospekt darinstehen. 

Im Jahresbericht soli sich jeder, so wie er es will, seine Autobiogra- 
phic schreiben. Auch Charakteristisches iiber die Lehrer kann im 
Bericht stehen; man kann da zum Beispiel sagen, im allgemeinen 
gehalten, was er vorher war, ehe er Lehrer wurde. Nachrufe iiber 
Verstorbene konnen auch darinnenstehen. 

Es werden oft zu stark Dinge herausgestellt, die hinter die Kulissen 
gehoren. 

X.: Die Tatigkeit Dr. Steiners in der Leitung der Schule mu6 herausgehoben 
werden. 

Dr. Steiner: Meine Kurse konnen erwahnt werden und ebenso die 
Vortrage, die die Lehrer gehalten haben. Dann sollte etwas darinnen- 
stehen iiber das Vortragswesen der Waldorf-Astoria, das ja weniger 



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9.6. 1920 



an die Schule angeschlossen ist, also iiber die Arbeiterbildungsschule; 
die Geschichte dieser Schule mit einer Liste der Vortrage, die die 
Lehrer dort gehalten haben. Uberhaupt iiber das Bildungswesen der 
Fabrik. Auch iiber die Tatigkeit und die Vortrage der Lehrer in der 
freien Fortbildungsschule fur Lehrlinge und iiber den Jugendkurs fur 
soziale Erkenntnis. Auch iiber das Archiv. 

Ebenso iiber den Vorbereitungs-Unterricht fur die Jugendfeier in 
einem eigenen Abschnitt. Uberhaupt iiber die Angelegenheiten des 
evangelischen, katholischen und freien Religionsunterrichts. Wenn 
man fur die einzelnen Religionen kein besonderes Kapitel machen 
will, miiftte man es auslassen. 

Es werden nun alle Klassen der Reihe nach durchgesprochen. Jeder Lehrer 
gibt einen genauen Bericht, was er in diesem Schuljanr behandelt Kat, wie 
weit er gekommen ist, wie der Stand der Klasse ist und so weiter. 

Zuerst berichten X. und Y. iiber den Hauptunterricht in der 1. und 2. Klasse. 

X. berichtet iiber den Hauptunterricht und auch iiber den Sprachunterricht in 
der 3. Klasse. 

Dr. Steiner: Im Sprachunterricht sollte man nicht lexikalisch vor- 
gehen und nicht iibersetzen. Man sollte auch moglichst vermeiden, 
den deutschen Text vorzusagen. Am besten ist es, den fremdsprach- 
lichen Text erst zu lesen und dann den Inhalt mit eigenen Worten 
wiederzugeben. 

Es ist so viel Staub auf den Banken, so viel Dreck in den Klassen! 
Die Lehrer sollten Psychologika sammeln! Das konnte gewisser- 
mafien eine Art Goldenes Buch der psychologischen Merkwiirdig- 
keiten sein, ein Goldenes Buch Psychologika im weitesten Sinne. 
Geisteswissenschaftlich sind die Sachen selbstverstandlich. Man 
kann sie auch sagen. Manches ist auch schon vorgekommen. 
Es war mir heute interessant in der 8. Klasse. Wie heifit der Junge? 
Er schreibt genau wie Sie, Dr. Stein. Der O. N., er ahmt Ihre Schrift 
nach. Das ist eine interessante Tatsache. Wenn jemand liegende 
Haare hat, wird er sich die Schrift vom Lehrer aneignen. Ein Kind 
mit struppigen Haaren wiirde so etwas nicht getan haben. 

X. berichtet iiber die 4. Klasse. Von deutscher Grammatik haben die Kinder 
gar nichts gewufit. Sie fragten, was das sei. 

Dr. Steiner: Sehr gut ist es, wenn man die Kinder veranlaBt, sich am 
Ende der 4. Stunde riickwarts zu erinnern an das, was sie am ganzen 
Morgen gemacht und durchgenommen haben. 

Frage: Wie soli so ein Goldenes Buch gedacht sein? 



9.6. 1920 



129 



Dr. Steiner: Als Sammlung der Lehrerschaft. Das kann eine groBe 
Bedeutung haben. Allerlei interessante Dinge waren darin zu ver- 
merken. Jeder wird, wenn er nachdenkt, gleich einen ganzen Schip- 
pel solcher Sachen finden. Jeder Lehrer bespricht in einer Anzahl 
pragnanter Bemerkungen, was er beobachtet. In den hoheren Klas- 
sen sollte angegeben werden, was den Kindern an Wissensstoff ge- 
fehlt hat, als sie zu uns kamen. Man sollte solche Dinge charakteri- 
sieren, was den Kindern fehlte. Wenn man das im ersten Jahres- 
bericht zusammengestellt hatte, da wiirde ich sehr dankbar sein. 
DaB die Kinder zum Beispiel fragten: Was ist das, ,,deutsche Gram- 
matik"? — das ist kulturhistorisch bedeutsam. Also Observationen 
bei den in die Waldorfschule eingetretenen Kindern. Was man be- 
merkt, was die Kinder vergessen, was sie fur Ungezogenheiten hat- 
ten. Dann auch mehr das Unterrichtliche. Am SchluB der Sammlung 
konnen wir sagen, es ist selbstverstandlich, daB unsere Intentionen 
mit jeder einzelnen Klasse in diesem Jahr noch nicht voll erreicht 
werden, sondern nur pauschaliter. 

X. berichtet iiber die 5. und Y. iiber die 6. Klasse. 

Dr. Steiner: Unglaublich unorthogra-phisch schreiben die Kinder in 
der 6. Klasse. Wenn sie glucklich mit zwei k schreiben, sind sie iiber- 
glucklich* Es ist viel wichtiger, daB sie Geschaftsbriefe schreiben und 
Buchstabenrechnung lernen, als daB sie glucklich mit zwei k schrei- 
ben. 

X. iiber die humanistischen Facher in der 7. und 8. Klasse. In der Geschichte 
macht die Stoffbewaltigung Schwierigkeiten. Die Kinder wissen nichts, als 
was sie aus dem Religionsunterricht kennen. 

Dr. Steiner: 1890 kam ich nach Weimar ans Goethe-Archiv. Dessen 
Direktor war Suphan, der zwei Buben hatte. Mir ist die Aufgabe 
zugefallen, diese Buben zu unterrichten. Ich bekam dadurch einen 
Einblick in die Berliner Schulen. Ich muB sagen, wahrend man in 
Osterreich einen ordentlichen Geschichtsunterricht bekam, war in 
Deutschland nichts davon zu bemerken, daB die Kinder einen Ge- 
schichtsunterricht hatten. In den Biichern war nichts davon zu 
bemerken. Da gab es dreiBig Seiten Vorbereitung von Adam bis zu 
den Hohenzollern, dann geht die Geschichte der Hohenzollern los. 
Das ist in ganz Deutschland so, daB in den Mittelschulen nichts 
Ordentliches iiber Geschichte vorkommt. 



X. fragt nach der Wesenheit Allans. 



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9.6. 1920 



Dr. Steiner: Es ist schwer, die iibersinnlichen Wesen zu charakteri- 
sieren, indem man sie einregistriert. 

Der Mohammedanismus ist die erste ahrimanische Manifestation, die 
erste ahrimanische Offenbarung nach dem Mysterium von Golgatha. 
Der Gott Mohammeds, Allah, Eloha, ist ein ahrimanischer Abklatsch 
oder Abglanz der elohistischen Wesenheiten, der Elohim, aber 
monotheistisch erfaftt. Er bezeichnet sie immer in einer Einheit. Die 
mohammedanische Kultur ist ahrimanisch, aber die Gemiitsverfas- 
sung der Islamiten ist luziferisch. 

X.: In den Templerprozessen wird oft ein Wesen namens Bafomet genannt. 
Was ist das? 

Dr. Steiner: Bafomet, das ist ein Wesen der ahrimanische n Welt, 
welches den Leuten erschien, wenn sie gefoltert wurden. Das ist 
raffiniert gemacht worden. Dann haben sie eine Menge von Visiona- 
rem mitgenommen, als sie ins Bewufltsein zuruckgekommen 
sind. 

869 nach Christus ist der Filioquestreit. Die Sache wird in den 
Geschichtsbiichern verschwiegen. Dariiber ist nachzulesen in Har- 
nacks Dogmengeschichte. 

X..- . . . 

Dr. Steiner: Der katholische Religionsunterricht ist weit voraus;der 
evangelische ist der allerbeschrankteste. 

Die Goethe-Biographie des Jesuiten Baumgartner ist genial geschrie- 
ben gegeniiber den anderen Biographien, obwohl er schimpft. Das 
andere ist Mist. Die Goethe-Biographie von dem Englander Lewes ist 
schlecht. 

Schweizerischer Volkskalender. 

X. berichtet iiber den naturwissenschaftlichen Unterricht in der 7. und 
8. Klasse. 

Dr. Steiner: Naturgeschichtlicher Unterricht, den kann manjeder- 
zeit unterbrechen. 



Fortsetzung Samstag 15 Uhr. 



Konferenz vom Samstag 12. Juni 1920, 15 Uhr 



Es wird ein Prospekt erwahnt und ein Jahresbericht. 

Dr. Steiner: Wozu und wie weit soli das als Werbematerial dienen? 
X.: Es soil an alle interessierten Personlichkeiten geschickt werden. 

Dr. Steiner: Es soil also eine Aufforderung beinhalten. Dann ist das, 
was mir vorgelegt wurde, viel zu lang. Das wiirde keine Wirkung 
haben. Wenn es in dieser Form jeder liest, der Mitglied des Waldorf- 
schulvereins werden soli, dann wiirde es zusammengearbeitet werden 
miissen auf einen halben Bogen. Das aber hier ist ein richtiges Heft. 

X.: Ich glaube nicht, daft es so dick ist. 

Dr. Steiner: Denken Sie sich die Handschrift von Dr. Stein, es hat 
schon dreifiig Druckseiten. Es ist auch dem Stile nach zu lang und zu 
gelehrt. Dies ist eine Art Verstandigungsschrift mit der anderen 
Lehrerschaft. Es ist mehr gerichtet an die, welche padagogisch den- 
ken, als an die, die dem Verein beizutreten beabsichtigen. Das soil 
doch allgemein an alle an der Schule Interesse Habenden beim Publi- 
kum gerichtet sein. Die lesen nicht eine solche Sache. Dieser Ge- 
sichtspunkt ist das letzte Mai gar nicht aufgeworfen worden. Der 
Prospekt war immer unter dem Gesichtspunkt der Propaganda 
betrachtet worden. 

Also nur in der Form als Ersatz fur die sonst iiblichen gelehrten 
Abhandlungen konnte dieser Prospekt vorangehen. Sonst ist ja 
immer die gelehrte Abhandlung dagewesen, und da konnte ja eine 
solche Sache vorangehen, die prinzipiell die Sache auseinanderlegt. 
Eine Beschreibung des Baues, des Hauses, und dann geht man iiber 
ganz auf die Beschreibung der Padagogik und Didaktik der Waldorf- 
schule und geht ein auf die einzelnen Gegenstande. 

X.: Es ist besonders auch Material fur die Eltern notig, die Kinder zu uns 
schicken wollen. 

Dr. Steiner: Das ist so: Fiir solche Eltern, da ware die Zusammen- 
stellung des jetzt schon vorliegenden Materials, zum Beispiel das, was 
in den Waldorf-Nachrichten ist, ein gutes Material. Aber alles das 
ersetzt nicht einen Prospekt, der nicht langer sein soil als acht Druck- 
seiten. Das miissen ja Tausende von Mitgliedern werden, da miissen 
Sie eine ganz kurze, kompendiose Sache vorsetzen. 



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12. 6. 1920 



X.: Es wird doch nicht ausschliefien, daB der Jahresbericht auch noch sein 
kann. 

Dr. Steiner: Sie miissen nur bedenken, wie wenig man geneigt ist, auf 
die Sache einzugehen. Die Leute lesen heute in einer eigenartigen 
Weise. 

Also nicht wahr, wenn eine Zeitschrift einen Artikel haben soil, das 
ist etwas anderes. Wenn Sie aber jemandem ersichtlich machen und 
bewirken wollen, daB der Betreffende Mitglied wird und 50 Mark 
bezahlt, dann braucht man auch nicht in die Einzelheiten der Gegen- 
stande einzugehen, sondern man braucht nur groBe Linien vorzu- 
halten, die richtig sind. Dieser Prospekt wurde eine Sache fur sich 
sein. Der wiirde oben enthalten die Aufforderung zur Zahlung von so 
und so viel. Aber der Jahresbericht, der konnte eben das sein, was ich 
eine Historie der Schule nenne. Da laBt sich alles unterbringen, was 
so von einzelnen Lehrern verfaBt wird. Alles Berichtende braucht 
nicht kurz zu sein; alles, was Bericht heiBt, kann lang sein. Wenn der 
Prospekt massenhaft Geld tragt, wird Herr Molt schon was abgeben 
fur den Jahresbericht. Das ist eine ganz republikanische Frage. Der 
Jahresbericht wirkt durch die Mannigfaltigkeit der Namen. Da ware 
es zu bedenken, ob eine Uniformitat anzustreben ware. Der eine 
berichtet pedantisch, das und das hat sich ergeben, Monat fur Monat. 
Der andere schreibt, nach dem, was ich erfahren habe, konnte ich 
nach funfhundert Jahren es so und so machen. (Zu Dr. Stein:) Sie 
haben diesen so schnell geschrieben, daB Sie den anderen auch so 
schnell schreiben. 

Dr. Steiner wurde gebeten, doch auch selber etwas dazu zu schreiben. 

Dr. Steiner: Das ist eine sehr penible Sache. Wenn ich auch nur drei 
Seiten schreibe, so wiirde ich einen Bericht schreiben miissen iiber 
dasjenige, was ich erlebt habe; das konnte den anderen unangenehm 
sein. Wenn ich als Lehrer schreibe, wurde ich es so veranlagen, daB 
ich es so von dem Prospekt unterscheiden wiirde: der Prospekt ent- 
halt das, was beabsichtigt ist, was mit jedem Jahr besser werden soil; 
das was berichtet wird, zeigt, was man erfiillen konnte und was nicht. 
Es wird ersichtlich sein der Abstand der Wirklichkeit von dem, was 
der Prospekt enthalten muB. So wird, wenn ich etwas schreibe, es 
naturlich auch in diesem Stil gehalten sein. Die langen Nasen kom- 
men hinterher. Ich kann also auch drei Seiten schreiben; das kann ich 
machen. 

X. berichtet iiber seine Hilfsklasse mit neun Kindern. 



12.6. 1920 



133 



X. und Y. berichten iiber den Sprachunterricht in der 1. Klasse. 

Dr. Steiner: Sprachen werden urn so leichter gelernt, und die Aus- 
sprache wird um so besser und reiner, je friiher begonnen wird. Die 
Begabung fur Sprachen nimmt mit zunehmendem Alter, vom sieben- 
ten Jahr an, ab. Deshalb mu6 man friih damit anfangen. 
Chorsprechen ist sehr gut, denn die Sprache ist ein soziales Element. 
Im Chor laftt sich immer leichter sprechen als allein. 

X. und Y. berichten iiber den lateinischen und den griechischen Unterricht. 
Fur das Lateinisch gibt es zwei Kurse; im unteren sind nur zwei Buben. Der 
obere Kurs ist begabt und willig. 

Dr. Steiner: Die Fortschritte in den Sprachen sind gut. 

X. berichtet iiber den Kindergarten mit dreiunddreifiig Kindern. Sie fragt, ob 
man Ausschneidearbeiten im Kindergarten machen solle. 

Dr. Steiner: Wenn Sie solche kiinstlichen Sachen von den Kindern 
machen lassen wollen, dann werden Sie darauf kommen, daft das 
eine oder andere zu so etwas Talent hat. Es werden nicht viele sein, 
den anderen redet man es ein. Die Sachen sind so, daft, wenn sie 
hiibsch sind, sind sie hiibsch; an sich sind es kunstliche Dinge. Ich 
wiirde nur dann, wenn ich sehe, daft ein Kind nach so einer Richtung 
neigt, es gibt einzelne, dem nachgeben. Einfiihren als solches wiirde 
ich es nicht. 

Beim Malen so lite man mit Wasserfarben anfangen. 
Sie meinen Ausschneiden und Aufkleben? Wenn Sie finden, daft das 
eine oder andere Kind zum Silhouettieren Talent hat, kann man 
nachgeben. Ich wiirde nicht frobeln, ja nicht frobeln! Die Kinder, die 
Sie bekommen, werden wahrscheinlich am besten sich beschaftigen, 
wenn Sie sie mit moglichst ungeschlachten Objekten sinnvolle Dinge 
machen lassen. Irgend etwas! Nicht wahr, man muft versuchen, zu 
erlauschen, was die Kinder interessiert. Es gibt Kinder, Madchen 
insbesondere, denen konnen Sie aus jedem Taschentuch Puppen 
machen. Die Puppen schreiben sich Briefe, dann werden diese Briefe 
vermittelt; Sie konnen der Brieftrager oder die Post sein. Sinnvolle 
Sachen mit moglichst ungeschlachten Dingen. 

Und dann wachsen die Kinder, wenn der Zahnwechsel eintritt, in das 
hinein, wenn sie die Anlage haben, daft sie selbst etwas vorstellen 
wollen, daft der eine ein Hase ist, der andere ein Hund; sinnvolle 
Dinge, wo sich das Kind selbst hineintraumt. Das Prinzip des Spieles 
besteht darinnen, daft das Kind bis zum Zahnwechsel im Spiele sinn- 
volle Dinge nachahmt, Kasperl und Puppe; bei den Knaben Kasper- 



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12. 6. 1920 



les, bei den Madchen Puppen. Oder daft der Kasperl ein GroBer ist, 
der einen Kleineren neben sich hat; es brauchen nur zwei Holzspane 
zu sein. Vom siebenten Jahre ab bringt man dann die Kinder in 
Reigen und Kreise, und sie stellen etwas vor. Es konnen zwei ein 
Haus sein, die anderen stehen drum herum oder wohnen darin. Jetzt 
stent das Kind selbst darinnen. 

Fur musikalische Kinder kann man etwas anderes spielen, etwas, 
wodurch Sie ihrer Musikbegabung entgegenkommen. Das sollte man 
kultivieren, daB unmusikalische Kinder durch Tanz und Eurythmie 
die musikalischen Anlagen herausbringen. Man mufi erfinden. Man 
kann solche Sachen machen, man muB aber erfinden, sonst wird es 
stereotyp. Spater wird es leichter, da kniipft man an SchulmaBiges 
an. 

X. erzahlt, sie habe im Eurythmieunterricht die Konsonanten durch Tatigkei- 
ten eingepragt, zum Beispiel durch das Wachsen der Pflanzen. 

Dr. Steiner: Das ist sehr schon. — Es ist so, daB die Kinder nicht sehr 
stark differenziert sind. Sie haben wenig ganz unbegabte, aber auch 
wenig geniale. Es sind mittlere Kinder. Ebenso sind von den Tem- 
peramenten das cholerische und tiefmelancholische Temperament 
wenig vorhanden. Eigentlich sind die Kinder Phlegmatiker und San- 
guiniker. Das spielt auch da hinein. Sie haben auch nicht alle vier 
Temperamente so. 

Phlegmatische Kinder, die kriegt man wohl nur in Bewegung, wenn 
man versuchen wird, mit ihnen die schwierigen Konsonanten zu 
machen; die sanguinischen Kinder mit den leichteren Konsonanten. 
Mit den phlegmatischen Kindern macht man R und S; bei sanguini- 
schen Kindern die Konsonanten, die.Ansatze zur Bewegung geben: 
D und T. Wenn wir in den nachsten Jahren andere Temperamente 
haben, konnen wir ja weiteres versuchen. Merkwiirdig ist, daB die 
Kinder, die sonst schulmaBig wenig leisten, viel Eurythmie machen. 
Die Fortschritte sind ganz gut, aber ich hatte gerne, daB man beriick- 
sichtigt, was fortschreitet. Es wiirde unsere Aufgabe sein, daB man 
viel mehr mit den Kindern zu dem redet, was man als Lehrstoff 
vorbringt, daB man mehr auf die Schulung des Denk- und Empfin- 
dungslebens sieht. Man kann wirklich darauf sehen, zum Beispiel im 
Rechnen, daB man dem Schiiler klarmacht, —5, —a, daB er 5 weniger 
hat, als er dem anderen geben soil. Ganz prazis darauf eingehen im 
Dialog. 

Manchmal ist es gut, mit den Kindern abzuschweifen vom Thema. 
Dann werden Sie merken, daB die Kinder nicht so schnell im Aufsatz 



12.6. 1920 



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perfekt werden. Nicht wahr, die Kinder, die kopfbegabt sind, wer- 
den gute Aufsatze schreiben, die leibbegabten Kinder werden in der 
Eurythmie gut sein. Man muft versuchen, das durch Unterhaltung 
auszugleichen. Wenn Sie sich mit den Kindern unterhalten, wird das 
abgelenkt vom Kopf, wenn Sie etwas, was vom aufteren Leben her- 
genommen ist, besprechen und es dabei vertiefen. 

Es wird gefragt, wie man das Perfektum behandeln kann. 

Dr. Steincr: Da wiirde ich mit den Kindern nach alien Noten durch- 
sprechen den Parallelismus zwischen dem Vergangenen und dem 
Vollkommenen. Was ist ein perfekter Mensch, ein perfekter Tisch? 
Diese Zusammenhange zwischen dem, was vollkommen ist, fertig ist, 
und dem Perfektum. Ich wiirde dann eingehen auf das Imperfektum, 
wo man noch darinnen steht im Vervollkommnen. 
Wenn ich heute Zeit gehabt hatte, wiirde ich den Kindern das Lese- 
stiick im Perfektum vorgemacht haben — man kann naturlich nicht 
jeden Satz iibersetzen — , das wiirde Leben hineinbringen, und Leben 
bringt auch die Eurythmie in die Kopfbildung hinein. Ich wiirde 
zwischen den Zeilen vieles treiben. Ich habe heute schon gesagt, ich 
kann es verstehen, daB man da sagen kann, man schweift nicht gern 
ab. Es ist aber doch etwas, was man als Ideal betrachten soil, immer 
solche Dinge einzumischen. Zum Beispiel: ich habe heute solche 
Lust gehabt, ich wollte durchaus Ihre Kinder in der 3. Klasse traktie- 
ren mit dem ,,hurtig toch", dadurch erweitert man die Gedanken. 
Das heifit Schnellzug. So meine ich, zwischen den Zeilen mit den 
Kindern etwas machen. 

Es wird uber den Eurythmieraum gesprochen. 

Dr. Steiner: Ich habe noch nie das Gliick gehabt, dafl jemand mir den 
Raum gelobt hat. Frau Doktor Steiner mochte am liebsten nur die 
Wiese haben und dariiber ein Dach. Wenn man durch die Eurythmie 
den Kindern gerade die schonsten korperlichen Affinitaten erweckt, 
dann spuren sie furchtbar alle Einwirkungen des Raumes — das ist 
das Miidewerden. Wir kennen den schonen Eurythmiesaal, man hat 
vergessen, die Liiftung grofl genug zu machen, den konnen wir gar 
nicht beniitzen. Es wiirde notwendig sein, daB man zur Eurythmie 
einen gut geliifteten Saal hat. Alles Bisherige ist fur Eurythmiesale 
nicht gut; man kann nur ein Surrogat schaffen. Die Eurythmiesale 
mufken so sein, daB sie ganz besonders gute Ventilation haben. Das 
Eurythmeum muB eben gebaut werden. 



Konferenz vom Mittwoch 14. Juni 1920, 
15-17.30 und 21.30-0.45 Uhr 

X. berichtet iiber den freien Religionsunterricht auf der untersten und der 
zweiten Stufe. Verse aus den Mysteriendramen und aus dem „Cherubinischen 
Wandersmann" sind besprochen worden. 

Dr. Steiner: Es kommt darauf an, daft man nicht die Empfindungs- 
reife der Kinder aufier acht laftt. Konnen Sie ein konkretes Beispiel 
sagen? 

X.: Auf der Oberstufe habe ich sprechen lassen: ,,Lafi mich ruhend in dir 
wirken ..." 

Dr. Steiner: Haben Sie gefunden, dafl die Kinder etwas daraus 
machen konnen? 

Ja, dann kann man es ja weiter versuchen. 
X.: Man konnte die Kurse vielleicht gliedern. 

Dr. Steiner: Ja, das ist gewift so. Ich meine, wenn die untere Stufe 
geteilt wird in zwei und die obere Stufe beibehalten wird, dann geht 
es in dreiGruppen. 

Also 1.— 3., 4.-6., 7.-9. Klassen. 

X. berichtet iiber den Vorbereitungsunterricht zur Jugendfeier, fur den er drei 
Stunden verwendete. 

Dr. Steiner: Ist das nicht eine Oberlastung der Schuler? Wie viele 
sind da? 

X.: Sechsundzwanzig. 

Dr. Steiner: Man wird schwer dariiber etwas sagen konnen, bis man 
einen richtigen Erfolg hat. Es ist durchaus gut, das einmal zu ver- 
suchen. Sollte es nicht gelingen, so wollen wir sehen, wie es anders zu 
machen ist. 

X. berichtet iiber den Unterricht in sozialer Erkenntnis; zwei Wochenstunden 
mit der 6. bis 8. Klasse und einigen von der 5. Klasse. 

Dr. Steiner: Es ist natiirlich eine Schwierigkeit, das elfte bis ftinf- 
zehnte Jahr, aber das ist ein Unterricht abseits vom iibrigen. 

X.: Wir besichtigen auch Fabriken. 

Dr. Steiner: Wenn man es richtig lebendig, lebensvoll macht, an aller- 



14. 6. 1920 



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lei Lebensfragen gerade in diesem Alter ankniipft, dann wird es 
gehen. Ich wiirde versuchen, zu sehen, ob die Kinder nicht zuviel 
haben, und dann versuchen, moglichst ans konkrete Leben anzu- 
kniipfen. 

Ich glaube, daft die Zeit der Kinder zu stark beansprucht ist. Natiir- 
lich kommt in einer Ecke die Uberlastung heraus. Es ware gut, nicht 
acht Stunden zu haben an einem Tage. 

Ich kann nicht einsehen, warum man drei Stunden braucht, um die 
Jugendfeier vorzubereiten. Warum sollte nicht eine Stunde genii- 
gen? Es kommt gerade bei einer solchen Sache nicht auf die Menge 
an, sondern auf den ganzen Zeitraum, in dem dasGanze gehalten ist. 
Es ware vielleicht besser, wenn man diese Dinge, die ganz entschie- 
den eingeschrankt werden konnen, wenn man die einschranken 
wiirde. Man konnte das tun, daft man fur diejenigen, die vor der 
Jugendfeier stehen, ausfallen laftt den Religionsunterricht und ihn 
verbindet mit der Vorbereitung fur die Jugendfeier. 

Es wird eine Frage gestellt wegen der Zulassung zur Sonntagshandlung. 

Dr. Steiner: Es ist tatsachlich eine Schwierigkeit. Das war nicht 
gedacht, daft jemand anderer kommen sollte als die Eltern. Natiir- 
lich, wenn man einmal anfangt, dann ist es schwer, eine Grenze zu 
ziehen. Wie soil man das machen? Was war der Grund, daft man 
Nichteltern zugelassen hat? Es liegt kein Grund vor, wenn man den 
K. hereinlaftt, warum man andere Mitglieder zuriickweist. Wo fangt 
das an, wo hort das auf? Die Tanten kommen jauberhaupt. Es sind 
schon andere Storungen vorgekommen durch Fremde im Gange des 
Schulwesens. Ich war am meisten betroffen, als sich die Leute, die 
die Schule nichts angeht, in die Disziplin hineinmischten. — Ich habe 
nichts dagegen, wenn die Zulassung zur Handlung streng auf die 
Eltern beschrankt wird. Geschwister und Tanten auch nicht. Dazu 
haben wir diese Feier nicht eingerichtet. Es hat keine Grenze. Nur 
die Eltern oder die, die anerkannt werden konnen durch die Lehrer- 
schaft als moralische Vormunder. 

X. fragt noch einmal wegen der Sonntagshandlung betreffend ein altes Mitglied. 

Dr. Steiner: Die wird gern wegbleiben; ihr braucht man das nur in 
entsprechender Weise klarzumachen. Das ist die Schwierigkeit: in 
dem Augenblick, wo wir jemanden hineingelassen haben, der kein 
Kind hat, ist die Grenze schwer zu ziehen. In der Anthroposophi- 
schen Gesellschaft, da ist die Statte, wo Ausnahmen sein miissen. 
Oder man laftt es so, wie es ist. 



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14. 6. 1920 



X.: Das hat sich eben als unzutraglich ausgestaltet. 

Dr. Steiner: Diese Ausnahmen sind vielleicht fur ein- bis zweimal 
durchzufiihren, aber sie wachsen. 

X.: Eine reine Schulangelegenheit soil es ja nicht sein; es ist ja losgelost von 
der Schule. 

Dr. Steiner: Die Sonntagshandlung ist etwas im Rahmen der Schule 
Liegendes. Eine Einzelheit innerhalb der Schule, geradeso als wenn 
wir sagen wurden, wir richten meinetwegen einen Unterricht fur ein 
bestimmtes kunstgewerbliches Fach ein. Das ware auch eine Spezial- 
sache, die im Rahmen der Schule darin sein konnte, die nicht eine 
allgemeine Schulangelegenheit ist. Wir konnen es nur so halten, sonst 
kommen eben diese Dinge. Ich wurde gefragt in den letzten Tagen, 
wie man das machen kann, daft in H. eine solche Sonntagsfeier fur die 
anthroposophische Jugend eingerichtet wird. Also das ist in der 
gegenwartigen Zeit, wo die Angriffe aus alien Ecken herauspfeifen, 
so unsinnig wie moglich gehandelt. Das sind ja Angriffsmomente, 
wenn sich Herr L. hinstellt und fur die anthroposophischen Kinder 
eine Kultushandlung vollzieht. Er hat sich schon die Erlaubnis 
geholt, um es sich anschauen zu konnen. Das wiirde ich ganz ent- 
schieden verleugnen als etwas, womit ich etwas zu tunhaben sollte, 
was aufterhalb des Rahmens der Schule als eine Sonntagsfeier ein- 
gerichtet wiirde. Es hat nur einen Sinn dadurch, daft in unserer 
Schule eine Anzahl Kinder einen Religionsunterricht auf anthro- 
posophischer Grundlage hat, und fiir diese Kinder ist diese Sonntags- 
feier. So daft niemals zugelassen werden konnte — es konnten andere 
Kinder zugelassen werden — , es kann aber niemals jemand zugelas- 
sen werden, der nicht in der Schule ist. 

X.: Dann mufi es dabei bleiben. 

Dr. Steiner: Man kann es so lassen, wie es ist; dann sind Ausnahmen 
da, aber es ist im Grunde genommen nicht einzusehen, wie man 
jemand anderes abweisen soil, wenn man Frau G. sagt, sie darf kom- 
men. Dann miiftte auch Herr Leinhas abgewiesen werden, er ist aber 
im Waldorfschulverein. Das wiirde ja eventuell eine Art von Rechts- 
titel sein. Alles das, was zur Schule gehort. 

X. : Konnen die Frauen der Lehrer zur Schule gerechnet werden? 

Dr. Steiner: Die konnen natiirlich nicht zugelassen werden. Wenn sie 
keine Kinder haben, so haben sie auch keinen Rechtstitel. 



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X. berichtet iiber den Anstandsunterricht. Ich habe da versucht, den Kindern 
eine Diatetik der Seele beizubringen. 

Es war alles mogliche Geschwatz durch Schiiler in die Schule hineingetragen 
worden. 

Dr. Steiner: Es ist nicht zu umgehen, daB die Anthroposophen- 
kinder zu Hause etwas aufschnappen. Das ist ungefahrlich, wenn die 
Eltern selbst verniinftig sind. Selbst wenn es tief hineingeht, so ist 
durch die gesunde Gesinnung der Eltern schon ein Mittel gegen das 
Uberschnappen der Kinder da. Solche Dinge, die wir oft genotigt 
waren zu bekampfen, wie die, welche Sie angefiihrt haben von O. R., 
die riihren auch davon her, daB die Eltern unsinniges Zeug reden. 
Sie werden bemerkt haben, daB der Unterricht seine Friichte tragt. 
Ich wurde nur bemerken, daB namentlich in kritischen Fallen man 
sehr guten Erfolg mit Erzahlungen hat, die einen ganz bestimmten 
Gang nehmen. Wenn man sicher konstatiert hat, daB ein Kind 
eine Unart hat, denkt man eine Erzahlung aus, in der sich diese Unart 
durch das, was geschieht, schicksalsmaBig ad absurdum fiihrt. Sogar 
bei ganz kleinen Kindern ist es schon gelungen, Genaschigkeit und 
solche Sachen einfach dadurch, daB die Mutter solche Erzahlungen 
gebildet hat, sich selbst ad absurdum fiihren zu lassen. Etwas Aus- 
gedachtes — nach dem Muster des Hundes, der mit dem Fleisch im 
Maul iiber die Brucke geht — , das ist etwas, was stark wirkt auf das 
Kind, das so etwas veriibt hat, und anhaltend wirkt, namentlich 
wenn man im konkreten Falle ein biBchen Zeit verflieBen laBt zwi- 
schen dem Begehen der Handlung und dem Heranbringen der Erzah- 
lung. In der Regel erreicht man mehr, wenn das Kind geschlafen hat, 
und man am nachsten Tage friihestens darauf zuruckkommt, und 
dann verhandelt. Das Beschaftigen unmittelbar nach dem Ertappen, 
das ist das Schlechteste. Das ist etwas, was sehr theosophisch ist, aber 
was einfach wahr ist. 

Dann ware es sehr gut, wenn durchgefuhrt werden konnte, daB auch 
die einzelnen Kinder als solche, sei es gruppenweise oder ganz indi- 
viduell, gewissermaBen ein Gegenstand der Sorge des ganzen Kolle- 
giums werden konnten, daB man sich iiber sie ausspricht. Das scheint 
mir etwas, was ganz wunschenswert ware. Das erfordert nur, daB 
man der Sache etwas Interesse zuwendet. 

Ich fragte heute morgen urn den P. I., er ist mir entschwunden. Also 
nicht wahr, da hat mir der Vater gewisse Klagen vorgebracht. Nun 
ware es gut, wenn man das, was bei dem Jungen ist, vergleichen 
konnte mit dem, was der Vater klagt. Denn der Vater scheint in 
diesem Falle ein ziemlich unniitzer Klager zu sein, schultheiBenhaft 



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sich zu verhalten. Ja, ich werde mit dem Jungen reden. Mir scheint, 
daft der Vater ein unnutzer Klager ist, der allerlei Dinge, Kleinigkei- 
ten, die der Junge ausfriBt, phantastisch ausgestaltet, so daB der 
Junge die Sachen macht, die der Vater suggeriert. Das weiB er sicher 
nicht, was er will. 

Das bildet in jeder Schule ein Hauptkapitel, weil das so schwer zu 
regeln und zu beherrschen ist. Gerade u.ber solche Dinge miiBte voll- 
standige Klarheit herrschen in dem groBten Teil der Lehrerschaft, 
iiber die einzelnen Schiiler. 

Gewisse Dinge sind interessant, wenn man die Statistik etwas 
griindlich betrachtet. Ich habe alle Klassen gesehen. Mir tritt das 
stark hervor, daB nur wenige ganz unbegabt sind, genialisch auch 
nicht, aber viele mittlere, nicht schlecht veranlagte. Ein Beweis dafiir 
ist das, daft die Fortschritte gut sind. Ich will immer unterscheiden 
zwischen Fortschritten als solchen, und dem Inhalt des Fortschritts. 
Es kann ja sein, daB man manches nicht so vorwarts gebracht hat; das 
Tempo ist ein gutes. 

In der 4. sind eigentlich im Grunde genommen nur die zwei wenig 
begabt, dann drei so halb, die nicht zurechtkommen, wahrend die 
anderen nach ihrem Schreiben wunschenswert begabte Kinder sind. 
Es mag sein, daB viele Lausbuben sind, aber zum Beispiel diejenigen, 
die als Lausbuben bezeichnet worden sind, sind so, daB sie begabte 
Lausbuben sind; das ist etwas, was den Nagel auf den Kopf trifft. 
Das hangt mit einer anderen Erscheinung zusammen. Das wirkt, 
wenn so sich im allgemeinen die Moral hebt, werden die Dinge sich 
ausgleichen. Es ist ein Charakteristikum der Waldorfschiiler, daB sie 
furchtbar eifersuchtig sind auf ihre Lehrer, daB sie nur an den eige- 
nen Lehrern ein gutes Haar lassen, daB gerade die das Richtige 
machen. Das ist ein tatsachlicher Fall. Nun, nicht wahr, das hat seine 
guten Seiten und auch seine Schattenseiten. Die Hauptsache dabei 
ist, daB man nicht allzuviel darauf gibt. Man soli sich nicht geschmei- 
chelt fiihlen, wenn das zuriickstrahlt. Es macht sich auch im Gehaben 
des Unterrichtes klar. Herr A. ist schon kein Mensch mehr, sie 
betrachten Sie fast als einen Heiligen. 

Warum sollen die Kinder nicht lachen? Sie sind mehr im Rahmen 
der Schule. Wer viel kennt, der weiB, daB die bedeutendsten Men- 
schen Lausbuben waren. Wenn man es im Zusammenhang des 
Lebens nimmt, hat es einen anderen Aspekt. 

Wenn sie ein biBchen weniger schreien konnten, das ware gut. Die 
4. Klasse schreit furchterlich. Das sind Dinge, die ja auch nicht 
furchtbar tragisch zu nehmen sind. Wenn man dann eine solche 



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Eigenschaft, die hervorragend ist, den Kindern abgewohnt hat, 
bedeutet es moralisch sehr viel; wenn man es dahin bringt, daft die 
4. Klasse nicht so schreit, oder wenn man dem B. Ch. abgewohnt, 
daft er den Tornister vor sich hinauswirft. Ganz abgesehen davon, ob 
man das mehr oder weniger artig oder unartig ansieht, wenn man 
eine solche hervorragende Eigenschaft abgewohnt hat, das bedeutet 
fur die moralische Haltung aufterordentlich viel, wenn sich manche 
Buben in der 4. Klasse das furchtbare Schreien abgewohnen wurden. 
Im allgemeinen mochte ich sagen, es wird doch eine Frage einer 
allgemeinen didaktischen Okonomie sein, wie weit das Chor- 
sprechen gehen soil. Wiirde man es zuwenig ausbilden, dann leidet 
die soziale Gesinnung; die bildet sich aus durch das Chorsprechen. 
Wenn man es zuviel macht, dann leidet die Auffassungskraft, weil es 
eine starke suggestive Kraft hat. Die Kinder konnen Dinge, fur die sie 
sonst keinen Tau haben, wenn sie in der Masse mitsprechen. 
Geradeso wie eine Volksmenge auf der Strafte mittut. Je jiinger sie 
sind, desto mehr kann das tauschen. Es ist schon gut, daft man sie 
ganz durcheinander auffordert, dasselbe noch einmal zumachen im 
einzelnen, so daft jeder aufzupassen hat, wenn der andere seinen Satz 
bildet. Wenn Sie eine Erzahlung sagen, so behandelt man Satze, man 
laftt den einen fortsetzen. Solche Sachen haben eine gewisse Bedeu- 
tung, daft ich sagte: „Derjenige, der in der mittleren Bankreihe an der 
linken Ecke sitzt, der soil fortfahren!" „Dereinzige, der in derEcke 
sitzt, soil fortfahren!" Solche Dinge sollte man machen, wo sie auf- 
passen miissen, wo man die Kinder dazu bringt, immer mitzutun. Das 
zu viele Chorsprechen wiirde die Lassigkeit fordern. In der Musik 
bestatigt sich das in bezug auf das Briillen. 

Bei der 4. Klasse mochte ich Sie aufmerksam machen auf die Impon- 
derabilien. Ich rede ganz real, die Imponderabilien, die bestehen in 
gewissen Spannungszustanden der ganzen Klasse. Da ist einfach zum 
Beispiel das Zahlenverhaltnis der Madchen zu den Knaben. Ich 
meine nicht, daft man es als solches einrichten muftte. Man muft das 
Leben nehmen, wie es ist, aber man muft versuchen, auf solche Dinge 
doch zu achten. Wenn ich nicht irre, ist in der 4. Klasse die groftte 
Bubenzahl im Verhaltnis zu den Madchen. Nun tritt es mir zutage, 
daft eine gewisse Physiognomie der Klasse ganz wesentlich davon 
abhangt, wie das Verhaltnis der Buben zu den Madchen ist. Bei 
Fraulein Lang ist das Verhaltnis anders. Auf solche Dinge muft die 
Aufmerksamkeit gerichtet werden. Bei Fraulein Lang sind wesent- 
lich weniger Buben als Madchen. Heute waren es ganz sicher mehr als 
zweimal so viel Buben, heute waren 25 Buben und 11 Madchen da. 



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Das stimmt, was ich sage, von der 4. Klasse. In der 6. Klasse sind 12 
Buben und 19 Madchen. Nicht wahr, das ist etwas, worauf man sehr 
wohl die Aufmerksamkeit richten muft. Interessant war das in der 
5. Klasse, wo es gleich ist, wo heute 25 : 25 waren. (Zu Frl. Dr. von 
Heydebrand: ) Es war aufterdem die beste Gelegenheit, weil Sie heute 
einen interessanten Lehrstoff in die Schule gebracht haben. Das ist 
die richtige Art, so bringt man Anthroposophie hinein. Diese Sachen 
sind solche, auf die man die Aufmerksamkeit wenden muft. 

X.; Ich glaube, bei den Kindern eine Verwandtschaft zu bemerken zwischen 
Tiefstimme und phlegmatischem Temperament, Mittelstimme und sanguini- 
schem, Oberstimme und cholerischem. Ist das richtig? 

Dr. Steiner: Die beiden anderen stimmen vollstandig; das mit der 
oberen Stimme ist recht merkwiirdig. Im ganzen ist es so, daft die 
unteren Stimmen bei den Phlegmatikern, die mittleren bei den 
Melancholikern und Sanguinikern sind. Die Sanguiniker sind bei der 
hochsten Stimme. DasCholerische verteilt sich iiber alle drei. Es mufi 
noch irgendein besonderer Grund vorliegen. Wiirden Sie meinen, daft 
Tenore besonders Choleriker sind? Auf der Biihne schon. Das Chole- 
rische verteilt sich iiberall. 

X.: Wie kommt es, dafi man iiber das Temperament eines Kindes so verschie- 
dener Meinung sein kann? 

Dr. Steiner: Diese Frage wird man nicht mathematisch losen kon- 
nen. Davon ist keine Rede. Das ist bei der Beurteilung von gewissen 
Grenzfallen moglich, dafi der eine diese, der andere jene Ansicht hat. 
Sie brauchen auch nicht mathematisch gelost zu werden. Da wird es 
so liegen, daft derjenige, der das Kind sieht, der es so oder so auffaftt, 
selbst von sich aus die Absicht hat, es so zu behandeln. Schlieftlich ist 
die Behandlungsweise etwas, was vom Wechselverhaltnis herruhrt. 
Denken Sie ja nicht, daft man dariiber diskutieren soil. 

Eine weitere Anfrage wegen der Temperamente. 

Dr. Steiner: Das cholerische Temperament ist gleich verdrossen und 
entriistet sich iiber alles, was eben seiner Aktivitat in die Quere 
kommt. Wenn es in einem rhythmischen Erleben drinnen ist, ist es 
entriistet und argerlich, aber auch sonst, wenn es ein anderes Erlebnis 
ist und es wird gestort, so ist es entriistet. Das ist, nicht wahr, weil der 
Rhythmus eben innig verbunden ist mit der ganzen menschlichen 
Wesenheit. Das ist schon der Fall, daft der Rhythmus mehr als alles 
andere verbunden ist mit der menschlichen Wesenheit, und daft bei 
dem Choleriker eine starke Rhythmik zugrunde liegt, die gewohn- 



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lich an sich etwas defekt ist. Napoleon wird man als Choleriker 
ansehen konnen. Bei ihm lag es so, daft sein innerer Rhy thmus in sich 
gedrungen war. Bei Napoleon liegt das vor, dafl er von einer Seite her 
veranlagt war, grofter zu wachsen, als er gewachsen ist. Er ist zusam- 
mengeschoppt geblieben. Sein Atherleib war groBer als sein physi- 
scher Leib. Dadurch wurden seine Organe zusammengeschoppt, alles 
Rhythmische wurde in sich zusammengeschobener und storte sich 
fortwahrend. Weil ein solches cholerisches Temperament auf dem 
fortwahrenden Verkiirzen des Rhythmus beruht, so lebt es in sich 
darinnen. 

X. : Kann man davon sprechen, dafi in einem solchen Temperament einer von 
den Sinnen vorherrscht? 

Dr. Steiner: Sie werden wahrscheinlich bei einem Choleriker in der 
Regel finden einen abnorm ausgebildeten Gleichgewichtssinn 
(Waage) und ihn auflerlich nachweisen konnen in den Kanalen im 
Ohr bei der Autopsie. Das Erleben des Rhythmus, Gleichgewichts- 
sinn und Bewegungssinn, Wechselwirkung zwischen beiden, 
rhythm isches Erleben. Mit dem Gleichgewichtssinn und Bewegungs- 
sinn ware bei einem Sanguiniker (Jungfrau) der Bewegungssinn in 
der Art vorherrschend. So wie beim Melancholiker (Lowe) der 
Lebenssinn vorherrscht, beim Phlegmatiker (Krebs) der Tastsinn, 
physiologisch, weil die Tastkorper in kleinen Fettpolstern eingebet- 
tet sind. Das ist physiologisch nachweisbar. 

Es ist nicht so, als ob die Tastkorperchen den Reiz vermittelten. 
Dasjenige, was geschieht, ist eine Reflexwirkung, wie wenn man 
Gummiballe eindriickt und sie wieder zuruckgehen. Die Warzchen 
sind dazu da, um es dem Ich zu vermitteln, um den Reiz im Atherleib 
auf das Ich zu iibertragen. Das ist bei jedem der Sinne der Fall. 

Es wird berichtet iiber den Eurythmieunterricht. 

Dr. Steiner: Nun, mit der Eurythmie ist es so, daft die Begeisterung 
etwas theoretisch wird. Das Eurythmeum stent immer vor Augen. 
Aber wir haben immer zu wenig Raume. Wenn wir mehr Toneuryth- 
mie machen, dann ware es erwiinscht, jemanden zu haben, der etwas 
Klavier spielt. So etwas kann sich als eine Notwendigkeit ergeben. 
Wir haben jetzt verhaltnismaftig wenig Toneurythmie gemacht. In 
Dornach hat Fraulein X. eine Kiftdergruppe fur Toneurythmie ein- 
gerichtet und aufterordentlich gute Erfolge erzielt. Etwas kann 
bemerkt werden, daft mit Ausnahme der ganz begabten alteren 
Leute die Kinder leichter Eurythmie lernen und namentlich leichter 



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sich zur Grazie ausbilden, so daB tatsachlich die Eurythmie im 
Unterricht sich als fruchtbar erweist. Wahrend es bei GroBen wirk- 
lich schwer geht, weil sie sich nicht daran gewohnen wollen, richtig 
aufzuspringen, lernen es die Kinder ganz grazios. Die Kinder, die da 
auftreten, denen gegeniiber wiirde es niemand einfallen, daB er das 
Spreizen der Beine haBlich findet. Es ist ganz und gar nicht haBlich, 
aber ich bin iiberzeugt, daB es auch den Leuten gar nicht auffallen 
wiirde. 

X. berichtet iiber das Turnen. Einige driicken sich auch. 

Dr. Steiner: Nun miiBte man konstatieren, ob die Betreffenden sich 
driicken vom Turnen, oder ob sie sich wegschleichen, um Allotriazu 
treiben. 

X.: Der M. T. ist in der Eurythmie geschickt, draufien ungeschickt. 

Dr. Steiner: Gerade bei ihm konnte ich mir denken, daB er sich 
driickt, um etwas anderes zu handhaben. 

X.: Er ist faul. 

Dr. Steiner: Wenn er solchen Schabernack auffuhrt, da ist er doch 
sehr fleiBig. Er ist ein sehr artiger Knabe. 

X.: . . . 

Dr. Steiner (iiber den O. N.): Ich finde das eine gute Eigenschaft, 
daB er die Schrift nachmacht. Es ist eine Erfahrung, daB bei der Ehe 
der Mann die Schrift bekommt wie die Frau oder umgekehrt. 

Es wird berichtet iiber Gartenarbeit und Handwerk. Ober Schwierigkeiten mit 
einzelnen Kindern; sie sind unsozial und trage und mogen einander nicht hel- 
fen. 

Dr. Steiner: Sind es viele? Nicht wahr, etwas anderes kann man 
kaum machen, als diejenigen, die so sind, zusammenspannen, daB 
man ihnen ein bestimmtes Gebiet anweist, daB man sie veranlaBt, 
sich zu schamen, wenn sie nichts fertig kriegen. Etwas, wo die Fertig- 
stellung sichtbar wird, wo sie sich schamen, wenn nur ein Viertel 
gemacht ist. Nicht das Moment des Ehrgeizes! Was ich sagte, rechnet 
nicht mit dem Ehrgeiz, sondern mit dem Schamen. Dann konnte 
man noch eine Kommission ernennen, die im Beisein der Kinder das 
anschaut und das MiBfallen ausdriickt. Ich glaube doch, wenn Frau 
Molt ernannt wird, die Sache anzuschauen, und Herr Hahn, dann 
wird sich auch M. T. entschlieBen zu arbeiten, um nicht das MiBfal- 
len zu erregen. Ein Ausweg ware, daB man diese Kinder zusam- 



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menspannt und beim Unterricht in seine Nahe nimmt. Aber das ist 
schwer durchfiihrbar. Sie miissen dazu getrieben werden, sich zu 
schamen, wenn sie es nicht fertig kriegen. Ehrgeiz wiirde ich nicht 
aufstacheln, aber das Schamgefuhl. 

X. fragt, ob nicht eine Buchbinderei eingerichtet werden konnte? 

Dr. Steiner: Ob es sich mit der Schule vereinigen laBt? Buchbinderei 
ware etwas, was in den Fortbildungsschulplan hineinfallen konnte. 
Probeweise konnte es im Einbinden der Biicher bestehen. Ist jemand 
unter Ihnen, der einen solchen Fortbildungsschulkurs ubernehmen 
konnte? Einer oder zwei, denn die Buchbinderei ist etwas, was wirk- 
lich kunstgewerblich ausgebildet werden kann. Wir haben keinen 
rechten Ubergang von den alten schonen Banden, die nach und nach 
weggefallen sind, zu den ganz philistrosen Banden. Und das, was nun 
neuerdings versucht wird, das sind zumeist kunstgewerbliche Koket- 
terien. Da irgend etwas Kunstgewerbliches zu leisten, das ist immer- 
hin reizvoll. Was wird heute gemacht an Buchern, die keine Biicher 
sind! Man muBte wieder die Biicher als Biicher machen. Das wiirde 
eben in den Rahmen der Fortbildungsschule, des Kunstgewerblichen 
hineinfallen. 

An sich ist es eine einfache Arbeit, aber gerade in dieser Beziehung 
wird man ja etwas machen. Das Technische muB man natiirlich gut 
konnen. Da wiirde es etwas zu verbessern geben. Ich meine, wenn es 
bis zur Goldpressung geht, da gibt es manches zu verbessern. Was 
gelernt werden muB, das ist verhiiltnismaBig einfach. Das ist Ubung. 

X.: Ich weifi nicht, ob ich es noch ubernehmen kann. 

Dr. Steiner: Es ist eine Frage, die im Zusammenhang mit dem Fort- 
bildungsschulwesen behandelt werden muBte. 

X.: Soli ich deshalb einige Stunden abgeben in meiner Klasse? 

Dr. Steiner: Dann kommen wir ins Fachlehrersystem hinein. Das 
muB umgangen werden, solange wir nur irgend konnen, wenn irgend- 
ein Mann da ist, und wenn es richtig angefaBt wird, daB es geht. 

X.; Zwei Stunden in der Woche sind im Handarbeiten zu wenig. Konnten die 
Stunden nicht vermehrt werden? 

Dr. Steiner: Ich habe gesehen beim Handarbeitsunterricht, daB viel 
Geschicklichkeit da ist. Sobald der Waldorfschulverein viele Millio- 
nen bringt, konnen wir viele Zimmer haben und viele Lehrer anstel- 
len. Ja, aber mehr Zeit konnen wir kaum dazu verwenden. Das 



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andere muft erreicht werden durch Teilung der Klassen. Es ist wohl 
geniigend, zwei Stunden in der Woche. Wir miissen die Klasse teilen, 
und das ist dann bloft eine Stunde. 

X.; Soil man Madchen und Knaben getrennt nehmen? 

Dr. Steiner: Das wiirde ich nicht tun, lieber nicht mit dem Ausein- 
anderschalen anfangen. Aber Sie lassen doch die Knaben auch 
andere Handarbeit verrichten als Stricken? Das gilt auch fur die 
Madchen. Ja, aber trotzdem wiirde ich es nicht tun; Knaben und 
Madchen trennen, das sollten wir nicht anfangen. Da muB man aus 
einem anderen Prinzip abhelfen. 

X.: Soil die Vorklasse den Charakter eines Kindergartens haben? 

Dr. Steiner: Dort sind die Kinder, die noch nicht die Schule begon- 
nen haben. Wir konnen nicht irgendwelche Lernfacher bringen. Man 
soli sie so beschaftigen, daft sie spielen; nicht wahr, gewisse Spiele 
miissen da sein. Man kann auch etwas in der Form, in der es nicht 
zum Lernen gehort, erzahlen. Aber auch da nicht die Schulanforde- 
rungen stellen, nicht darauf sehen, daft unbedingt alles nacherzahlt 
werden muft. Ein eigentliches Lehrziel scheint mir gar nicht notig zu 
sein, sondern man versucht herauszukriegen, womit man die Kinder 
am besten beschaftigen kann. Man braucht kein Lehrziel. Es wird 
sich darum handeln, daft man Spiele treibt, etwas erzahlt, kleine 
Ratsel lost. 

Auch das wiirde ich nicht pedantisch begrenzen. Ich wiirde sie behal- 
ten, solange die Eltern sie abgenommen haben wollen. Ja, wenn wir 
konnten, konnten wir sie auch den ganzen Tag haben. Wenn es geht, 
warum nicht? Eurythmie konnen Sie auch versuchen, sie diirfen nur 
nicht verdorben werden. Sie diirfen auch durch sonst nichts verdor- 
ben werden. Ich sagte ja, dabei handelt es sich im wesentlichen 
darum, daft man die Kinder bemuttert, nicht Frobelei treibt. Sie 
wollen ganz gewift nichts schulmaftig Bestimmtes tun, da kann man 
das mit ihnen tun, was sie wollen. 

Dies ist die Konfiguration beim Spielen: Ein Kind, das gewisse For- 
men des Spielens zeigt, zeigt dieselbe Form dann in der Art und 
Weise, wie sich der Mensch ins Leben findet. Ein Kind, das langsam 
spielt, wird in den Zwanzigerjahren langsam sein und langsam den- 
ken in all dem, was im Leben zusammengefaftt wird als Lebens- 
erfahrung. 

Ein Kind, das oberflachlich ist im Spielen, wird auch spater ober- 
flachlich werden. Ein Kind, das sagt, ich will mein Spielzeug zer- 



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schmeiften, weil ich sehen will, wie es innen ausschaut, das wird ein 
Philosoph werden. Das ist die Art des Denkens in der Beherrschung 
des Lebens. 

Ja, gewift, man kann im Spiel sehr vieles tun. Man kann ein Kind, das 
Neigung hat zum langsamen Spielen, veranlassen, schneller zu spie- 
len. Man gibt ihm eben solche Spiele, wo einige Schnelligkeit not- 
wendig ist. 

Es wird nach Chorsprechen gefragt. 

Dr. Stciner: Man kann es schon machen. — Marchen konnen auch 
erzahlt werden. Es gibt sehr viele Marchen, die man den Sechsjahri- 
gen nicht vorsetzen kann. Damit meine ich nicht das, was der Verein 
fur Ethische Kultur ausmerzt, sondern weil es kompliziert ist. Die 
Kleinen wiirde ich noch nicht nacherzahlen lassen. Wenn sie aber 
selbst etwas erzahlen wollen, dann anhoren. Das ist etwas, was man 
abwarten muft. 

Es wird nach den Zeugnissen gefragt. 

Dr. Steiner: Wir sprachen schon einmal dariiber. Man miiftte schon 
einzelnes hervorzuheben versuchen, aber nicht in pedantischer 
Weise. Man miiftte versuchen, vielleicht doch am Anfang nur die 
Personalien zu haben, und dann fur jedes Kind zu individualisieren. 
Daft man zum Beispiel schreibt: ,,E. liest gut, erzahlt anregend", und 
so, daft man sich selbst den Text bildet. Einen Satz, der freigegeben 
ist und in dem man das unterstreicht, was sonst als einzelne Facher 
gegeben ist. Vielleicht ist es notwendig, alle Facher anzufiihren, viel- 
leicht nicht. Ich wiirde das Zeugnis so drucken, daft es nur einen 
Kopf hat: ,,Freie Waldorfschule, Jahreszeugnis des Schulers . . ." 
und in der Mitte Platz, daft man schreiben kann. 
Jeder wird nach seinem Genius den Schiiler charaktcrisieren. Wenn 
mehr Lehrer in Betracht kommen, muft jeder einschreiben. Aber es 
ware wiinschenswert, daft sich die einzelnen Aussagen nicht allzu 
stark widersprechen; wenn der eine sagt: ,,Er liest ausgezeichnet", 
der andere auch etwas sagt, was dem entspricht. Nicht wahr, es fangt 
einer an, den Schiiler zu charakterisieren, derjenige, der sein Klassen- 
lehrer ist. Die anderen schlieften sich an. Es kann nicht gut der 
Klassenlehrer schreiben: ,,Es ist ein ausgezeichneter Junge", und 
dann schreibt jemand anderes: „Das ist ein kleines Scheusal." Das 
muft man schon verschmelzen. 

Es wird gefragt nach dem Zeugnis der Religionslehrer der Konfessionen. 



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Dr. Steiner: Der muB auch seinen Senf dazu schreiben, der Reli- 
gionslehrer, das muB schon auch ebenso sein. Hier werden sich die 
Herren disziplinieren miissen. Sie miissen sich darauf einlassen, sonst 
konnen sie nichts schreiben. 

X.: 1st eine Kontrolle notig, dafl die Zeugnisse vorgezeigt werden? 

Dr. Steiner: Ich wiirde einfach die Einftihrung machen, daft die 
Eltern, welche wiinschen, daft ihre Kinder wieder aufgenommen wer- 
den sollen, ihren Namen unter das Zeugnis des vorigen Jahres setzen 
mogen. Wenn sie nicht mehr kommen, brauchen wir dariiber keine 
Vorschrift zu machen. Wenn sie wiederkommen wollen, sollen die 
Eltern den Namen daruntersetzen. Es ist ja gegangen ohne Zwischen- 
zeugnis. Ist das verlangt worden von den Eltern, ein Zwischenzeug- 
nis? 

Ja, das Kind meldet sich und bringt das Zeugnis, bekommt es am 
Ende des Jahres wieder, wenn es schon ein Heft ist. GewiB kann es 
ein Heft sein, perforiert. Nehmen Sie an, ein Kind ist anfangs 
schlecht, man muft ihm Tadel hineinschreiben, und es wird dann 
spater besser, dann hat es vielleicht ein Interesse daran, die vorher- 
gehenden Zeugnisse wegzunehmen: also perforiert. 
Da kann man ja etwas, was nicht ganz lobend ist, schreiben. Sie 
konnen nicht diesen beiden Kindern das Zeugnis ausstellen, daft sie 
ausgezeichnet schreiben, aber man kann es schon so fassen, indem 
man, ohne zu zensieren, charakterisiert, wie weit das Kind im Schrei- 
ben ist. Bei dieser kleinen M, da wiirde ich schreiben: ,,Hat es noch 
nicht weiter gebracht, als zum muhsamen Nachschreiben einfacher 
Worte, wobei das Kind sehr haufig unnotige Striche an die Buch- 
staben anfugt." Die Kinder charakterisieren! 

Auf eine weitere Frage: 

Dr. Steiner: Dann ist eben das Kind sitzengeblieben. Ich wiirde nur 
unterscheiden solche, die mitkommen, und solche, bei denen man 
bestimmt: wenn das Kind wiederkommt, kommt es in die Hilfs- 
klasse. Dieses Sitzenbleibenlassen, das wiirde ich gar nicht einfiihren 
wollen. Es handelt sich bei beiden um Kinder, die bald nach Weih- 
nachten gekommen sind. Nicht wahr, jetzt, nachdem wir die Hilfs- 
klasse eingefiihrt haben, jetzt haben wir die Moglichkeit, Kinder, die 
ganz und gar nicht versprechen, mit dem Lehrziel zurechtzukom- 
men, in die Hilfsklasse zu geben, zum Beispiel Schwachsinnige. Fun- 
die anderen ist es nicht gut, dieses Sitzenbleiben einzufuhren. Das 
hatte gemacht werden miissen, als das Kind eintrat. Es ware doch 



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schon, wenn wir das Prinzip des Sitzenbleibens nicht kultivieren 
wiirden. Ich sehe nicht ein, nach welchem Gesichtspunkt es gesche- 
hen soil. In Ihrer Klasse sind Kandidaten des Sitzenbleibens auBer 
diesen zweien, die in die Hilfsklasse kommen konnen, hochstens 
drei, und die miiftte man im Grunde genommen mitschleppen kon- 
nen, indem man sie nicht mordsmaBig lobt, auch nicht tadelt, aber 
sagt, es ist das Lehrziel nicht ganzlich erreicht. Wir waren verpflich- 
tet gewesen, das Kind in die richtige Klasse zu versetzen bei der 
Aufnahme. Jetzt ist es nicht schlau, wenn wir das Kind sitzen lassen. 
Es ware wichtig, sich iiber die H. auszusprechen, wie man das spater 
behandeln will. Man mufite sie in die 3. Klasse stecken; wenn es so 
ausgesprochen ist, dann mufite sie in die Klasse kommen, in die sie 
kommen kann. Aber im ganzen sollten wir nicht Kinder das ganze 
Jahr behalten, namentlich solche, die aus fremden Schulen kommen, 
und dann sitzenbleiben lassen. Nun sind sie aber schon darinnen. Es 
sind ja nicht so ausgesprochen schlechte Kinder da, die muiS man in 
diesen einzelnen Fallen mitnehmen und spater niemals wieder ein 
Kind hineinnehmen in eine Klasse, die zu hoch ist. 

X.: In welche Klasse soli man Kinder von anderen Schulen einreihen? Soli 
man sich an das Lebensalter halten oder ausgleichen? 

Dr. Steiner: Nicht wahr, in der Zukunft, wenn wir die Kinder vom 
sechsten Jahr bekommen und alle Klassen durch haben, dann kann ja 
das nicht vorkommen. Die mussen wir versuchen, in die Klasse zu 
setzen, fur die sie taugen, sowohl dem Lebensalter nach, als nach 
dem, was sie konnen. 

Es wird gefragt, ob ein Kind in die Hilfsklasse abgegeben werden sollte. 

Dr. Steiner: Ich glaube nicht, daft es moglich ist. Gerade in der 
1. Klasse sollten Sie nicht zu weit gehen im Absondern zur Hilfs- 
klasse. Ich habe es ja gesehen, das ist richtig, aber auf der anderen 
Seite ist ja noch nicht so furchtbar viel verloren, wenn ein Kind in der 
1. Klasse noch schlecht schreibt.. Nicht wahr, alle Kinder dieser Art 
werden, wenn man es durchfiihren konnte, natiirlich unendlich viel 
gewinnen, wenn man solche Ubungen mit ihnen macht, wie ich sie 
dazumal inauguriert habe. 

Wenn man sie so etwas machen lafit (Dr. Steiner zeigt eine Ubung): 
Reich die rechte Hand iiber den Kopf und ergreife dein linkes Ohr. — 
Oder wenn man solche Sachen zeichnen lafit, eine Spirale, die nach 
innen verlauft, eine Spirale, die rechts verlauft, und eine Spirale, die 
links verlauft, so gewinnen sie sehr viel. Solche Obungen, durch die 
sich die Kinder ins Denken hineinstellen mussen. 



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Dann das Schreiben: es sind einige, die sehr schlecht schreiben, und 
es gibt eine ganze Menge, die erstklassig sind. Die Kinder werden 
nicht viel davon haben, wenn Sie sie anhalten, daft sie durch die 
Verbesserung der Schrift besser schreiben lernen. Finger geschickt 
machen! Dann lernen sie besser schreiben. 

Ich glaube nicht, daft Sie es zuwege bringen, eine schlechte Schrift 
durch die Bemiihungen nach dem besseren Schreiben besser zu 
machen. Sie miissen Bemiihungen machen, daft die Kinder geschick- 
ter werden im Zeichnen von Formen. Wenn sie Klavier spielen 
wiirden, wiirden sie besser schreiben lernen. Es ist durchaus ein rich- 
tiges Apercu, daft dieses eigentliche schlechte Schreiben auftritt erst 
in der Zeit, wo die Spielsachen der Kinder so aufterordentlich mate- 
rialistisch geworden sind. Es ist geradezu emporend, daft ein grofter 
Teil der Spielsachen in Baukasten besteht. Der diirfte iiberhaupt kein 
Spielzeug sein, weil er atomistisch ist. Wenn das Kind eine einfache 
•Schmiede hat, so muft das darauf ausgehen, daft das Kind sie hand- 
haben muft. Ich mochte fur ein Kind ein Spielzeug haben, das sich 
bewegt. Das steht in der „Erziehung des Kindes". Die Spielzeuge 
heute sind furchtbar schlecht, und daher lernen die Kinder nicht 
mehr Fingergeschicklichkeit und konnen schlecht schreiben. 
Es wiirde ja genugen, wenn man solche Kinder — man kann es in der 
Schule nicht machen — , die schlecht mit der Hand schreiben, anhal- 
ten wiirde, ganz einfache Formen mit den Fiiften zu machen. Das 
wirkt auf die Hand zuriick. Mit den Fiiften kleine Kreise zeichnen. 
Halbkreise, Dreiecke. Daft sie zwischen eine Zehe und die nachste 
einen Bleistift kriegen und Kreise machen miissen. Man kann es nicht 
leicht machen. Das ist sehr interessant. Es eignet sich schwierig an, 
aber es ist sehr interessant zu machen. Im Sande drauften wiirde ich 
es als ganz gut betrachten, mit den Zehen mit einem Stock Figuren in 
den Sand hinein machen zu lassen, das wirkt auf die Hand ungeheuer 
stark zuriick. Oder ein Kind etwas aufheben lassen mit dem Fufte; ein 
Taschentuch mit dem Fuft aufheben statt mit der Hand, das wirkt 
sehr stark. Ich will nicht sagen, daft sie essen miissen mit den Fiiften. 
Aber, nicht wahr, man darf es nicht systematisch machen. Man muft 
versuchen, nicht direkt auf die Schriftverbesserung zu sehen, son- 
dern sie geschickt zu machen im Zeichnen von Kunstformen. 
Symmetric herauskriegen in einer komplizierten Form. (Zu Herrn 
Baumann: ) Taktschlagen, das ist eine gute Sache fur die Ausbildung 
der Verstandesformen und logischen Formen. 

X. fragt wegen linkshandigen Schreibens. 



14. 6. 1920 



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Dr. Steiner: Ja, im ganzen wird man finden, daft diejenigen Kinder, 
die spirituelle Anlagen haben, unbehindert schreiben konnen, wie sie 
wollen, links und rechts. Aber Kinder, die materialistisch sind, die 
werden vom Schreiben mit beiden Handen idiotisch. Einen gewissen 
Grund hat es schon, daft die Rechtshandigkeit auftritt. Es ist so, daft 
Kinder in diesem materialistischen Zeitalter durch die Linkshandig- 
keit idiotisch werden, wenn beide Hande abwechselnd gebraucht 
werden. Das ist unter Umstanden eine nicht unbedenkliche Sache 
bei all den Dingen, die Verstand in sich haben; beim Zeichnen gar 
nicht. Zeichnen kann man sie ganz gut lassen mit beiden Handen. 

Es wird gefragt, ob man auch Marchen erzahlen kann, in denen blutige Dinge 
vorkommen. 

Dr. Steiner: Wenn das Marchen so ware, daft die Absicht vorliegt, 
daft das Blut als Blut wirkt, dann ware es unkunstlerisch. Bei Mar- 
chen kann nur entscheiden, daft es ein geschmackvolles Marchen ist. 
Da kann es nicht schaden, wenn auch Blut darin ist. Ich habe einer 
Mutter gesagt, wenn man es absolut vermeiden will, den Kindern von 
Blut zu reden im Marchen, so verzartelt man sie so, daft sie spater bei 
einem Blutstropfen in Ohnmacht fallen. Das ist eine Schadlichkeit 
furs Leben. Man soli die Kinder nicht untiichtig machen furs Leben 
dadurch, daft man einen solchen Grundsatz aufstellt. 

Es wird gefragt wegen der L. G. in der 3. Klasse, die nervos ist und stottert. 

Dr. Steiner: Abhelfen wiirde es nur, wenn Sie versuchen wiirden, 
Ubungen zu machen, ich weift nicht, ob unter unseren Ubungssatzen 
solche sind, mit K und P; die miiftte man sie machen und dabeigehen 
lassen, und dann konnte sie auch diese Satze sprechen. Wenn sie in 
der Eurythmie auch K und P machen wiirde, ware es auch gut. Aber 
solche Dinge sind nicht serios zu nehmen, gewohnlich verlieren sie 
sich spater. 

Wegen der Schiilerin E. M. in der 5. Klasse, die stottert. 

Dr. Steiner: Ja, haben Sie sie mir damals vorgefiihrt? Die miiftte ich 
doch sehen. Man muft doch wissen, woran es liegt, ob es ein organi- 
scher Fehler ist oder seelisch. Es kann beides sein. Wenn es ein see- 
lischer Fehler ist, kann man bestimmt formulierte Satze machen, 
wodurch sie sich trainieren miiftte. Wenn es ein organischer Fehler 
ist, dann miiftte man etwas anderes machen. Die miiftte ich morgen 
anschauen. 

Eine Frage wegen A. W. in der 5. Klasse. Er schreibt Titel zu seinem Namen und 
unterstreicht das ich. 



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14. 6. 1920 



Dr. Steiner: Das ist ein Verbrechertypus, der kann ein Schriftfal- 
scher werden. Ausgesprochene Anlagezum Verbrechertypus. Erkann 
viel besser schreiben. Ein ausgesprochener Verbrechertypus. Bei ihm 
miifite man eine Art seelischen Korrektionsunterricht einrichten. 
Den miiftte man zwingen, drei solche — (?) — hintereinander 
stramm zu machen. Ich will ihn morgen anschauen. Der Vater ist 
infantil. 

Es wird gefragt nach einer Schluflfeier. 

Dr. Steiner: Ich wiirde die Jahresschluftfeier so gestalten, wenn ich 
eventuell da ware, daft ich reden wiirde, daft dann Herr Molt redet, 
daft die Lehrer reden, daft das ganze eine Symphonie gibt von dem, 
was man den Schulern gerne sagen wiirde. Nicht Schiilerproduktio- 
nen machen, das kann in der letzten Monatsfeier gemacht werden. 
Da wiirde man eine Wegleitung haben, die riickblickt auf das Schul- 
jahr und vorblickt auf die Ferien, die Hoffnung erweckt und vor- 
blickt auf das nachste Schuljahr und so weiter. Das meine ich. 

Eine Dame hatte die Absicht, einen Film iiber die Waldorfschule und uber die 
Dreigliederung herzustellen. 

Dr. Steiner: Ich habe keine rechte Vorstellung von dem, was 
gemacht werden soil in dieser Richtung. Wenn jemand zum Beispiel 
das Haus verfilmen will, das kann nichts schaden; das ist nichts 
Schlimmes. Wenn sie durch einen internationalen Film auch beitragt 
zum Bekanntwerden der Waldorfschule, so hat man in der Zeit des 
offentlichen Auftretens nichts dagegen, da sind wir ja nicht verant- 
wortlich. Wir sind verantwortlich, daft die Waldorfschule ordentlich 
ist. Wir sind nicht verantwortlich fur das, was sie photographiert, 
geradesowenig als wie Sie verantwortlich sind, wenn Sie auf der 
Strafte gehen und jemand nimmt Sie auf. Wir konnen ruhig sagerl, wir 
werden tun, was wir konnen. Wir konnen nichts tun. Schlieftlich, 
wenn man Eurythmiestunden photographieren kann, ich habe sogar 
photographieren lassen in Dornach, um es zu reproduzieren; ich 
habe einzelne Momente gewahlt, es ist nicht gelungen. Das ist eine 
technische Frage. Ich glaube nicht, daft viel herauskommt. Sie will 
die Dreigliederung im Film bringen — ich dachte mir, warum sollte 
nicht auch eine gute Sache gegeniiber den schlechten Sachen verfilmt 
werden. Darauf haben wir keinen Einfluft, wenn sie ein Stuck erfin- 
det, wo zwei Leute sprechen iiber die Waldorfschule. In die Klassen 
braucht man sie ja nicht hineinzulassen. Sie kann nicht mehr bean- 
spruchen, als, wenn einmal eine offentliche Kinder-Eurythmievor- 



14.6. 1920 



153 



stellung ist, dann kann sie es photographieren lassen. Da sie fur 
Eurythmie Reklame macht, so ist das ihr Beitrag zu den Arbeiten, 
die die Mitglieder machen. Es ist ziemlich sinnlos, wenn sie die Klas- 
sen verfilmen will; sie kann jede beliebige Schule verfilmen, es wird 
nicht besonders anders ausschauen. Sie konnte zum Beispiel das 
furchtbare Geschrei in der 4. Klasse grammophonisch aufnehmen, 
das erscheint dann auf der Orgel. 

Ich habe kein Recht, wenn irgendwo etwas getan werden kann zum 
Bekanntwerden der Dreigliederung und der Schule, von vorneherein 
aus irgendeiner falschen Bescheidenheit dieses zu unterbinden. Es 
ware schon, wenn man alles, was geschmacklos ist, unterbinden 
konnte. Aus einer falschen Vornehmheit heraus wiirde ich mir nicht 
getrauen, einen Weg zu verhindern. Wir haben alles Interesse daran, 
die Schule so vollkommen als moglich zu machen, aber wenn sie 
jemand verfilmt, haben wir kein Interesse daran, so etwas zu inkri- 
minieren. — Ich kann sagen, wenn sie sich hingestellt hatte und den 
Vortrag verfilmt hatte, was konnte ich dagegen machen? 

Eine Frage wegen der Reisen nach Dornach zum Ersten anthroposophischen 
Hochschulkurs am Goetheanum (26. September bis 16. Oktober). 

Dr. Steiner: Sehen Sie, die Dinge sind nicht so leicht. Wir wollen 
doch im Herbst diesen Kurs machen, wo die Verschiedenen vortra- 
gen sollen. Es sind auch Stein und Stockmeyer eingeladen. Da ware 
es naturlich wiinschenswert, wenn viele hinkommen konnten. Nun 
ist ja das Unterkommen in Dornach ebenso schwer als in Stuttgart. 
Man wird nicht leicht eingeladen. Die Valutageschichte. Nun ist es 
moglich, daB wir, wenn die Wahrungsfrage gelost werden kann, 
immerhin eine Anzahl von Leuten unterbringen konnen. Das strebe 
ich an, daB jeder, der von der Entente kommt, zwei andere mit zu 
unterhalten hat, die aus den Mittellandern kommen. Aber nun, es 
wird nicht familiar (?) zu sein brauchen. Man konnte es so machen, 
wie man es beim Arztekurs gemacht hat, das laBt sich schon machen. 
Aber man darf nicht vergessen, reiche Leute haben wir auch nicht in 
Dornach und in Basel. 

X.: Es gibt auch PaBschwierigkeiten. 

Dr. Steiner: Im allgemeinen, wenn die Leute zu ihrer Erholung nach 
der Schweiz kommen wollen, dann geht es. Sie mussen nur nicht zu 
einem anderen Zweck nach der Schweiz gehen wollen; man muB 
nicht in die Schweiz gehen wollen, um etwas dort zu verdienen. Wie 
wir behandelt werden, das ist ganz horribel. Sie geben jetzt Aufent- 



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14. 6. 1920 



haltsbewilligungen, daft man Steuersatze bezahlt. Unter dem geben 
sie es nicht. Wir kriegen es jetzt schon schlimm. Das sind die schwe- 
ren Sorgen, die man hat mit dem Dornacher Bau. Wenn nicht eine 
andere Stimmung eintritt durch den Bau, wird esso, da!3 er gar nicht 
von Auswartigen besucht werden kann. 

Ober das Reproduzieren der Malereien in der Kuppel des Goetheanums. 

Dr. Steiner: Was da in der Kuppel aus den Farben heraus gemalt ist, 
das muB aus den Farben heraus gemalt verstanden werden. Versucht 
man, das durch Photographie zu reproduzieren, so konnte hochstens 
etwas dabei herauskommen, wenn man es ebenso grofl macht, als es 
da auf der Kuppel ist. Es handelt sich nicht darum, irgend etwas bloft 
zu reproduzieren. Je weniger entsprechend die Bilder sind denen von 
der Kuppel, desto besser ist es. Das Schwarz-Weift weist dann nur 
darauf hin; das schreit nach der Farbe. Dieses unkiinstlerische Repro- 
duzieren, da wiirde ich mich nie damit einverstanden erklaren. Das 
ist alles Surrogat. Ich mochte keine Farbenphotographie aus der 
Kuppelmalerei haben. Die Reproduktion soil nicht fur sich etwas 
sein. Ich mochte dies so haben, dafi dasjenige, worauf es nicht 
ankommt, gegeben wird. 

Es ist geradeso mit den Glasfenstern. Wenn Sie versuchen wiirden, 
durch Reproduktion etwas zu erreichen, wiirde ich mich dagegen 
auflehnen. Diese Dinge muft man nicht versuchen, moglichst treu 
wiederzugeben. Es ist doch auch nicht wiinschenswert, daflmanein 
musikalisches Stuck durch irgendeine tauschend nachahmende 
phonographische Platte wiedergibt. Ich will, ich mochte das nicht. 
Einen modernen technischen Menschen mochte ich nicht haben. So 
wie diese Bilder in der Reproduktion erscheinen, so geben sie nie das 
wieder; es ist nur das Novellistische daran, gerade das, worauf es 
nicht ankommt. Man hat das Gefiihl, da muft diese oder jene Farbe 
sein. Mir kommt das gerade so vor — Sie finden das in dem Biichel- 
chen ,,Die Erziehung des Kindes" — , man soil nicht dem Kinde 
schon gemachte Puppen geben, sondern solche aus einem Taschen- 
tuch. 



Konferenz vom Mittwoch 23. Juni 1920, 14.45—1 7 Uhr 



Es wird gefragt, ob man eine offentliche Unfallstation in der Schule einrich- 
ten soil, weil man dann die Verbandstoffe und so wciter billiger bekomme. 

Dr, Steiner: Ich glaube, daft wir die Sachen selbst en gros kaufen 
miissen. Dies ware zweifellos wiinschenswert, daft ein Raum da ware, 
wo man ein Kind hinbringen kann. Dagegen ist es nicht sehr 
wiinschenswert, daft diese ganze Sache mit Einmischung von auften 
besorgt wird. Es sollte darauf ein besonderer Wert gelegt werden. 
Deshalb ist es gut, daft Dr. Kolisko da ist; es sollte schon vom Lehrer- 
kollegium besorgt werden. Es kann doch nicht jeden Tag ein paarmal 
vorkommen. Gewift, kleine Sachen werden vorkommen, wenn drei- 
hundert Kinder da sind; Falle, wo man einen Verbandsraum braucht, 
in dem man sterilisieren und desinfizieren kann. Es ist doch so, daft 
vielleicht jede Woche etwas vorkommt. Es wiirde geniigen, wenn ein 
Raum da ware. Mir lag viel daran, daft ein Arzt da ist unter dem 
Lehrerkollegium. Je mehr wir uns abschlieften von der Auftenwelt, 
desto besser ist es. Angestrebt muft werden, daft man billige Ver- 
bandstoffe bekommt. 

Nicht wahr, ich habe mir gedacht, daft manche Fragen gestellt wer- 
den konnten. Ich habe schon erwahnt, im ganzen sind wirkliche 
Fortschritte gemacht worden. Im ersten Jahr war offenbar nach 
meinen Aperqus ein Kampf mit dem Lehrstoff vorhanden. Fort- 
schritte sind gemacht worden auf alien Gebieten. Es handelt sich nur 
immer darum, was fortschreitet, das wird in den nachsten Jahren 
mehr den Ideen entsprechen, die mit der Waldorfschule verbunden 
sind. Nun, Fortschritte liegen, glaube ich, sowohl darin, daft immer- 
hin die Schulerschaft etwas aufgenommen hat, als darin, daft die 
Lehrer sich nach und nach hineingefunden haben in die Behandlung 
der Schiiler. Alles ist fortgeschritten, auch die Lausbiibereien. Die 
Lausbuben sind schon starke Lausbuben, das schadet aber nichts. 
Das ist eine Nebenwirkung. Manche sind sogar gesitteter, kultivier- 
ter, intellektueller geworden. Das ist ganz gut, das schadet nichts. 
Was ich meine, das ist das: wir miissen in der Zukunft immer noch 
mehr Wert legen auf Psychologic In Psychologie wirken! Das ist 
nicht so abstrakt, theoretisch aufzufassen, wie es scheinen konnte. 
Sehen Sie, es schaut so aus, als ob man die Kinder analysieren wollte. 
Wenn man sich gewohnt, sich recht zu bestreben, die Kinder kennen- 
zulernen psychologisch, dann bekommt man allmahlich ein anderes 



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23. 6. 1920 



Verhaltnis zu ihnen, ganz rein durch das Ergebnis der Sache selbst. 
Dieses Kennenlernen bleibt nicht bloB ein Erkennen der Kinder; es 
wird zu einem anderen Verhaltnis zu den Kindern, wenn man sich 
bemiiht, sie kennenzulernen. Da ist natiirlich noch manches nach- 
zuholen im Herstellen eines richtigen Erkenntnisverhaltnisses zu den 
Kindern. Man miiBte sich klar sein dariiber, daB, wo so vieles so sehr 
auf Personlichem beruht wie hier, daB da in intensivster Weise ein 
analysierendes Erkennenlernen der Kinder notwendig ist. Dann wer- 
den gewisse Dinge, die vorgekommen sind, in der Zukunft nicht 
vorkommen. 

Es ist schwer, den einzelnen Fall zu charakterisieren, das ist auch 
nicht notig. In Psychologie wirken! Wenn Sie nachdenken dariiber, 
werden Sie finden, was ich darunter verstehe. Nicht so sehr die Idee 
haben, die Kinder miissen dies oder jenes erreichen, sondern sich 
fragen, was konnen die Kinder nach ihrer psychologischen Beschaf- 
fenheit erreichen? Ganz aus den Kindern heraus arbeiten! Das kann 
man im einzelnen sich nur angewohnen, wenn maneinrichtigreales 
Bestreben hat, das Kind in seinen verschiedenen Varianten kennen- 
zulernen. Jedes Kind ist interessant. 

Fraulein Lang hat mir einen weiblichen Lausbuben B. N. vorgefiihrt. 
Sie hat furchtbar geflennt. Heute hat sie wieder geschwanzt gehabt. 
Aber es ist interessant, man muB sie studieren. Ich kann nicht ver- 
sprechen, daft sie ihr Wort halt: es wird vielleicht Jahre dauern. Das 
kann ich mir denken, daB sie bei den Seiltanzern war, aber das erhoht 
das Interesse an dem Kinde, nicht wahr? 

Wenn man Forderungen aufstellt, wie ein Kind sein soil, kann man 
das leicht definieren. Wie die Kinder wirklich sind, das psychologisch 
zu erkennen, muB man sich mit schwerem Studium erringen. Dies ist 
eines, wovon ich meine, daft wir es nach dem ersten Jahre als eine 
Hauptsache betrachten: Verstehenlernen der Kinder. Sich gar nichts 
vornehmen, sie miissen so oder so sein. 

Dann ist da etwas, was mir fast in alien Klassen stark vor die Seele 
getreten ist. Wir sollten recht sehr uns bestreben — was sehr belebend 
auf alle Krafte des Kindes wirkt — , Anthroposophie organisch in den 
Unterricht hineinzubringen. So auf die Art, wie Sie es gemacht 
haben, Fraulein Dr. von Heydebrand, in der Anthropologic, und 
Sie, Dr. Stein, in der Geschichte. Bei manchem ist es von selbst 
vorhanden. Die Eurythmie kann man nicht ohne Anthroposophie 
machen. Man muB sich bemuhen, moglichst ohne daB man theore- 
tisch Anthroposophie lehrt, sie so hineinzubringen, daB sie eben 
darinnensteckt. 



23.6. 1920 



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Ja, ich denke mir, viel Anthroposophie ist darinnen, wenn Sie ver- 
suchen — das ist ein Ideal — , dasjenige, was man Rhythmus nennt, in 
die Arbeit hineinzubringen; wenn Sie versuchen, den musikalisch- 
gesanglich-eurythmischen Unterricht mit dem Handfertigkeitsunter- 
richt in Zusammenhang zu bringen. Es wirkt auf die Kinder aufter- 
ordentlich gut. Ich empfehle Ihnen dazu Arbeit und Rhythmus" 
von Karl Biicher. Dies Buch sollte da sein. Alles Arbeiten ging aus 
vom musikalischen Arbeiten, nicht wahr, beim Dreschen, Schmie- 
den, Pflastern, Heute horen Sie es fast nicht mehr, Gingen Sie aber 
friiher auf das Land hinaus und horten dreschen, der Dreschflegel 
wurde im Rhythmus gefiihrt. Ich meine, das konnen wir wiederum 
hineinkriegen. Ich meine das, wenn ich sage, daft wiederum Geist in 
die Sache hineinkomme. Das Prinzip finden Sie, wenn auch recht 
gelehrt und pedantisch, in ,, Arbeit und Rhythmus". 
Dann naturlich habe ich ein biftchen den Gedanken, wie wird es 
werden mit dem Schulende, mit der Schulschluftfeier? Nicht wahr, 
das miiftte doch mit einer gewissen Festlichkeit begangen werden. Es 
ist heute der 23., ich werde nicht kommen konnen; es wird nicht 
gehen, obwohl ich gerne anwesend ware. Die Ferien mtissen zur 
rechten Zeit beginnen. Ich finde, daft die Lehrer jetzt gerade genug 
haben, sonst brechen sie zusammen. Ich ware naturlich furchtbar 
gerne bei diesem Schulschluft da. Sonst miiftte es in der Form sein, 
daft jeder Lehrer eine Ansprache halt. Vielleicht ist Herr Baumann so 
gut und besorgt etwas Musikalisches. Dichten Sie doch etwas, was 
den Schulschluft eurythmisch darstellt. Nicht eine gewohnliche 
Eurythmievorfuhrung, sondern etwas, was den Schulschluft euryth- 
misch darstellt. Es ware doch wunderschon, wenn so etwas gemacht 
wurde. Es beginnt eurythmisch; etwas, das musikalisch begleitet ist. 
Dann geht es iiber ins bloft Musikalische, und dann schlieftt es euryth- 
misch. Das meine ich nur par exemple, daft es mehr eine Art zum 
Schulschluft komponierte Sache ware. Es kann ja Fraulein Rohrle 
mit zwei von den groftten Madchen — es konnen auch drei sein — 
etwas machen. Dann miiftte irgend etwas — das ist etwas, was mir 
furchtbar aufliegen wurde — , es miiftte naturlich eine Art von Rede 
sein, die wie eine Lebensrede ist, zum Entlassen und Wiederkom- 
men. So irgend etwas, was auf den Tag und das Entlassen und Wie- 
derkommen Bezug hat. 

Auf einer Wandtafel hatte gestanden: „Der Himmel ist blau, das Wetter ist 
schon, Herr Lehrer, wir wollen spazieren gehn." — Dr. Steiner war sehr arger- 
lich dariiber. 



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23. 6. 1920 



Dr. Steiner: Nun ja, haben Sie es noch nicht gesehen? Nicht wahr, 
Sie konnten ja im allgemeinen manchmal, wenn es allzu heift ist, die 
Kinder weggehen lassen; friiher schliefien meine ich nicht, daft es 
richtig ware. Ich bin nicht dafiir, daB man die Kinder aus der Hand 
gibt, solange man sie in der Hand haben kann. Man gibt die Kinder 
friiher aus der Hand, als man es eigentlich sollte. Man kann es natiir- 
lich den Kindern erleichtern. Hochstens, wenn es allzuwarm ist. Fast 
ist es besser, man behalt sie und fiihrt sie irgendwohin und ist dabei. 
Nicht wahr, es ist doch besser, wenn Sie die Kinder im Kindergarten 
haben. Je langer man sie hat, desto besser. Sie konnen so doch immer 
die Kinder aufnehmen, die noch nicht in die Schule kommen. Wir 
nehmen die Kinder bis jetzt im wesentlichen so auf, wie man sie 
in die Volksschule hineinkriegt. Wenn das Nachahmungszeitalter 
beendet ist, konnen wir anfangen. Es ware sehr schon, wenn man 
einiges in die ersten sieben Jahre der kindlichen Erziehung hinein- 
bringen konnte. Schlieftlich mufiten wir schon nach unten hin etwas 
haben; oben ist es weit weniger wichtig. 

Sie wollen ja auch sonst Schulbaracken auffuhren. Ich mochte sagen, 
die genauen Besprechungen konnen am Schulende gemacht werden. 
Im wesentlichen ist es gegeben. Aber es wird eine Besprechung not- 
wendig sein. Es werden Dinge notwendig sein, die nicht geordnet 
werden konnen, wenn man sie erst am Schulanfang besprechen 
wiirde. Die Gesangsklasse mufi eine Erweiterung erfahren, es muft ein 
Gesangslehrer kommen. Das ist notwendig. In manch anderer Hin- 
sicht wird es notwendig sein, daft zu verhandeln sein wird, falls wir 
eine nachste Klasse darauf setzen konnen. Dann ist ja auch das zu 
iiberlegen, schwer zu iiberlegen, wer die 1. Klasse bekommt. Daft 
Ihre Tatigkeit, Stockmeyer und Stein, aufhort, ist nicht anzuneh- 
men. Das muft zeitig genug besprochen werden. Aus diesen Griinden 
ware es notwendig, daB ich am SchulschluB da ware, auBer es waren 
dringende Verhinderungen. Ich brauche ja vielleicht nur vier oder 
sechs Tage da zu sein. Heute ist es verfruht. 

Wie behandeln wir diese Kinder, die zu spat kommen? Ich wurde 
heute aufgehalten, als ich in die Schule ging. Da gingen drei Schiile- 
rinnen. Sie gingen einfach, sie waren nicht betriibt, daB sie zu spat 
gingen, sie gingen sehr gelassen. Die Personlichkeit, die-mit mir ging, 
sagte: ,,Denen wird es recht sein, wenn sie zu spat kommen." Nun, 
wie verhalten wir uns zu den Kindern, die zu spat kommen? 

X.: Sie eine Viertelstunde friiher kommen lassen! 

Dr. Steiner: Da setzt man sich der Gefahr aus, daB sie nicht kommen. 



23. 6. 1920 



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Es muB unter alien Umstanden vermieden werden, irgendeine Strafe 
zu geben, wobei man nachgeben mufi. Man darf in einer disziplinari- 
schen MaBregel absolut nicht nachzugeben brauchen. Wenn man 
sagt, ein Kind muB friiher kommen, so muB es eingehalten werden, 
daft man ihm befiehlt, friiher zu kommen. Es waren die in der 8. oder 
7. Klasse. Da ist man unten durch, sobald man durch die Finger 
schauen muB. Dann ist das eine schiefe Ebene, auf der man immer 
weiter hinunterrollt. Man darf bei einer Strafe nicht nachgeben, lie- 
ber unterlasse man sie. Das kann unter Umstanden auch zum Gegen- 
teil fiihren. Dann entsteht ein Verein unter den Kindern, sie machen 
ab, heute bin ich zu spat gekommen, morgen kommst du. Ich weiB 
nicht, ob das geht. Es wiirde uns ein biBchen ins Lacherliche ziehen. 
Es ist natiirlich Bummelei. Friiher kommen lassen ist nicht so gut, 
lieber eine Viertelstunde langer da lassen. Das ist etwas, was den 
Kindern unsympathisch ist. 

Haben Sie ausprobiert, ob dies wirkt? Ein Kindkommt zehnMinu- 
ten zu spat; man laBt es dreiBig Minuten stehen. Wenn sie dreimal so 
lange stehen miissen, dann iiberlegen sie sich doch jede Minute. Sie 
recht unbequem stehen lassen! Ihr Junge, der reibt sich denHinter- 
kopf an der Wand, er amiisiert sich mit allerlei Zeug. Ich glaube, man 
kann mit solchen Dingen, wenn irgend die Strafe mit dem Verbre- 
chen zusammenhangt, gut wirken, wenn man sie stehen laBt an 
irgendeiner besonders unbequemen Stelle. Die GroBen werden sich 
dann hiiten, daB sie zu spat kommen. Man konnte eine Anzahl von 
kleinen Stockerln kaufen, dann werden sie auch nicht zu sechst zu 
spat kommen. Unter Umstanden bekommen sie einen kleinen 
Krampf in den Beinen. Die Stockerln, die kann man auch im Hand- 
fertigkeitsunterricht machen. 

X. : Was soli geschehen, wenn Lehrer zu spat kommen? 

Dr. Steiner: Dann wird man die Schiiler veranlassen, daB sie die Leh- 
rer auf die Stockerln stellen. — Wichtig ist es auch, daB man in sol- 
chen Dingen differenziert. Ich wiirde es im Winter weniger streng 
ahnden als im Sommer. Im Augenblick, wo die Kinder merken, daB 
in den disziplinaren MaBregeln Vernunft ist, sehen sie es ein. Im 
Winter konnte man es weniger intensiv bestrafen und sie nur zwei- 
mal so lange stehen lassen. Sie storen; es sind solche, die auch selbst 
unaufmerksam sind. Die FleiBigen werden kaum zu spat kommen. 

Es wird eine Frage gestellt wegen der Fenster. 

Dr. Steiner: Man bekommt selbst Lust, wenn man da vorbeigeht, 



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23.6. 1920 



hineinzusteigen. Man miiftte etwas wie Gitter anbringen, daft sie 
nicht hineinkommen. 

Ober F. R. in der 4. Klasse. 

Dr. Steiner: Es ist ein sehr schwieriger Fall: wenn er aus der Schule 
weg geht, ist es ein Kasus der Schule. Nicht gerade wiinschenswert. 
Auf der anderen Seite darf das Kind nicht darunter leiden. Die 
Schule sollte auch nicht das gefundene Fressen werden derjenigen, 
zu denen er kommen wird. Da werden solche Gymnasiallehrer sein, 
die werden es mit grofter Befriedigung empfinden, wenn jemand 
kommt, der sagt, er hat es hier nicht ausgehalten. Ich muft morgen 
noch etwas sehen, was man da tut. Sehr schwer losbar. 
Es ist die Frage diese, man konnte es sonst mit einer Parallelklasse 
probieren. Hier kommt aber kaum etwas anderes in Betracht, als daft 
er in die vorhergehende oder nachfolgende Klasse kommt. In die 
vorhergehende Klasse mochte ich ihn auf keinen Fall tun. Dann 
wiirde er in Ihre Klasse kommen, in die hohere Klasse. Ich glaube 
nicht, daft es eine andere Losung gibt. Das macht viel Aufsehen unter 
den Kindern. Man wird es tun miissen, so daft es als eine Ausnahme 
erscheint. Da wird man erst nachdenken miissen, wie man es tut. Es 
ist eine zuwidere Geschichte, wenn man bekanntgeben soil, daft es 
aus personlichen Griinden ist. Natiirlich ist die Gefahr diese, daft sie 
sagen: Na, jetzt hat er es erreicht; das konnen wir auch anstreben. — 
Aber was soli man machen mit solch einem Jungen, wenn man ihn 
nicht wegschicken will? Vielleicht komme ich morgen zu der Klasse. 
Das, was schlimm ist, ist nicht er selbst. Es ist eine vererbte Sache, 
und das wirkt fortwahrend auf ihn. Es liegt in der Familie. Es ware 
schon wiinschenswert, daft man den Jungen iiber eine Klippe hinweg- 
fiihrt. Vielleicht wird es gerade ein tiichtiger Mensch. Er ist ganz 
begeistert fur Eurythmie und Gesang, er will den Klassenunterricht 
nicht haben. Er findet ihn ganz abscheulich. Das sind andere Dinge, 
die man zu wichtig nimmt; er hat fiinf Mark genommen. Das ist ein 
Spaft. Er ist sehr zuganglich, sehr zuganglich. Der Junge braucht eine 
gewisse objektive Behandlung, weil er zu Hause recht subjektiv 
behandelt wird. Das haben wir alle auch getan. Der Vater ist von der 
Art jenes Lehrers, der, wenn der Schiiler sich aufgeregt benimmt, 
sagt: ,,Ich werde dich lehren, was Gelassenheit ist; ich werde dir 
beibringen, was Gelassenheit ist", so ist der Vater. 
Ihn in der 4. Klasse zu lassen, das geht nicht. Wir setzen uns der 
Gefahr aus, daft er ins Wasser springt. Das ware natiirlich nicht ange- 
nehm. Ich erinnere mich noch mit rechtem Entsetzen — ich war auf 



23.6. 1920 



161 



einer Schule mit einer Maschinenbauschule. Dort war der Sohn des 
Schuldieners, der war ehrgeizig. Ein Lehrer, Professor, der jahzornig 
war, der nahm den Laffen und haute ihm eine herunter. Der verliefi 
die Klasse; er hat namlich gewuftt durch seinen Vater, wo Zyankali 
ist, hat es genommen und sich vergiftet. Seit der Zeit wurden die 
Lehrer immer rot, wenn jemand herausging wahrend der Stunden, 
(Zu FrauleinDr. von Heydebrand:)Ich wollte es nur jetzt besprechen, 
weil er zu Ihnen in die 5. Klasse hinkommt. Er gehort nicht in die 4. 
Das ist ein Fehler, der gemacht worden ist. 

In Psychologie wirken! Die Kindergemiiter mussen studiert werden! 
X. fragt wegen Spitzenkloppeln und Nadelarbeit. 

Dr. Steiner: Das ist eine furchtbar zeitraubende Arbeit. Immer unter 
den entsetzlichsten aufieren Verhaltnissen wurden diese Dinge 
gemacht. Es ist so, daft die Leute alle krank ge worden sind. Es sind 
Parias dazu verwendet worden. Briisseler Spitzenarbeit ist eine 
schreckliche Sache. Ich wiirde das nicht einfuhren. 
Die Arbeiten, die Sie jetzt machen, sind sehr schon. Beim Handarbei- 
ten mussen wir ein biBchen recht exakt sein. Ich habe heute ein 
Madchen bemerkt, das ohne Fingerhut nahte. 

X.: Soil am Peter- und Paulstag schulfrei sein? 

Dr. Steiner: Man kann freigeben. ,, Peter und Paul ist immer sehr 
faul." 

Zu dieser Konferenz finden sich noch folgende kurze Notizen: 

Schlechte Zahne, Ursache im Seelisch-Geistigen. Zusammenhang 
zwischen Eurythmie und Zahnbildung. 

Handarbeit: Stricken entwickelt gute Zahne. Die Kinder werden 
geschickt durch Stricken. 



Konferenz vom Samstag 24. Juli 1920, IS Uhr 



Dr. Steiner: Ich darf Herrn Molt das Wort erteilen. 

Molt dankt den Lehrern fur ihre Arbeit im verflossenen ersten Schuljahr und 
spricht insbesondere den Dank aus an Herrn Dr. Steiner. Er erinnert an dessen 
Worte uber Kraft, Mut, Licht beim Kursbeginn 1919. 

Dr. Steiner: Meine lieben Freunde, auch ich muB gedenken der 
Stunde, in der wir unsere Kursbemiihungen begonnen haben im 
Herbst des vorigen Jahres, und es wird word so sein, daB in unseren 
Seelen die dazumal angeregten Impulse, die versucht worden sind 
aus dem geistigen Leben herab in unsere eigenen Geister zu leiten, 
nachgewirkt haben. Ich mochte gerade an diesen Augenblick erin- 
nern und von alien iiber unserer Sache waltenden guten Geistern 
erflehen: Moge in unsere Herzen hinein der Segen und die Kraft fiir 
unsere Arbeit herab flieBen. 

Ich mochte an dasjenige noch einmal ankniipfen, das ich schon am 
Morgen mit einigen Worten beriihrt habe. Ich sagte zu Ihnen, meine 
lieben Freunde, daB es besonders zu schatzen ist, daB Sie in einem 
bedeutungsvollen Augenblicke der europaischen Menschheitsent- 
wickelung den Glauben gehabt haben, Sie miiBten Ihre Tatigkeit und 
Ihre ganze Persdnlichkeit einsetzen fiir dasjenige, was mit der Wal- 
dorfschule eewollt werden soil. Bedenken wir doch das Folgende: 
ich habe auf das, worauf jetzt hingedeutet worden ist, in einem Kurs, 
den ich in Basel iiber Padagogik hielt, gleich in der Einleitung hin- 
gewiesen. Ich habe gesagt: Padagogen, die Erziehungs- und Unter- 
richtsgrundsatze hervorragender Art aufgestellt haben, gibt es sehr 
viele, und es kann nicht die Aufgabe derjenigen padagogischen Kunst 
sein, an die wir-uns wenden als Anthroposophen, etwa gegeniiber 
demjenigen, was durch das Erarbeiten von Pestalozzi, Frobel und 
durch alles dasjenige, was durch Diesterweg und Dittes herauf- 
gekommen ist, zu ersetzen. Im Prinzip ausgesprochen: die abstrak- 
ten Grundsatze, die von groBen Padagogen des 19. Jahrhunderts her- 
iiberkamen, werden sich vor einer didaktisch-padagogischen Beur- 
teilung im Grunde recht gut ausnehmen, und man setzt sich einer 
gerechten Kritik aus, wenn man von einer Erneuerungder padagogi- 
schen Wissenschaft sprechen will. 

Aber in Wirklichkeit handelt es sich um etwas ganz anderes. Wer 
heute Pestalozzi liest, wer Frobels Schriften liest, wer Herbart liest 
und auBerdem bis zu Dittes herauf, der wird finden, daB viel Schones 



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in padagogischer Beziehung ausgesprochen worden ist. Aber wer da 
ins innere Getriebe desUnterrichts-unddesErziehungswesenshinein- 
schaut, selbst wenn man in das innere Getriebe der Pestalozzischen 
Schule selbst hineinschaut, dann zeigt sich, dafi ein Geist darin nicht 
waltet, der diesen ausgesprochenenGrundsatzen, zu denen man sich 
durchaus in abstrakter Beziehung bekennen kann, entspricht. Man 
braucht nur zu verfolgen, was Frobel an herber Kritik gegeniiber 
Pestalozzischen Anstalten geschrieben hat. Und gerade wenn man 
die Entwickelung des Erziehungs- und Unterrichtswesens im 
19. Jahrhundert verfolgt, wird man sehen, daB, trotzdem die Leute 
vielfach richtig denken, das Richtige nicht bewirkt, nicht getan wird. 
Woher kommt das? Darauf gibt es nur eine Antwort. Es ist die, dafi 
das 19. Jahrhundert — gleichgiiltig auf welchen Kulturzweig man die 
Aufmerksamkeit richtet, es ist iiberall dasselbe — , daft das ganze 
Jahrhundert stand unter dem Einflufi der materialistischen Zeit- 
stromung. Und wenn wir heute aus unserer anthroposophischen 
Grundiiberzeugung heraus irgendeinen Erziehungsgrundsatz formu- 
lieren, so kann er wortlich gleichklingen dem, was Padagogen des 
19. Jahrhunderts gesagt haben — wir miissen es anders meinen. Wir 
sprechen aus dem Geiste heraus, diese haben aus dem sie iiberwal- 
tigenden Impuls der materialistischen Weltanschauung gesprochen. 
Wenn die Dinge noch so idealistisch klingen, so sind sie dennoch aus 
dem Geiste des Materialismus gedacht. Es handelt sich nicht darum, 
in abstrakter Beziehung etwas Neues zu finden, sondern darum, 
einen neuen Geist zu finden. 

Sehen Sie, auch Ihnen mochte ich heute etwas vorbringen, was ich in 
der letzten Zeit an einzelnen Orten schon wiederholt gesagt habe, 
was gerade in unserer Zeit beriicksichtigt werden mufl. Man hat 
heute die Meinung, wenn man von Materialismus spricht, daft der 
Materialismus eine falsche Weltanschauung ist, daft er abzulehnen 
ist, weil er nicht richtig ist. So einfach verhalt sich die Sache nicht. 
Der Mensch ist ein seelisch-geistiges Wesen, er ist ein leiblich-physi- 
sches Wesen. Aber das Leiblich-Physische ist ein getreues Abbild des 
Seelisch-Geistigen, insofern wir leben zwischen Geburt und Tod. 
Und wenn die Menschen so verphilistert sind in den materialistischen 
Gedanken, wie das ge worden ist im Laufe des 19. Jahrhunderts und 
bis in die Gegenwart hinein, dann wird immer mehr das Leiblich- 
Physische ein Abdruck dieses Seelisch-Geistigen, das selbst in den 
materialistischen Impulsen lebt. Dann ist es nicht etwas Falsches, 
wenn man sagt, das Gehirn denkt, dann wird es richtig. Es werden 
durch das Fest-darin-Stecken im Materialismus nicht blofl Menschen 



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24.7. 1920 



erzeugt, die schlecht denken iiber das Leibliche, Seelische und Gei- 
stige, sondern es werden materiell denkende und materiell fuhlende 
Menschen erzeugt. Das heiftt, der Materialismus bewirkt, daft der 
Mensch ein Denkautomat wird, daft der Mensch ein Wesen wird, das 
als physisches Wesen denkt, fiihlt und will. Und es ist nicht bloft die 
Aufgabe der Anthroposophie, an die Stelle einer falschen Welt- 
anschauung eine richtige zu setzen — das ist eine theoretische For- 
derung — , das Wesen der Anthroposophie heute besteht darin, daft 
angestrebt wird nicht nur eine andere Idee, sondern eine Tat: das 
Geistig-Seelische wieder herauszureiften aus dem Leiblich-Physi- 
schen, den Menschen heraufzuheben in die Sphare des Geistig-Seeli- 
schen, damit er nicht ein Denk-, Fiihl- und Empfindungsautomat sei. 
Die Menschheit steht heute in der Gefahr — einiges soli auch morgen 
im Zweigvortrag angedeutet werden — , das Seelisch-Geistige zu ver- 
lieren. Denn das, was leiblich-physisch ein Abdruck des Geistig-Seeli- 
schen ist, das steht heute, weil viele Menschen so denken, weil das 
Geistig-Seelische schlaft, vor der Gefahr, in die ahrimanische Welt 
tiberzugehen, und das Geistig-Seelische wird sich verfliichtigen im 
Weltall. Wir leben in einer Zeit, in der die Menschen die Gefahr vor 
sich haben, durch den materialistischen Impuls die Seele zu verlie- 
ren. Dies ist eine ernste Sache. Dieser Tatsache steht man gegeniiber. 
Diese Tatsache soil eigentlich heute das Geheimnis, das immer mehr 
und mehr offenbar werdende Geheimnis werden, aus dem heraus wir 
iiberhaupt fruchtbar wirken wollen. Sehen Sie, aus einer Erkenntnis 
dieser Notwendigkeit eines Hinwendens der Menschheit zu einer 
spirituellen Betatigung — nicht bloft zu einer Umanderung einer 
Theorie — , aus dieser Erkenntnis heraus sind solche Dinge entstan- 
den wie die Didaktik und Padagogik der Waldorfschule. Und aus 
einem solchen Geiste heraus sollte hier gewirkt werden. 
Da ist vor allem zu schatzen, daft sich in Ihnen hier ein Kreis gefun- 
den hat, der aus einem mehr oder weniger deutlichen Gefiihl heraus 
sich sagt: esmufi so gewirkt werden. Sie brauchen nur die Keime, die 
hier gelegt werden in der Waldorfschule, mit all dem wiisten Zeug, 
das als feindlicher Sturm heraufzieht, zu vergleichen. 
Wir haben die Schule begriindet unter den letzten Nachwirkungen 
dessen, was wir von Stuttgart vom April 1919 an versuchten. Seit der 
Zeit hat sich ja so herrlich viel vollzogen. Vollstandig versagt, meine 
lieben Freunde, das diirfen wir nicht vergessen, vollstandig ins Wasser 
gefallen ist dasjenige, was da unternommen werden sollte mit dem 
gutgemeinten Aufruf zum Kulturrat im vorigen Jahre. Warum er 
versagen muftte, das zeigt der wiiste Skandal am Goetheanum, das 



24.7. 1920 



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zeigt dieser krasse Niedergang des deutschen Geisteslebens, das sich 
doch nur als in einem Symptom in den Dingen am Goetheanum 
ausdriickt. Wir werden naturlich jetzt notig haben in einer noch ganz 
anderen Weise, als wir es getan haben, unsere Krafte darauf zu ver- 
wenden, um diesem Niedergang entgegenzuarbeiten. Das kann ja 
naturlich nicht von der Waldorfschule allein ausgehen, aber durch 
jene Erkenntnis, die unsere Waldorflehrer gezeigt haben, indem sie 
sich dieser Aufgabe gewidmet haben, sind sie die Berufenen, um 
nach dieser Richtung hin allgemein anthroposophisch-kulturell zu 
wirken. 

Das ist dasjenige, was ich heute am Schlusse des ersten Schuljahres so 
lebhaft empfinden muftte, was ich mit den ernsten Worten gemeint 
habe, die ich in Gegenwart der Kinder heute morgen ausgesprochen 
habe. Die Kinder werden die Worte nicht verstanden haben, aber das 
macht nichts. Wir wissen, daft es sich nicht darum handelt, daft nur 
das herangebracht wird, was die Kinder verstehen, sondern manches, 
was spater in den Seelen der Kinder lichtvoll aufgeht. Der Dank, den 
Herr Molt ausgesprochen hat, der wird auch von mir selbst warm 
empfunden im Namen desjenigen Geistes, der die Waldorfschule 
durchdringen soli, der immer mehr und mehr der Geist der mittel- 
europaischen Kultur werden soli, Diejenigen, die sich selbst materia- 
listisch machen, die ihre Seele verlieren, so daft die Zivilisation eine 
materialistische Zivilisation wiirde, diejenigen Menschen waren 
heute noch zu retten, wenn das, was wir hier an Waldorfschulgeist 
haben, weiter in der Welt verbreitet werden konnte. 
Wir miissen selbstverstandlich die Waldorfschule behiiten vor jedem 
Scheinwesen. Wir miissen uns klar sein dariiber, daft wir gewisser- 
maften immer zuriickhaltender und zuriickhaltender sein miissen 
gegeniiber all denjenigen Leuten, die, nachdem sie gehort haben, die 
Waldorfschule ist begriindet worden, es nun als nachste Aufgabe 
betrachten, ihr Welt-Herumlungern darauf auszudehnen, daft sie 
auch in die Waldorfschule hineinriechen, um hier zu hospitieren, um 
hier einiges mitzunehmen, um etwas Ahnliches da oder dort ein- 
flieften zu lassen. Wir miissen uns klar sein dariiber, daft es sich nicht 
darum handelt, das zu fordern, daft moglichst viel Welt-Herumlun- 
gerer hier hospitieren, sondern daft es darauf ankommt, daft der 
anthroposophische Geist klar da sein muft, aus dem heraus die Nach- 
folgeschaft der Waldorfschule entstehen soli. 

Zu mir kam vor einigen Monaten eine Personlichkeit, die auch in 
Frankreich etwas Ahnliches begriinden will wie eine Waldorfschule, 
und fragte, ob ich nicht Ratschlage dazu geben konne, ob sie nicht 



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hier in der Waldorfschule hospitieren konne. Ich habe ihr gesagt, 
anerkannt, als im Geiste der Waldorfschule gehalten, wiirde das- 
jenige, was sie in Frankreich, in Paris, begriinden will, von mir nur 
dann, wenn es ganz genau ebenso eingerichtet wiirde, wie die Wal- 
dorfschule eingerichtet ist. Es miiftten sich sodann die franzosischen 
Freunde zunachst bereit erklaren, mich dorthin zu rufen, um einen 
Kurs abzuhalten, nicht wahr, und ausdriicklich erklaren, daft die 
Schule aus demselben Geist hervorgegangen ist. Sonst wiirde ich es 
strikt ablehnen, daft so etwas wie eine Nachfolgerschaft vorliegt. 
Glauben Sie nicht, daft solche Antworten nur eigensinnige Dinge 
sind. Sie miissen sich klar sein dariiber, wir kommen nicht weiter, 
wenn wir uns nicht auf den Standpunkt des bestimmt Anthroposo- 
phischen stellen, wenn wir uns nicht freihalten von jeder irgendwie 
gearteten Kompromiftlerei. Stellen wir uns auf einen scharfbegrenz- 
ten Standpunkt, dann ist es nicht ausgeschlossen, daft wir selbst in 
Paris eine Waldorfschule begriinden konnen. Es kommt nur darauf 
an, daft wir uns nicht bewegen lassen, irgendwie Kompromisse zu 
schlieften. Heute ist es so, daft man am weitesten kommt, wenn man 
sich fest auf einen bestimmten Standpunkt stellt. Nach auften mag 
man konziliant sein, aber innerlich, wenn es sich um Prinzipielles 
handelt, da kommt es darauf an, daft man ganz fest auf seinen Stand- 
punkt sich stellt. Dazu ist es notwendig, die Kraft zu haben, die 
Dinge wirklich radikal zu durchschauen und keine Neigung zu 
irgendwelchem Kompromift zu haben. Sie wissen ja, wenigstens im 
Sinne und Geist der Fuhrung nach haben wir uns bemuht, wahrend 
des ersten Jahres solche feste Standpunkte anzustreben. Ich hoffe, 
daft sie immer mehr zum Ausdruck kommen werden. Sie selbst als 
Lehrer der Waldorfschule werden sich immer mehr in die Durch- 
schlagskraft des Geistes hineinfinden und die Moglichkeit finden, 
alle Kompromisse beiseite zu lassen. Wir konnen nicht darum herum 
kommen, daft allerlei Leute von auften in die Angelegenheiten der 
Schule hineinreden. Wenn wir nur selbst in unserem Gemiite nichts 
von der notwendigen Anschauung, die wir haben miissen, aufgeben, 
daft im Grunde genommen jede Zustimmung, die von irgendwelcher 
padagogischen Seite von heute kommt, zu dem, was in der Waldorf- 
schule geschieht, uns eher traurig stimmen konnte als heiter. Wenn 
solche Leute, die im heutigen padagogischen Leben drinnenstehen, 
uns loben, da miissen wir denken, da muft etwas bei uns nicht 
stimmen. Wir brauchen nicht jeden gleich hinauszuwerfen, der uns 
lobt, aber wir miissen uns klar sein, daft wir sorgfaltig unter- 
suchen, was wir nicht richtig machen, wenn wir gelobt werden 



24. 7. 1920 



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von denjenigen, die im heutigen Erziehungswesen drinnenstehen. 
Das mufi unsere griindliche Uberzeugung werden. 
Indem ich ganz lebhaft empfinde, was es eigentlich von Ihnen bedeu- 
tet, daB Sie sich mit Ihrer ganzen Personlichkeit der Angelegenheit 
der Waldorfschule gewidmet haben, mochte ich an das Gesagte die- 
ses eine noch hinzufiigen: Wir miissen auch innerlich, dem Gemiite 
nach, tatsachlich Anthroposophen sein im tiefsten Sinne des Wortes 
als Waldorflehrer und miissen Ernst machen konnen mit einer Idee, 
die auf anthroposophischem Boden wiederholt ausgesprochen wor- 
den ist, die fur uns wichtig ist: Wir sind zu einer bestimmten Zeit 
heruntergestiegen aus den geistigen Welten in die physische Welt. 
Diejenigen, die uns als Kinder entgegentreten, sind spater herunter- 
gekommen, sie haben die geistige Welt noch eine Zeitlang durchlebt, 
in der wir schon hier in der physischen Welt waren. Es ist etwas 
ungeheuer innerlich Erwarmendes, etwas ganz in der Seele Wirken- 
des, wenn man in einem Kinde sieht ein Wesen, das einem etwas 
heruntertragt aus der geistigen Welt, das man nicht selbst mit- 
gemacht hat, in der geistigen Welt, weil man alter ist. Dieses Altersein 
bedeutet fur uns noch etwas ganz anderes. Wir empfangen mit jedem 
Kinde eine Botschaft aus der geistigen Welt iiber Dinge, die wir nicht 
mehr miterlebt haben. 

Dieses BewuBtsein gegentiber der Botschaft, die das Kind herunter- 
tragt, das ist ein positives Gefiihl, das in vollem Ernst Platz greifen 
kann in der Waldorflehrerschaft, das der abwartsgehende Kultur- 
verlauf bekampft, sogar getreten hat. Das tun auch die traditionellen 
Religionsbekenntnisse, die von alien Kanzeln die Ewigkeit predigen, 
die Post-mortem-Ewigkeit, jene Ewigkeit, auf die die Leute hin- 
schauen aus dem raffinierten Egoismus ihrer Seele heraus, weil sie 
nicht zugrunde gehen wollen. Der Mensch geht nicht zugrunde, aber 
es handelt sich darum, wie man zur Uberzeugung kommt von der 
Ewigkeit der Seele, ob aus Egoismus heraus, oder ob man lebendig, 
aus der Anschauung, drinnensteht in der Erfassung der ewigen Men- 
schenseele. Hier in dieses lebendige Darinnenstehen fiihrt das Hin- 
schauen auf die Praexistenz der Seele, das Hinschauen auf das, was 
der Mensch vor der Geburt erlebt, das Hinschauen auf den Menschen 
hier in der physischen Welt, wie sein Leben eine Fortsetzung des- 
jenigen ist, was er vorher erlebt hat. Die traditionellen Bekennt- 
nisse, die versumpft sind, diese Bekenntnisse bekampfen am 
scharfsten die Praexistenz, dasjenige, was den Menschen selbstlos 
machen kann, dasjenige, was niemals zielt auf dieses dumpfe, ver- 
sumpfte erkenntnislose Glauben, das zielen mufi auf Wissen, auf 
das klare Licht der Erkenntnis. 



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24. 7. 1920 



Solche Dinge werden praktisch, wenn wir sagen: Dieses Kind ist 
spater heruntergekommen aus der geistigen Welt als ich selbst. Ich 
kann erraten aus dem, was es mir entgegenlebt, was geschehen ist in 
der geistigen Welt, nachdem ich selbst die geistige Welt verlassen 
habe. Dafl wir das als lebendiges Gefiihl in uns tragen, das ist eine 
rechte Lehrermeditation, von einer ungeheuer groflen und starken 
Bedeutung. Und durch ein solches bestimmtes Ausleben des anthro- 
posophischen Wesens werden wir in Wahrheit dasjenige, was Lehrer 
sind, die aus anthroposophischem Geist heraus wirken. Das Beste, 
was hier in Anthroposophie entwickelt wird, ist nicht dasjenige, was 
die Welt-Herumlungerer bei uns heraushospitieren wollen, das Beste 
ist dasjenige, was sich in IhrenGemiitern,in Ihren Seelen, als der Geist 
der Waldorfschule entwickelt. Es ist wirklich im ersten Jahre dieser 
Geist in Ihren Seelen schon lebendig. Und es soil unser Bemiihen 
sein — das wollte ich mit diesen Worten zu Ihnen sprechen — , gerade 
diesen Geist in der Folgezeit weiter zu pflegen. 

Aus diesem Geiste heraus wollen wir auch versuchen, alle Einzelmafi- 
nahmen vorzunehmen. Es hat mir leid getan, dafl ich erst am 24. 
kommen konnte, denn bei der Ausgestaltung der Zeugnisse ware ich 
gerne dabei gewesen. Das was ich sage, praktisch-padagogische 
Psychologie zu treiben, das muB ausgebaut werden. Ich sehe, wie 
sehr Sie sich haben angelegen sein lassen, diese Psychologie sich zur 
Kraft werden zu lassen. Wir wollen weiter streben, denn wenn wir 
uns entschlossen haben, Waldorflehrer zu sein aus einem welthisto- 
rischen Impuls heraus: wir wollen es im ernstesten Sinne bleiben, 
wiederum aus einem grofien welthistorischen Impuls heraus. 

(Dr. Steiner, der bis dahin stehend gesprochen hatte, setzt sich nieder.) 

Dr. Steiner: Wir wollen jetzt weitergehen in unseren Verhandlungen. 
Namentlich werden wir einiges zu besprechen haben, was sich uns in 
der letzten Zeit ergeben hat, und dann werden wir zu sorgen haben 
fur die Art und Weise, wie unser Unterrichtund die Fiihrung weiter- 
gehen sollen. 

X. berichtet iiber die Zeugniskonferenzen. Es sei bei einzelnen Kindern die 
Frage entstanden, ob sie nach Alter und Kenntnissen auch wohl in der richti- 
gen Klasse waren. 

Dr. Steiner: Eine sehr wichtige Frage, und es wird ja natiirlich 
beriicksichtigt werden miissen, dafl die Losung der Frage praktisch 
nicht ganz leicht sein wird. Aber wenn Sie jetzt, namentlich beim 
Durchsprechen der Dinge, die zum Verfassen der Zeugnisse gefuhrt 



24. 7. t920 



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haben, nach dieser Richtung bestimmte Eindriicke bekommen 
haben, so wird es notwendig sein, diese vielleicht im einzelnen zu 
besprechen. Die ganze Frage nimmt sich anders aus, wenn es sich nur 
um einzelne Falle handelt, oder wenn in einem erheblichen MaBe 
Schiiler nicht in der richtigen Klasse gesessen haben. Wir miissen eine 
Vorstellung bekommen daruber, wie groB die Anzahl der Schiiler 
sein konnte, die wir das nachste Mai nicht in eine nachsthohere 
Klasse setzen, sondern in eine niederere Klasse zu setzen haben; wir 
miissen das im einzelnen durchgehen, namentlich die Zahl. Natiir- 
lich, eine neue Verteilung der Schiiler im groBeren MaBe wirkt zu- 
riick auf unsere unzulanglichen MaBnahmen bei diesem Schulanfang, 
bei dem wir uns haben leiten lassen, einfach die Kinder hereinzuneh- 
men nach MaBgabe der Klassen, in denen sie drauBen waren. Wir 
werden vielleicht nicht davor zuruckschrecken diirfen, uns in dieser 
Beziehung zu desavouieren. Das miissen wir im einzelnen durchprii- 
fen. Ich wiirde die Lehrer, die solche Kinder in den Klassen haben, 
von denen sie glauben, daB sie nicht richtig in der. Klasse waren, 
bitten, sich auszusprechen. Kann man etwas iiber solche sagen? 

X. erwahnt den G. T. in der 4. Klasse, der zu alt ist. 

Dr. Steiner: Bei G. T. wiirde es sich darum handeln, ob wir ihn in 
eine andere Klasse setzen. Es fragt sich, ob wir das nachstes Jahr 
noch nachholen konnen. Er ist beinahe zwolf Jahre alt. Ich glaube 
doch, da/3 wir es versuchen sollten. Die Sache mit dem Franzdsischen 
und Englischen, die kann nebenbei geregelt werden. Er lernt sehr 
gut. Das Zeugnis ist so, daft er mit Unrecht in der 4. sitzt. Man ist 
verpflichtet, diesen Unterschied wieder gut zu machen. 
(Zu Fraulein Dr. v. Heydebrand:) Haben Sie mit dem F. R. schon 
irgendwelche Erfahrungen gemacht? 

X.: Sein Betragen ist ausgezeichnet. Er hat nicht die Kenntnisse der Kinder 
meiner Klasse. 

Dr. Steiner: Aber die Reife hat er. Mitkommen wird er sicher. Dann 
ist dies kein FehlschluB gewesen. 

Im Zusammenhang damit konnen wir auf die Frage eingehen, von 
der ich gehort habe, daB sie Ihnen sehr viel Kopfzerbrechen machte. 
Nicht wahr, ich kann mir denken, wie ungeheuer schwierig es werden 
soli, aber es muB sachlich erwogen werden, ob wir nicht eben eine 
Klasse zusammenstellen als 6., die psychologisch alle die Eigenttim- 
lichkeiten hatte, die die jetzige 5. hat; ob wir nicht doch eine 
Nebenklasse einrichten. Es ist nicht notwendig, daB wir sie in der 



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24.7. 1920 



Mitte auseinander schneiden, es kann so sein, daft Sie als bisherige 
Klassenlehrerin absolut das freie Vorschlagsrecht hatten. Es sind 
einundfiinfzig Kinder; also ich meine, es wiirde so sein mussen, dafi 
Sie das Vorschlagsrecht hatten, daft Sie eventuell Ihre 6. Klasse aus 
dreiGig zusammenstellen und zwanzig abspalten wiirden. Und da 
wiirde ich absolut das Vorschlagsrecht fur jeden einzelnen nehmen. 
Wahlen Sie funfzehn Buben und funfzehn Madchen aus. 

X.; Ich hatte eine Liste, sechsundzwanzig fur mich. 

Dr. Steiner: Wie Sie es wollen. Dieser Vorschlag steht ganz bei Ihnen. 
Aber es scheint doch, daft dies gemacht werden miiftte, denn die 
Klasse war etwas zu grofi. 

Was haben Sie gegen die Teilung der Klasse? Sie haben sie alle so 
gern, daB Sie keinen weggeben wollen. Es ist doch besser. Sie werden 
mit dem Pensum der 6. Klasse leichter zurechtkommen, wenn Sie 
nicht mehr als dreifiig haben. Wenn Sie also selbst die zuriickbehal- 
ten, die Sie fur richtig halten, und eine Klasse von zwanzig abspalten, 
werden Sie auch einverstanden sein konnen. Das ist richtig. Dann 
wird ja auch das leichter sich machen lassen mit solchen Leuten wie 
G. T. Ist noch jemand, der in Betracht kame? 

X.: Ich hatte den A. S. K. in der 6. Klasse. Er ist Epileptiker und mufite 
monatelang wegbleiben. 

Dr. Steiner: Der mtiftte wieder in der 6. bleiben. Den wiirde man in 
die neue 6. setzen. Wir wollen im allgemeinen mit dem Sitzenbleiben 
vorsichtig sein. Bei ihm miiftte mit den Eltern gesprochen werden. 

X.: Heikel ist es. Die Eltern werden es nicht verstehen. Sie sind nicht sehr 
giinstig eingestellt; es gibt mit dem Buben immer Schwierigkeiten. 

Dr. Steiner: Das darf kein Grund sein. Nun gewifl nicht! Der Vater 
ist ja ein vernunftiger Mensch; er ist kein wahrer Mensch, vernunftig 
ist er doch. Man wird am besten mit ihm reden, nicht mit seiner Frau. 
Der Bub, der erweist sich als verwahrlost. Nicht wahr, es wiirde ja an 
sich nichts machen, wenn er in der 6. Klasse bleibt; es ist nur die 
Frage, ob er nicht hinausgenommen wird, und ob wir es dazu kom- 
men lassen sollen. Es liegt auch der Grund vor: bei dem Buben ist es 
so, wenn er wirklich herauskommt, dann ist es Schlufi. Wenn er hier 
bleibt, wird er nicht weiter herunterkommen. 

Nach dem Zeugnis ist es nicht gut anders moglich, als daft man ihn in 
der 6. zuriicklaftt. Zunachst wiirde ich vorschlagen, man redet einmal 
mit dem Vater. Es braucht erst zu geschehen, wenn das neue Schul- 
jahr beginnt. Es hat Vorteile, wenn der Junge die 6. noch einmal 



24. 7. 1920 



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macht. Ich wiirde dem Vater das einfach objektiv auseinanderlegen; 
so wie Sie ihn beurteilen muftten, muft man sagen, wenn er manches 
von dem, was er luckenhaft gehort hat, noch einmal horen wiirde, 
ware es gut. Wenn Sie dann bemerken, daft der Vater ihn heraus- 
nehmen wiirde, so nehmen wir ihn herauf in die 7. Klasse. Aber es ist 
eine schwierige Sache. Es sind nur diese paar Falle? 

X. fragt wegen des F. M. in der 4. Klasse. 

Dr. Steiner: Da liegt kein richtiger Grund vor, den muftten wir schon 
mitnehmen. Das ist ein schwer zu behandelnder, schwacher Schuler. 
Den miissen wir vorlaufig mitnehmen. Man kann etwas tun, daft er 
das eine oder das andere lernt, daft er nachkommt. Da wiirde man 
sich zu stark desavouieren. 

X. fragt wegen K. A. in der 5. Klasse und schlagt yor, dafi er ein Vierteljahr in 
die Hilfsklasse kommt. 

Dr. Steiner (zu Dr. Schubert): Vielleicht konnen Sie sich fur ein 
Vierteljahr die Aufgabe setzen, ihn nachzubringen. Offenbar liegt 
eine gewisse Gehirnweiche in der Familie. Da wiirde ich doch raten, 
ihn mitzunehmen. 

Die H. bleibt weiter bei Ihnen in der Hilfsklasse, und man kann es 
dann entscheiden, wenn Sie finden, daft sie soweit nachgeholt hat, 
daft sie in eine Klasse kommen kann. Die Hilfsklasse bleibt wie bisher 
zusammen. 

Ich dachte, die M. G. wird in der nachsten 2. Klasse nicht mitkom- 
men konnen. Sie wird ziemlich lange in der Hilfsklasse bleiben 
miissen, das ist so ein Kind, bei dem doch eines schonen Tages der 
Knopf aufspringen konnte. Es konnte sein, daft der Knopf kommt. 
Wir behalten sie doch in der Hilfsklasse und entscheiden spater. 
Wenn Sie sie in der untersten Klasse mitmachen lassen wollen, das 
schadet nichts, wenn sie da mitmacht. Da kann sie auch sein. Lassen 
Sie sie da in der untersten Klasse mitmachen. Im allgemeinen ist es ja 
nicht so, daft wir eine Revision vornehmen miissen. Die Falle, die wir 
vorgehabt haben, lassen sich ohne weiteres losen. Eine richtige Revi- 
sion brauchen wir nicht vorzunehmen. 

Beim Fremdsprachenunterricht ist es so, daft man leichter zurecht- 
kommt, weil es immerhin da nicht so streng klassenweise eingeteilt 
ist. Wir sollten nicht so streng klassenweise gehen im Sprachunter- 
richt. Es hat sich so herausgebildet, aber im ganzen braucht der 
Sprachunterricht nicht klassenmaftigeingerichtet zu werden. 



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24. 7. 1920 



Beim Sprachunterricht, da ist dieser tatsachlich grandiose Unter- 
schied zwischen Chorsprechen und Einzelsprechen. Die Kinder 
reden im Chor alle glattweg mit und konnen es einzeln nicht. Es 
wiirde sich darum handeln, daft man es ausniitzt. Das werden wir bei 
den padagogisch-methodischen Fragen im nachsten Jahre behan- 
deln, daft man versucht, bei den Kindern, nachdem sie es im Chor 
gesprochen haben, rasch es einzeln zu machen. Man soil es machen 
als Grundlage des Lernens. Das ist zweifellos so. 

X.: Der Stundenplan ist schwer durchfiihrbar, wenn Kinder aus einer Klasse 
mit anderen Klassen Sprachunterricht haben sollen. 

Dr. Steiner: Beim Sprachunterricht ware es wirklich ganz gut — aber 
das ist nicht durchfiihrbar — , wenn man systematisch zwei Alters- 
klassen beieinander haben konnte, daB das eine Kind vom anderen 
lernte. In der Sprache ist es gut, wenn die Jiingeren von Alteren 
lernen. Das ist ein Surrogat, wenn Schwachere und Bessere da sind. 
Es ist in der Zeit nicht durchfiihrbar, aber wenn wir konnen, sollten 
wir in der Sprache Schwachere und Bessere durcheinander haben. 

X.: Was ist im Sprachunterricht zu machen mit den neu dazu kommenden 
Kindern? Soli man denen Nachhilfestunden geben? 

Dr. Steiner: Da miifite man den Eltern sogleich sagen, daB es an einer 
Nachmittagsstunde gemacht werden miHke. Das laBt sich nicht 
anders machen, als daft wir einfach die etwas nachpumpen. Kommen 
tatsachlich so viele Neue nach? 

X: Ich habe seit Weihnachten vierzehn neue Schiiler gehabt. 

Dr. Steiner: Ein Prinzip wollen wir in dieser Frage doch nicht auf- 
stellen, sondern immerhin jeden einzelnen Fall prufen. Im grofien 
und ganzen, wenn nicht besondere Griinde vorliegen, rat man den 
Leuten, sie sollen bis zum Ende des Jahres in ihrer Schule bleiben. 
Aber wir wollen nicht uns ganz abweisend verhalten. 
Der Separatkurs in den Sprachen mufi fur solche Kinder eingerichtet 
werden. Das ist unbedingt notig. Sonst konnten wir nicht Schiiler in 
die hoheren Klassen aufnehmen. Wenn es gent! Man muft das 
machen, was notwendig ist. Im groBen und ganzen kann man sagen, 
in den Sprachen lassen sich vielleicht durcheinander haben Alte und 
Junge, weil die Jiingeren von den Alteren lernen, und die Alteren 
dadurch vorwartskommen, daft sie die Jiingeren mitnehmen miissen. 
Da kann man Altersklassen durcheinander haben. 

X. fragt wegen Vermehrung der Sprachstunden. 



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Dr. Steiner: Sie haben die Sehnsucht, mehr Stunden zu haben. Aber 
auf der anderen Seite ist es wirklich so, daft wir eigentlich die Kinder 
geniigend viel in der Schule haben. Wir konnen nicht gut die Stun- 
denzahl vermehren. Ich glaube nicht, daft wir da etwas machen diir- 
fen. Wir konnten ja in den hoheren Klassen spater einmal daran 
denken. In der 9., 10. Klasse, da konnen wir vielleicht etwas mehr 
Sprachunterricht einfiihren. Viel mehr diirfen wir nicht vom Klassen- 
unterricht wegnehmen; keine halbe Stunde kann entbehrt werden. 
Wir konnen nicht gut die Kinder noch einmal mehr in der Schule drin 
haben, sie sind eigentlich doch nachmittags meist da. 

X.; Wie hoch ist das Maximum der Stunden, die wir in den Volksschuljahren 
den Kindern in der Woche geben konnen? Wir geben in der 1. Klasse sechs- 
undzwanzig, weiter herauf sehr viel mehr durch fakultative Stunden in Latein. 

Dr. Steiner: Wir konnen die Stundenzahl nicht vermehren. 
Wie kommt es, daft in den Zeugnissen Eurythmie nicht als beson- 
derer Gegenstand auftritt, sondern mit Musik zusammen? Das ist 
etwas, was ich als Mangel empfinde. 

X..' Weil ich alle Kinder zu unterrichten hatte, kannte ich die einzelnen zu- 
wenig. — Auch in der Musik mochte ich vorschlagen, daft wir eine Stunde 
mehr anfugen. 

Dr. Steiner: Beim Musikunterricht ist es moglich, daft wir etwas tun. 
Es sind wenige Stunden, das ist richtig. Wollen Sie nicht ganz be- 
stimmte Vorschlage machen, wieviel Stunden Sie in den einzelnen 
Klassen haben mochten? 

X.: Wir konnen es verschieden machen. Wir konnen es so einrichten, dafi wir 
getrennt Chorgesang und Gehorsiibungen haben, oder dafi wir Chorunterricht 
zu bestimmten Zeiten, zu den Festzeiten geben; das wiirde ich vorziehen. — 
Ich nehme an, dafi ich die Klassen so bekomme, wie sie jetzt sind. Bei zu 
groften Klassen kann ich die Kinder nicht geniigend kennenlernen. 

Dr. Steiner: Wieviel wiirden Sie brauchen in der Musik fur die 
1. Klasse? Wir haben da 26 1/2 Stunden. 

X.: Eine Stunde. 

Dr. Steiner: Dann wiirde sich das erreichen lassen, daft Sie die einzel- 
nen Kinder auch kennenlernen. Uber den Stundenplan als solchen 
wiirde manches noch zu gestalten sein. Diese eine Stunde kann ja 
wohl sein. Auch in der 2. Klasse eine Stunde, und in der 3. Klasse. — 
Es fragt sich nur fur die oberen Klassen, ob wir nicht standig den 
Chorunterricht beibehalten. Das kann gemacht werden von Fall zu 



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Fall. Ich glaube, die Zeit, die Sie haben fur den Musikunterricht, die 
konnen Sie einteilen fiir Einzelunterricht oder Chorunterricht. 
Es kommt auch der Anstandsunterricht dazu. Der belastet ja nicht. 
Den konnen wir ruhig ansetzen. Ich meine, der kann zu den anderen 
Stunden dazukommen. Der darf nichts wegnehmen vom Musikali- 
schen. Das was Sie wiinschen, wenn Sie die neue Lehrkraft bekom- 
men, daft Sie die einzelnen Schiiler klassenweise haben und nicht 
zusammengelegt, das mufi gemacht werden. 

Aufterdem liegt das vor, daft wir, sobald wir eine Moglichkeit haben, 
auch etwas Turnen anfugen. Turnen konnen wir ohne weiteres dazu- 
bringen, so daft wir sagen konnen: ,, Turnen und Eurythmie." 
Das ware schon ganz gut. Es braucht nur so mit zu unterlaufen, daft 
wir das physiologische Turnen neben der psychologischen Euryth- 
mie auch pflegen. Sobald gefragt wird, wird man sagen, wir haben es 
nicht ausgeschaltet, es wird einbezogen. Die Eurythmie, die konnte 
nicht vermindert werden, da miiftte eine besondere Stunde dazu- 
kommen. Es geniigt wahrscheinlich, wenn wir eine halbe Stunde 
Turnen in der Woche anfugen an die Eurythmie, oder wenn wir die 
Ubungen daruntermischen. Gerade das miiftte darin sein, Gerate- 
iibungen. 

Eine Schwierigkeit ist da bei dem Turnen. Da konnen wir die 
Madchen und Buben nicht zusammennehmen. Die Teilung ist eine 
Raumschwierigkeit. Man kann nicht Madchen und Buben mitein- 
ander nehmen; beim Gerateturnen ist es nicht moglich. Ja, bei Frei- 
iibungen konnte man sie ohne weiteres zusammennehmen. Wenn die 
Kinder Turnanziige haben, dann ginge es; es ist doch nur ein Vor- 
urteil. 

Es wird ein Einwand gemacht. 

Dr. Steiner: Warum meinen Sie? Es ist so, daft die Madchen vieles 
nicht machen, was die Buben machen konnen. Da wiirde man Riegen 
zusammenstellen und wiirde sie abwechselnd behandeln. Der eine ist 
mit den Madchen am Reck, der andere macht mit den Knaben Stab- 
iibungen. Die Madchen muftten Turnhosen haben; dezente Hosen 
muftten fabriziert werden drunten in der Fabrik. 
Ja, es ist nur dann die Frage, wer den Turnunterricht gibt, daft Sie 
nicht iiberlastet werden. Nun liegt die ganze Schule, was Gesang und 
Eurythmie undMusikbetrifft,an Ihnen; imGanzcn liegt viel an Ihnen. 

X., der bisher auch etwas Turnen gegeben hatte: Wenn wir elf Klassen haben, 
dann ist sehr stark die Frage, ob das moglich ist. Konnten nicht auch die Klas- 
senlehrer Turnunterricht geben? Nicht immer, aber hier und da? 



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Dr. Steiner: Die Klassenlehrer sind angestrengt. — Turnstunden 
brauchen in den drei untersten Klassen nicht gegeben zu werden. Die 
1. und 2. Klasse konnten wir mit der Eurythmie schon befriedigen. 
Aber nachher miiBten wir, um es nicht nicht zu haben, schon das 
Turnen haben. Es ist auch ganz gut, wenn es gemacht wiirde. Es ware 
ganz schon, wenn es moglichst sich anschlieBen wiirde an die Euryth- 
mie, daB die Kinder zuerst Eurythmie treiben und dann etwas turnen 
wiirden. 

Das Turnen wiirde fur Sie etwas viel werden. Daran hatte ich nicht 
gedacht. Es miiBte die Moglichkeit gegeben werden, daB jemand 
anderer den Turnunterricht gibt, insbesondere da zwei da sein miis- 
sen. Die Eurythmielehrerin miiBte dabei sein, das ist nicht schwer. 
Nun ja, das muB ins Auge gefaBt werden. Wir konnen entweder das 
Turnen weiter weglassen, oder wir miiBten die Moglichkeit haben, 
eventuell noch eine Turnkraft zu haben. Das wiirde geniigen, die eine 
Stunde fur Eurythmie, und dann im AnschluB daran eine halbe 
Stunde das Turnen. Aber dann kriegen wir zuviel Stunden. 
(Zu Frau Baumann): Jetzt hatten wir zwei Stunden Eurythmie. So 
wie Sie es jetzt gehabt haben in der letzten Zeit, hatten Sie nicht 
zuviel? 

X.: Ich hatte oft einundfiinfzig auf einmal. In der 3. Klasse hatte ich acht- 
undvierzig. Ich habe es so gemacht, dafi ich die eine Halfte zusehen liefl, 
wahrend die anderen Eurythmie machten. 

Dr. Steiner ist damit einverstanden. 

X. mochte die Klassen teilen. 

Dr. Steiner: Das werden wir machen miissen, wenn wir das fur die 
anderen Klassen erst sehen. Das muB man am Beginn des nachsten 
Schuljahres festlegen. Die GroBe der Klasse ist nicht festliegend, es 
kommt ein Zuwachs hinzu. Wie viele Schiller meinten Sie, werden 
wir in der nachsten 1. Klasse haben? 

X.: Fiinfundsechzig. 

Dr. Steiner: Das miABten natiirlich zwei werden. Fur die 2. Klasse 
kommt das nicht in Betracht. Die kiinftige 4. Klasse ist auch so groB, 
daB es iiber funfzig Kinder werden. Da sind soviel Neue. Ich dachte 
auch, die Kleinsten im Singen an Fraulein Lammert zu geben. Sonst 
wird es fur Herrn Baumann zuviel mit dem Singen. Auch mit dem 
Turnen wird es viel zuviel. Da muB man sehen, wie man mit der 
Lehrerschaft zurechtkommt. 

Die Frage der Lehrerschaft muB also besprochen werden. Wir ver- 



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mehren die Klassen, wir brauchen neue Lehrer. Es sind jetzt die zwei 
Baracken im Bau, die zu Anfang des nachsten Schuljahres fertig 
werden, hoffentlich. Und wenn die fertig sind, dann konnen wir 
gerade auskommen. Es geht vielleicht sogar auch, daB wir auskom- 
men, wenn wir die kiinftige 4. und 2. teilen, weil die beiden weit iiber 
fiinfzig hinauskommen. Dann geht es knapp mit den Raumen. Es 
geht nur so, daB wiederum die Nebenraume notleiden. Es bleibt 
unerledigt. Es wiirde so eben gehen mit den Bauten, die wir jetzt 
haben. Aber es fehlt dann ein Raum fur Gesang vorlaufig, es fehlt ein 
Raum fur den Kindergarten, und es fehlen weiterhin Klassenraume 
fur weitere Klassen, die in den folgenden Jahren kommen. Es fehlt 
eine Bibliothek, es fehlt die Turnhalle, es fehlen Raume fur die Fort- 
bildungsschule — vielleicht kann man die Fortbildungsschule 
schlieBlich beiseite lassen — , es fehlt das Arztzimmer, von dem wir 
gesprochen hatten, eine ganze AnzahlDinge. Das sind Dinge, die wir 
neulich besprochen haben. Es sollte versucht werden, diese Dinge zu 
losen dadurch, daB man einen Stock aufsetzt. 

X.: Das stellt sich als unmoglich heraus. 

Dr. Steiner: Warum ist das unmoglich? Woran liegt es, daB man 
einen Stock aufbauen wollte und jetzt nicht kann? 

X.: Die Standfestigkeit des Unterbaues ist dann zu stark in Anspruch ge- 
nommen. 

Dr. Steiner: Ich verstehe nichts. Was sagt der Architekt? Hatte er 
das nicht vorher gewuBt? Es ist schrecklich, daB immer Ideen ent- 
stehen, die nachher nicht durchfiihrbar sind. Natiirlich kann man — , 
heiBt es, nachher muB alles umgeandert werden. Der baupolizeiliche 
Gesichtspunkt hatte vorher durchdacht werden mussen. Ich wiirde 
mich in Dornach zum Beispiel nie einlassen darauf, daB mir ein Plan 
vorgelegt wiirde von etwas, was nicht absolut ausgefuhrt werden 
kann. Man verliert die Zeit damit. Man soli sich herumtragen mit 
einer Idee und nachher ist wieder nichts. Man hat doch gerechnet 
damit, daB der Eurythmiesaal hinaufgelegt wird. Ich meine, wir 
haben damit gerechnet. In Dornach erzahlten Sie es mir noch. 

X. : Nicht als feste Tatsache, sondern als eine Moglichkeit. 

Dr. Steiner: Moglichkeiten kenne ich nicht. Wenn mir dasjemand 
erzahlt, so halte ich es fur eine Wirklichkeit, oder es ist nichts. Die 
Baupolizei muB doch erst definitiv gefragt werden, und der Archi- 
tekt muB wissen, ob er darauf bauen kann. 



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Nun ist der einzig mogliche Plan, eine Turnhalle und neben der 
Turnhalle anzugliedern die Nebenraume, die ich hier nannte, der 
gewissermafien den ersten Teil eines rationell gebauten Schulgebau- 
des darstellen miiflte. Es wiirde sich darum handeln, wohin das 
gebaut werden soli. 

Das miiftte in aller Sorgfalt iiberlegt werden. Ist dazu Geld da? Es 
handelt sich darum vor alien Dingen, ob das Geld dazu da ist. Man 
mufi das Geld ausgeben, auch wenn es nicht gerechtfertigt ist. Es ist 
da. Es sind zehn Millionen eingezahlt worden. Nur wollen die Herren 
nur unriskante Geschafte machen. Die ganze Frage ist eine Mutfrage. 
Wir miissen darauf aufbauen. Die geistigen Werte werden ohnehin 
aus der Schule hervorgehen und nicht aus dem iibrigen. Infolgedes- 
sen miissen wir den Mut haben, unsolide Geschafte zu machen. Wir 
diirfen aber nicht mehr unsolide machen als solche, die wir durch die 
soliden ausgleichen konnen. 

Man muft in den sechs Wochen herumreisen und das Geld aufbrin- 
gen. Es ist nur die Frage, wie es gemacht wird. Dann muft man sehen, 
da6 man durch Erfindungen etwas herausholt. Es muBte Geld 
geschafft werden. Und da ist es notwendig, dafi wir den Plan mit de m 
Schulverein doch vergroBern. Es ist sehr leicht moglich, dafi wir 
vielleicht, wenn wir einen Weltschulverein griinden, iiberhaupt fiir 
solche Schulen, international, daft wir Geld kriegen, wahrend es jetzt 
einem iiberall begegnet, daft die Leute sagen, wir haben in Berlin kein 
Interesse daran, just fiir die Waldorfschule zu bezahlen. Wenn wir 
einen Weltschulverein griinden, dann ist es vielleicht moglich, daft 
man fiir Stuttgart etwas verwenden kann. Es ist wahrscheinlich gar 
nicht moglich, wenn die Leute von vornherein bezahlen sollen fiir die 
Stuttgarter Waldorfschule, daft wir viel hereinkriegen. Dann mufite 
man sehen, daft wir durch Erfindungen etwas bekommen. Es ist 
allerhand in Arbeit, aber das geht nicht so geschwind. Wir haben 
etwas sehr Aussichtsreiches in Dornach, eine Rasierseife und das 
Haarmittel ,,Verlockung", aber es geht nicht so schnell mit dem 
Inaugurieren. So geschwind kann man die Sachen nicht erfinden, 
dafi wir schon fiir den Herbst einen Turnsaal und einen Eurythmie- 
und Gesangssaal haben. Dann muflten zuerst alien Kahlkopfen 
Locken wachsen. 

X.: Ich wollte es ausprobieren, auf die Gefahr, daft meine Frau mich nicht 
mehr kennt. 

Dr. Steiner: Unsere Eurythmiedamen haben es schon auf sich genom- 
men, das Haarmittel hier zu verwenden, damit ihnen Schnurrbart- 



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haare wachsen. Dann werden sie es mit der Rasierseife wieder weg- 
nehmen. Dann wachsen einem die Tausendmarkscheine auf dem 
Kopf. Es ist noch Geld da. Die Mitglieder der Anthroposophischen 
Gesellschaft wissen nicht, wie wichtig die Waldorfschule ist. Ich habe 
neulich mit einigen Damen gesprochen, die haben keine Ahnung 
gehabt, dafi es so drangt. Es wird iiberall, an vielen Stellen gesagt, dafi 
Schulen gegriindet werden sollten. Das einzige ist das, dafi man die 
Leute bittet. Diese Idee diirfen wir nicht aufkommen lassen, dafi wir 
hier alles absorbieren wollen. Deshalb habe ich es besprochen, dafi 
man nicht hier in Stuttgart alles zentralisiert, sondern herumreist in 
den einzelnen Stadten, dafi sich die Sache verbreitet, da/3 man nicht 
Sachen herumschickt und den Leuten diktiert. So entstand in Berlin 
der Gedanke, eine Schule zu begriinden. Das diirfen wir nicht pro- 
bieren, dafi die Leute ihre Schulplane zuriickstellen sollen. Da han- 
delt es sich darum, daft wir die Leute nicht vor den Kopf stofien. Da 
miissen wir eben reisen. Fur die Turnhalle wird man den ,,Kommen- 
den Tag" um Kapital angehen und sich verpflichten, das Kapital zu 
verzinsen. 400 000 Mark, dafur kann man die Zinsen aufbringen, so 
daft das, was jetzt sein mufi im Interesse des Fortganges, sofort 
geschehen kann. Ein anderes ist der weitere Ausbau der Schule 
selbst. Denn wenn wir die Schule weiterfiihren wollen, auch iiber das 
nachste Jahr hinaus und die von selbst sich ergebende Vergrofierung 
machen wollen, dann brauchen wir noch viel mehr Raum. 

X.: Man wird sich vielleicht helfen konnen, dafi man eine von den groBen 
Klassen nachmittags als Gesangssaal verwendet. 

Dr. Steiner: So kann man sich vielleicht helfen, bevor der Turn- 
hallenbau hergestellt ist. Jetzt kommen wir zu der Frage, die doch in 
irgendeiner Weise gelost werden mufi. Es geht die Schule nicht wei- 
ter. Die Raumfrage und die kunftige Lehrerfrage mufiten gelost wer- 
den. 

Es wird iiber die Notwendigkeit gesprochen, auch Lehrerwohnungen zu bauen. 

Dr. Steiner: Eigentlich ist im Grunde genommen die ganze Raum- 
frage ungelost. Die Raumfrage ist nur soweit gelost, dafi die Klassen 
untergebracht werden konnen. Die notwendigen Nebenraume sind 
zum grofien Teil unvollkommen oder nicht da. 

Wieviel neue Klassen werden wir haben? Eine 1., eine 6., eine 9. Es 
fehlt die Turnhalle, der Zeichensaal. Turnhalle wiirde der Euryth- 
miesaal sein. Da miissen wir uns nach der Decke strecken. Nur, fur die 
Eurythmie mufi er groB sein. Da muBte man sehen, wie man fertig 



24. 7. 1920 



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bringt, dafi man die Turnhalle mit den entsprechenden Nebenrau- 
men noch bauen kann. 

Es scheint mir, daft wir heute nur zur Aufzahlung kommen dessen, 
was unbedingt gemacht werden mufi. Eszeigt sich an dem Falle, daft 
man nicht weiterkommt, wenn man es nur auf kleine Dimensionen 
anlegt. Wenn jetzt mit der Turnhalle angefangen wiirde, dann werden 
sich gegen Weihnachten hin die Verhaltnisse so verbessern konnen, 
daft wir wirklich annehmbare Verhaltnisse haben, Es schwebt alles in 
der Luft, es weift niemand, ob es nicht in vierzehn Tagen anders ist. 
Man miiftte eine bestimmte Angabe dariiber haben, was die Dinge 
kosten. So kann man nicht die Verhandlungen treiben. 

Fur den folgenden Tag war eine Besprechung mit den' Architekten vorgesehen. 

X.: Wir sind selbst daran schuld, weil wir nur fur Augenblicke gesorgt haben. Die 
Anmeldungen haben sich iiberstiirzt. So kam es, daB innerhalb drei Wochen die 
Verhaltnisse veraltet waren. 

X.; Wir miissen die Dinge so anschauen, dafi das, was fur die Bediirfnisse dasein 
mufi, das mufi gemacht werden. Dazu mufi das Geld aufgebracht werden. Die 
Geldfrage hat sich unterzuordnen. Wir haben noch keine personliche Propa- 
ganda getrieben unter den Eltern, die ein wirkliches Interesse am Bestehen der 
Waldorfschule haben. Da gibt der eine und andere ein Darlehen. Die personliche 
Bearbeitung mufi vorgenommen werden. Was nicht auf diese Weise zusammen- 
zubringen ist, das mufi durch ein Darlehen vom Kommenden Tag aus bewirkt 
werden. Wir werden in diesen Tagen zu einem umfassenden Plane der Geld- 
beschaffung kommen miissen. Ich bin der Ansicht, dafi an den pekuniaren 
Sachen der Fortschritt der Waldorfschule nicht scheitern sollte. 

Dr. Steiner: Ja, es mufi irgend etwas Bestimmtes vorliegen. Man 
kann auf all das hin nicht verhandeln, wenn man die Erfahrung 
macht, daft der Architekt erklart, er kann den Saal machen, und 
dann, er kann es nicht machen. Auf solche Dinge hin verhandeln, das 
ist eine furchtbare Wirtschaft. Dafi wir einen Eurythmiesaal brau- 
chen, wissen wir schon lange, das haben wir in der letzten Konferenz 
besprochen. Es ist unter dem Eindruck des dazumal Beschlossenen 
der Plan aufgetaucht, und Sie hatten mir gesagt, dafi der Architekt 
gesagt hat, man kann das draufbauen. Jedenfalls haben wir drei 
Wochen verloren dadurch, daft der Architekt behauptet hat, er kann 
einen Stock aufbauen, was heute nicht wahr ist. 
Wir wollen jetzt nicht mehr interimistisch bauen; man mufi doch 
jetzt, was wir neu hinstellen, ein bifichen mehr auf langere Zeit 
bauen. Die Konferenz morgen mufi man unter alien Umstanden 
haben. 

Informatorisch konnen Sie sich bei der Baupolizei immerhin schon 



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erkundigen, bevor Sie offiziell eine Sache vorlegen, ob die Sache 
Aussicht hat auf Genehmigung. Jedenfalls konnen wir nichts weiter 
dariiber reden, da kein Plan vorliegt. Das wollte ich nur prinzipiell 
vorbringen. 

Es wird gebeten um eine Aufterung Dr. Steiners zur Frage der Lehrerwoh- 
nungen. 

Dr. Steiner: Nicht wahr, es ist schwer fur mich, mich zu auftern, da 
ich nicht in der Lage bin, das Geld auf den Tisch zu legen. Das ist das 
erste, wovon man ausgehen mufi. Solange man das Geld nicht hat zu 
den Lehrerwohnungen, ist es eine rein akademische Frage. Wenn 
man von den Lehrerwohnungen absieht, so ist es so: es sind gewisse 
Sachen, die besch afft werden mussen. Entweder werden die Sachen 
nicht durchgeftihrt, oder die Dinge mussen gemacht werden. Es ware 
wichtig, diese Fehler, daft die Dinge auf kleinem Maftstab angelegt 
werden, zu vermeiden; daft man die Sachen unbeschadet der finan- 
ziellen Verhaltnisse so anlegt, wie es sein muft. 

Ich bin sicher, daft, nachdem die Sache so angehoben hat mit der 
Selbstaufopferung der Lehrer, daft die Sache geistig gehen wird, gei- 
stig nicht Fiasko macht. Das zeigt der Stoft desersten Jahres, daft wir 
durchhalten konnen. Ob die Welt uns Geld gibt? — Ich glaube schon 
kaum mehr, daft die Welt zu solchen Sachen Geld gibt. Die Leute 
zeigen nicht Verstandnis dafiir. Das ist dasjenige, was mir wirklich 
eine furchtbare Sorge ist. Das was wir heute auch am Anfang dieser 
Stunde gesagt haben, das ist durchaus richtig auf geistigem Gebiet. 
Die ganzen materiellen Fragen muftten auf einen verniinftigen Boden 
gestellt werden. 

Was konnen wir dazu tun? Da ist die wichtige Frage, inwieweit wir 
die Ausdehnung der Schule vornehmen konnen. Irgendwie mussen 
wir dann eine gewisse Begrenzung haben, oder wir mussen so Leute 
hinter uns haben, die Millionen stiften. Die Unzutraglichkeit hangt 
zusammen mit der Tatsache, daft wirjede Anmeldung angenommen 
haben. Deshalb mochte ich vorschlagen, im Sinne der Einfuhrungs- 
rede, daft wir jetzt erklaren, daft wir die Schule in dem Ausmafte 
fortfuhren, als es war; daft wir ablehnen, neue Kinder aufzunehmen, 
wenn wir nicht in der Lage sind, einen Turnsaal zu bauen. Wir teilen 
es der Welt mit, daft wir von keiner Seite unterstiitzt werden. Dies 
miiftte in moglichst wirksamer Weise der Welt mitgeteilt werden. Wir 
fiihren die Schule im Rahmen des vorigen Jahres fort, wir mussen 
aber die schon aufgenommenen Schiiler leider zuriickweisen. Die 
Welt sollte wissen, wie es sich verhalt. Dies miiftte der Welt bekannt- 



24. 7. 1920 



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gegeben werden. Wir werden hypothetisch sagen, wenn wir nicht in 
der Lage sind, die Mittel zu bekommen, daft wir bis Herbst einen 
Eurythmie- und Turnsaal auffiihren konnen, miissen wir die Schule 
beschrankt lassen auf die Grofte, die sie schon hat. Wenn wir nicht 
solche radikale Maftregeln treffen, kommen wir nicht vorwarts. Wir 
konnen auch die Lehrer nicht bezahlen. 

X.: Konnen wir durch Vortrage Geld zusammenbringen, wenn wir herumreisen? 

Dr. Steiner: Gewift, das kann gemacht werden. Ichglaube nicht, daft 
Ihre Arbeit eine fruchtbare sein wird, wenn wir die Welt nicht darauf 
aufmerksam machen, daft wir nicht arbeiten konnen, wenn es so 
bleibt, wie es jetzt ist. Ich glaube schon, daft es einen Eindruck 
machen wiirde, wenn wir die fruheren Schiiler behalten, aber keine 
Neuen aufnehmen, und daft wir denen wieder absagen miissen. Wenn 
wir dies der Welt bekanntgeben, so glaube ich, wiirde es niitzen. 
Wenn wir in dieser schrecklichen Weise wirtschaften, so daft man nie 
weift, wohin es kommen soil, da kommen wir nicht weiter. Es miiftte 
eine geharnischte Erklarung sein, dahingehend, daft hier etwas auf- 
gehen kann durch die Tatigkeit einer dazu geeigneten Lehrerschaft, 
und daft die Welt dazu versagt mit ihren finanziellen Mitteln, die 
dahinterstehen sollten. 

X.: Die Leute sagen, warum soil man alles nach Stuttgart geben. Es haben doch 
die Leute in Hamburg und Berlin kein Interesse an Stuttgart. 

Dr. Steiner: Das Wichtige ist, daft iiberhaupt die geistige Bewegung 
gefordert wird. Das konnen wir nicht sagen, daft es wichtig ist, daft es 
hier entsteht, wenn wir etwas griinden wollen, was fur alle ist. Das 
geht ganz entschieden nicht, daft wir sagen, sie sollen fur Stuttgart 
geben und von anderem abschen. Es muft mindestens der Gesichts- 
punkt angeschlagen werden, man kann ein Zentralinstitut in Stutt- 
gart bauen und verlangen, daft die Welt dazu Beitrage gibt. 

X. .* Soli man eine Erklarung bringen in den Zeitungen, die zum Ausdruck bringt, 
dafi die Schiilerzahl in einer bisher nicht gedachten Weise angewachsen ist, dafl 
wir dadurch in eine Lage versetzt sind, Lehrer anzustellen, um die Schule im 
gleichen Geist fortzufuhren? Und daB wir angewiesen sind auf die Unterstiit- 
zung? 

Dr. Steiner: Wir miissen positiv sagen, daft wir bereit sind, die Schule 
in der bisherigen Weise fortzufuhren, daft wir aber nicht in der Lage 
sind, die Anmeldungen zu beriicksichtigen, wenn uns die Welt nicht 
unterstiitzt. Wir miiftten irgendein radikal ernstes Wort sagen, — Wir 
werden die Errichtung der neuen Klasse nicht mehr unter dem Ge- 
sichtspunkt betrachten, wieviel Anmeldungen wir haben. 



Konferenz vom Donnerstag 29. Juli 1920, 10.30—13.30 Uhr 



Dr. Steiner: Zunachst mochte ich bitten, ob jemand, nachdem eine 
schone Zeit zum Oberlegen war, sich zum Wort meldet. 

X. mochte gern etwas iiber die wirtschaftliche Grundlage der Schule wissen. 

Dr. Steiner: Darf ich Herrn Molt bitten, iiber die Frage zu sprechen, 
da er Bescheid weifl. 

Molt berichtet iiber die finanzielle Lage der Schule. 

X. fragt, ob man sich nicht bei dem offentlichen Vortrag heute Abend an die 
Horer wenden konnte. 

Es wird ein Aufruf verlesen, den Dr. v. Heydebrand zusammen mit Dr. Hahn 
verfafit hat. 

Dr. Steiner: Dieser Aufruf ist ausgezeichnet und wird sicher nicht 
ohne Wirkung sein. Meiner Auffassung nach kann es aber nur dann 
geschehen, wenn gleichzeitig damit verbunden wird, daft man sagt: 
Wir konnen nur weiterarbeiten, wenn von seiten der Allgemeinheit 
die notigen Mittel der Sache zuflieBen. 

X.: Ich wollte nur warten mit der Riickgangigmachung der Neuanmeldungen. 

Dr. Steiner: Warum sollen wir nicht schon jetzt den Leuten sagen 
konnen, daft wir, wenn wir nicht die Mittel bekommen, die neu- 
angemeldeten Kinder abweisen miissen? Gerade damit unsere Agita- 
tion wirksam werde! Wir miissen die Kinder abweisen, weil wir keine 
neuen Lehrer anstellen konnen. Das scheint mir notwendig zu sein, 
um die Agitation wirksam zu machen. 

Nicht wahr, diese Agitation hat ihre Schwierigkeiten. Erst meint die 
Offentlichkeit, die Schule sei eine Waldorf-Astoria-Schule, es wird 
von vielen Seiten die Schule eine Waldorf-Astoria-Schule genannt. 
Man hat die Meinung, daft die Schule finanziell gespeist wird von der 
Waldorf-Astoria- Zigarettenfabrik, und man ist iiberrascht, dafi dies 
nicht der Fall ist. Nun, das ist das eine. Man mufi auf irgendeine 
Weise gegen dieses Uberraschtsein der Offentlichkeit eben einen Weg 
einschlagen. Man mufi es deutlich sagen, da6 die Mittel der Offent- 
lichkeit notwendig sind, das ist das eine. 

Zweitens ist es schwierig, von auswarts Geld zu bekommen fur den 
Waldorfschulverein, der fur Stuttgart gegriindet wird. Da ist es nicht 
so, wie bei den anderen in Stuttgart zentralisierten Einrichtungen. 
Selbstverstandlich kann der Kommende Tag und die Dreigliederung 



29. 7. 1920 



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in Stuttgart zentralisiert sein. Das ist fur die Welt. Um fiir die Wal- 
dorfschule Geld zu geben, da mtiftten die Leute die Kinder her- 
schicken konnen. Die Leute fragen: Warum ist das vorhandene Geld 
nicht in Stuttgart und Umgebung aufgebracht worden, woher doch 
die meisten Kinder stammen? Man kann verlangen, daft die Leute, 
die die Kinder von auswarts bringen, soviel zahlen, um die Kinder 
hier zu haben. Da kann man hohes Schulgeld verlangen. Wenn die 
Leute von auswarts Geld geben sollen, wenn ein Schulverein fiir das 
Prinzip der Waldorfschule wirken soli, dann muft es klar sein, daft wir 
hier in Stuttgart anfangen, daft wir selbst etwas tun, um die Waldorf- 
schule in die ganze Welt zu tragen. — Natiirlich fragt jeder: Warum 
verschafft ihr euch nicht aus Stuttgart und Umgebung Mittel? — Das 
sind Schwierigkeiten, denen wir dadurch begegnen, daft wir sagen, 
wir sind eben nicht in der Lage, die Schule iiber das jetzige Maft 
hinaus zu gestalten. Wir muftten die Kinder abweisen, wenn wir nicht 
Mittel bekommen. Ich glaube also nicht, daft man in dieser Richtung 
optimistisch sein darf. Die zwei Griinde spielen wesentlich mit. 

X..' Kann denn die Umwandlung des Waldorfschulvereins in einen solchen 
Weltschulverein durchgefuhrt werden, wenn man sich einig dariiber wurde? 

Dr. Steiner: Nicht wahr, den Waldorfschulverein haben wir als 
einen lokalen Verein gegriindet, auch ein wenig unter dem Gesichts- 
punkt, daft es den Herren Aktionaren von der Waldorf-Astoria 
imponiert, daft sie geldgeberischer werden. So habe ich mir vorge- 
stellt, der Weltschulverein muftte extra dazu gegriindet werden. 

X.: Herr Doktor, Sie sagten, dafi der Weltschulverein wirksam in Angriff 
genommen werden kann, wenn man vorgestofien hat. 

Dr. Steiner: Es wurde sich darum handeln, dies auszuarbeiten, um 
den Boden zu schaffen, aus dem das erwachsen kann. Daft wir mit 
Klarheit hinweisen auf die Schwierigkeiten, die bestehen, um die 
Stimmung fiir den Weltschulverein gebrauchen zu konnen. 

X. fragt, ob man nicht bei den Schweizer Mitgliedern Propaganda machen kann? 

Dr. Steiner: Die Schweizer Mitglieder werden so sehr auf die Valuta 
angezapft, daft da wohl kaum etwas zu machen ist. Ich habeletz thin 
gerade in einem Prospekt, der hinausgeschickt worden ist, heraus- 
streichen mussen die Worte in dem einen Satz, der darauf hingewie- 
sen hat, daft die Angehorigen der Mittellander wegen der Valuta 
nichts leisten konnen. Dieses zu starke Pochen auf die aufterordent- 
lich stark in Anspruch genommenen Schweizer, die ohnedies nicht 
gern die Taschen aufmachen — furchtbar ungern. Da mussen wir 



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einen Weltschulverein griinden, der im Programm nicht die Unter- 
stiitzung der Stuttgarter Waldorfschule hat, sondern die Griindung 
von Schulen nach diesen Prinzipien. Der muft es verantworten, daft 
er zunachst die Waldorfschule unterstiitzt. 

Frau Dr. Steiner: Ich glaube, es ware besser, dafl der Goetheanumbau fertig 
wurde, sonst kommt das Friihere durch das Spatere in Leid. Fiir die Schule 
konnen die Angehorigen der Mittellander noch vieles tun. Die Schweden, Nor- 
weger sind empfanglich, Geld zu geben. Wenn aber eine grofle Anzapfung der 
Auslander fiir die Schule vor sich geht, dann wird der Bau nie zu Ende gefuhrt. 

Dr. Sterner: Nicht wahr, es wurde sich, wenn wir den Weltschul- 
verein griinden, darum handeln, daft der vor alien Dingen das haben 
muftte, daft er liber seine Gelder frei verfiigen kann, daft auch die 
Freie Hochschule in Dornach aus diesen Geldern gespeist werden 
konnte. Es war unsere Idee, eine Art Zentralisation des gesamten 
Finanzwesens zu machen. Wir strebten an eine zentrale Finanzie- 
rung, so daft all das Geld, das fiir unsere anthroposophische Sache 
gegeben wird, in eine einzige Zentralkasse zusammenflieftt. Das ist 
dasjenige, was wir angestrebt haben in den Tagen, wo wir daran- 
gegangen sind, den ,,Kommenden Tag" und das ,,Futurum" zu 
begriinden. Da kam in die Quere, daft die Waldorf-Astoria nicht mehr 
weiter (helfen) konnte. Dann muftte der Waldorfschulverein gegriin- 
det werden. Ebensogut muftte man in Dornach eine Anzahl von 
Dingen griinden. Das ist nur formell. In dem Augenblick lauft der 
Verein Goetheanismus in das Ganze ein, wenn es notwendig ist. Die 
Dinge, die wir fiihren, die mussen so gegriindet sein, daft es zuletzt in 
eine Zentralverwaltung einlau ft. 

Das war auch die Absicht, als wir den Kommenden Tag begriindeten. 
Der Kommende Tag hat nicht die Moglichkeit, Jahresbeitrage ent- 
gegenzunehmen. Insofern wurde ja eine Organisation wie der Welt- 
schulverein auch keine Dezentralisation darstellen. Es handelt sich 
nicht darum, daft der Kommende Tag die Zentralverwaltung hat. Der 
Kommende Tag ist das Institut, das sich daran beteiligt. Das was wir 
als Zentralverwaltung denken, ware umfassender. Ich sagte nicht, 
man solle den Kommenden Tag als Zentralverwaltung betrachten. 
Wir hatten in Aussicht genommen, daft alles das, was wir bekommen, 
in eine einheitliche Zentralkasse zusammenflieftt, und da nach 
Gebrauch ausgegeben wird. Wenn wir den Weltschulverein griinden, 
dann wurde dieser Weltschulverein seinerseits selbst seine Gelder 
verwalten lassen konnen. Aber er wurde so gegriindet sein mussen, 
daft er einlaufen kann in dieses Zentralinstitut, wie der Verein 
Goetheanismus in Dornach, der jederzeit einlaufen kann in dem 



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Augenblick, wo wir die Person lie like it haben. Da miissen rein sach- 
liche Prinzipien walten. Ebenso kann der Weltschulverein gegriindet 
werden, indes muft einer seiner Paragraphen der sein, daft er seine 
Gelder ebensogut in eine Volksschule wie in die Kasse der Freien 
Hochschule einflieften lassen kann. 

Frau Dr. Steiner: Sonst ware es geschehen urns Goetheanum. 

X.: Ich finde, wie die Dinge liegen, den Namen Waldorfschulverein nicht mehr 
richtig. Man konnte es fur die unteren acht Klassen gelten lassen. Fur das dar- 
iiber sollte man einen „Verein zur Griindung von Rudolf Steiner-Schulen" 
haben. 

Dr. Steiner: Das darf auf keinen Fall sein. 

X. (spricht weiter): Ich will damit kundtun, dafi es sich um ganz bestimmte 
Schulen handelt. Den bisherigen Namen halte ich fur schadlich. 

Dr. Steiner: Da muft man eine viel aktuellere Flagge finden. Ein 
grower Teil der Gegnerschaft beruht auf der einseitigen Betonung des 
Namens. Sie werden sehen, daft es noch in viel ausgesprochenerem 
Mafte herauskommt. Ich weift zu erzahlen, wie Aufsatze, die ich da 
und dort anonym habe erscheinen lassen, angenommen wurden, und 
wie die Sache sofort umgekehrt worden ist, als der Name darauf 
kam. Man kann eine andere Firma haben. Der Sache wird nicht 
geniitzt durch personliche Namengebung. 

Frau Dr. Steiner: Ob man nicht doch erraten konnte, welcher Name der 
wunschenswerte ware? 

Dr. Steiner: Es ware ganz gut, wenn diese Frage gestellt wiirde. Dann 
wiirde der Betreffende damit verbunden werden. Goetheanismus- 
Schule, vielleicht Schule des Kommenden Tages. Es miiftte so irgend 
etwas sein, was hinweist auf die Zukunft. Da miiftte man scharf 
nachdenken, auf etwas, was darauf hinweist, daft es sich um staats- 
lose Schulen handelt. Staatslosigkeit, die Begriindung der Schule 
ohne den Staat, daft diese Sache sichtlich zum Ausdruck kommt. Das 
kommt nur durch eine neutrale Bezeichnung zum Ausdruck. Das 
haben wir in der Waldorfschule durch ,,frei" zum Ausdruck ge- 
bracht. Die Bezeichnung der ,, Freien Waldorfschule" war gut fur den 
ersten Anfang. Und wenn es weitergegangen ware in dieser Weise, 
wenn es nicht notwendiggeworden ware, den Waldorfschulverein zu 
griinden, so ware gegen den Titel das allerwenigste einzuwenden. 
Aber nicht wahr, es ist nicht weitergegangen. Es mtiftte zum Aus- 
druck kommen dieses Prinzip des staatslosen, des aus dem freien 



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Geistesleben geschaffenen Schulwesens. Es ist die Frage, ob man da 
nicht sehr gut den Weltschulverein grtinden konnte. 

X.: Durfte man den Namen Anthroposophie nennen? 

Dr. Steiner: Wir miissen Anthroposophie weglassen. 

X.: Damit das Interesse nicht erlahmt, sollte bis zu einer gewissen Grofie der 
Name Waldorfschule erhalten bleiben. 

Dr. Steiner: Mit Ausnahme der 9. Klasse giltjaheute schondas, daB 
wir auch nicht die acht Klassen auf der alten Grundlage vorwarts- 
bringen. Ohne Zuschiisse kriegen wir doch nicht die acht Klassen in 
dem Sinne weiter, wie wir es wollen. Wir miissen die neuen Kinder 
der acht Klassen abweisen, wenn wir nicht Zuschiisse bekommen. 
Dai3 der laufende Betrieb erhalten wird, das wiirde schon ins Gleich- 
gewicht gebracht werden. Dann die Frage des Platzes. Wir konnen 
nicht die Zahl der Schuler vermehren ohne Platzvergroflerung. Es 
wird sich um weitere Lehreranstellung handeln. 4. Klasse 53, 
2. Klasse 56 Schuler, da wird es eine Lehrerfrage. Ich bin der Mei- 
nung, daft ein Lehrer, wenn er den notigen Raum hat, selbst hundert 
Kinder haben konnte, aber aus dem einfachen Grunde, weil wir den 
Raum nicht haben, einfach deshalb, weil unsere Klassenraume zu 
klein sind, muBten wir mehr Lehrer haben. Es betrifft die beiden 
Klassen; dann wiirde es sich um die Zerlegung der kiinftigen 4. und 
2. Klasse handeln. Die 1. und 5. miissen wir unter alien Umstanden 
teilen. Die Raumfrage ist aktuell geworden. Dann daB der Euryth- 
mie- und Turnsaal absolut nichts taugt. 

X.: Kulturschule. 

X.: Ich hatte mir auch aufgeschrieben Freie Kulturschule. 

Frau Dr. Steiner: Vielleicht fallt noch jemand etwas anderes ein. 

Dr. Steiner: Es kommt nicht darauf an, einfach einen Namenwechsel 
einzugehen. (Es handelt sich darum,) ob die zwei Millionen Mark 
eingehen oder nicht. Die Kalamitat ist deshalb eingetreten, weil man 
jedes Kind aufgenommen hat. Die Waldorf-Astoria hat nichts ver- 
brochen. 

X.: Es ware wichtig zu unterscheiden zwischen Waldorfschulverein und Wal- 
dorfschule. Man konnte die Waldorfschule weiter als Waldorfschule lassen. 

Dr. Steiner: Der Finanzierungsverein braucht nicht mehr den 
Namen zu haben. Das wiirde der Waldorf-Astoria nicht schaden. Die 
Waldorfschule ist eine historische Sache, die bleiben soil. Auf der 



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anderen Seite ist wirklich nicht zu verlangen, wenn wir an weitere 
Kreise Deutschlands und Osterreichs gehen, daft das unter der Flagge 
einer Waldorf schule fur Stuttgart geschehen soil. Ich meine rein aus 
praktischen Griinden, weil auch die Leute dafiir kein Geld geben. Die 
Propaganda fiir den Verein als solchen bleibt auf Stuttgart und 
Wurttemberg beschrankt. Dagegen scheint es mir durchaus klar zu 
sei'n, daft man auf das Grofte geht, fiir das man Propaganda machen 
kann international. 

X.; Da wiirde man zu dem EntschluG kommen, den Verein fallen zu lassen? 

Dr. Steiner: Ich bin der Uberzeugung, daft die Fortfuhrung bis zur 
8. Klasse eine Gehaltsfrage ist. Ich meine, wieviel liegt in der Kasse 
des Schulvereins? Sonst kommen wir nie aus den unklaren Verhalt- 
nissen heraus. Klare Verhaltnisse hatten wir nur, wenn der Schul- 
verein bestehen wiirde und die Waldorf-Astoria ihre Stiftungsbetrage 
moglichst hoch geben wiirde. Dann wiirden die Gelder in der Kasse 
des Vereins liegen. Es handelt sich darum, daft man genau miiftte 
sagen konnen, wieviel die Waldorf zuschieften kann. Entweder in 
dem Modus, fiir jedes Kind wird so und so viel zugeschossen, oder 
eine bestimmte Summe, mit der gerechnet wird. Jetzt haben wir da 
eine Unklarheit. 

Ich habe das Gefiihl, nicht wahr, daft die Schule im ganzen ihre 
finanzielle Grundlage aus der Kasse der Waldorf-Astoria, vor alien 
Dingen aber in hohem Mafte durch die Privatgaben von Herrn Molt 
hat. Das sind zwei Dinge, die im wesentlichen zu unterscheiden sind. 
Ich habe das Gefiihl, daft Herr Molt auch finanziell die ganze Wal- 
dorfschule als Privatmann gegriindet hat. Die Waldorf-Astoria- 
Fabrik hat schon zu dem, was Herr Molt personlich gemacht hat, 
einen Zuschuft gegeben, aber — ja vielleicht ist es nicht opportun — , 
aber es ist doch vor alien Dingen so, daft, nicht wahr, die Privat- 
schatulle des Herrn Molt darinnensteckt in hohem Mafte. 

Molt: Es ist nicht angenehm, dariiber zu reden. Die Schule, die als solche ein- 
getragen ist, ist mein Privatbesitz. Die Baukosten wurden von mir bestritten. 
Die Schule zahlt keine Miete. Fiir die anderen Schulbaracken kommen andere 
Betrage in Frage. 

Dr. Steiner: Es ist ganz gut, daft es gewuftt wird. Worunter wir leiden, 
das ist, daft eigentlich die Waldorf-Astoria als Firma ein biftchen sehr 
gut weggekommen ist bei der Inszenierung der Waldorfschule vor der 
Welt. Ich kann es nicht recht verantworten, der Waldorf-Astoria, die 
nicht einmal so ehrgeizig ist, als Tragerin der Schule zugelten, diese 
Sache zuzugestehen, daft sie der ganzen Schule die Ehre gibt, wah- 



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rend Herr Molt als Person es doch getan hat. Man konnte hochstens 
davon sprechen, daft die Waldorf Mitglied des Schulvereins war. 
Gewift, wenn heute Leute von auswarts Kinder herschicken wollen, 
so ist es richtig, daft sie nicht nur zur vollstandigen Erhaltung des 
Kindes, sondern auch zum Teil etwas fur das, was Banke sind, was 
innere Einrichtung ist, beitragen. Aber dieses, was vollstandig 
gerechtfertigt ist, mufi kompensiert werden dadurch, daft man die 
Sache nicht zu einer Stuttgarter Angelegenheit macht. Die Leute 
werden wissen, wir brauchen nicht mehr so viel zu bezahlen, wenn es 
eine Weltangelegenheit ist. 

X.: Es wiirde sich urn ein Schulgeld handeln von 1000 Mark. Jedes Kind kommt 
unsjetztauf 1000 Mark. 

Dr. Steiner: Wenn wir nur herausbekommen, daft die Waldorf- 
Astoria-Fabrik fur die Kinder ihrer Betriebsangehorigen diesen Bei- 
trag bezahlt, dann wiirde uns damit wenig gedient sein, weil wir nicht 
in der Lage waren, abgesehen von Beitragen von auften, andere Kin- 
der aufzunehmen. Es muft doch gerade weiterhin Grundsatz sein, 
Kinder aufzunehmen, die das Schulgeld nicht bezahlen konnen. 
Selbstverstandlich leidet die Schule dadurch, daft sie eine Kapita- 
listenschule wird, abgesehen von Kindern aus der Waldorf-Astoria. 
Die Dinge konnen vertreten werden vor der Welt. Ich war langst 
dafiir, daft man in der Schweiz vertreten wiirde, daft wenn jeder 
Schweizer eine einzige Mark geben wiirde fiir den Dornacher Bau, so 
wiirden wir den Bau glanzend zu Ende fuhren. Nicht wahr, wenn man 
das in moglichst starker Weise den Leuten sagen wiirde, dann wiirden 
sie einsehen, wie man eine Sache zu einer allgemeinen Sache macht 
auf die Weise, daft wir arme Kinder aufnehmen, daft aber ein Reicher 
das Schulgeld bezahlt. Ich wollte das vorher bloft sagen, daft das 
Schulgeld der fremden Kinder nicht bestimmt werden kann nach 
dem, was fehlt. Daher werden wir immer versuchen miissen, von der 
Offentlichkeit das Geld zu bekommen. Nun ja, nicht wahr, das ist die 
eine Sache, die so nur geregelt werden sollte, daft fiir jedes arme Kind 
irgendein Reicher das Schulgeld bezahlt. 

Haben wir die Einrichtung der Patenschaften im Waldorfschul- 
verein? 

X.: ich habe gedacht, da/5 1000 Mark der Beitrag sein soli fiir ein Mitglied, das 
Pate wird. Es sind noch nicht viele Paten gekommen, 

X. : Es sollten Bausteine gegeben werden fiir die Waldorfschule. 

Dr. Steiner: Man kann natiirlich auch dasmachen. Die Sammeltatig- 



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keit ist eine gute Arbeit. Naturlich, wenn wir den Leuten sagen, sie 
konnen kleine Beitrage geben, so werden sie kleine Beitrage geben. 
Die Mitglieder sollten sammeln gehen. 

Die Hauptfrage ist offenbar die Begrundung des Weltschulvereins. 
Alles andere miiftte sich an diese Hauptfrage anschlieften. Aber ich 
habe noch immer nicht gehort, wieviel eigentlich der Waldorfschul- 
verein in der Kasse hat. Das hatte ich gerne gewuftt. 

X.: 60 000 bis 80 000 Mark. 

Dr. Steiner: Das ist gewissermaften, was in der Kasse ist. 

X.: Was von der Waldorf ist, das ist ein Jahresbetragvon 170 000 Mark. 

Dr. Steiner: Wird man auf solche Stiftungen in den kommenden 
Jahren rechnen konnen? 

Molt: Wenn das Wirtschaftsleben nicht zusammenbricht. Der Beitrag wird auf 
200 000 hinaufgehen. 

Dr. Steiner: Und wenn er es nicht tut? 

Molt: Dafur bin ich an der Spitze des Unternehmens, um geniigenden Einflufi 
auf die Sache zu nehmen. 

Dr. Steiner: Das waren die Kosten, die der Waldorf erwachsen. Wir 
haben so viel beguterte Eitern, die entsprechende Beitrage leisten 
konnten, die konnen nicht von der Waldorf verlangen, daft sie grofte 
Betrage gibt. Deshalb muft an diese Menschen herangetreten werden, 
die Interesse haben an der Schule, wenn das Interesse nicht verdun- 
stet, sobald sie die Taschen aufmachen sollen. Dann ist es besser, die 
Kinder bleiben weg. Wir sind nicht da, bloft um die Kinder aufzuneh- 
men, weil die Schule naher liegt. Das wird sich erproben in den 
nachsten acht Tagen. Wenn sie es nicht tun, dann werden wir die 
Anmeldungen riickgangig machen. Es werden sich die Geister schei- 
den. Wenn man sagt: Wir verstehen unter einer Einheitsschule das- 
jenige, daft keiner etwas bezahlt, daft alle gleich sind, gegen dies habe 
ich nichts. Wir brauchen es nicht zur Ehre anzurechnen, daft Mini- 
sterkinder da sind, aber daft auch kiinftig die Kinder der Wohlhaben- 
den neben den Kindern der Armen sitzen. 

Vielleicht konnte es noch gelingen, uber die Frage des Weltschul- 
vereins zu einer gewissen Klarheit zu kommen. Bei all diesen Dingen 
darf nicht vergessen werden: wir haben grofte Schwierigkeit, unmit- 
telbar Gelder zu bekommen fur den Bau in Dornach. Wir werden 
geringere Schwierigkeiten haben, namentlich in Amerika, fiir die 
Begrundung von Schulen. Wir haben die allergeringste Schwierigkeit, 



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wenn man Sanatorien begriinden will. Die Menschen verstehen, daft 
man ein Sanatorium braucht, sie verstehen weniger, dafi man Schu- 
len braucht, aber sie verstehen nicht, dafi man die Grundlage von 
allem braucht, daft man den Dornacher Bau braucht. 

X.: Dann mufi man das Sanatorium verbinden mit der Schuie. 

Dr. Steiner: Unsere Schulen sind anders gebaut, das konnen wir 
nicht zum Ausdruck bringen. Oder wir griinden einen Weltverein der 
ganz jungen Invaliden. „Gesundheitsschule", das wiirde mehr Zie- 
hen. Das wird aber nicht gehen. Es wiirde sich nur darum handeln, in 
der Propaganda die Dinge zu verbinden, daft man einen gemeinsamen 
Fonds hat, daft man auf der einen Seite Sanatorien macht und auf 
der anderen Seite eine Schuie. Wir mussen, wenn wir Schulen begriin- 
den wollen, dem Verein das Recht geben, daft er auch das Geld fur 
Dornach verwendet. Sonst wird der Verein ein Kontraverein fur Dor- 
nach, der jedes Zuweisen aufsaugt. Wenn wir die Eurythmie um- 
gestalten zur Heileurythmie, dann kriegen wir sehr bald ein Sanato- 
rium. Ich werde im kleinen, bescheidenen Maftstabe den Versuch 
machen, um etwas zu zeigen. Ich bin gebeten worden, ob nicht etwas 
als Heileurythmie gemacht werden kann. Ich werde diesen Versuch 
machen. Sie werden sehen, da werden alle Leute kommen. 
Wir mussen schon die Schuie als solche als staatslose Schuie, dieaus 
dem freien Geistesleben geschaffen ist, betonen. 

X.: Man sollte konkrete Vorschlage machen zum Weltschulverein. Man sollte, 
ehe man an die Offentlichkeit tritt, abwarten, wie das wirkt, was versucht ist. 
Jetzt sollte man nicht den Eindruck entstehen lassen, dafi man nicht weiter 
kann. 

Dr. Steiner: Wir haben so viel Anmeldungen, dafi wir nur dann diese 
Anmeldungen entgegennehmen konnen, wenn wir mehr Beitrage 
bekommen. Haben Sie den Eindruck, daft der Aufruf so klingt, als ob 
wir Gefiihle des Versagens haben? Ich wollte hervorrufen, daft von 
der Lehrerschaft betont wird, daft etwas erreicht worden ist mit der 
Schuie, wo fur sich die Offentlichkeit interessieren kann, um beizu- 
tragen aus einem allgemeinen Interesse heraus. Die zahlreichen An- 
meldungen sind betont worden. Es schien mir wichtig, daft man mit 
den Zahlen aufwartet. Jetzt sind hundert da, die wir nicht aufneh- 
men konnten, wenn wir nicht Mittel bekommen. Ich wiirde vorschla- 
gen, daft man in einem sehr guten Aufruf hinschreiben wiirde: Es 
stromen uns die Kinder zu! — Dann wiirde ich vorschlagen, daft es 
jedenfalls ein Lehrer vorbringt, weil es viel mehr Eindruck macht. 
Nun miissen wir den Modus finden, daft uns nicht die Menschen 



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sagen: Nun ja, wenn die Kinder zustromen, dann sollen es auch die 
Eltern der Kinder bezahlen. — Es ist eine prinzipielle Sache, daB wir 
nicht von jedem Schulkind das Schulgeld bezahlen lassen konnen. 
Deshalb sind die Schwierigkeiten, die darin beruhen, dafi wir Kinder 
aufnehmen, die nicht Schulgeld bezahlen. 

X. stellt den Antrag, dafi Heydebrand und Hahn den Aufruf im Sinne des 
Entwurfs ausarbeiten, und dafi es heute abend vorgebracht wird. 

Dr. Steiner: Ich habe nichts dagegen, weil es keine Versammlungist. 
Es kann gemacht werden. Mir scheint, es miiflte scharfer herausgear- 
beitet werden, so dafi etwas Bestimmtes ins Bewufitsein der Men- 
schen fallt. Eine solche offizielle Erklarung scheint mir nicht gegen 
eine Privatwerbung zu wirken. Es ist vielleicht gut, in voller Offent- 
lichkeit aufzutreten. 

Es Hegt der Antrag vor, daB die Sache nochmals vertagt wird, dafi 
man mit geladenen Revolvern kommt. Ist dagegen etwas zu sagen? 
Wenn Sie heute noch eine Sitzung unter sich, unter irgend jemand 
von sich aus berufen wollen, so bitte ich das zu tun; ich kann am 
Nachmittag nicht. 

X. fragt nach dem Lehrplan der 9. Klasse und nach der Errichtung eines Inter- 
nats. Es liegen verschiedene Vorschlage vor von Personlichkeiten, die Kinder 
aufnehmen wiirden, um sich eine Existenz zu grunden, oder die sie nebenher 
aufnehmen wiirden. Dann die Frage der Reifepriifung. 

Dr. Steiner: Was den Lehrplan der 9. Klasse betrifft, so ist das eine 
eminent padagogische Frage, etwas, was ganz gewifi vorliegen wird 
im Beginne des nachsten Schuljahres, was verbunden sein wiirde mit 
einem Kurs von fiinf bis sieben neuen Vortragen, die aufgesetzt wer- 
den miissen. Der wiirde dann fur das Lehrerkollegium am Anfang des 
Schuljahres zu halten sein. Das eigentliche, das lehrplanmaflige Ein- 
richten der 9. Klasse, das ist etwas, was einen fiinf- bis sechstagigen 
Kurs notwendig machen wiirde. Insofern wiirden wir die padago- 
gische Ordnung vertagen konnen bis zum Beginn des nachsten Schul- 
jahres. — Wir miissen uns nur klar werden iiber die Besetzungsfragen 
der einzelnen Klassen. 

Dann ist da die Frage der Reifepriifung. Das ist eine nicht eanz 
leichte Sache aus dem Grunde, weil wir dadurch, dafi wir aui die 
staatliche Anerkennung unserer Mittelschule hinarbeiten, ja eigent- 
lich unserem Prinzip untreu werden. Wir bringen uns in Abhangig- 
keit vom Staate. Wir haben nicht mehr das Recht, von einer staats- 
freien Schule zu reden. Wir bleiben nur treu, wenn wir die Kinder 
einfach darauf verweisen, daft sie sich einfach priifen lassen miissen, 



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falls sie eine Staatsanstellung wollen; daft sie sich priifen lassen 
miissen auf einer Staatsschule, die ihnen das Recht gibt, eine Univer- 
sitat zu besuchen. Sobald wir mit dem Staate zu verhandeln anfan- 
gen, begeben wir uns in seine Abhangigkeit. Er wird wahrscheinlich 
auch die Bedingung stellen, daft irgendein staatlich modellierter Stu- 
dienrat auch bei unserer Abgangspriifung erscheinen soil. Die diirfen 
wir nicht in die wirkliche substantielle Einrichtung hineinlassen. 
Wenn sie die Schule anschauen wollen, da mogen sie es tun, wenn sie 
herumlungern. Aber in wirkliche Verhandlungen konnen wir uns 
nicht einlassen. Wir werden nicht untreu, wenn sich die Kinder, die 
doch in Abrahams Schoft zuriickkehren, staatlich priifen lassen. 
Einen wirklichen Sinn hat die Begriindung der 9. Klasse nur dann, 
wenn wir die Begriindung einer vollstandig freien Hochschule in Aus- 
sicht nehmen. Es hat nur einen Sinn, wenn wir eine freie Hochschule 
zu gleicher Zeit in Aussicht nehmen, und dann kann es uns egal sein, 
wie diese Reifeprtifung entschieden wird. Dann wird nur die Hoch- 
schulberechtigungsfrage in Aussicht genommen werden miissen. Das 
ist eine solche Frage, die wir vertagen. Bis dahin werden sich die 
Verhaltnisse geandert haben, daft man einer solchen Hochschule die 
Anerkennung versagen kann. 

Die Frage des Internats ist etwas, was wiinschenswert ist. Sie hangt 
zusammen mit der Aufnahme von auswartigen Schiilern. Es ware 
sehr schon. Alle Leute reden davon, daft sie ihre Kinder hierher- 
schicken wiirden. Wir kriegen gleich die zwei (X.)-Buben aus Dor- 
nach. Uns sind sie vorlaufig auf den Dachern herumgetanzt. Sie 
konnen das Tanzen fortsetzen auf der Nase der Internatsleitung. Das 
wird ja verlockend sein. 

Es wird gefragt, in welcher Farbe die Banke angestrichen werden sollen. 

Dr. Steiner: Das kann wohl gemacht werden, das Anstreichen der 
Banke. Ein lila Anstrich; blaulich, hell. Das kann mit gewohnlichen 
Farben geschehen. Die Dornacher Farben konnen aus geldlichen 
Griinden nicht realisiert werden. 

Ich habe eine Mappe aus Dornach mitgebracht. Es handelt sich 
darum, daft in Dornach eine kleinere Anzahl von Kindern von Herrn 
B. in dieser Weise sehr gut vorwarts gebracht worden ist. Es sind 
Zeichnungen, die die Kinder so gemacht haben, daft ihnen eigent- 
liche Motive gegeben worden sind, und es kommt dabei die Indivi- 
dualist der einzelnen Kinder gut heraus. Wenn wir auf eine Sturtde 
zusammenkommen, dann werde ich Ihnen diese Mappe suchen und 
auseinandersetzen. Es ist immerhin wichtig, wenn Sie daran denken, 



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etwas zu veroffentlichen. Die kleine G. W. hat mir gesagt, als ich ihr 
erzahlte: ,,Eure Zeichnungen werden wir in der Waldorfschule zei- 
gen": ,Jetzt modellieren wir auch schon." Es sind die Individuali- 
taten der Kinder ganz famos zum Ausdruck gekommen. Ich denke 
nicht daran, das zu einer Norm zu machen. Ein anderer mag es anders 
machen, aber man kann daran viel lernen. Was B. will, ist, daft er den 
Kindern das eine oder andere erzahlt; dann laftt er sie, nachdem er 
ihnen ganz sparliche Anleitungen gegeben hat, einfach nach ihren 
Ideen das, was er erzahlt hat, in Formen zum Ausdruck bringen. Das 
haben die Kinder untereinander besprochen. 

Am Nachmittag fand dann eine Besprechung statt in einem erweiterten 
Kreise, ohne Dr. Steiner, iiber die Moglichkeiten, Geld zu beschaffen und iiber 
die Griindung des Weltschulvereins. Am Abend war ein offentlicher Vortrag 
Dr. Steiners: ,,Wer darf gegen den Untergang des Abendlandes reden? (Eine 
Gegenwartsrede.)" 



Konferenz vom Freitag 30. Juli 1920, 15 Uhr 

X.: Die Anstellung neuer Lehrer miifite besprochen werden. 

Dr. Steiner: Es handelt sich also um die Personalfrage. Es handelt 
sich darum, daft unser bisheriger Lehrer fur den Handfertigkeits- 
unterricht nicht das leisten konnte, was man von ihm erwarten muft, 
und daft deshalb an einen Ersatz gedacht werden muft. Es ist viel- 
leicht nicht notwendig, iiber die Einzelheiten zu sprechen. Ich weift 
nicht, inwiefern es bekannt ist. Es handelt sich darum, daft ereiner- 
seits nicht fertig wurde mit den groften Klassen, daft er gesagt hat, 
daft die Kinder der oberen Klassen nicht zur Arbeit kamen. Das zeigt 
sich auch dadurch, daft die Kinder der oberen Klassen nicht fertig 
geworden sind. 

Es ist ihm schwer geworden, sich in ein Gebiet, das er zu betatigen 
hat, hineinzufinden. Es zeigte sich mir, daft er nicht die genugende 
praktische Begabung hat, daft die Arbeiten, die er machen laftt, nicht 
gut sein konnen, weil er selbst nicht den Blick dafiir hat, was exakt 
ist. Manche dieser Arbeiten blieben Spielereien und wurden nicht zu 
dem, was sie sein sollten. Die Kinder haben kein exaktes Arbeiten bei 
ihm gelernt. Im Gartenbauunterricht, da blieb die Arbeit darin 
stecken, daft jedes Kind ein kleines Gartchen bekam, wo die Kinder 



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wild das draufsetzten, wozu sie Lust hatten, das mehr ein Kinder- 
gartchen als ein Schulgarten geworden war. 

Was aber das Schwerwiegendste ist, das ist, daft er kein Herz fiir die 
Dinge aufgebracht hat, die ihm oblagen; daft sein Interesse darin 
liegt, sich mit gutem Studium zu beschaftigen, daft aber daruber das, 
was eigentlich zu tun gewesen ware — eine Durcharbeitung seines 
Gartenunterrichts zu pflegen — , eben nicht geschah. So daft fiir me in 
Urteil schlieftlich nichts iibrig bleibt, als sich nach einer besseren 
Kraft umzusehen. Ich glaube, daft eine wirklich kiinstlerische Durch- 
dringung des Handfertigkeitsunterrichts von seiner Seite nicht 
moglich sein wird. So wie sich die Dinge entwickelt haben, ist es 
unmoglich, daft wir ihn im Kollegium weiter haben. Er ist kein Mann, 
der sich hineinfindet in den Geist der Schule. 

X.: Es ist natiirlich wichtig, weil wir ihn hergebracht haben, dafl wir ihn auch 
so unterbringen, dafl er nicht zu einem Feind wird, wenn wir ihn absetzen. 

Molt: Ich werde das meine Sorge sein lassen, zu sehen, wie wir ihn unterbrin- 
gen. 

X.. - Ich wollte nur bemerken, daft ich die Sache nicht ganz verstehe. Y. hat 
sich grofie Miihe gegeben, sich in den Geist der Sache hineinzufinden. Er hat 
meine Kinder gut beurteilt. Im Gartenbau ging es gut mit meiner Klasse. Ins 
Kiinstlerische wird er sich hineinfinden. 

Dr. Steiner: Das wird schwer gehen. Das Kiinstlerische bezog sich auf 
den Handfertigkeitsunterricht. Da ist es so, daft er kaum sich wird 
hineinfinden konnen. 

X.: Er hat den besten Willen. Er wird es sehr schwer empfinden. Er will in 
den Ferien Schreinerei noch besser lernen, auch Schuhmacherei. 

Frau Dr. Steiner: Ich glaube zu bemerken, da/3 Y. etwas Zutrauliches hat. 

Dr. Steiner: Das ist zweifellos, daft er sich gern mit den Kindern 
beschaftigt, daft er ernsthaft hinein will. Es fehlt an verschiedenen 
Stellen. In dem Moment, wo ich mehr das eine oder das andere 
hervortreten sah, immer muftte ich zu dem Entschluft kommen, daft 
es nicht moglich ist, ihm diese Sache zu iiberlassen. 

X.: Ist ein Grund da, ihn als Mensch auszuschlielSen, oder konnte man ihn 
anderswo, etwa in der Bibliothek, beschaftigen? 

Dr. Steiner: Nicht wahr, es ist schwierig, das klipp und klar auf eine 
Formel zu bringen. Ich glaube, daft es ihm schwer wird, sich in den 
ganzen Geist der Schule hineinzufinden, weil er dazu noch nicht den 
Geist in sich hat. 



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Nun, nicht wahr, es ist ja so, einer der darin ist, der kann mitgezogen 
werden. Aber glauben Sie denn, daft es auf die Dauer moglich ist, ihn 
fur den ganzen Handfertigkeitsunterricht zu haben? Fur den ganzen 
Handfertigkeitsunterricht ihn zu haben, wiirde nicht moglich sein. 
Es wiirde moglich sein fur die vier unteren Klassen, wenn wir einen 
Lehrer fur die hoheren Klassen hatten. Ob er geistige Kapazitat dazu 
hat, in den hoheren Klassen Handfertigkeit zu geben, das bezweifle 
ich. Ich habe angesehen, wie gearbeitet wird. Das ist ganz schon fur 
die kleinen Kinder, wenn sie sich uberhaupt anstrengen. Aber spater, 
wo ein gewisser kunstgewerblicher Geist hinein mufi, ist es eine 
Frage, ob er den Geist bekommen kann. Es macht grofte Schwierig- 
keiten, und es mufi viel umgedacht werden, wenn er bleiben sollte. 
Ich habe den Eindruck bekommen, daft dies die allgemeine Meinung 
des Kollegiums ist. 

Der Mann hat dichterischen Ehrgeiz, aber er bildet sich sehr viel ein. 
Er hat einen Fond von gutem Willen. Mir tut er leid, weil ich glaube, 
daft sich in ihm ein starkes Ressentiment entwickeln wird. Schwierig- 
keiten macht es immer, wenn so jemand, der eine gewisse person- 
liche Note in den Dingen hat, in so etwas wie die Schule hinein- 
gestellt ist. Er hat in all den Dingen eine personliche Note. Er ist 
wenig auf das Sachliche eingestellt. Er mochte ein Mensch sein, der 
es dazu gebracht hat, Waldorflehrer zu sein. Er mochte Dichter sein. 
Er mochte, daft die Kinder zu ihm Zutrauen haben. Die besonderen 
Eigenschaften, die er hat, all das fordert das Mitleid heraus. Es miiftte 
gesorgt werden, daft ihm ein Ersatz geschaffen wird. Aber schwierig 
wird es immer sein mit ihm. Denn er wird gewisse Dinge aus dem 
Geist der Waldorfschule heraus gar nicht verstehen, besonders auch 
im Handfertigkeitsunterricht selbst. Es ist furchtbar schwer, auf die- 
sem Gebiet, wo Sachlichkeit notwendig ist, das Mitleid spielen zu 
lassen. Es fiihrt leicht auf Abwege. 

Ist denn eine Moglichkeit vorhanden, daft man die Sache so lost, daft 
man ihn in den vier unteren Klassen hat? Das ware wiinschenswert. 
Wir kommen dadurch auf ein machtiges Budget. Die Schule wird 
grofter. 

Molt: Mir scheint, nur um eine Sinekure zu schaffen, dafiir ist kein Geld da, 
wo wir neulich gesehen haben, dafi wir mit jedem Pfennig rechnen miissen. 
Das wird notig sein, dafi man im Zusammenhang der Firma etwas unter- 
nimmt, dafi ihm nicht geschadet wird und nicht wehgetan wird. 

Dr. Steiner: Untergebracht muft er werden. Man muft sehen, wie 
man ihn unterbringt. Ein sehr schwieriger Fall. 

Sachlich ist dies zu sagen, daft er der Aufgabe nicht gewachsen war. 



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Er hat nicht den kiinstlerischen Geist. Ich glaube nicht, daft er sich in 
den hineinfinden wiirde. Wie gesagt, es wiirde das gar nicht schaden, 
wenn er die unteren Klassen haben wiirde, ein anderer die oberen 
Klassen. Oftmals wird dadurch am meisten erreicht. Die Kinder wer- 
den einfach arbeiten. Nachher, wenn sie sich mittatig erweisen 
miissen, ist es um so besser. Sachlich ist nichts einzuwenden fur die 
untersten Stufen, aber fur die oberen Stufen reicht er nicht mehr 
aus. 

X. : 1st es beabsichtigt, alles in einer Hand zu lassen ? 

Dr. Steiner: Das sind budgetare Fragen. Beim Handfertigkeitsunter- 
richt ist es so, daft man sich nach der Decke streckt. An sich ware 
wiinschenswert, daft der Handfertigkeitsunterricht recht stark aus- 
gebaut wird. Wenn wir einen Handfertigkeitslehrer haben, wiirden 
wir auskommen, wenn wir von der 6. Klasse an den Unterricht geben 
lassen. Etwas anderes kommt dadurch herein, daft wir Gartenbau- 
unterricht geben. Das erfordert auch eine sachverstandige Kraft. Ich 
wiirde am liebsten sehen, wenn wir zwei hatten, daft der eine das eine 
Jahr den Handfertigkeitsunterricht gibt, der andere den Gartenbau- 
unterricht gibt. 

Es kommen die Dinge in Betracht, daft wir fur die Schule gewisse 
Schwierigkeiten haben, wenn wir ihn behalten. 

Ich habe den Eindruck gehabt, daft es dieMeinungdesganzen Kolle- 
giums sei; ich habe anfangs gemeint, es sei eine beschlossene Tat- 
sache. Aber jetzt, wo ich sehe, daft es nicht so ist, ist esgut, daft wir 
uns unterhalten haben und daft wir erfahren haben, daft es nicht so 
ist. 

X.: Ist es nicht moglich, das friiher zu bemerken, daft ein Mensch nicht taugt 
fur diese Arbeit? 

Dr. Steiner: Ich habe es schon lange bemerkt. Ich habe es schon 
Weihnachten und im Februar gesagt. Ja, nicht wahr, ich bin ja nicht 
gern darauf eingegangen, weil es mir eine schreckliche Sache war, 
was leider oft vorgekommen ist, daft Leute ausgeschlossen worden 
sind. So ging ich darauf nicht gerne ein. Es sind manche Momente 
dazugekommen in den letzten Tagen, die die Sache plausibler 
erscheinen lassen. 

Ja, dann wird nichts iibrigbleiben, als daft wir eine andere Losung 
suchen. Dann miissen wir eine andere Losung suchen. 

X. : Jedenfalls muft eine erste Kraft fur den Handfertigkeitsunterricht herkom- 
men. Es laftt sich so machen, daft man ihn einer ersten Kraft als zweite Hilfe 
gibt. Herr X. wollte sich damals um die Handfertigkeit annehmen. 



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Dr. Steiner: Ich habe gesagt, daft es am besten ist, wenn jemand, der 
im Lehrerkollegium ist, selbst Schuhe machen lernt. Es war nicht 
meine Meinung, daft wir einen Handwerker anstellen. Es mufi der 
Handfertigkeitsunterricht aus dem Lehrerkollegium hervorgehen. Y. 
war plotzlich da. Erwahnt worden ist er mir nur ganz fliichtig. Es war 
ja nicht der Gesichtspunkt, ihn ganz zum Handfertigkeitslehrer zu 
nehmen. 

X.: Ins Lehrerkollegium ist er hereingewachsen, ohne dafi es bestimmt war, 
daft er hereinkommt. 

Dr. Steiner: Jetzt sind wir in einer gewissen Weise dadurch gefangen. 
Solche Dinge sollte man nicht so nehmen. Neulich, wir haben auch 
davon gesprochen, war ich sehr iiberrascht, als jemand, der iiber- 
haupt noch nicht in Betracht kommt fur das Lehrerkollegium, bei 
der Sitzung dabei war. Wer noch nicht im Kollegium tatig ist, kann 
doch nicht bei der Sitzung dabei sein. 

X.: Ich glaube, da/3 man ihn ruhig als zweite Kraft nehmen konnte. 

Dr. Steiner: Es wird fur eine Kraft zuviel werden, die Gartenarbeit 
und der Schuhmacherkurs. Dann muB es vom Budgetgesichtspunkt 
moglich sein, ihn zu besolden. 

Molt: Da mochte ich sagen, dafi sich das Budget den grofien Gesichtspunkten 
unterordnet. 

Dr. Steiner: Es hat sich bis jetzt kein Schaden gezeigt, wenn er darin 
war; es kann der Schaden sich erst zeigen, wenn er draufien ist. Er ist 
zum Lehrer sozusagen geworden auf eine Weise, wie mir das mehr- 
fach in Stuttgart entgegengetreten ist. Wenn man fragt, wie sind sie 
hineingekommen, so ist es so, die Leute haben sich hineingeschoben. 
Sie treten plotzlich auf. Ich kann nicht dahinterkommen, wie sie 
stufenweise aufgeriickt sind. Nun, nicht wahr, das geht doch nicht 
auf die Dauer. 

Nicht wahr, Herr X., Sie mtissen denken, dafi man auf die Dinge baut. 
Es hat sich darum gehandelt, daft abgesprochen war, dafi Sie der 
geistige Umfasser des Handfertigkeitsunterrichts sind. Ich bin 
gefragt worden von Herrn Molt, ob der Y. in Betracht kommen wird 
als Handlanger von Ihnen. Aber davon war ich betroffen, dafi er hier 
im Lehrerkollegium gesessen ist. Als Lehrer der Waldorfschule war er 
nicht in Aussicht genommen. Das bestatigt sich ganz gut, denn er ist 
Arbeiter der Waldorf-Astoria und ist abkommandiert hierher. So ist 
gar nicht die geringste Berechtigung gewesen, ihn hier ins Lehrer- 
kollegium hineinzusetzen. 



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X.: Ich glaube, dafi wir zu einer intimen Arbeit nicht kommen konnen, wenn 
jemand unter uns ist, der nicht hineingehort 

Dr. Steiner: Wenn er schon einmal da ist, wurde das nicht in Betracht 
kommen, wenn er in dem Fache tiichtig ware, wenn sich nicht andere 
Schwierigkeiten hinzugesellten, daG Y. nicht mehr im Kollegium 
sein kann. 

X.: Es war ein Fehler, ihn hereinzunehmen. 

X.: Diejenigen, die den Fehler begangen haben, das sind wir. 

Dr. Steiner: Tragen wird ihn die Waldorfschule. Geradeso wie in der 
Anthroposophischen Gesellschaft Fehler gemacht worden sind, und 
trotzdem immer dieselben Fehler gemacht worden sind, muftte 
immer ich darunter leiden. Unter jedem Herausgeschmissenen 
muBte ich leiden! Hier wird die Waldorfschule darunter leiden, das 
ist selbstverstandlich. Ich halte es fur besser, sie leidet von auBen als 
von innen. 

Nach weiteren Erorterungen: 

Dr. Steiner: Nun, nicht wahr, da miissen wir halt versuchen, ihn zu 
behalten, wenn es nicht anders geht. 

Nach einer weiteren Besprechung am andern Tag, von der keine Notizen vor- 
liegen, wurde Y. mitgeteilt, dafi er nicht mehr an der Waldorfschule mitarbei- 
ten konne. 

Dr. Steiner: Es ist gar nicht von vornherein ausgemacht gewesen, daB 
jeder Fachlehrer im Lehrerkollegium sitzen soil. Es sollte da sein ein 
engeres Kollegium, in dem die Klassenlehrer sind mit den alteren 
Fachlehrern, und daneben das erweiterte Kollegium. 

X.; Mir scheint der Gesichtspunkt der zu sein, dafi niemand im Kollegium sein 
sollte, der nicht von Herrn Doktor berufen ist. Dafi nicht jedes Hiersein in 
irgendeiner Position einfach das selbstverstandliche Beisitzen beim Kollegium 
zu bedeuten hat. 

X.: Wer soil denn beim Kollegium sitzen? 

Dr. Steiner: Ja, im Kollegium sollten nur die sitzen, die leitende 
Lehrer sind, die ausiibenden, nicht die beurlaubten. Im Kollegium 
mufiten im Grunde genommen diejenigen sein, die urspriinglich zur 
Schule gehort haben, und die, die spater gekommen sind, beidenen 
man es bedauern kann, daB sie den Kursus vom vorigen Jahr nicht 
gehort haben. Wer als wirklicher Lehrer hereinkommt, daniber ist 



30.7. 1920 



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immer verhandelt worden. Erstens miiftte man ausiibend sein, wenn 
man hier sitzt, zweitens miiftte man wirklicher Lehrer sein. 

Frau Molt: Dann gehore ich auch nicht dazu. 

Dr. Steiner: Sie sind Schulmutter. Das war von Anfang an in Aus- 
sicht genommen gewesen. Frau Doktor sitzt hier als Leiterin der 
eurythmischen Abteilung, Herr Molt als Protektor der Schule. Das 
war von Anfang an in Aussicht genommen, da ist kein Zweifel. 
Wenn es besprochen ist, da ist nichts zu sagen; auch als Baravalle 
einmal darin war. Er hatte die Vertretung, er war ausiibend, das ist 
besprochen worden. Da wuftte man auch, daft er in ein Verhaltnis zur 
Schule kommt, weil er einmal eine erste Kraft sein wird. 
Jetzt fragt sich nur, wer als Lehrer noch in Betracht kommt. 

X.: Miifite der neue Lehrer Anthroposoph sein, oder kann es ein Auflen- 
stehender sein? 

Dr. Steiner: Da bin ich nicht darauf versessen. Das ist schon durch- 
gesprochen. 

Fur den Handfertigkeitsunterricht wiirde ich vorschlagen, daft mit 
Wolffhiigel verhandelt wird, um zu sehen, ob er will. Ich glaube 
tatsachlich, daft der Wolffhiigel sich eignen konnte. Das ware glan- 
zend. Er ist Maler und arbeitet in einer Mobelschreinerei. Das ware 
ausgezeichnet. 

Jetzt muft man nur wissen, wer von den neu zu Berufenden in die 
Konferenz kommt. Wolffhiigel kame selbstverstandlich fur die Kon- 
ferenz in Betracht. 

Im Handarbeitsunterricht war ich nur wenig darinnen, aber das eine 
Mai muftte ich mir sagen, warum hat das Kind keinen Fingerhut? Ich 
habe immer gesagt, wir miissen die Kinder daran gewohnen, mit 
Fingerhut zu nahen. Es kann das Kind nicht ohne Fingerhut nahen, 
das geht nicht an. 

Man kann nicht vorher wissen, daft ein Lehrer die Kinder nicht ruhig 
halten kann. Im allgemeinen, glaube ich, kann manes schon wissen, 
aber man kann Uberraschungen erleben. Man kann es nicht von 
vornherein sehen. 

Dann wiirden wir fur die ersten Klassen zwei Lehrer brauchen. Da 
wiirde ich fur die Klasse 1 b vorschlagen Fraulein Maria Uhland und 
fur die Klasse a den Killian. Ich wiirde meinen, daft man beide provi- 
sorisch anstellt, auf Widerruf, und sie noch nicht ins Kollegium auf- 
nimmt. 



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Dann hat die 2. Klasse Fraulein v. Mirbach 

die 3. Klasse Pastor Geyer 

die 4. Klasse Fraulein Lang 

die 5. Klasse Frau Koegel. 
Dr. Schubert hat die Schwachen, die Hilfsklasse, 

die 6. Klasse Fraulein Dr. v. Heydebrand. 
Dann brauchen wir noch jemanden. Da ware Baravalle eine aus- 
gezeichnete Kraft fur die zweite 6. Klasse. Ich wiirde doch meinen, 
daB wir den Baravalle nehmen. Er kann den Doktor auch hier 
machen. 

Die gesamte 7. Klasse ubernimmt Dr. Kolisko. 

Dann wiirde ich meinen, daB wir es mit der 8. und 9. Klasse machen 
wie bisher mit der 7. und 8. Wie haben Sie das gemacht? 

X.: Wir haben wochenweise gewechselt. Wir haben den Eindruck, wenn wir 
zum Urspriinglichen zuriickgekehrt sind, wenn wir tageweise gewechselt 
haben, daB wir dann die Klasse nicht gut kennengelernt haben. 

Dr. Steiner: Der Gesichtspunkt ist, daB es besser ist, acht Tage lang 
vorzutragen. Besser wochenweise als tageweise. 

X,: Warum wir zwei unsere Klasse nicht so gekannt haben, daruber bin ich mir 
nicht ganz im klaren. Die Tatsache ist die, da6 ich die Kinder am wenigsten 
von alien Kollegen kennengelernt habe. Konnte Herr Doktor etwas sagen, was 
daran schuld ist? 

Dr. Steiner: Das wird nicht besser, bis Sie ganz genau das Rationelle 
in bezug auf die Behandlung und den Gang des Lehrstoffes haben. 
Sie haben sich erdriickt gefiihlt. Sie sind uberhaupt wenig mit den 
Schiilern in Kontakt gekommen. Sie haben zuviel vorgetragen. 



Konferenz vom Samstag 31. Juli 1920, 17.30 Uhr 



Dr. Steiner: Was ist vorzubringen? Wer wiinscht das Wort? 
X.: Ich wollte die Verteilung des Sprachunterrichts vorbringen. 

Dr. Steiner: Es wiirde sich im wesentlichen darum handeln, da6 der 
Sprachunterricht mit den Klassen weiterlauft, daB die bisherigen 
Lehrer auch in den folgenden Klassen den Sprachunterricht haben. 
Nur wiirde etwas neu hinzukommen durch die 1. Klasse. Wie viele 
Klassenlehrer haben den Sprachunterricht in ihrer Klasse selbst gege- 
ben? Fraulein Lang und Frau Koegel beide Sprachen; Geyer, Frau- 
lein Dr. v. Heydebrand, Fraulein v. Mirbach und Kolisko eine Spra- 
che. Im nachsten Jahre wird Fraulein Uhland in ihrer 1. Klasse beide 
Sprachen iibernehmen, vielleicht auch Killian in der seinigen. 
Im Lateinischen iibernimmt Dr. Schubert die Anfanger in der 4., 
Geyer die 5. und 6. Klasse. 

Es wird sich erst zeigen, wie viele Lateiner sich melden. Die Begeiste- 
rung ist nicht grofl. 

Im freien Religionsunterricht wiirde Hahn die 1.— 3. Klasse als eine 
Gruppe zusammennehmen, und ebenso als eine Gruppe die 7. bis 
9. Klasse. Dann brauchen wir fur die 4., 5., 6. jemanden. Was tut man 
da? 

Ja, wie ware es, wenn wir Herrn Uehli dazu einladen wiirden? Es 
ware eine Losung. Nicht wahr, er hat nicht viel Zeit, aber zwei Stun- 
den in der Woche, das wiirde vielleicht gehen. Ich wiirde also Herrn 
Uehli in Aussicht nehmen fur die Gruppe der 4.-6. Klasse. 
Wenn sonst nichts zu besprechen ware, wiirde ich etwas vorbringen, 
was von einigen gewiinscht wurde, die Frage des Weltschulvereins. 

X.: Wir meinten, man sollte unmittelbar herantreten an die Griindung des 
Weltschulvereins, der Geld sammeln soil, sei es fur Schulen, sei es fur das 
Goetheanum. Der Waldorfschulverein sollte dann Mitglied des Weltschulver- 
eins werden. 

Dr. Steiner: Wie stellen Sie sich das vor, daft diese Gelder zentrali- 
siert und von einer Stelle verwaltet wiirden? Wir konnen doch nicht 
das, was gestern abend nach dem Vortrag gefordert wurde, zentrali- 
sieren. Das wird fiir die Waldorfschule gesammelt. Es sollte das, was 
fur die Waldorfschule gesammelt wird, nicht in den Hintergrund 
treten. Sollen wir eine Versammlung einberufen und sagen, aufter 
dem, was wir gestern gemacht haben, machen wir auch das dazu? 

Es wird ausgiebig iiber den Verlauf des gestrigen Abends gesprochen. 



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31.7. 1920 



X.: Was gestern getan wurde, bezieht sich auf die Sammlung fur die Waldorf- 
schule speziell. Und was von seiten eines Weltschulvereins getan werden 
konnte, bezieht sich darauf, Geld zu bekommen fur alle Unternehmungen, so 
dafi eine Konkurrenz zwischen diesen verschiedenen Sammlungen, die von 
verschiedenen Stellen unternommen werden, nicht mehr vorhanden ware. 

Dr. Steiner: In einem gewissen Sinn ist sie vorhanden. Wir konnen 
warten, bis diese Sache, die gestern ventiliert worden ist, verwirk- 
licht ist, dann konnen wir daran denken, einen Weltschulverein zu 
griinden. Wenn also klar vorliegt, was fur den Waldorfschulverein 
herauskommt, dann erst wurde man mit der Griindung des Welt- 
schulvereins an die Menschen herantreten. Fortwahrend probieren 
konnen wir nicht. Denn durch das, was gestern geschah, ist der Plan 
des Weltschulvereins durchkreuzt worden. Ich sage gar nicht, daft das 
schade ist. Aber man kann nicht zwei solche Dinge nebeneinander 
machen. 

X. : Konnte der Weltschulverein nicht von Dornach aus gegriindet werden? 

Dr. Steiner: Das brauchen wir hier nicht zu beschlieften. Das wurde 
dem nicht hinderlich sein, daft hier fur die Waldorfschule gesammelt 
wird. Dann wurde es unsere Aufgabe sein, uns dahinterzustellen, 
wenn es von Dornach ausgeht. 

X. : Der Eurythmeumsplan diirfte nicht zuriickgestellt werden; der darf nicht 
erledigt sein. 

Dr. Steiner: Der ist wohl erledigt durch die ganze Stimmung, die 
geschaffen ist. Schlieftlich war schon das furchtbar lacherlich, daft 
ich mich dagegen wehren muftte und die Sache in einer durchaus 
nicht geniigenden Weise korrigieren muftte. Aber nun, so etwas ist 
geschehen. Man muft nur jetzt die Konsequenzen ziehen! Dumm- 
heiten, die man macht, sind dazu da, daft man sie verbessert: Eine 
grofte Sache darf dadurch nicht leiden. Das einzelne erscheint da- 
durch als der Ausdruck einer Korporation. 

X.: Herr Doktor, Sie hatten doch die Aufgabe gestellt, iiber den Namen der 
Schule nachzudenken. Da mufite man doch annehmen, dafi die Angelegenheit 
des Weltschulvereins unsere Sache sein sollte. 

Dr. Steiner: Ich habe gesagt, der Name muftte das staatslose enthal- 
ten. — Nicht wahr, ich habe dazumal gemeint, daft die Schwierigkei- 
ten, die darin bestehen, daft Leute von auswarts ihre Schulen da oder 
dort haben wollen, wenn sie nicht nach Stuttgart herkommen 
konnen, daft diese Schwierigkeiten umgangen werden konnten, 
wenn man in groftem Stile einen Weltschulverein begrunden wollte, 



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der die Aufgabe hatte, solche Schulen iiberall zu griinden. Da sagte 
ich, daft man damit anfangt, die Waldorfschule auch in bezug auf die 
Mittel, die sie braucht, zu unterstutzen. Es war das aber nicht so 
gemeint, daft wir uns damit beschaftigen wollten. Es wiirde aktuell 
geworden sein, wenn man die Sache so wollte. Das ist durchaus der 
Fall. Real konnen wir es jetzt nur aufschieben, bis der gestern 
gemachte Appell seine Wirkung getan hat. Wir konnen jetzt nicht 
von hier aus uns hinstellen und sagen: Nun ja, wir haben gesagt, daft 
256 000 Mark firr die Waldorfschule gesammelt werden. Heute ste- 
hen wir wieder da, nur geben wir dem Kinde einen anderen Namen. 
Jetzt sammeln wir fur den Weltschulverein. 

X.: So war es nicht gemeint. Von mir aus war es so gemeint, dafl wir uns 
hinter diese Absicht stelien wollen, daft ein solcher Weltschulverein zustande 
kommen sollte. 

Dr. Steiner: Was hat das fur eine reale Bedeutung? Wenn Sie gestern 
in Ihrer Rede zu dem, wie die Schule sich bewahrt hat, und daft wir 
gewillt sind, nun jetzt wieder eine Sammlung einzurichten, hinzu- 
gesagt hatten, daft wir den Weltschulverein griinden wollen, dann 
ware er jetzt auf der Tagesordnung. Wir konnen hier nicht den Welt- 
schulverein griinden. Es ist nicht meine Meinung gewesen, daft hier 
das Kollegium den Weltschulverein begriindet. Es kommt keinen 
Schritt weiter, wenn wir es noch so stramm beschlieften. 

X.: Ich hatte es so verstanden, dafi wir Herrn Doktor bitten wollten, uns 
einige weitere Winke zu geben. 

Dr. Steiner: Es scheint manches verfriiht. Es scheint wohl verfruht, 
irgend etwas iiber die Arbeit eines solchen Vereins zu sagen. Er ist 
jetzt nicht aktuell. Nicht wahr, er ware das Instrument gewesen, 
wenn wir uns wirklich ganz stramm auf den Standpunkt gestellt 
hatten: Wir fiihren die Schule nicht weiter, wenn wir nicht der Welt 
begreiflich machen konnen, daft sie Opfer bringen muft fur die Sache. 
So war zunachst die Erklarung, die wir abgeben wollten. Das Bild hat 
sich verschoben, vor alien Dingen dadurch, daft die lacherlich kleine 
Summe dessen, was wir brauchen, herausgekommen ist. Sie ist eine 
Illusion, weil das zweieinhalbfach iiberschritten wird. Aber nun, 
nicht wahr, diese Summe wird sicher aufgebracht, das steht fest. 
Dann ist der nachste Zweck erreicht. 

X.: Ob man Zeitungsberichte in norwegischen und hollandischen Zeitungen 
bringen solle. Ob das etwas helfen wiirde? 

Dr. Steiner: Wenn es jemand tut, gewift. Alle diese Dinge sind gut, 



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31.7 1920 



wenn sie getan werden, sehr gut sogar. Das braucht man nicht zu 
beschlieften, das kann jemand tun. 

Ja, dann hatten wir unsere Fragen jetzt wohl erledigt, wenn nicht 
etwas aus dem Kollegium herauskommt. Es tut mir sehr leid, daft 
allerlei zum Vorschein gekommen ist, was vielleicht nicht gerade 
harmonisch untereinander war. 

Ich habe nur sagen wollen, daft es mir leid tut, daft es nicht besser 
geschlossen hat. Jetzt werden wir nicht mehr zusammenkommen. 
Ich mochte alien eine recht gute Zeit und eine auch fur das nachste 
Jahr fruchtbare Zeit wtinschen. Fur manche wird es eine harte 
Arbeitszeit, wenn irgendwie das in Betracht kommt, was wir bespro- 
chen haben. Es ist nicht die Moglichkeit, daft ich jetzt eine langere 
Rede halte. Wir wollen frisch und kraitigdas nachste Mai die Schule 
beginnen. 



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Konferenz vom Dienstag 21. September 1920, 11 — 12 Uhr 

Nach dem dritten Vortrag des Kurses iiber „Meditativ erarbeitete 

Menschenkunde" 

Dr. Steiner: Der Professor Abderhalden war in Dornach. Er konnte 
nicht verstehen, was er mit dem Vorder- und Hinterknoten im 
Riickenmark machen soil. Das bewegt die meisten solcher Menschen; 
nicht etwa auf die Sache sich einzulassen, sondern sie denken sich, 
wenn ich da hineinsteige, dann wird es ungemutlich. Lieber ein biB- 
chen fernbleiben! 

Sonst hat er ziemlich radikale Ansichten. Er hat gesagt: Was Sie 
ausgefuhrt haben iiber das Turnen — vom physiologischen Stand- 
punkt ist das Turnen eine Barbarei! Ich sagte ihm: Bitte, sagen Sie 
das nur, Sie haben eine Professorenstellung. Wenn jemand anders das 
vertritt, verargert es die Leute. Der Physiologe kann es den Leuten 
schon sagen. 

Eine Sache ist hochst interessant. Er sagte, in derZeit, in der dazumal 
die Revolution gespielt hat, da bekamen einzelne einen Stich. Da hat 
er den Antraggestellt, dafi jeder Professor sich sein Lehrfach einrich- 
ten kann, wie er will. Da haben die anderen sich gar nichts dabei 
vorstellen konnen. So sagt er selbst. 

Beginnen wir unsere andere, mehr padagogische Arbeit. Es handelt 
sich darum, dafi wir ins klare kommen miissen iiber manche Dinge, 
die wir — mitverursacht durch andere Uberarbeitungen — zum Teil 
genotigt waren, in Regionen des Dunklen sich abspielen zu lassen, 
und die heute zur Klarheit gebracht werden konnen. 

Es hatte Meinungsverschiedenheiten gegeben iiber die Stellung der Schule und 
des Lehrerkollegiums zur Waldorf-Astoria-Fabrik. Dann war ein Statut ausge- 
arbeitet worden, in dem unter anderem enthalten war, dafi die Lehrer nicht 
mehr, wie bisher, von der Waldorf-Astoria-Fabrik aus angestellt werden soli- 
ten, und in dem auch die Stellung Dr. Steiners als des Leiters der Schule fest- 
gelegt werden sollte. 

Dr. Steiner: Wollen Sie, Herr Molt, das Wort ergreifen? 

Molt spricht ausfuhrlich iiber die vorliegenden Schwierigkeiten, besonders 
iiber seine eigene Stellung zum Lehrerkollegium, iiber das Statut und iiber 
einen Vorschlag, Dr. Steiner zum Vorsjtzenden zu wahlen. 

Dr. Steiner: Ich meine, es konnte von vorneherein — das ging aus der 
Rede des lieben Herrn Molt hervor — ausgeschaltet werden diese 
Wahl von mir zum Vorsitzenden. Ich glaube nicht, dafl durch den 



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21.9. 1920 



Statutenparagraphen in bezug auf mich das geringste geandert wor- 
den ware. 

Dann bitte ich, sich daran zu erinnern, daft die Ernennungen neuer 
Lehrer eigentlich immer im Lehrerkollegium besprochen worden 
sind. Das wiirde ich weiter gerne so halten. Ich glaube, daft wenig- 
stens Ideale mitzuarbeiten haben, und daft eigentlich die Sache so 
liegen miiftte, daft das Lehrerkollegium voraussieht, daft man beider 
Ernennung einiges durchschaut und daft man auf das Urteil etwas 
gibt. Mitteilen wiirde ich schon immer, was da geschieht. Ich wiirde 
niemals ausschlieften, daft, wenn die eine Seite die entsprechenden 
Vorschlage macht, von mir auf diese Vorschlage eingegangen wird. 
Diese Dinge sind so, daft sie sich statutarisch nicht festlegen lassen. 
Wenn man es festlegt, so wird das die Sache nicht treffen. Dies soli 
vielleicht nichts anderes sein als ein biftchen Richtigstellung, damit 
nicht noch mehr Miftverstandnisse gehauft werden. 
Mir kommt es vor, daft schon Dinge im Hintergrund stehen, die vieles 
erklaren. Als ich in Berlin davon horte, da schien mir das doch mehr 
oberflachlich zu sein, aber darunter schienen gewisse Sorgen zu 
leben; etwas, was sicher nichts zu tun hat mit einer Disharmonie 
zwischen Herrn Molt als Protektor und der Lehrerschaft, was aber 
etwas zu tun hat mit gewissen Sorgen. Und da ware es natiirlich 
schon wiinschenswert, daft dann auf diese wahren Grundlagen, auf 
diese gemeinsamen Sorgen etwas eingegangen wiirde. Auftere Ein- 
fliisse diirfen nicht in die Sache hineinspielen. Aber Sorgen, die wir 
gemeinsam haben, die, wie das schon ist, in dieser Weise zur Explo- 
sion kommen, die bespricht man lieber als Sorgen, als daft sie sich 
durch eine Explosion entladen soli ten. Wer wiinscht zu sprechen? 

X. : Ich habe das Statut gemacht, um die Form des Zusammenarbeitens zu 
regeln. Wichtig war die Selbstandigkeit des Kollegiums in geistigen Dingen, als 
Korporation geistiger Arbeiter, und dazu gehort ja auch die Anstellung und 
Endassung der Lehrer. Es lag mir daran, die Form zu finden, die richtig aus- 
driickt, wie Dr. Steiners Stellung zum Kollegium sich darstellt. 

Dr. Steiner: Mir ist es schwer, zu einem Statut Stellung zu nehmen, 
weil mir jedes Statut gleichgultig ist. Man kann die Sache nur so 
machen, wie sie von Tag zu Tag gefordert wird. Statuten sind not- 
wendig der Auftenwelt gegeniiber, daft es nach etwas aussieht. Des- 
halb ist es mir immer schwer, zu einem Statut Stellung zu nehmen, 
weil es mir viel zu gleichgultig ist. Ich glaube nicht, daft durch ein 
Statut in einer Sache irgend etwas Wesentliches geandert werden 
kann. 

Nicht wahr, klaren kann es sich nur dadurch, daft wirklich aus dem 



21. 9. 1920 



207 



Kreise der Freunde heraus gesprochen wird; daft vom Kollegium 
selbst gesagt wird, wie die Sache aufgefaftt wird, wie man sich denkt, 
daft das werden soil. 

Mehrere Lehrer sprechen iiber ihre Auffassung. 

Dr. Steiner: Das ist schon dasjenige, was ich gemeint habe. Eshaben 
sich Dinge nach oben hin explodierend entladen in der Statut- und 
Exposegeschichte, welche im Leben ineinanderspielen. In den Statu- 
ten konnte man sie auseinanderhalten. Die Sorgen, die ich gemeint 
habe, sie sind so einzusehen. Nicht wahr, man kann lange diskutie- 
ren, ob es eine geistige Angelegenheit des Kollegiums ist oder nicht, 
sich um die Finanzen der Schule zu kiimmern; man kann beweisen, 
es ist eine Angelegenheit des Kollegiums, sich um die Finanzen zu 
kiimmern, dennoch gehort dazu das Gefuhl einer gewissen Sicher- 
heit, daft die Schule fortbestehen wird. Es laftt sich nicht ausschal- 
ten, das Gefuhl der Sicherheit oder Unsicherheit iiber das Bestehen 
der Schule. Und den letzten Stoft hat das ganze, was sich entladen 
hat in den letzten Tagen, es hat ja vorher schon geglimmt, den letzten 
Stoft hat es erfahren — dasglaube ich, scheint mir aus diesem Expose 
hervorzugehen — durch das, was sich abgespielt hat am Ende des 
letzten Schuljahres in der Besprechung der nachsten Finanzierung 
der Waldorfschule. Diese Maftnahmen, die damals besprochen wor- 
den sind, die waren so, daft ich mir schon selbst sagte, ja, da kann 
man eigentlich nicht wissen, wie es schon nachste Ostern mit unserer 
Waldorfschule stehen wird. Nicht so sehr dadurch, weil das Geld 
nicht da ist; es ist selbstverstandlich, daft wir mit nicht vorhandenem 
Geld denken miissen. Aber mir schien notwendig, daft auch eine 
Einigkeit mit den Lehrern der Waldorfschule iiber die Wege vorhan- 
den sein muft, die einzuschlagen sind, um eine finanzielle Sicherheit 
fiir die Zukunft der Waldorfschule zu haben. Wenn man arbeiten soil 
als Lehrer mit der absoluten Unsicherheit in die Zukunft hinein, 
dann geht es nicht weiter. Mehr symptomatisch als etwas anderes 
ging das daraus hervor, daft wir am Ende des letzten Jahres es nicht 
dahin bringen konnten, uns eine Vorstellung dariiber zu machen, wie 
wir eigentlich in diesem Herbst stehen in bezug auf die zukiinftige 
Aussicht der Waldorfschule. Ich selbst habe auch keine Vorstellung, 
wie wir stehen, wie wir die mehr als hundert aufzunehmenden Kin- 
der fortbringen. Aber ich sagte mir auch, wenn wir auf diesem Wege 
fortfahren, stehen wir nachste Ostern ganz genau wiederum vor der- 
selben Situation, und das, schien mir, hatte das Gefuhl hervorgeru- 
fen, es sei nicht moglich, aus den bisherigen Beziehungen zwischen 



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Waldorfschule, Waldorfschulverein und Lehrerkollegium irgend 
etwas dariiber sich vorzustellen, was zu bestimmten, ordentlichen 
Vorstellungen iiber die Sicherheit der Schule fiihrt. Das, scheint mir, 
ist mehr oder weniger geschickt eben dazugetreten. Man wollte ein- 
fach mit all diesen Dingen die Frage aufwerfen, wie kommen wir 
weiter. 

Ich muB sagen, ich hatte eine groBe Sorge. Denn sehen Sie, wenn wir 
eines Tages die Waldorfschule aufgeben miissen, so bedeutet das 
etwas, was unserer ganzen anthroposophischen Bewegung den 
Boden unter den FiiBen entzieht. Die Waldorfschule muB etwas sein, 
was durch den eigentlichen Inhalt gelingen muB, weil es eine Probe 
aufs Exempel ist. Sie darf nur zugrunde gehen auf zwei Weisen: 
Erstens etwa dadurch, daB wir durch ein Schulgesetz nicht geduldet 
werden; das ist ein Zugrundegehen, das wir aushalten konnen. Zwei- 
tens darf sie zugrunde gehen, wenn die Welt uns nicht so viel Ver- 
standnis entgegenbringt, daB wir das, was wir machen konnen, auch 
finanzieren konnen. In dem Augenblick, wo wir sagen konnen, die 
Schule ist an dem Unverstand in bezug auf die Finanzierung zu- 
grunde gegangen, in dem Augenblick ist sie so zugrunde gegangen, 
daB wir bestehen konnen. Eine dritte Moglichkeit kann ich gar nicht 
denken. 

Aber gerade diese dritte Moglichkeit ging aus den Vorgangen der 
letzten Tage hervor. Das war dies, daB innerhalb des Lehrerkolle- 
giums, zu dem auch Herr Molt gehort, Differenzen entstehen 
konnten. Das ware der Welt recht. Das war es, was mir vor Augen 
schwebte. Jetzt konnte etwas geschehen, etwas, was nicht geschehen 
diirfte. Wahrend wir mit Ehre finanziell zugrunde gehen diirfen, 
diirfen wir absolut nicht auf eine solche Weise irgendwie unsere Stel- 
lung gefahrden. Dadurch wiirde in einer sehr schlimmen Weise 
kaschiert werden gerade unsere finanzielle Misere. Deshalb scheint es 
mir auch, daB es viel besser ist, die Sache beim Namen zu nennen. 
Einfach aus der Sorge, was soli werden aus der Waldorfschule, 
scheint mir die ganze Geschichte hervorgesprudelt zu sein. Ich kann 
in all diesen Konflikten nichts anderes sehen als diese finanziellen 
Konflikte. Weswegen sollen wir dariiber verbramt reden? 
Es kann gar nicht die Rede sein, daB irgend etwas kritisiert wird. Es 
ist, nicht wahr, ja furchtbar schwer, diese Dinge zu behandeln, weil 
fur das, was notig wird, kein Interesse erwacht in unseren Kreisen. 
Wir haben bisher keine Moglichkeit gefunden, daB die Ideen, die 
tatsachlich umgesetzt werden konnten, ausgefiihrt werden, weil sich 
die Menschen aus einer gewissen inneren Opposition einfach nicht 



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darauf einlassen, die finanzielle Verwirklichung unserer Ideen zu 
besorgen. Die Leute lassen sich darauf ein, allerlei konfuse Geschafte 
zu machen, aber es besteht eine gewisse innerliche Opposition gegen 
das Arbeiten in unserem Sinne. Am meisten macht es sich geltend bei 
den Menschen, die amtlich berufen waren, sich sachlich damit zu 
befassen. Das gehort zu unseren wesentlichen Sorgen. Daraus folgt 
um so mehr, daft wir es selbst machen miissen. Dann muft die Fort- 
fiihrung durch uns gemacht werden. 

X. : Der Versuch, die Schule von der Waldorf-Astoria zu losen, hat sich auf 
Herrn Molt ubertragen, was ein Mifiverstandnis ist. Das Kollegium, zu dem 
Herr Molt auch gehort, reprasentiert die Waldorfschule. Das Verhaltnis der 
Konferenz zum Waldorfschulverein und zur Waldorf-Astoria ist bis heute 
noch nicht klar. Der Konflikt ist nur ein Ausdruck dafiir, dafi das Kollegium 
die Leitung selbst in die Hand nehmen will. 

Dr. Steiner: In gewisser Beziehung haben wir des Pudels Kern gefan- 
gen. Es handelt sich darum, daft das Kollegium jederzeit bereit sein 
wird, in allem, was sich aus dem historischen Verhaltnis ergibt, ganz 
mit Herrn Molt zu gehen, daft es aber mit der Waldorf-Astoria nichts 
zu tun haben will. Das ist die tatsachliche Praxis, die, was mich 
betrifft, befolgt worden ist. Ich wollte alles mit Herrn Molt zu tun 
haben, aber ich konnte schon aus dem Grunde mit der Waldorf 
nichts zu tun haben, weil die mit mir nichts zu tun haben will. Das ist 
die Schwierigkeit. Und iiber diese Schwierigkeit mufite schon in einer 
geschickteren Form hinweggekommen werden und in positiver 
Weise. Daft wir also nicht nur sagen, wir nehmen die Sache in die 
Hand, sondern daft wir der Sache eine Form geben, wie wir das in die 
Hand nehmen. 

Da handelt es sich darum, daft Sie doch nicht aufter acht lassen, was 
wir am Ende des ersten Schuljahres hatten: eine von mir oft er- 
wahnte geistige Uberbilanz, die auf das Konto des Lehrerkollegiums 
kam, und eine absolute pekuniare Unterbilanz, die scharf inGegen- 
satz dazu gestellt werden rnuft. So daft man sagen muft: Verstandnis 
ist der Waldorfschulsache entgegengebracht worden von seiten des 
Kollegiums; Nichtverstandnis ist von seiten derjenigen entgegen- 
gebracht worden, die hatten eintreten miissen, um die selbstver- 
standlich beschrankten Mittel derjenigen zu erganzen, die innerhalb 
des Kreises, der bei uns wirksam ist, etwas tun konnen. Ich habe 
selbst am Ende des letzten Schuljahres betont, daft zum Beispieldas 
Haus ja nicht eine Schenkung der Waldorf-Astoria, sondern des 
Herrn Molt war. 

Was meine personliche Meinung betrifft, so ist es die, daft der Wal- 



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dorf-Astoria die ganze Schule ein Greuel ist, und daft Herr Molt viele 
Miihe hatte, diesen Greuel zu iiberwinden, um seine personliche Her- 
zenssache in Einklang zu bringen. Das sind schon die Schwierigkei- 
ten. Das lagert sich schon in einer Stimmung ab, in dem Bestreben 
nach Loslosung von der Waldorf-Astoria. Das ist schon etwas, was 
voraussetzt, daft Herr Molt ins Kollegium gehort als Protektor der 
ganzen Schule, und ganz und gar nicht nur als Finanzier. 
Wenn das vorausgesetzt wird, konnen wir auch auf einem gesunden 
Boden objektiv iiber die Sache reden. Es sollte nur der Wille vorhan- 
den sein, Herrn Molt mit sich zu identifizieren und nicht mit der 
Waldorf-Astoria. Wenn wir uns auf diesem gesunden Boden bewe- 
gen, werden wir uns besser verstehen. Das scheint mir des Pudels 
Kern zu sein. Die Schwierigkeiten werden immer grofter werden, 
wenn wir nicht versuchen, auch finanziell auf einen gesunden Boden 
zu kommen, also aus uns selbst heraus. Ich sehe keine andere Mog- 
lichkeit, als daft wir durch uns selbst auf einen gesunden Boden 
kommen. 

Molt: Wenn die Schule nicht iiber den urspriinglichen Rahmen hinausgewach- 
sen ware, so waren diese Schwierigkeiten nicht entstanden. Die Schule ist vom 
Kultusministerium erlaubt worden auf das Renommee der Waldorf-Astoria 
hin; deren Renommee besteht auch weiter. 

Dr. Steiner (zu Molt): Es ist gegeniiber dem, was iiber die Waldorf 
gesagt wird, schon notwendig, daft Sie selbst in Schutz genommen 
werden gegeniiber der Meinung der Waldorf-Astoria. Es ist nicht ganz 
richtig, daft die Schule abhangig gewesen ware von den Waldorf- 
Astoria-Kindern. Wir hatten eine solche einfach aufrichten konnen 
mit anthroposophischen Kindern. Sie ware ganz sicher auch gelun- 
gen. Worauf der besondere Wert zu legen ist, ist, daft Sie als der erste 
in der ganzen Gesellschaft diese Sache der Schulgriindung in die 
Hand genommen haben. Das hat gar nichts zu tun mit der Waldorf- 
Astoria, sondern nur mit Ihrer Personlichkeit. Ich sehe nicht ein, 
warum Sie sich mit der Waldorf identifizieren. Die hatte nichts 
davon verstanden. Dies war Ihre personliche Griindung. Deshalb 
habe ich gesprochen von der Griindung des Herrn Emil Molt. Bei mir 
sind die Dinge absolute Absicht. Daft das gerade Arbeiterkinder 
waren, das lag rein an den Umstanden, wie die soziale Bewegung 
1919 inauguriert worden ist. Dasjenige, was als Vertrauensfrage vor- 
liegt, ist Ihr Vertrauen zur anthroposophischen Sache. Aus der her- 
aus ist die Sache gekommen. Ich glaube nicht einmal, daft, so wie die 
Sache damals bestand, auf das Vertrauen zu Ihnen hin das Wurttem- 
bergische Ministerium weniger sich fur die Schule herbeigelassen 



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hatte, als auf das Renommee der Waldorf-Astoria hin. Dies ist not- 
wendig, daft das stramm festgehalten worden ware. 
Es ist das etwas, was in gewisser Weise berechtigt war: sich loszulosen 
von der Waldorf-Astoria, weil man unter alien Umstanden in die 
Sache hineinkommen muftte. Wenn wir die Schule vor die Welt hin- 
gestellt haben, so war meine Absicht nicht, sie auf die Waldorf- 
Astoria zu beschranken, sondern der Welt klarzumachen, daft sie 
etwas tun soil, daft es nicht eine Waldorf-Astoria-Schule bleibt. Die 
Waldorf-Astoria wiirde nach ihrer eigenen Meinung, so wie heute die 
Stimmung ist, zufrieden sein, wenn Sie eines Tages sagen wiirden, wir 
schmeiften die Schule hinaus. Vielleicht wiirde damit das Renommee 
der Waldorf-Astoria gehoben werden konnen. Vielleicht sinkt dieses 
Renommee bei gewissen Leuten unter dem Einfluft der Griindung. 
Einen gewissen Grund, die Waldorf als solche mit der Schule in 
Verbindung zu bringen, haben Sie eigentlich nicht. Denn tatsachlich, 
fur uns sind Sie die Personlichkeit, die verstanden hat, eine Initiative 
zu entfalten. Es kommt mir so vor, daft wir mit Ihnen alles zu tun 
haben wollen, und mit der Waldorf nichts zu tun haben wollen. 
Stellen Sie sich vor, es stiinde jemand anderes auf Ihrem Posten, so 
wiirde der Kulturfonds nicht um 80 000 Mark erweitert worden sein. 
Das hat ja nichts zu tun mit der Waldorf-Astoria, sondern nur mit 
Ihnen. Daher wurde diese Summe, um diesen unpoetischen Aus- 
druck zu gebrauchen, abgekniipft, und nicht die Waldorf-Astoria hat 
das Wohlwollen gehabt, das zur freien Verfiigung zu stellen. 
Wieviele haben wir Waldorfkinder? Wieviele andere Kinder? 

X.: 164 Waldorfkinder, 100 Kinder von Anthroposophen, 100 fremde. 

Dr. Steiner: Jetzt ist die Verhaltniszahl der Realitat nach die denk- 
bar ungiinstigste. Ware natiirlich in Stuttgart freier Zuzug, dann 
wiirden die Anmeldungen gerade zahllos sein. Das ist kein Zweifel. 
Es kommen aufterordentlich viele Anfragen, die nicht zur Erledigung 
fiihren, weil die Kinder keine Wohnung finden. Die Leute konnen die 
Kinder nicht herschicken, sonst wiirden sehr viele Auswartige kom- 
men. Vorlaufig steht die Sache so, daft es fur die Wirksamkeit der 
Schule nach auften ungiinstig ist. Dagegen ware gerade jetzt der Zeit- 
punkt gewesen zu sagen, wir nehmen die 100 Kinder nicht auf aus 
dem Grunde, weil wir kein Geld haben. Am Ende desletzten Schul- 
jahres, da hatten wir es tun konnen, Dann wiirden wir dieses Schul- 
jahr zu eroffnen gehabt haben statt mit 465 mit 365 Kindern in den 
alten Raumen. Dann wiirde die Sache reinlich zum Ausdruck gekom- 
men sein. Dann hatten wir sagen konnen, die Waldorf-Astoria be- 
zahle die Klassen. 



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Es kommt zunachst darauf an, wie sich im Waldorfschulverein her- 
ausstellen wird, was die reale Bilanz ist. 

X.: Es ist eine vorbereitet. 

Dr. Steiner: Es sind immer die Sachen in Vorbereitung! Das sagt man 
mir bis zur letzten Stunde meiner Abreise. Wir mtiftten in bezugauf 
diese Dinge dahin kommen, daft die Sachen im Stadium der Vorbe- 
reitung sind wahrend der Zeit, bis ich ankomme. Alle finanziellen 
Dinge sind immer in Vorbereitung, wenn ich abreise. Gewohnlich 
auch, wenn ich zuriickkomme. 

Es ist ohne weiteres klar, daft es auf finanzielle Fragen hinauslauft. 
Wir werden doch jetzt, nachdem die Sache angefangen hat, nicht so 
leicht stoppen, wie wir es hatten tun konnen am Ende des letzten 
Schuljahres. Wir stehen nachste Ostern vor derselben Situation. Wir 
mussen Geld schaffen. Daft die Waldorfschule weiter finanziert wer- 
den muft, das ist schon klar. Da fragt es sich aber, ob wohl der 
Waldorfschulverein die entsprechende Behorde sein kann. Nach sei- 
ner bisherigen Fahigkeit ist er es nicht. 

X.; Ware es nicht ein Weg, den Eltern, die jetzt ihre Kinder anmelden, zu 
sagen, wir haben nichts mehr? 

Dr. Steiner: Das ist eine Art Skandal. Nachste Ostern konnen wir es 
schon machen. Besser ist es, wenn wir schauen, daft wir Geld bekom- 
men. 

Wenn man die Sache auf eine allgemeinere Basis stellen konnte! 
Wenn die Wege gefunden werden konnten, so ware es gut. Man 
mochte auch gern etwas tun bei dem jetzigen Hochschulkurs in Dor- 
nach. Es raufi die Schulangelegenheit auf einer anderen Basis betrie- 
ben werden. 

Sehen Sie, ich habe Ihnen gesagt, am wenigsten bekommt man Geld 
fur Dornach. Am leichtesten fur ein Sanatorium. Dazwischen konnte 
man Geld bekommen fur ein Schulwesen. Wir haben einen prakti- 
schen Fall gehabt in Dornach, wo wir sehen konnten, esbestandbei 
einer Gruppe von Menschen nicht das geringste Interesse, fur Dor- 
nach viel zu tun. Als ein anderer Mensch gekommen war, um etwas 
Sanatoriummaftiges zu grunden, da war das etwas, was mit dem 
groftten Interesse aufgenommen worden ist. Da waren alle wie 
Quecksilber. In dem Augenblick, wo es sich um so etwas handelt, 
bekommt man Geld. Mitten darinnen wiirde das Schulwesen liegen. 
Da wiirde man wissen, die Wege zu finden, wenn aus dem, was wir 
bisher gegriindet haben, uns eben nicht fortwahrend die Hindernisse 



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in den Weg gelegt werden. Es handelt sich darum, daft alle Leute, die 
bei uns arbeiten, zusammenwirken, und keine solche innere Oppo- 
sition entgegengestellt werde, wie es jetzt geschieht. 
Vorlaufig haben wir alle den guten Willen, Biicher zu fiihren iiber 
dasjenige, was bei uns ausgegeben wird, aber keine Meinung, daft 
auch etwas eingenommen wird. Leute erklaren sich bereit, ganze 
Nachte zu arbeiten, wenn es darauf ankommt, die Gelder auszu- 
geben. Aber dasjenige, was vor alien Dingen notwendig ware, daft 
etwas eingenommen wird, da findet man eine innere Opposition. 
Wenn wir nicht unsere finanziellen Angelegenheiten auf eine gesun- 
dere Basis stellen, ist man nicht mehr imstande, den Leuten Geld 
abzunehmen. Wir miissen Leute finden, die uns das Geld verwalten, 
das wir den Leuten abkniipfen. Vorlaufig finden wir keine anderen 
Menschen als diejenigen, die zum Schreiben von fiinf Ziffern ein 
neues Amt schaffen wollen. Das ist innerhalb des Lehrerkollegiums 
gesagt. Es darf nicht eine Fama werden. Aber die anthroposophisch 
treulichen Mitarbeiter miissen wissen, wo die Sorge besteht. Die 
Sorge fur die Schule hangt mit dem anderen innig zusammen. Wir 
haben einen aufterordentlichen Mangel an Leuten, die geschafts- 
maftig etwas fiihren konnen. Daran kranken wir. Wir brauchen nicht 
in der Misere zu stecken. Das weift Herr Molt ebensogut wie ich. Er 
leidet furchtbar. Er wird erdnickt von der absoluten Unmoglichkeit, 
zur Erweiterung der Arbeit auf wirtschaftlichem Gebiet Personlich- 
keiten zu finden, die es konnen. 

Die Schule ist Ihr Verdienst. Die anderen haben sich doch passiv 
dazu verhalten. Wenn man in der Offentlichkeit von der Waldorf als 
solcher redet, dann kann man es nicht andern. Wenn man aber redet 
von der Waldorfschule, dann muft man es trennen. Die haben nicht 
die Mittel gegeben. Sie haben es ihnen doch abgekniipft. Die haben 
sich einverstanden erklart, wie man sich als Vater einem Sohn gegen- 
iiber einverstanden erklart, der zuviel ausgibt. Schlieftlich liegt die 
Sache doch so! 

Wir werden sehen, daft wir eine kurze Sitzung des Kollegiums haben 
konnen, aber erst miissen wir die Sitzung des Vorstandes des Wal- 
dorfschulvereins haben. Dann wollen wir eine Sitzung des Kolle- 
giums ansetzen, damit die Sache in Ordnung kommt auf irgendeine 



Konferenz vom Mittwoch 22. September 1920, 20—0.15 Uhr 



Dr. Steiner: Meine lieben Freunde! Ich muB einige Worte voran- 
schicken, bevor wir in die Einzelheiten der Verhandlung eintreten, 
da wir am Beginne eines Schuljahres stehen und einige Dinge kurz 
geklart sein mussen. Es ist gesprochen worden auch von meiner 
eigenen Stellung im Lehrerkollegium. Ich will heute zunachst nicht 
vom AuBeren dieser Stellung sprechen, nur vom Inneren. Das scheint 
mir doch angemessen zu sein am heutigen Abend, weil auch diese 
innerliche Stellung wenigstens zwischen den Zeilen beruhrt worden 
ist. Ich mochte in den Dingen, die sich auf unsere geistige Bewegung 
beziehen — und die Ordnung der Waldorfschule, insofern sie geistige 
Angelegenheiten sind, insofern sie padagogisch-didaktisch von der 
Lehrerkonferenz zu behandelnde Fragen sind, gehoren in unsere 
anthroposophische Bewegung hinein — , in alien solchen Fragen 
fiihle ich mich, meine lieben Freunde, und werde mich nie anders 
fiihlen konnen denn als Esoteriker den Freunden gegeniiber. Und da 
ist es heute notig, einiges zu sagen, das Sie nur zu spezialisieren 
brauchen auf die besondere Lage der Waldorfschule, iiber die Auffas- 
sung der Stellung des Esoterikers, die dieser selbst von sich hat. 
Natiirlich rechnet man als jemand, der aus den geistigen Weltenher- 
aus Dinge an seine Mitmenschen bringen will, darauf, daB diese 
Dinge in einer gewissen Weise, vielleicht zwar nicht auf Autoritat 
hin, aber auf das Gefuhl hin angenommen werden: daft Forschungs- 
resultate vorliegen, die nach bestimmten Richtungen hin vielleicht 
nur von demjenigen, der sie in einer solchen Weise vertritt, zunachst 
bekanntgegeben werden konnen; die selbstverstandlich verstanden 
werden konnen, wenn sie einmal ausgesprochen sind, die aber eben 
von einem oder einigen erst als ihre Forschungsresultate ausgespro- 
chen werden mussen. Das ganze Verhaltnis, in dem man solche Wahr- 
heiten aufnimmt, ist nicht dasjenige auf Autoritat hin, aber es ist ein 
solches, das in einer gewissen Weise anerkennt, daB aus einer solchen 
Quelle solche Dinge geschopft werden konnen. 

Meine lieben Freunde, es sieht manches einfach aus, was man in einer 
solchen Weise zu seinen Mitmenschen spricht, wie es zu Ihnen in 
diesen Tagen geschehen ist, aber es erforscht sich nicht in einfacher 
Weise. Es erforscht sich gerade dasjenige, was sich auf so spezielle 
Zweige der Padagogik bezieht, eigentlich doch nur dadurch, daB man 
vieles erst durchmacht, vieles durchlebt, daB man erst langjahrige 
Forschungswege einschlagt. Das Verstehen ist einfach und kann in 



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kurzer Zeit geschehen, das Erforschen ist keineswegs so einfach und 
erfordert durchaus Initiationswege. Aber wenn derjenige, der solche 
Forschungen mitteilt, sich an seine Mitmenschen wendet, so tut er 
das auch von sich aus niemals in der Form, daft er als Autoritat 
sprechen mochte in dem gewohnlichen Sinn des Wortes, wie man in 
der aufteren exoterischen Welt die Autoritat auffaftt. 
Ich bitte, dasjenige, was ich in diesem Zusammenhang sage, durchaus 
sehr ernst und exakt zu nehmen: es spricht also derjenige, der so 
spricht, nicht in dem Sinne, daft das, was er sagt, auf Autoritat in 
dem gewohnlichen Sinne angenommen wird. Denn, meine lieben 
Freunde, dann wiirde es nicht wirken, nicht durch jene imponderab- 
len Krafte an die Mitmenschen iibergehen, durch die es iibergehen 
soli. Es muft das ganze Verhaltnis ein anderes sein. Das Verhaltnis 
muft ein solches sein, daft alles dasjenige, was gesagt wird, angenom- 
men wird von den Horenden auf vollig freien Willen hin, daft beim 
Aufnehmen gar nichts ankommen darf auf den Willen desjenigen, 
der spricht, sondern alles einzig und allein ankommen muft auf den 
Willen derjenigen, die zuhoren. Das ist, so genau man eskann in der 
menschlichen Sprache, ausgedriickt das Verhaltnis, das bestehen 
mufl. Man spricht sich nicht aus dem Grunde aus, weil man irgend 
etwas ins rechte Licht stellen will, sondern aus dem Grunde, weil 
darauf die ganze Wirksamkeit der Arbeit, die auf Esoterik aufgebaut 
ist, in unserer Zeit beruhen kann. 

Wollte man in unserer Zeit etwas auf autoritativen Wegen, seiesauf 
autoritativen Wegen des suggestiven Wirkens oder zahlreicher ande- 
rer seelischer Machtwege, in die Welt bringen, so wiirde das das groftte 
Unheil nach und nach bedeuten. Wir sind eben in jenem Entwicke- 
lungsstadium der Menschheit, in dem es notwendig ist, daft immer 
mehr und mehr Freiheitsimpulse aus den dazu reifen Menschen in 
die Welt gesetzt werden. Wir diirfen gerade dasjenige, was die Welt 
aus dem Geiste heraus vorwartsbringen will, wenn wir so arbeiten, 
wie Lehrer arbeiten mussen, wir diirfen das unterkeinen Umstanden 
auf ein seelisch aufgezwungenes Autoritatives aufnehmen. Alles 
muft aufgenommen werden ideal auf den guten Willen, auf die Ein- 
sicht des Zuhorers, daft derjenige, der spricht iiber die Dinge, nach 
dem Gefuhl des Zuhorers etwas zu sagen hat. Ein anderes Verhaltnis 
darf nicht bestehen. Jedes andere Verhaltnis beeintrachtigt die Wir- 
kung, wenn es sich darum handelt, daft auf Grundlage solcher Mit- 
teilungen und solcher Zuhorer auftere Arbeit geleistet wird, auftere 
Arbeit, die dann im Zusammenwirken der Menschen geleistet wer- 
den kann. Wenn da der Geistesforscher mitwirkt, dann muft das 



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ganze Verhaltnis auf dieses autoritativ-freie Aussprechen und frei- 
heitliche Zuhoren aufgebaut sein. 

Anders diirfen auch die auBeren Verhaltnisse nicht aufgebaut sein. 
Daher muB es bis zum letzten i-Tiipfel so sein, daB meine Stellung 
zum Lehrerkollegium diejenige ist, die nicht von mir oder von irgend 
jemand gewollt wird gegen den Willen irgendeines Mitglieds des Leh- 
rerkollegiums, sondern die akzeptiert wird im innersten Herzen und 
gewollt wird vom Lehrerkollegium in seiner Ganze. Ob so etwas 
durch eine auBere Wahl dokumentiert wird oder nicht, darauf 
kommt es nicht an. Das innere Verhaltnis muB ein solches sein. Im 
Augenblick, wenn es nicht ein solches ware, in diesem Augenblick 
wiirde die rechte Stellung nicht vorhanden sein. Wir mussen geradezu 
ein wenig wachen iiber dieses Verhaltnis. 

Es geschehen ja Gruppierungen auf diesem Felde so, daft man nicht 
Vereine bildet, sondern daB die Gruppierungen eben um diejenige 
Personlichkeit geschehen, welche in dem angedeuteten Sinne etwas 
zu sagen hat, und daB gewissermaBen diejenigen, die das aufnehmen 
wollen, sich dann aus ihrem freien Willen heraus gruppieren. Mag 
nun die AuBenwelt dieses oder jenes verlangen fur eine solche Grup- 
pierung, innerlich ist allein das berechtigt, was ich gesagt habe. 
Sie werden ftihlen und empfinden, meine lieben Freunde, daB ich 
dadurch meine innerliche Stellung zum Lehrerkollegium charakteri- 
sieren will, daB ich Sie bitte, sie als solche aufzufassen. Darauf wird 
die heilwirkende Kraft in aller Zukunft beruhen mussen. In dieser 
Richtung mussen auch die einzelnen Dinge liegen. Sie mussen spiiren, 
wie ich durchaus immer bestrebt bin und bestrebt sein werde, im 
Einklange mit jedem einzelnen dasjenige zur Entscheidung zu brin- 
gen, was durch mich zur Entscheidung zu bringen ist, aus dem 
Grunde, weil der Betreffende mich um die Sache fragt, weil er aus 
seiner Einsicht heraus mich um die Sache fragt. Wenn Sie dies ganz 
durchdenken, dann werden Sie zu einer reinlichen Scheidung des- 
jenigen kommen, was das esoterische Verhaltnis zwischen uns sein 
muB, und was allein aus diesem esoterischen Verhaltnis heraus 
segensreich sein kann. 

Das, meine lieben Freunde, wollen wir heute zum Ausgangspunkt 
machen, und Sie werden vielleicht ausmancher Lebensbeobachtung 
heraus schon gefunden haben, daB die Dinge, die aus dem Geiste 
heraus geschaffen werden, doch nur dann richtiggehen, wenn ihnen 
eine solche Auffassung des geistigen Verhaltnisses zugrunde liegt. 
Trennen Sie also manches, was nun schon einmal bei einer exoteri- 
schen Einrichtung, die gegeniiber der AuBenwelt notwendig ist, da 



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sein muB, trennen Sie mancherlei, was einfach die Welt notwendig 
macht, von dem, was innerlich zwischen uns sein mufi: dann werden 
wir am gunstigsten nicht nur rationalistisch vorwartsarbeiten, son- 
dern spirituell arbeiten; wir werden vorwartskommen. 
Und dieses, was ich zu Ihnen sagen wollte, ist auch eine Art Inaugu- 
rierung unserer diesjahrigen Arbeit; eine Inatigurierung, durch die 
ich ganz besonders mochte, daB auch dieses Jahr wiederum spiri- 
tuelle Krafte durch unsere Arbeit gegossen werden. Sie konnen 
davon uberzeugt sein, daft ich iiber die ganze Arbeit und die Einzel- 
heiten der Arbeit, die auch dieses Jahr geleistet wird, den Segen 
derjenigen geistigen Machte stets herflehen werde, die unsere ganze 
Bewegung tragen. Und wenn Sie auch sich bewuBt sind, daft das der 
Fall ist, wenn Sie gewissermaBen nicht nur zusammen handeln, wenn 
Sie zusammen denken und empfinden und dadurch die guten geisti- 
gen Krafte in dieses Zusammen-Denken, Zusammen-Empfinden, 
Zusammen-Klingen des ganzen Seelenlebens aufnehmen, dann wird 
unsere Arbeit auch in diesem Jahre gelingen. 

Nun konnen wir zu den einzelnen konkreten Punkten iibergehen. 
Wunscht jemand zur Tagesordnung etwas zu sprechen? 

Es wird gefragt wegen der Angelegenheit der Anerkennung der Waldorfschule 
als Grundschule seitens der Behorden. 

Dr. Steiner: Diese Frage ist eine solche, die je nach dem Wohlwollen 
dieser oder jener Schulbehorde nach der einen oder anderen Rich- 
tung gedreht werden kann. Zurecht kommen wird man nur — so daft 
man darin eine gewisse Sicherheit hat fiir den wirklichen Bestand der 
Schule — , wenn man irgendwie durch personlich-gewichtige 
Riicksprachen verhandelt, wobei ich ausdriicklich bemerken 
mochte — wir miissen ganz dezidiert reden — , daB das nicht durchs 
Telephon geschehen sollte; wenn man durch personliches Ausein- 
andersetzen mit alien jenen Betonungsmoglichkeiten der Satze und 
Worter und der Unterredung uberhaupt, die vorhanden sind in einer 
personlichen Aussprache, eine solche Stimmung schafft, daft dann 
eine gewisse Sicherheit vorhanden ist. Wir konnen gar nicht vermei- 
den, wenn wir die Sache bloB so anstreben, daft sie biirokratisch 
behandelt wird, daB wir nicht in der Zukunft mit derselben Sache 
angerempelt werden. 

Deshalb meine ich, daB es das beste ware, wenn Herr Molt in der 
Sache personlich etwas tun konnte, wenn Sie personlich vorsprechen 
wiirden. Die Frage ist eine solche, daB man nur ruhigsein kanniiber 



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22.9. 1920 



die Waldorfschule, wenn Sie selbst vorstellig wiirden bei irgendeiner 
der Personlichkeiten, die EinfluB haben auf die Sache. Ichbintiber- 
zeugt davon, wenn in dieser Weise irgendwelche Worte gewechselt 
worden sind und man nun eine solche Spitze der Behorde dazu 
getrieben hat, irgend etwas, wozu sie sich bekennen muB, zu sagen, 
dann ist man am besten geschiitzt; nicht durch Akte hin und her 
schreiben, sondern durch so etwas. Insbesondere hier in Wiirttem- 
berg, wo es wirklich vielleicht moglich ist, daB man in einer solchen 
Sache mehr erreicht als in PreuBen. In PreuBen wlirde, nachdem der 
ErlaB geschickt worden ist, diese Schule in kurzer Zeit abgebaut 
werden miissen. 

Die Sache miiBte zunachst so getrieben werden. Denn das darf nicht 
verkannt werden — ich hatte leider in Berlin viel zuwenig Zeit, um, 
wenn solche Fragen aufgeruhrt worden sind, die notige Antwort zu 
geben — , es kommt immer wiederum vor, daB irgendwelche Schul- 
vorsteher oder Lehrer der gewohnlichen Schulen kommen und die 
Padagogik der Waldorfschule haben wollen und fragen, wie konnen 
sie etwas tun, um ihrer Schule aufzuhelfen. Das ist der reinste Un- 
sinn. Das erste wiirde darin bestehen, daB sie sich vom Staate los- 
sagen wiirden, und es bezeugt solch eine Zumutung nur, wie wenig 
konsequent die Leute zu denken in der Lage sind. 
Es handelt sich darum, daB dasjenige, was man unsere Schulbewe- 
gung nennen konnte: die Bewegung nach einer freien Schule hin in 
immer mehr Kopfe hineinkommt, so daft eine wirkliche groBe Bewe- 
gung nach der Freiheit der Schule entsteht, als ein Teil der Dreiglie- 
derungsbewegung. Die Ausrede mit der Einheitsschule, die mogen 
wir als Opportunist gebrauchen; allein ich muB meinerseits geste- 
hen, mir war immer die ausdriicklich dezidierte Definition der Ein- 
heitsschule etwas Unangenehmes — obwohl man sie aus Opportuni- 
st wahlen muBte — , weil sie nicht genau betont, daB man nicht das 
will, was vom Staate als Einheitsschule definiert wird, daB es uns 
nicht so sehr ankommt auf die Einheitsschule als auf die freie Schule. 
Dann wird sich das von selbst ergeben. Dasjenige, was als Einheits- 
schule von der jetzigen deutschen Regierung erstrebt wird, das ist das 
Gegenteil. Wir machen erst einen KratzfuB vor dem, was uns ein 
Greuel ist, wenn wir solchen Dingen nachgeben. Man muB sich 
durchschlangeln; man muB sich bewuBt sein, daB dies doch im 
Leben — nicht von innen veranlaBt, dann ware es jesuitisch — , aber 
daB es von auBen mit einer gewissen Reservatio mentalis gemacht 
wird. Man muB sich bewuBt sein, nicht von innen her, von auBen 
her, daB man notig hat, um wenigstens das zu machen, was wir 



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durchbringen wollen, mit den Leuten zu reden, und ihnen inner- 
lich eine Nase zu drehen. 

Molt: Ich werde versuchen, die Sache in Ordnung zu bringen. 
X. fragt nach dem Lehrplan fur die 9. Klasse. 

Dr. Steiner: Wir werden am besten zunachst mit diesem Lehrplan 
zustande kommen — ich will ihn dann noch fur morgen niederschrei- 
ben — , wenn wir ihn so feststellen, daft wir ihn aus der Kontinuitat 
heraus definieren. Ich wurde Sie also bitten, daB Sie mir angeben, 
was Sie mit Bezug auf all das, was man deutsche Sprache und Litera- 
tur nennen konnte, getrieben und vollendet haben. 

X.: Ich habe Goethe, Schiller, Herder durchgenommen, sonst weiter nichts. 
Nur dafl ich in die Geschichte einzelne Besprechungen wie Dantes „G6ttliche 
Komodie" hineingefiigt habe; das Wesentliche waren Goethe, Schiller, Herder. 
Im Sprachlichen Aufsatze und Versuch, orthographische Fehler von der Aus- 
spracheseite zu behandeln. Auf das Grammatische bin ich gar nicht einge- 
gangen. 

Dr. Steiner: Nun wurde es sich darum handeln, da6 Sie in bezug auf 
die Literatur versuchen wiirden, Jean Paul zu behandeln, und zwar 
so, dalS Sie mit den Schulern der 9. Klasse einzelne Partien der 
,,Asthetik oder Vorschule des Schonen" von Jean Paul durchneh- 
men, namentlich auch solche Partien, die dort iiber Humor handeln, 
und ohne dabei viel auf die Historie zu sehen. Dann — das kann 
schon ein halbjiihriges Pensum sein — , ohne viel auf die anderen 
Zusammenhange zu sehen, dazu ubergehen, mit den Schulern, es sind 
immerhin schon Vierzehn-, Fimfzehnjahrige, einzelne Kapitel zu 
lesen und zu besprechen, die in Herman Grimms Goethe-Vorlesun- 
gen stehen. Das wurde in bezug auf Literatur sein. 
In bezug auf das Sprachliche wurde ich Ihnen empfehlen, fur das 
erste Halbjahr weniger auf die pedantische Sprachlehre zu sehen, 
sondern das Gesetz der Lautverschiebung in der verschiedensten 
Weise mit den Schulern zu besprechen, das Grimmsche Gesetz der 
Lautverschiebung. Und im Aufsatz — wobei Sie alles Grammatika- 
lische, alles Syntaktische an die Korrektur anschlie/tend gelegent- 
lich besprechen — , im Aufsatz wurde ich empfehlen, namentlich 
solche Aufsatze zu versuchen, welche Themen behandeln, die 
geschichtlich sind, wobei die Schtiler im wesentlichen das Material 
verarbeiten, welches Sie selbst im vorigen Jahre in der Geschichte 
vorgetragen haben. Da mussen Sie, bevor Sie den Aufsatz machen 
lassen, fur die Neuen durch die Alten ein Thema mundlich behandeln 
lassen. 



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Nun, die Geschichte. Was hatten Sie da durchgenommen? 

X.: Bis zur Reformation, die Luther-Biographie sehr genau. Dann habe ich 
angeschlossen Buckles , .Geschichte der Zivilisation in England" und habe ver- 
sucht, Lichtblicke auf die Gegenwart zu werfen. 

Dr. Steiner: Jetzt wiirde ich empfehlen, zunachst nicht weiterzu- 
gehen, sondern die ganze Sache noch einmal durchzuarbeiten in 
geisteswissenschaftlicher Umarbeit, anschlieftend an Lecky ,, Ge- 
schichte der neueren Zivilisation". 

X.: Ich habe jetzt im Deutschen 8. und 9. Klasse vereinigt. 

Dr. Steiner: Es wird dann vielleicht gut sein, wenn Sie den Herman 
Grimm mit Goethe vorausschicken. Da konnen Sie manches von 
dem nachholen, was Sie mit Bezug auf Goethe, Schiller und Herder 
gesagt haben, so daft Sie den beiden Klassen gerecht werden, und 
Jean Paul fur spater lassen. Geschichtliches konnen Sie mit beiden 
Klassen zusammen machen. 

Dann wiirde es sich urn die Geographie handeln. 

X.: Vorzugsweise durchgenommen ist die Eiszeit; Umlagerung von Land und 
Wasser. Oberhaupt viel Geologisches von dieser Zeit. 

Dr. Steiner: Ich wiirde empfehlen, mit Anschluft an alles dasjenige, 
was man in eine solche Sache hineinbringen kann, eine vollstandige 
Gliederung der Alpen durchzunehmen. Nordliche Kalkalpen, siid- 
liche Kalkalpen, mit alien Flufttalern, die die Grenzen bilden, die 
Gebirgsziige, die Gliederung, dann Landschaftliches, einiges iiber die 
geologische Beschaffenheit, angefangen von den Seealpen bis hin- 
iiber zu den osterreichischen Alpen durch die ganze Schweiz hin- 
durch. Dabei konnen Sie in dieser Besprechung der Alpen immer 
einflieften lassen, daft ja eigentlich in der Erdstruktur eine Art Kreuz 
vorhanden ist, auf das die aufteren Gebirgsformationen deuten. Set- 
zen Sie die Alpen fort durch die Pyrenaen, dann durch die Kar- 
paten, gehen Sie iiber durch die waldigen Gebirge, gehen Sie bis 
zum Altai, so haben Sie einen ausgedehnten Ost-West-Gebirgszug, 
der, sich unterirdisch fortsetzend, wie ein Ring sich um die Erde 
schlieftt, der senkrecht durchkreuzt wird von der Anden-Cordilleren- 
Richtung, die einen anderen Kreuzring bildet. Sie konnen zwei 
kreuzformig aufeinander stehende Ringe als Struktur der Erde sehr 
schon den Kindern klarmachen. Sie bekommen dadurch eine Vor- 
stellung, daft die Erde ein innerlich organisierter Korper ist. Das 
konnen Sie alles so tun, daft Sie nicht allzu kurze Zeit verwenden. Sie 
brauchen nicht alles, das ganze geographische Thema auf einmal zu 
machen. 



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Dann Mathematik. Nicht wahr, Sie haben Gleichungen durchgenom- 
men. Wie weit sind Sie im Potenzieren gekommen, Quadrieren, 
Kubieren, allgemeines Potenzieren? Haben Sie Binome und Tri- 
nome kubiert? 

X.: Es ware keine Schwierigkeit. Es lag kein Grund vor, den Binomischen 
Lehrsatz durchzunehmen, (a+b)2 5 (a+b)3, (a+b)4. 

Dr. Steiner: In welcher Form konnen das die Schuler? 
X..- Ich habe das nacheinander ausmultiplizieren lassen. 

Dr. Steiner: Ich meine, wissen Ihre Schuler, daft (a+b) 3 gleich ist a 3 
und so weiter als Formel? Konnen sie das? Wenn Sie es nicht als 
Formel verlangt haben, dann sind Sie noch nicht iibergegangen zum 
Potenzieren von Zahlen, dann haben Sie nicht ausfuhren lassen nach 
der Formel 355 3 , oder 355 2 . So wiirde ich diesen Zweig fortsetzen, 
indem ich das Potenzieren und Kubieren treibe fur Zahlen, von der 
Formel ausgehend; das Radizieren, auch das Ziehen der dritten Wur- 
zel. 

X..: Ich habe es nicht fur wichtig gehalten. 

Dr. Steiner: Bei diesen Dingen kommt es nicht darauf an, daft man 
die Dinge so macht, wie man es spater braucht, sondern daft man 
gewisse Formen des Denkensiibt. Die Formen des Denkens, die man 
beim Kubieren, Quadrieren, beim Ziehen der Wurzeln iibt, dieses 
eigentumliche, daft man gewissermaften abstrahiert von der Konkret- 
heit der Zahlen und die Zahlen zusammenfiigt, in anderer Weise 
gruppiert, das fiihrt so tief hinein in das ganze Gefuge der Zahlen, ist 
denkerisch so bildend, daft man es tun miiftte. 

Dann wiirden praktische Rechnungen notwendig sein. Ich wiirde es 
doch sehr richtig finden, wenn man mit den Schulern solche Dinge 
rechnen wiirde wie zum Beispiel praktische Inhaltsberechnungen, 
was ja durchaus auf Ihre Voraussetzungen ginge. Ich will sagen: 
wenn eine Wasserkanne zylindrisch-kegelfdrmig* ist, enthalt sie ein 
gewisses Quantum Wasser. Wie groft ist das Quantum Wasser, wenn 
der Boden einen Durchmesser hat, der die Halfte ist des Durchmes- 
sers der anderen? ** 

* zylindrisch oder kegelformig. 
** Erganzungsvorschlag der Herausgeber: . . . wenn in einer anderen Kanne 
von gleicher Hohe oder gleicher Gestalt der Boden einen Durchmesser hat, 
der die Halfte ist des Durchmessers der ersten Kanne? 



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Dann wiirde ich daranschlieften Naherungsrechnungen, daB die Kin- 
der diese Begriffe bekommen. Ich wiirde ausgehen — das kann durch- 
aus hier geschehen — von der Behandlung des Nivellierdiopters und 
dem Herausfinden des mittleren Wertes bei irgendwelchen solchen 
praktischen Behandlungen, zum Beispiel beim Wiegen mit einer 
Apothekerwaage. — Dann auch dasjenige, was sich noch an weiteren 
Rechnungen in der Wechseikunde anschliefit. Dann, nicht wahr, 
kommt die Geometrie in Betracht. Korper-Inhaltsberechnungen 
miissen Sie vorangehen lassen, und dann wiirde ich raten, die ersten 
Elemente der Deskriptive zu nehmen. 

X. sagt, was er in der Physik gemacht hat. 

Dr. Sterner: In der Physik mui3ten Sie versuchen, zweierlei zu trei- 
ben: Erstens Akustik und Elektrizitatslehre, dazu gehorig Magnetis- 
mus, daft die Schiiler ganz genau das Telephon verstehen konnen. 
Zweitens Thermik und Mechanisches, alles, was dazu notwendig ist, 
daft die Schiiler ganz genau die Lokomotive verstehen konnen. Das 
ware das Pensum der 9. Klasse. 

X.: Im letzten Jahr war eine Teilung der Geographie, indem ich den astrono- 
mischen Teil durchgenommen hatte. 

Dr. Steiner: Da kame naturlich im Anschlufi daran das Dopplersche 
Prinzip, die Bewegung der Sterne in der Sehrichtung. Sie haben die 
Bewegung der Sterne an der Sehrichtung vorbei behandelt. Nehmen 
Sie alles dasjenige, was dazu fuhrt, die Bewegung der Sterne in der 
Sehrichtung zu erfahren. Sie miissen dahin arbeiten. 

X. .* In der Physik also keine Optik, nur Thermik, Mechanik, Elektrizitat? 

Dr. Steiner: Da konnen Sie das Optische einfiigen, was Sie brauchen, 
um das Dopplersche Prinzip zu erklaren. Exkurse aus der Akustik 
auch mitbesprechen. 

X.: 1st es berechtigt, aus der Verschiebung der Spektrallinien die Bewegung 
nach vorne zu schliefien? 

Dr. Steiner: Warum nicht? Nicht wahr, wenn Sie zwei Spektren 
haben, und Sie haben einmal die Linie an einer Stelle, das andere Mai 
an anderer Stelle, so ist mit vollkommener Richtigkeit der Schlufi 
der, daft man es mit verschiedenen Entfernungen zu tun hat. Das ist 
ein richtiger SchluB. 

X. : Man wiirde ihn an der Sonne ziehen konnen. 

Dr. Steiner: Ich wiirde das Dopplersche Prinzip nur bei Doppel- 



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sternen anwenden. Ich wiirde es nicht weiter verallgemeinern. Nicht 
wahr, es ist ja eigentlich nur anzuwenden, zu unterscheiden, daft sich 
Sterne um sich herumdrehen, denn man konstatiert, daft die Sterne 
in der Sehrichtung sich zyklisch bewegen. Nur auf das hinarbeiten. 
Chemie: Das, was wir fur die 8. Klasse bestimmt haben, die ersten 
Elemente der organischen Chemie, was ein Alkohol ist, was ein 
Ather ist, das ware jetzt in der 9. Klasse fortzusetzen. 
Anthropologic: Menschenkunde fortsetzen, daft eine richtige 
Anthropologic den Kindern iibermittelt wird. Das miiftte in konzen- 
trischen Kreisen von Klasse zu Klasse aufsteigen und das ubrige 
Naturwissenschaftliche angereiht werden. 

Herr Baumann, was denken Sie im Musikalisch-Gesanglichen mit den 
Schiilern der 9. Klasse zu machen? 

X.: Ich habe das nicht machen konnen, was ich wollte, weil die Schiiler ganz 
unvorgebildet waren fur Musik. 

Dr. Steiner: Ist es nicht durchfiihrbar, daft der Musikunterricht 
erteilt wiirde im Eurythmiesaal, wenn es nicht kollidiert mit der 
Eurythmie? 

X.: Er reicht kaum fur die Eurythmie aus. 

Dr. Steiner: Dann werden wir, bis der grofte Saal gebaut wird, mit 
dem Musikunterricht gar nicht in Ordnung kommen konnen. Es geht 
der Musikunterricht nicht, wie er gehen sollte, bis wir den groften 
Raum haben. 

Zwei Dinge gelten. Man muft den Musikunterricht so vollkommen als 
es geht gestalten. Man kann gerade, wenn man Kinder vorschulen 
will, nicht genug tun mit der Giite des Instrumentes. Es wird ihr 
ganzes Tongehor verdorben, wenn sie schlechte Instrumente horen. 
Das sind grofte Gesichtspunkte. 

Mit dem alten Kirchengesang konnte man sehr gut weitergehen. 

X.: Ich wollte hinweisen auf Dur und Moll, auf die Klangfarbe im rein Ton- 
lichen. 

Dr. Steiner: Das sollte gerade der Lehrstoff der 9. Klasse sein. Das 
miiftte man doch unter alien Umstanden anstreben. Gerade dieses 
etwas theoretisch pflegen und auch etwas in der Empfindung pfle- 
gen, Dur und Moll als Empfindungsinhalt. 

X.: Ich habe im Anstandsunterricht diesen Gegensatz in bezug auf Mannliches 
und Weibliches behandelt. Da schienen die Kinder darauf einzugehen. 

Dr. Steiner: Da wiirde ich finden, daft es nett ware, das gerade mit 



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dem Gesanglichen zu verbinden, auf mannliche und weibliche Stim- 
men diese Sache zu behandeln. Es ist wenig nach dieser Richtung 
ausprobiert worden, und es ist ganz sicher feststehend, daft gin sol- 
cher Unterricht, der in diesem Alter gerade einsetzen wiirde mit 
Bezug auf die Beobachtung der mannlichen und weiblichen Gesangs- 
stimmlage, auBerordentlich entgegenwirken wiirde dem heute stark 
auftretenden, falschen Sexualempfinden. Das wiirde wohltatig wir- 
ken. 

Das ist mir ein Schmerz, daB man nicht vorschreiten kann zur Be- 
handlung des Instrumentes. Die Instrumente behandeln, ist etwas, 
was unersetzlich ist. Nicht wahr, was Privatstunden sind, Privat- 
stunden sind Privatstunden. Hier wiirde darauf gesehen werden, daB, 
so wie wir es auffassen, es in die ganze Erziehung eingreift. Dazu 
tragt eine Privatstunde nichts bei. Schade ist es schon, daB wir es 
nicht konnen. Ich fiirchte, wir werden sehr lange iiberhaupt zu die- 
sem nicht kommen. 

X.: Wir haben einige Instrumente, aber wir brauchen Raume, und man miiftte 
einen Lehrer haben. 

Dr. Steiner: Das war in Aussicht genommen. Handelt es sich nur um 
Raume? 

X.: Es sind gegen funfzehn Instrumente da. Wenn wir den Gesangsraum hat- 
ten, dann konnte man solche Sachen schon machen wie die Kindersinfonie 
von Haydn. 

Dr. Steiner: Das ware richtig. 

Es wird eine Frage gestellt wegen des Sprachunterrichts. 

Dr. Steiner: Ich wiirde versuchen, viel Wert zu legen in diesem Alter 
auf das rezitatorische Element. Im Rezitieren noch einiges lernen in 
der Beherrschung der Sprache. Sinn von Wendungen, die sie im Rezi- 
tieren aufnehmen, und das anwenden auf anderes. 
In der Eurythmie setzt man fort. Grammatikalisches. 
Im Handfertigkeitsunterricht hatte ich gemeint, daB man ganz so 
unter der Hand, im Nebenbei, iiberall Kiinstlerisches, Kunstempfin- 
den und so etwas kultivieren sollte. Bei ihm kommt es darauf hinaus, 
daB man die Kinder abwechselnd das und jenes machen laBt, immer 
Dinge, die bis zum Fertigwerden kommen. Ich wiirde nicht bloB 
niitzliche Gegenstande machen lassen, sondern auch Spielsachen, 
verniinftige Spielsachen. Ganz nett wiirde ich finden, wenn man im 
Handfertigkeitsunterricht die Kinder solche Schmiede, die sich 
gegeneinander bewegen, machen lieBe. Die Kinder werden geschickt. 



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Man kann auch die Kinder Geschenke machen lassen. Ich wiirde auf 
das auch hinausarbeiten. 

Und wenn man es dahin bringt — das ist etwas, was Feierliches ins 
Leben des Kindes bringt — , wenn man es dahin bringt, daft man 
Moos sammeln laBt und sie zu Weihnachten sich Krippchen machen 
laftt, so dafi sie sie selbst formen, daft sie die Schafchen und so weiter 
bemalen, da kommt sehr viel dabei heraus. Niitzlichkeitsgegenstande 
natiirlich nicht versaumen. Besonders Freude haben sie, wenn so 
etwas gemacht wird wie Ratschen, die sind auch so wie ein Schaber- 
nack: 

Wir ratschen, wir ratschen die zwolfe z'samm, 
Die Glocken kommen von Rom. 

X.: Dann ist da noch die Frage nach dem Handarbeitsunterricht. Ich habe mit 
Fraulein S. gesprochen. Sie ist Zeichenlehrerin, hat aber auch die Lehrbefahi- 
gung fur Handarbeit. 

Dr. Steiner: Das ware das Richtige, wenn also eine zugleich kiinstle- 
risch gebildete Kraft den Handarbeitsunterricht besorgen wiirde. 
Man miiftte sich klar werden, daft die Befahigung dadurch erwiesen 
ist. Sie wird sich gut einfiigen. 

Aber nun kommt unter Umstanden noch etwas anderes in Betracht. 
Eine Eigenschaft hat sie nicht, die eine andere Dame hatte, das ist 
Fraulein Hauck. Die hat die Eigenschaft, daft sie von hier ist und die 
Tochter vom ehemaligen Professor Guido Hauck, der einen Aufsatz 
iiber ,, Arnold Bocklins Gefilde der Seeligen und Goethes Faust" 
geschrieben hat. Und iiber ,,Technikers Faust-Erklarung". Hauck 
war einer der letzten. Wenn die sich entschlieften konnte, Hand- 
arbeitslehrerin zu werden, so hatte man den Vorzug, daft sie eine 
Schwabin ware, was ganz gut ware. Sie hat bis jetzt gelehrt an einer 
Arbeiterschule; das wiirde ich aber als einen Grund betrachten, sie 
nicht hierher zu rufen, weil es sehr gut ware, wenn solche Leute da 
unterrichten wiirden. Die Arbeiterschulen sagen, es sei nicht not- 
wendig, daft die Leute solchen Firlefanz lernen wie darstellende 
Geometrie. Es muft der ganze Unterricht ausgefiillt werden mit Klas- 
senkampf und Vorbereitung in der Revolution. Das ist das eine, und 
das andere ist aus der Zeitgeschichte erklarlich. Das andere ist, daft 
man in der Technischen Hochschule ihr den Stuhl vor die Tiir gesetzt 
hat. Ich bitte Herrn Strakosch, dariiber ein Urteil zu fallen: Die 
Leute sollen beim Maschinenbau in der Fabrik die darstellende Geo- 
metrie lernen, solches Zeug sei nicht mehr notig. Ich glaube — ich 
bitte Sie, dann auch Ihre Meinung zu sagen — , daft Architektur und 



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Maschinenbau aufhoren muft, wenn man nicht darstellende Geome- 
tric auf der Hochschule lernt; das ware das Versinken zur Barbarei. 
Man kann im Maschinenbau nicht einen Zapfen durch ein Loch 
dirigieren, die Leute konnen keine Durchdringung konstruieren, Es 
ist der reine Wahnsinn. 

Die Dame ware mir auch geeignet. Aber ich fiirchte, da/3 da unter 
Umstanden die Anspriiche unsere gegenwartigen Verhaltnisse iiber- 
steigen konnten. Sie war langjahriger Assistent an der Technischen 
Hochschule. Diese zwei Damen wiirden in Betracht kommen. Frau- 
lein S. ist es aus personlichen Griinden lieber, wenn sie nicht gerufen 
wird. Vielleicht kann man morgen an Fraulein Hauck telegraphieren, 
ob sie kann. 

Im Freien Religionsunterricht konnten wir fur diese Gruppe der 7., 
8., 9. Klasse dazu iibergehen, nun in einer freien Form mit ihnen 
solche Dinge wie Praexistenz und Post-Mortem-Leben, die ganze 
Konsequenz des Praexistenzlebens, theoretisch zu erklaren. Bei- 
spiele dafur geben. Die groften Kulturzusammenhange den Kindern 
beibringen, wie man das sieht. Die Mission des Menschen auf der 
Erde. Man braucht nur Goethe auf das anzuschauen oder Jean Paul; 
man sieht schon, man kann nachweisen iiberall, daft ihre Fahigkeiten 
vom vorgeburtlichen Leben kommen. 

Dann, nicht wahr, ist es ein sehr gutes Bild, das wirklich bis ins 
Religiose hinaufgetrieben werden kann, wenn man den Leib des 
Laokoon erklart. In Wirklichkeit ist es so beim Laokoon, daft der 
Atherleib sich trennt und dadurc'h der physische Leib diese Verren- 
kungen macht. Dieses Zerbrechen des physischen Leibes beim Lao- 
koon, das ist etwas, wo man viel daran demonstrieren kann. Man 
miiftte eine Gruppe haben. Aber es ins Religiose heraufheben, diese 
Scheu vor dem sich auflosenden Menschenkorper. 
Die Sonntagsfeier ist festgelegt. Anstelle von Frau Koegel ware 
jemand zu designieren, der die Kinder einfiihrt. Da wiirde ich um 
Vorschlage bitten. Es ist das etwas, wozu man sich besonders 
bestimmt fiihlen muft. Schlagt sich jemand selbst vor? MochtenSie 
es mit Fraulein Rohrle zusammen machen? 

X.: Es ist ein Madchen angemeldet, das taubstumm ist. 

Dr. Steiner: Sie kann doch nicht zu uns in die Waldorfschule kom- 
men. 

Ein Klassenlehrer fragt wegen eines anderen Kindes, das angemeldet wurde. 
Dr. Sterner: Wie ist es mit dem? Der Junge erbarmt einen. 



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X.: Er ist im Klassenunterricht unmoglich. 

Dr. Steiner: Das wird vielleicht nur voriibergehend sein. Wie er bei 
m.ir war, hat er durchaus so ausgesehen, als ob er gebessert werden 
konnte. Ich bin auch uberzeugt, wenn man das mit ihm macht, was 
ich vorgeschrieben habe, daft es in einem halben Jahre besser ist. Auf 
der anderen Seite kann man nicht hoffen, daft es, wenn er ganz 
isoliert ist, besser wird. Das kann man nicht machen. 

X.; Dann kommen meine Kinder zu lcurz. 

Dr. Steiner: Ich glaube, daft es vpriibergehend sein wird. Es wird 
wahrscheinlich doch mit dem zusammenhangen, daft er gerade in die 
Schule gekommen ist, was durchaus vorauswirken kann. 

X.: Er war furchtbar aufgeregt. 

Dr. Steiner: In diesem Kinde ist eine ziemliche Unregelmaftigkeit in 
der ganzen Konstitution. Das ist ein Junge, der hat so etwas wie — 
man kann sich mit dem physischen Leib einen Arm brechen oder ein 
Bein brechen, man kann sich nicht den Kopf brechen — , dieser hat 
einen gebrochenen Atherkopf, und so ist er naturlich alle Augen- 
blicke aufgeregt. Bei ihm auftert es sich mehr als bei einem anderen 
Kinde. Aber ich glaube, es wird voriibergehend sein. Jedenfalls mufi 
man den Eltern sagen, sie mussen sich gedulden, bis wir diese Hilfs- 
klasse haben. Kennen Sie ihn schon lange? War er immer so? Durch 
jede Erschiitterung wird die ganze Geschichte in Unordnung 
gebracht. Wird ihm die Arznei beigebracht? Hat er Krankheiten 
gehabt? Wir haben etwas konstatiert. Sie sagten Gehirnrachitis. Das 
stimmt auch. Man bekampft Gehirnrachitis durch Beibringen von 
Hypophysis Cerebri. Hat er Geschwister? Es ist eine Wachstums- 
storung da, die durch irgend etwas bewirkt worden ist, was der Mut- 
ter passierte vor der Geburt. 

X.: Sie hat mir nachher erzahlt, dafi sie die ganze Zeit halb irrsinnig gewesen 
ist. 

Dr. Steiner: Der Junge ist in diesen Zustand versetzt worden durch 
die Schwangerschaft. Dann werden wir das machen mit ihm und ihn 
in die Schule hineinnehmen, wenn die Hilfsklasse von Dr. Schubert 
eroffnet wird. 

Dann haben Sie wohl andere Fragcn. 

Es wird noch einmal gefragt nach der Feststellung der Stellung Dr. Steiners im 
Aufieren der Schule. 



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Dr. Steiner: Diese Feststellung meiner Stellung hat nur einen Oppor- 
tunitatswert. Das ware gut gewesen, wenn dazumal, als das Lehrer- 
kollegium eingereicht war, ich mit eingereicht worden ware. Nur da, 
wenn es einmal geschehen konnte, daB man notig hatte der Behorde 
gegeniiber die Sache exakt zu haben, das ist naturlich das, worauf es 
ankommt. 

X.: Wenn ich vorschlagen darf, wenn man jetzt eine Gesamtliste einreicht und 
an der Spitze Sie selbst nennt. 

Dr. Steiner: Es sieht immer jetzt komisch aus, weil sie es mit den 
alten Listen vergleichen. 

X.: Repariert werden mufi es doch. 

Dr. Steiner: Man kann kaum etwas anderes machen, als daft man 
schreibt, es sei vergessen worden, und man tragt es nach. ,,Wir haben 
leider das vorige Mai vergessen und tragen es nach." Ich witfke sonst 
keine Moglichkeit, dariiber wegzukommen. Sonst sieht es immer 
komisch aus, wenn man es stillschweigend macht. Auch wenn man 
eine neue Liste macht. 

Es wird eine Frage gestellt wegen der Gegnerschaft gegen die. Anthroposophie. 

Dr. Steiner: Diese Geriichte tauchen immer auf. Das steht iiberall in 
der Schweiz. Jetzt ist man auf der Spur nach anderen Verzweigungen 
dieser verleumderischen Dinge, die darauf hinzielen, durch Machina- 
tionen die Spur zu verwischen, dafl ich etwas mit der Anthroposo- 
phie getan hatte, aber die Lehre zu nehmen und von anderer Seite zu 
verbreiten. Man geht darauf aus, die Lehre von sich aus zu verbreiten, 
aber die Spur zu verwischen, daft es von mir kommt. 

Ware aufierdem noch etwas? 

X. fragt wegen des Weltschulvereins, der seinen Sitz in Dornach haben, aber in 
Deutschland arbeiten solle. Wenn man jetzt die deutsche Sektion grunden 
wiirde, dann konnte man bei den Hochschulkursen in Dornach das ganze ord- 
nen. 

Dr. Steiner: Miissen wir nicht zuerst den Weltschulverein haben, 
bevor wir eine deutsche Sektion begriinden konnten? Der Wegzum 
Weltschulverein konnte jetzt nur der sein, dafi man nun wirklich 
sichtbarlich von einem bestimmten internationalen Zentrum aus die 
Sache macht. 

Es konnte das Zentrum des Weltschulvereins Dornach sein, aber es 
muB nicht das Zentrum sein, von dem aus es gemacht wird. Damals 



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hatten wir eine ganz bestimmte Form der Agitation gehabt, daft wir 
mit aller Scharfe betont hatten, wir haben noch eine kleine Schule 
und konnen nicht weiter, miissen so viele Kinder abweisen. Dieser 
Agitationsstoff ist uns jetzt entzogen. Nun miissen wir den Welt- 
schulverein anders anfangen. Da kann man natiirlich, wenn wir in 
Dornach einen guten Besuch haben, zunachst anfangen, Stimmung 
zu machen. Ich glaube nicht, daft es von hier aus gemacht werden 
soil, weil wir nicht die negative Anlehnung haben, daft wir sagen 
konnen, da warten hundert Kinder vor den Toren der Schule. 
Nun miissen wir es anders anfangen. Da konnen wir in Dornach dafiir 
agitieren, und dann habe ich gedacht, daft es jetzt von einem inter- 
nationalen Orte aus geschehen miiftte, etwa vom Haag aus. Wir haben 
eine begriindete Hoffnung, daft man fur unsere Bewegung noch etwas 
tun konnte. Aber natiirlich wiirden wir uns das Ganze verpfuschen, 
wenn wir hier den Weltschulverein begrunden wiirden. Wir konnen 
alles mogliche fur die Waldorfschule tun, dafiir ist soviel Stimmung 
da; griinden diirfen wir ihn von hier aus nicht. Damals habe ich mir 
gedacht, wir leiten hier eine energische Agitation ein. Von London 
aus wiirde ich die Begrundung viel eher begriiften. Das ist noch nicht 
zu erreichen. Und aufterdem ist die Hoffnung, daft die andere Sache 
viel schneller geht. 

Die Textiiberlieferung wird an dieser Stelle sprunghaft und unsicher, sowohl 
was die Interpunktion anbelangt als auch, wer was gesagt hat. Mogliche 
Liicken sind hier durch Punkte angedeutet. Im Manuskript stent: . . . das ist 
hoffnungslos, vom Haag aus ... da sitzt niemand . . ., im Haag; vielleicht um 
so besser . . . 

Dr. Steiner: Das hatte ich auch friiher beim Weltschulverein gemeint, 
daft ich es machen miiftte. Wir haben im Haag eine Anzahl von 
Anthroposophen. 

X.; Ich glaube, sie sind alle durcheinander. 

(X.): Sie konnen mit H. nicht rechnen. Er bekennt niemals, dafl er zur Anthro- 
posophie gehort. 

Dr. Steiner: Wenn ich nach dem Haag ginge, wiirde ich in H. einen 
Heifer haben. 

X: Solange Sie da sind! 

Dr. Steiner: Mehr braucht es nicht . . . Es geniigt, wenn er das eine 
auf die Beine bringt, wenn er die Wege ebnet. 

X.: Er versperrt die Wege . . . Er hat verheimlicht, dafi es ein Goetheanum 



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gibt. Die Studenten waren iiberrascht, als sie horten, dafi es das gibt, obgleich 
sie unter H.s Leitung in die Schweiz gefuhrt wurden. 

Dr. Steiner: So sind die Menschen! Aber auf eine andere Weise, als 
daft man die Menschen nimmt, wie sie sind, kommt man nicht wei- 
ter . . . 

In der weiteren Debatte werden aufier Haag auch noch Zurich und Genf ge- 
nannt. 

X.: Mussen wir von hier aus nicht noch einige Voraussetzungen machen? Wir 
sollten iiber den Namen der einzelnen Schule nachdenken. Wir finden nicht 
das, worauf Sie abzielten. 

Dr. Steiner: Ich glaube nicht, daft es besonders aktuell ist, den 
Namen der einzelnen Schule zu finden. Was wollen Sie von hier aus 
fur Bedingungen scha ffen? 

X.: Ich bin mir nicht sicher, ob von uns aus alles bedacht ist. 

Dr. Steiner: Schlieftlich handelt es sich darum, daft man sich auf die 
Hohe der Situation stellt im gegebenen Augenblick, das ist heute. Ich 
habe es mitgeteilt. Wenn man mit solchen elementaren Satzen unse- 
rer Bewegung dienen wiirde, dann ware gedient. Man muft die Welt- 
situation begreifen. 

Wir mussen die Dinge ausnutzen. Sehen Sie, wir haben zum Beispiel 
hier den Verlag gegrundet, dieser Verlag hat bis jetzt wenig getan. 
Aber zwei Biicher sind erschienen, Dr. Steins Buch und Polzers 
Buch. Also fast wenigstens Erstlingswerke in grofter Auflage. In 
wenig Wochen sind die beiden Biicher abgesetzt. Uns ist heute gesagt 
worden, daft auch das Buch gegen Traub ausverkauft ist. Die Leute 
da verschlafen. Die Bewegung tragt heute schon, wenn man die 
Stromung aufnehmen wird. Die Stromung als solche ist da. Es 
schwimmt niemand darinnen. Man muft wirklich sagen, die Stro- 
mung ist da, es schwimmt niemand darin. Man sieht es an den offent- 
lichen Vortragen, die immer stark besucht werden. Es ist wirklich 
wahr, Bewegung ist schon da, man denkt gar nicht daran, daft eine 
solche Bewegung da ist. 

In Wirklichkeit — nicht wahr, die Dinge, die hier gesagt werden, 
werden auch vertraulich gesagt — ist es notwendig, eine Bemerkung 
zu machen. Es kommt vor, daft die Leitung des Kommenden Tages 
keinen richtigen Begriff hat, daft es eine Dreigliederungsbewegung 
gibt. Das ist nicht etwas, was man zur Agitation unter uns brauchen 
darf, man soil sich bewuftt werden, daft Schlafzustand vorhanden ist. 
Es wird viel begonnen und hort dann auf. Wenn ich sollte alle einzel- 



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nen Auftrage geben, dann kann ich nur sagen, das kann alles gesche- 
hen; dann diirfen nicht die Sitzungen bis drei Uhr nachts dauern. 
In Berlin werden Sie die wenigste Unterstiitzung finden. In Berlin ist 
keine Neigung vorhanden. Aber in Berlin konnte man nur eben etwas 
machen, wenn wir einmal acht Tage dort sein konnten. In dreiTagen 
konnten wir es nicht machen. Berlin sieht nicht iiber die Mauern von 
Berlin hinaus. 

X.: Wann wurde es moglich sein, das im Haag zu machen? 

Dr. Steiner: Wenn man sehen wiirde, daft man Stimmung machen 
kann, dann wird man in Dornach daran denken, ziemlich nahezu im 
Anschluft daran. 

X. : Dann mufite man schliissig werden, wie man die Stimmung am besten 
erzeugt. 

Dr. Steiner: Ja, sehen Sie, da miiftte man manchmal in edlerem Sinne 
agitieren lernen. Nicht wahr, wenn Sie zum Beispiel die Gruppe 
Haaft-Berkow bei ihrer Jause anhoren wiirden, so wiirden Sie sehen, 
sie haben eine Hand dafiir, Stimmung zu machen. Es miiftte zum 
Beispiel einmal, wo die Leute aus der Fremde kommen, gelingen, 
andere Gesprachstitel anzufiihren. Es kommt auf Stimmungmachen 
an. Das muft nicht in unedlem Sinne gemeint sein. Es kommt darauf 
an, daft man Stimmung macht, statt daft man sich dariiber unterhalt, 
wie man — ich will nicht sagen, von was man sich unterhalt! Wenn so 
viel Menschen auf einem Platz beisammen sind, da geht so viel von 
Mensch zu Mensch zu machen. 

Es handelt sich darum, fur Zwecke der Griindung des Weltschul- 
vereins die rechte Stimmung zu machen. Nehmen Sie an, Sie bringen 
es zustande, daft also fiinfzig Menschen die Meinung kriegen, es muft 
ein Weltschulverein gegriindet werden. Wenn die Leute von Dornach 
abreisen, und es in der richtigen Weise erregt wird, das bedeutet, daft 
drei Wochen darauf fiinfhundert, sechs Wochen darauf funftausend 
die Meinung haben, es muft ein Weltschulverein gegriindet werden. 
Man muft das Zeug haben, in einer Anzahl von Menschen eine solche 
Meinung zu erregen. 

X.: Ware es nicht moglich, dafi die Waldorflehrer Propaganda machen im 
Anschlufi an Vortrage? 

Dr. Steiner: Das konnen Sie selbstverstandlich. Dem miiftte die Stim- 
mungsmache parallel gehen. Wie kommt es denn eigentlich, daft so 
etwas in der Anthroposophischen Gesellschaft nie aufkommen 
kann, wie im besten Sinne des Wortes ein Korpsgeist? 



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Mehrere Lehrer versuchen, diese Frage zu beantworten. 

Dr. Steiner: So lange wir eine Anthroposophische Gesellschaft bloft 
waren, kam es auf all das nicht an, da brauchten wir kein Geld. Es ist 
das Ungluck da, daft wir es jetzt brauchen. Und jetzt handelt es sich 
nicht darum, daft man geldgierig ist, es handelt sich darum, daft die 
Bewegung getragen werden muft. Das kriegt man nicht anders, als 
wenn Stimmung gemacht wird. Nun mochte man durchaus — das ist 
dasjenige, was ich schmerzlich empfinde: es besteht eine gewisse 
innere Opposition bei sehr vielen, die etwas tun sollten. Sie mochten 
das nicht tun, was ich fur das Rechte halte, sondern irgendwie etwas 
anderes. Sie strauben sich furchtbar. Das ist die Sitte unserer Zeit, als 
wenn wir bloft aus dem Geiste zu wirken brauchten, als wenn wir 
kein Geld brauchten. Wenn man Geld braucht, da mufi man eben 
etwas tun dazu. Es braucht nicht unidealistisch zu sein, aberesmuft 
etwas getan werden. Ich glaube namlich, daft viel mehr Opposition 
ist, als Sie annehmen, innere Opposition. So ein Sich-Stemmen, 
Strauben ist da; Schlaf, absolute Cliquenbildung. Es ware gut, wenn 
man Korpsgeist entwickelt. 

Wir konnen noch nicht eine Sektion begrunden von etwas, was noch 
nicht besteht. 

X.: Von irgendwo diirfte doch der AnstoB ausgehen. 

Dr. Steiner: Das miiftte von einem weiteren Kreis ausgehen. 

X. : Vielleicht konnte man herantreten an Vertreter der lokalen Schulbestre- 
bungen und sie erwarmen fur den Weltschulverein, zum Beispiel Rektor B. in 
Br. 

Dr. Steiner: Es handelt sich nicht darum, daft man den Namen Welt- 
schulverein in die Welt bringt, sondern daft man eine Organisation in 
die Welt setzt. B. ist warm genug. In dem Augenblick, wo man den 
Weltschulverein hat, ist er auch dabei und wird wirken. Nicht wahr, 
bei B. in Br. bedeutet es nichts anderes, als daft man ein Loch mehr 
aufmacht fur das Geldschnorren. Ob Sie als Waldorflehrerschaft oder 
als Weltschulverein herumgehen und Geld sammeln, auf das kommt 
es nicht an. Das ist nur ein neuer Name fur dieselbe Sache. Man muft 
eine wirkliche Organisation schaffen, die eine Organisation fur sich 
ist. 

X.: Wir mussen den Zeitpunkt des Dornacher Hochschulkurses ausnutzen. 

Dr. Steiner: Es ist notig, daft wir diese Leute zu Tragern des Agita- 
tionsgedankens machen. Von den Menschen werden wir direkt nicht 



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viel haben konnen, das werden arme Schlucker sein, die lieber etwas 
beziehen mochten. Solche haben wir auch. Es kommt darauf an, daft 
diese Leute die Trager des Gedankens sind und diesen Gedanken 
hinaustragen. Dann kommt es darauf an, daft diese Agitation warm 
erhalten bleibt. Wenn wir im Haag etwas inaugurieren — es braucht 
kein Verein zu sein, eine Agitation braucht nur entfaltet zu wer- 
den — , wenn wir das vom Haag aus machen konnen, so darf man 
nicht vergessen, es besteht eine starke Stimmung dafiir, man muft 
Mitteleuropa aufhelfen. Sie mochten das schon. Wenn man da den 
rechten Ton trifft, so geschieht etwas. Man mufi versuchen, die Ge- 
fiihle, die da sind, so zu formulieren, daft es in die rechte Richtung 
kommt. Der Gesichtspunkt ist schon da. Das ware schon zu errei- 
chen. Das konnte bald geschehen, wenn die Seelen aufwachen 
wiirden. — Sie sind wach genug. Wenn Sie etwas recht Gescheites mit 
derselben Kraft in Dornach hinausschmettern, so ist das schon ganz 
gut. 

Es ist doch besser, wenn nicht die Bettler und Landstreicher den 
Verein gegen Verarmung griinden, sondern die, die etwas in der 
Tasche haben. 

Es wird iiber Stuttgarter Hochschulkurse im kommenden Winter gesprochen 
und berichtet, iiber welche Gebiete einzelne Lehrer vorzutragen gedenken. 

Dr. Steiner: Es ist viel geredet worden, es miiftte etwas geschehen. 
Ich wiirde nur nicht wiinschen, daft es von hier aus in die Hand 
genommen wird, eine Art hochschulmaftige Vortrage, und daft das 
ins Wasser fallt. Das ware das allerschlimmste. Ich wiirde iiber 
Anthroposophie, Philosophie und so etwas reden. 

X. ; Wir hatten in Aussicht genommen, eine Art Semestralvorlesungen. 

Dr. Steiner: Man kanri die Lehrfacher anders gruppieren. Ich wiirde 
nicht so nach diesen alten Schablonen gruppieren. ich wiirde mehr 
nach den sachlichen Gesichtspunkten gruppieren. - Sie konnen 
doch, Herr von Baravalle, Einsteins Theorie und Quantentheorie 
behandeln. 

X.: Ich glaube, daft wir es den Studenten leichter darstellen. Die Leute wer- 
den es hier verstehen. 

Dr. Steiner: Synthetische Geometrie, davon verspreche ich mir 
ungeheuer viel fur eine Gesundung. Ich bin einverstanden mit dem, 
was Sie sich als Programm vorsetzen. Diese vielleicht wirklich ganz 
andersartigen Vorstellungen, die die Leute bekommen, wenn aufter 
dem, eine Ellipse aus der Gleichung bestimmen zu konnen, wenn sie 



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aus einem Strahlenbiischel die Genesis einer Ellipse begreifen, das 
ist viel. 

Ich weifi nicht, ob das nicht zum Beispiel ganz interessant ware, die 
Grundbegriffe der analytischen Geometrie, dann die der syntheti- 
schen Geometrie, dann parallele Kegelschnittlinien, analytisch und 
synthetisch. Jetzt wird es meistens so gelehrt, dafl man einen Kurs 
hat fur analytische Geometrie und einen fur synthetische. Dieses 
reizvolle, was da ware, wenn man die ganze Kegelschnittlehre analy- 
tisch und synthetisch lernt! 

Ich glaube, wir miissen es heute beschliefien. Die Hochschulkursc 
wiirde ich Ihnen sehr ans Herz legen. Bringen Sie den Plan nach 
Dornach mit. In Dornach haben wir mehr auf Personen uns gerich- 
tet. Die Studenten wollen es mehr nach Fachern. Man konnte doch 
spezialisieren. — Dr. Schubert, iiber die Seele der Sprache ist nicht 
viel erforscht worden! 

Im Sinne meiner heutigen Anfangsworte moge sich unser Zusam- 
menwirken entfalten. 



Konferenz vom Montag 15. November 1920, 20 Uhr 



Dr. Steiner: Wir werden heute zuerst wohl die Wiinsche und Mittei- 
lungen der verehrten Mitglieder des Lehrerkollegiums entgegen- 
nehmen, nicht wahr? 

Ich mochte bitten, da wir den ersten Teil der Konferenz haben, ob 
Wiinsche von den einzelnen Mitgliedern vorliegen oder Fragen, die 
aus dem Kollegium hervorgehen, und die innerhalb der Lehrerschaft 
ohne das erweiterte Kollegium, also ohne die spater erscheinenden 
jiingeren Lehrer zu besprechen waren? 

Ich wiirde zunachst fragen wollen, wie sich der Unterricht in der 
9. Klasse nach den Erfahrungen der daran beteiligten Lehrer gestal- 
tet hat. 

Im Deutschen wird Herman Grimm gelesen, in der 8. und 9. Klasse. 

Dr. Sterner: Hat sich Ihnen die Moglichkeit ergeben, verschiedenes 
hineinzubeziehen in die Lektiire von Grimm? Wie weit sind Sie 
gekommen mit den Schiilern in der Geschichte? Was haben Sie 
gemacht bei der Stelle, wo er im ersten Vortrag des zweiten Teiles die 
Charakteristik der letzten Jahrhunderte gibt, wo er iiber Rom 
spricht? 

X.: Da haben die Kinder die Geschichte nicht gekannt. 

Dr. Steiner: Es wiirde sich darum handeln, daft Sie die Geschichte 
des 16., 17., 18., 19. Jahrhunderts behandeken, mindestensin der 9. 
Vielleicht daft Sie es doch so machten. In der 9. fehlt es. Nicht wahr, 
bei diesen Jahrhunderten wiirde es sich darum handeln, dafi man auf 
das Ziel losgeht, daft die Schiiler ein Verstandnis fur die Gegenwart 
bekommen. Sie sind schon fiinfzehn Jahre alt. Die Themen konnten 
Sie so nehmen, wie sie in dem Kapitel bei Herman Grimm fur jedes 
Jahrhundert angegeben sind, das 19. Jahrhundert als Zusammenflu6 
der Volkergeschichte. Ich meine, die Themen fur die letzten vier 
Jahrhunderte, als Leitmotive. Eigentlich wiirde es sich darum han- 
deln, das in beiden Klassen zu machen. Nur wird es sich darum 
handeln, daft Sie die Dinge in verschiedener Weise vornehmen kon- 
nen: in der 8. mehr erzahlend, in der 9. mehr auf die leitenden Ideen 
der letzten Jahrhunderte eingehend. 

Sie muftten schon dahin arbeiten, daft Sie die leitenden Ideen den 
Kindern vortragen konnten. Es ist viel Material in den Zyklen da, was 
einfach erweitert werden kann dadurch, daft man die Literatur da 
und dort uberall hernimmt. 



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(Zu einem anderen Lehrer): Dann hatten Sie die mathematischen 
Facher. Haben Sie mit den Kindern schon geometrisches Zeichnen 
durchgenommen ? 

Finden Sie notwendig — ich habe durch die viele Inanspruchnahme 
von anderer Seite zu wenig gesehen — , finden Sie, daft es notwendig 
ist, soviel Verstandesmaftig-Theoretisches in der Physik durchzuneh- 
men? Halt das nicht auf, so viel rein Begriffliches? 

X.: Ich mochte nur so viel bringen, als unbedingt notwendig ist. 

Dr. Steiner: Wieviel beherrschen denn die Schiiler vom reinen Tat- 
sachenmaterial? Es ware natiirlich bei der Elektrizitat darauf zu 
sehen, daft man moglichst in rationeller Weise die Erscheinungen 
selbst in den Vordergrund stellt. Moglichst wenig theoretische Spe- 
kulationen. Das ist etwas, was vielleicht eben doch nicht sehr inten- 
siv haftet; vom rein didaktischen Gesichtspunkt aus diirfte es nicht 
sehr haften. Ich wiirde meinen, daft man bei diesem Gegenstand als 
Ideal betrachten soli, moglichst nur am Experiment als solchem die 
notigen Begriffe zu entwickeln, und zunachst moglichst wenig an der 
Tafel zu zeichnen, sondern die ganze Sache an dem Experiment 
entwickeln. Dann kann man auch die Sokratische Methode, die Sie 
anwenden, versuchen. Wenn man so theoretisch die Sache ent- 
wickelt, dann hilft einem die Sokratische Methode nichts. Woher 
sollen die Kinder etwas wissen? Man kann sie kaum so fragen. Da Sie 
schon die Moglichkeit zum Experimentieren haben, das habe ich 
gesehen, da wiirde ich die Experimentier-Moglichkeit ausniitzen. 
Dann erspart man sehr viel Zeit. Wenn Sie so die Elektrizitat durch- 
nehmen wollen, dann werden Sie durchkommen. Die Kinder lernen 
dabei viel mehr, als wenn man ihnen die Begriffe der Spannung 
auseinandersetzt. Das ware didaktisch nicht schlau. Sie mtissen dann 
zwei Wochen geometrisches Zeichnen betreiben. Nur zwei Wochen 
die Deskriptive. 

X.: Im Fremdsprachenunterricht ist die Forumszene aus dem , Julius Casar" 
gelesen worden. 

Dr. Steiner: Konnen Sie es nicht auch schriftlich machen lassen, als 
eine Art Aufsatz? Es ware notwendig, daft so etwas eingefugt wiirde. 
Auch im Deutschen, daft man doch zu einer Darstellung kame. Daft 
sie wirklich das auch formulieren. 

(Zum Deutschlehrer) : Irgendwelche Themen stellen Sie gar nicht? 
Es wiirde nicht schaden, wenn vorher der Stoff im Vortrag wieder- 
holt ist. Wenn sie nur eigene Formulierungen bringen. 



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Es wird iiber das Franzosische berichtet. 

Dr. Steiner: Jedenfalls konnen wir das, was wir fiir die 9. Klasse 
projektiert haben, durchfiihren. 

Der Deutschlehrer: Ich mufi jetzt Jean Paul nehmen. 

Dr. Steiner: Ich habe das nicht so gemeint, daft es der Reihe nach 
gehen muft. Wir haben ja doch Mitte November; etwas Geschichte 
mussen wir bewaltigen. Zunachst eigentlich die vier Jahrhunderte im 
Zusammenhang. Sie konnen damit wirklich brauchen bis Mitte 
Januar in beiden Klassen. — Fiir alle anderen Klassen ist der Lehrplan 
gegeben. 

X.: Wird dieser Lehrplan nicht allgemein als Norm giiltig sein? 

Dr. Steiner: Zunachst ist es notwendig, daft wir in diesem Jahre 
wissen, was wir zu tun haben. 

X..- Ist im Sprachunterricht schon so etwas wie Literaturgeschichte zu trei- 
ben? 

Dr. Steiner: Mehr Literaturgeschichte als an dem Objekt einiges 
nebenher zu sagen iiber Shakespeare, und wenn Sie gerade das eine 
oder andere behandeln, die Kinder damit bekanntmachen, mehr 
Literaturgeschichte ist doch bei solchen Kindern nicht notig. 
Die Methoden in der Staatsschule fiir Latein und Griechisch, die sind 
die graftlichsten, die auBerste Dekadenz. Wir mussen unsere Kinder 
so weit bringen, daft sie den AnschluB finden. Wenn wir einiger- 
maften unsere Methoden ausgebildet haben, mussen wir die Kinder 
ganz genau so weit bringen. Unsere Methode wird noch nicht so 
gehandhabt. Ich glaube, wenn einmal dieses Problem gelost ist, daft 
Sie durch die Disziplin nicht mehr gestort werden, dann erreichen 
Sie das schon. Das ist die Crux, weil die Kinder Ihnen doch alle vier 
bis flinf Minuten einmal iiber den Kopf wachsen. 
Die osterreichischen Gymnasien waren Musteranstalten. Dieser 
Lehrplan war schon das allerbeste, was man denkt, wenn man die 
Sache als solche zugibt. Leo Thun, 1854; Gautsch hat es verdorben. 
Es war die Geschichte gut verteilt. In Weimar fand ich gleich die 
Auffassung der Weltgeschichte: Von der Erschaffung der Welt bis zu 
den Hohenzollern funfzig Seiten, und drei Bande Hohenzollern- 
Geschichte. 

Nicht wahr, dann haben wir ja fiir diese Klasse auch diesen freien 
Religionsunterricht. Wie ist der eingeteilt? 

X.: Wir haben neun Klassen in drei Gruppen. 



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Dr. Steiner: Wodurch sind die Klassen so riesiggeworden? Wenndie 
Verteilung ordentlich ist, so schaden groBe Klassen nichts, aber bei 
Ihnen sitzt schon wirklich der eine auf dem Kopf des anderen. Die 
Klasse des Herrn U. ist zu groB. Die Klasse miiBte geteilt werden. 
73 Kinder! Sie gehen in die Banke nicht hinein, und dann puffen sie 
sich wieder hinaus. Das ist eine Kalamitat. Heute waren die schlimm- 
sten Schiiler nicht da. Also nicht wahr, bei dieser Klasse ist wohl eine 
Trennung notwendig. Ich wiirde doch meinen, es muBte die Klasse 
geteilt werden. Und da gerade bei diesem Unterricht doch wirklich 
sehr viel davon abhangt, daB man Kontakt halt mit den einzelnen — 
man miiBte die Moglichkeit haben, den einen und den anderen mdg- 
lichst oft zu fragen — , muBte die Moglichkeit bestehen, noch zwei 
Stunden einzurichten und die Halfte der Schiiler abzugliedern. 
Es kann hochstens eine Raumfrage sein. Gelost wird es werden 
miissen, sonst werden wir gerade mit diesem Unterricht scheitern. 
Wer konnte diesen Unterricht noch erteilen? 

X. : Ich wiirde es gerne tun. 

Dr. Steiner: Es miiBte jemand sein, der friiher nicht in der Religion 
darinnen gestanden hat. Es kann ja sein, daB Sie nach vielen Jahren 
heraus sind. In den Gedankenformen sicher nicht. Es ist im Lehrer- 
kollegium niemand da. Es ist natiirlich eine schwer zu losende Sache. 
Man muB auch, nicht wahr, die Klippe iiberwinden, Warme hinein- 
zukriegen in den Unterricht, Warme, Warme! Ich wiirde zum Beispiel 
ja schon A. vorschlagen, weiB aber nicht, ob er sich den notigen 
padagogischen Duktus aneignen wiirde. Wenn man es mit A. pro- 
biert? Denn wer ist sonst in der hiesigen Krisenzeit aus der anthro- 
posophischen Bewegung heraus vorzuschlagen? Es gibt niemand. 
Hier friert man furchtbar viel ! 

Ich wuBte niemand anders zu finden. Den Lehrern von hier kann 
man nicht noch etwas aufhalsen. — Die 9. Klasse ist so klein, daB 
man sehr viel an die einzelnen Schiiler herankommen kann. 
(Zu einer Lehrerin): Ich habe die Meinung, daB Sie eigentlich eine 
Hilfe in Ihrer Klasse brauchen, Fraulein H. Auf die Weise wiirde es zu 
machen sein, daB Fraulein S. Ihnen hilft. Dariiber muBte man reden. 
Das namentlich dann, wenn es sich darum handelt, die Kinder zu 
beschaftigen. Die Klasse ist fur Chorunterricht so, daB sie sich weitet. 
Sie hat eine Peripherie, Sie dringen nicht ganz durch bis zu den 
letzten. Am liebsten ware es mir auch, wenn es zwei Klassen werden 
konnten. DaB es schon moglich ware, daB Fraulein S. am Unterricht 
teilnimmt und Ihnen mithilft, wenn Sie die Kinder beschaftigen, 



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wenn sie malen oder zeichnen. Die Klasse fallt auseinander. Die 
einzelnen Kinder sind zu wenig aktiv dabei beim Unterricht. Die 
bleiben untatig eine Zeit. Ich habe mir auch schon gedacht, ob es 
nicht moglich ware, daft Sie eine Stunde geben und darin bleiben, 
und die andere Stunde Fraulein S. den Unterricht gibt. Dadurch 
ware auch fur die Disziplin gesorgt. Man konnte noch nachdenken 
liber den Modus. An sich kann man auch 150 Schiiler haben. Wir 
werden solche groften Klassen nicht haben. Sie haben 50 Schiiler, 
und Ihre Klasse, Fraulein H., ist im konkreten Fall zu groft. 

X.: Darf ich fragen, soil die C-Dur-Tonleiter festgehalten werden, und soli in der 
Toneurythmie Wert gelegt werden auf den absoluten Ton? Ich hatte mir ge- 
dacht, ob man nicht die Toneurythmie als relative Toneurythmie hinnahme. 

Dr. Steiner: Das kann man gut machen. 

Eine Eurythmielehrerin: Ich ging inimcr auf den absoluten Ton. 

Dr. Steiner: Man kann das Befestigen der eurythmischen Bewegung 
schon machen dadurch, daft man im Absoluten bleibt. Man braucht 
das nicht pedantisch festzuhalten. 

Was machen die Kinder bei Ihnen im Werkstattunterricht? 

Ein Werklehrer: Wir haben an den Arbeiten weitergemacht vom vorigen Jahr. 

Dr. Steiner: Geht es dieses Jahr mit der Disziplin' im Handarbeits- 
unterricht? Im vorigen Jahr die letzte Stunde war in der Sache und 
Disziplin ganz schon. 

Haben Sie viel zu tun? Ich frage deshalb, weil ich meine, daft zu einer 
gewissen Anregunggut ware, wenn gerade dieser Stoff der Padagogik 
und Didaktik im vorjahrigen Kurse verarbeitet wiirde. Ob es nicht 
moglich ware, alle vierzehn Tage eine sachliche Konferenz zu 
machen? Abgesehen von der Schule als solcher. Bringen Sie es dazu, 
daft Sie Fragen formulieren, die ein positives Ertragnis haben. Es 
ware doch gut, wenn man bei diesen Dingen in einem gewissen Kon- 
takt bleiben konnte, indem Sie Zweifelsfragen ausarbeiten, und ich 
Themen stellen konnte, die dann zur Besprechung kamen, wenn ich 
hierherkomme. Aber ich hoffe, daft es in der Zukunft Zeit gibt, wo 
ich mich der Waldorfschule widmen kann. Notwendig ware es doch, 
daft Sie Zweifelsfragen ausarbeiteten und diese Fragen mir schick- 
ten, und daft diese Fragen beantwortet wiirden, wenn ich komme. 

Ober den Malunterricht. 

Dr. Steiner (zu einer Klassenlehrerin): Sie haben den Unterricht ver- 
anlagt ? 



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X.: Herr Doktor haben heute einige Versuche gesehen. 

Dr. Steiner: Die sind als solche ganz gut. Es miiftte noch mehr dazu 
kommen, dafi das Herausarbeiten des Konventionellen, dafi die 
Schrift aus dem Malen und Zeichnen herausgearbeitet wird; dazu 
mufite es iiberhaupt mehr kommen. Fur die 1. Klasse sind Richt- 
linien gegeben. Allmahlich weiter ausbilden, daft die Farbe weiter 
entwickelt wird. 

X.: Ich finde es im Augenblick nicht, ich tappe herum. 

Dr. Steiner: Einige von diesen Kindern haben ganz Gutes gemacht. 
Es miiftte etwas herauskommen aus der Farbe. Bei der T. F. ist etwas 
darinnen. 

X. : Ich habe gefunden, dafl die Kinder bei den Wasserfarben sehr schwer zu 
Formen kommen. 

Dr. Steiner: Die Kreidestifte sollte man nicht kultivieren. Worauf es 
ankame, das ware — nur sind wir nicht so weit — , daft wir abgrenzen 
konnten. Es wiirde erst ein ordentlicher, reinlicher Lehrplan sein in 
den unteren Klassen. Die anderen mussen natiirlich fast dasselbe 
durchfiihren. Nur daft man auf das Alter des Schiilers Rucksicht 
nimmt. Die Hauptsache liegt jetzt schon darin, daft ein innerliches 
Gefiihl vom Farbaufbau in den Kindern erweckt wird, ein Erleben 
der Farbenwelt, daft die Kinder ein Gefiihl bekommen vom Leben 
der Farbenwelt im Erleben der Marchen. 

X.: Man mufi doch den Kindern Formen geben, bestimmte Motive. 

Dr. Steiner: Die Kinder kriegen schon Formen, wenn Sie die Phan- 
tasie wirken lassen. Sie mussen die Formen aus der Farbe heraus- 
wachsen lassen. Sie konnen in der Farbenwelt mit den Kindern 
reden. Denken Sie nur, wie anregend es ist, wenn Sie mit den Kin- 
dern bis zum Verstandnis dessen es brachten: Da ist dieses kokette 
Lila, und im Nacken sitzt ihm ein freches Rotchen. Das ganze steht 
auf einem demiitigen Blau. 

Sie mussen es gegenstandlich kriegen — das wirkt seelenbildend — , so 
daft die Farben auch etwas tun. Das, was aus der Farbe heraus 
gedacht ist, das kann man auf fiinfzigerlei Weise machen. Man mufi 
das Kind zum Darinnenleben in der Farbe bringen, indem man sagt: 
,,Wenn das Rot durch das Blau hindurchguckt", und das wirklich 
schaffen laftt vom Kinde. Ich wiirde versuchen, viel Leben gerade in 
dies hineinzubringen. Sie mussen sie etwas aus dem Klotzigen 
(Klatzigen?), aus dem Lassigen herausbringen. Es mufi Feuer hin- 



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ein! Es ist im allgemeinen notwendig, dafi in derjetzigen Zeit dieses 
Farbengefiihl, das nicht so korrumpiert ist wie das Musikalische, 
entwickelt wird. Es wird auf das Musikalische giinstig zuriickwirken, 
wenn das Farbenleben entwickelt wird. 

X.: Waren Sie dafiir, dafi man aufier dem Malen das Zeichnen ubt? 

Dr. Steiner: Das lineare Zeichnen nicht. Das lineare Zeichnen nur, 
wenn es sich darum handelt, Geometrisches zu verstehen. Jedenfalls 
wichtig ist das andere: aus dem Hell-Dunkel heraus arbeiten! In 
dieser Beziehung hat sich die 9. Klasse noch nicht lebendig erwiesen. 
Man mufi alles zu Hilfe nehmen. 

X.; Konnte die 9. und 8. Klasse Malstunden nehmen? 

Dr. Steiner: Man mtifite das in den Stunden, die jetzt schon da sind, 
hereinbringen. Da/3 mehr Kiinstlerisches getrieben werden sollte, das 
ist ganz evident. Deshalb war mir zu tun, dafi Fraulein Hauck herein- 
kommt in den Handfertigkeitsunterricht, daft die Handarbeit 
kunstlerisch gestaltet wird. Zumeist ist das Handarbeitliche phili- 
stros. Ich mochte, daft es wirklich kunstlerisch gestaltet wird. Da in 
der Handarbeit kann man das Lineare anwenden. Auf dem Papier ist 
das Lineare etwas unwesenhaft. Es kann die Briicke geschlagen wer- 
den vom Handarbeitsunterricht zum Handfertigkeitsunterricht. Es 
gibt doch eine ganze Menge Gegenstande, die man bemalen kann. Es 
gibt im Haushalt Dinge, die von den Menschen selbst bemalt werden 
sollten. Wenn die Kinder Puppensachen machen, da konnte viel 
Kunst entwickelt werden. Da konnte Stil, Farbensinn entwickelt 
werden; alles konnte entwickelt werden. Wenn man da durchdringt 
damit, daft der Naturalismus der Puppenbereitungiiberwunden wird, 
dafi etwas Lebendiges da ware, lachende Puppen, kunstlerisch gestal- 
tet, da konnte man segensreich wirken. 

Geradeso wie man die Kinder daran gewohnt, da/3 sie Wechsel schrei- 
ben lernen, weifi ich nicht, warum man die Kinder nicht daran 
gewohnen soil, wie man ein Plakat macht, wie man ein Plakat schon 
findet und bei einem schonen Plakat auch dessen Schonheit wirklich 
erkennt. Das haftliche, unmogliche Plakat sollte ebenfalls erkannt 
werden. Aber die Menschen schauen sich die Sachen an, ohne rasend 
zu werden. Der Geschmack miifite gebildet werden; Stilgefiihl muftte 
entwickelt werden. Was Stilgefiihl betrifft, ist der Unterricht, selbst 
in kiinstlerischen Anstalten, etwas ScheuBliches. 
Die scheufllichsten Proben haben wir hier vor kurzem erlebt. Sie 
kennen das graphische Zeichen der Dreigliederung von den Kern- 



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punkten. Es ist abgeandert worden. Es hat sich darum gehandelt, 
etwas Aktuelles zu machen. Was tut der Kiinstler? Er setzt das 
Motiv, das er macht, so zusammen, daft er das, was links ist, wieder 
rechts macht. Er macht ein gotisches Fenster daraus. Diese Dinge 
kommen vor. 

Es ware wirklich moglich, daft etwas Schones erreicht wird in der 
10., 11. Klasse. Jetzt will einer unserer Fabrikanten eine Vignette 
haben fur Kindermehl. Daft von innen heraus etwas geschaffen wer- 
den kann. Es gibt innere Notwendigkeiten. Heute kennt ja der 
Mensch bloft ein Kunstobjekt. Das muft so sein, wenn es etwas nach- 
ahmt. In Basel gibt es einen Lehrer des Kunstgewerbes, der sagt, er 
sehe gar nicht ein, wozu es notwendig ist, wenn ich das eine Auge 
hier male, warum ich das andere nicht hier malen kann. Das hat 
etwas fur sich, solange man nicht mit den Sachen mitgeht. Was ich 
meine, ist das innerliche Erlebenkonnen. Das meine ich mit dem 
Stilgefuhl. Man muft ein Dreieck erleben konnen, ein Viereck erleben 
konnen. Nicht sich halten an die Imitation, an die Nachahmung. Es 
macht doch heute jeder nur eine Puppe, indem er nachahmt und 
nicht innerlich erlebt. Man mufi es von innen heraus erleben konnen, 
wie eine Puppe weint oder lacht. Dies miiftte alles sinnvoll bis auf die 
Kleidung hin gemacht werden. — Die Madchen konnen eine Puppe, 
die Knaben einen Kasperl machen. Das innerliche Erlebenkonnen, 
das miiftte berucksichtigt werden beim Farbenmalen. 

X.: LaBt sich auch bei den Tonen etwas anwenden? 

Dr. Steiner: Ich glaube doch, daft es sich auch innerlich erleben laftt. 

Musiklehrer: Soli man mit Worten den Kindern etwas naherzubringen 
suchen? Die Melodie als solche oder die einzelnen Tone? 

Dr. Steiner: Es wird sich nur im Thema oder in der Melodie ergeben. 
Wenn man so die Tone behandelt, kommt ein Kunstlerisches heraus. 
Ich glaube, daft Goethe so etwas meint, wie er Klavier gelernt hat. 

Es wird gefragt, ob die Kinder Eurythmieschuhe herstellen sollen. 

Dr. Steiner: Dadurch wiirden die Kinder schwachlich und kranklich. 
Ich glaube, daft es zu Unzukommlichkeiten kommen konnte. Auf 
der anderen Seite, ist so furchtbar viel an Eurythmieschuhen zu 
erzeugen? 

X.: Jetzt ist es so, dafi viele Kinder es fur die anderen machen. 

Dr. Steiner: Wie lange braucht ein Kind, um ein Paar Eurythmie- 



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schuhe zu machen? Ich denke, daft unter den Mitgliedern sehr viele 
waren; ich kann mir denken, daft unter den Mitgliedern manche Frau 
ist, die kann mindestens im Tag ein Dutzend solche Schuhe machen, 
oder neun oder zehn. 

X.: In der 5. Klasse ist ein Schiiler, der nicht Eurythmie machen will. Er hat 
fiir Kiinstlerisches kein Interesse, sondern nur fur Physik, Elektrizitat. 

Dr. Steiner: Wie es unmusikalische Menschen gibt, kann es auch 
uneurythmische Menschen geben. Ich wiirde ihn nicht dispensieren. 
Man sollte nur dispensieren, wenn partielle Idiotie vorhanden ist. 

Wegen eines Schulers S. 

Dr. Steiner: Der unter den Banken hervorgekrochen ist? 
Man mufi immer denken, zum Beispiel: werde ich die Zeichnung in 
die Ecke machen, werde ich es klein oder groft machen. Der muft 
veranlaftt werden, innere Aktivitat zu entwickeln. Der muft angehal- 
ten werden, nicht so hinzuschlafen. Innerlich tatig sein. Es ist besser, 
wenn der Junge etwas machen muft, wozu er sich erst entschlieften 
muft. Das meiste erreicht man mit dem Jungen, wenn man ihn 
beriicksichtigt und freundlich ist. Er kann auch artig sein. Ich habe es 
merkwiirdig gefunden, ich habe immer nur bemerkt, wenn er 
bestraft worden ist. Was er getan hat, habe ich nicht bemerkt. 



Konferenz vom Montag 22. November 1920, 16—18.30 Uhr 



Dr. Steiner: Nun, nicht wahr, einiges mochte ich so sagen von den 
Eindriicken, die mir noch in diesen Tagen gekommen sind. Vor 
alien Dingen wiirde ich wtinschen, daft man hatte so etwas bespre- 
chen konnen — ich furchte, es wird wahrend der diesmaligen An- 
wesenheit nicht mehr gehen; es ist friiher nicht so arggewesen, aber 
jetzt fallt es mir so auf, namentlich in den Klassen, die angebaut 
worden sind — , daft die Wande irgend etwas von Bildern haben 
miiftten. Die 4. Klasse ist eine greuliche Klasse in bezug auf die Bild- 
losigkeit. Und es fiel mir insbesondere so stark auf, ich sagte es 
Herrn U., als er die Religionsklasse hatte, da geht es stark ab. Man 
miifite dafiir sorgen. Es ist auch die 5., die zu wiinschen iibrig laftt. Es 
ist mir aufgefallen, daB es notwendig wird, daft die Wande einem 
nicht als Wande entgegentreten, daB sie etwas von Bildern haben 
miiBten. Es miiBte sehr sorgfaltig gemacht werden. 

Es wird ein Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft erwahnt, das fur 
Bilder sorgen will, Herr G. 

Dr. Steiner: Davor habe ich eine kleine Angst. Es miiftte ganz im 
Sinne unserer Padagogik geschehen. Deshalb kann es sich nicht voll- 
ziehen, bevor ich komme. 

Wo sind Maler, die etwas machen konnten? Es miiBten geradezu die 
Anregungen von den betreffenden Klassenlehrern ausgehen. Und 
dann miiBte die Sache wirklich recht kiinstlerisch behandelt sein. Gar 
nichts Unkiinstlerisches darf vorhanden sein. Es miiftte wirklich fur 
diese Schule Besonderes gesch affen werden. 

Es wiirde zum Beispiel von einer groften Bedeutung sein — heute 
morgen hat Fraulein L. durchgenommen das ,,Riesenspielzeug", 
und nun, nicht wahr, ist von Chamisso das Gedicht so gemeint, daft 
man, sobald man es den Kindern in dieser Chamisso-Gesinnung vor- 
bringt, leicht etwas ins Rationalistische kommt, und ihm leicht den 
Duft nehmen kann. Das Gedicht ist so — so hat man das aufzufas- 
sen — , daB die Burgriesen die alte Gutsaristokratie sind. Es ist ein 
grundlich tief soziales Gedicht. Das Riesenspielzeug ist der Bauer, 
der von der Gutsaristokratie als Spielzeug benutzt wird. Ich wiirde 
heute morgen zuriickgeschreckt sein, so etwas anzudeuten. Es wird 
so etwas leicht rationalistisch. Dagegen dies: da die Kinder es sehr 
lieb gehabt haben, sollte man versuchen, dies nun ins Malerische zu 
iibersetzen, aber mit diesem Gedanken — wodurch es den Duft nicht 



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verliert — , mit diesem Gedanken des Spielens der untergehenden 
Gutsaristokratie, daft man das darin hat. Also gewissermaften nicht 
den Kindern das Gedicht in Prosa iibersetzen, sondern es ins Bild 
iibersetzen. Das gibt einen tiefen Eindruck, wenn so etwas gerade da 
hangt, was dem Unterricht entnommen ist und was die Kinder 
durchgefuhlt haben. 

Ich habe mit Fraulein Waller am Anfang der Waldorfschule langst 
davon gesprochen, daft man etwas schaffen miiftte, was den Meta- 
morphosegedanken durch die Reiche des Lebendigen hindurch gibt 
in einem wirklichen Kunstwerk. So etwas Ahnliches, was durch- 
gefuhrt ist in Dornach in den Ubergangen von einem Architrav zum 
anderen. Dadurch wiirde esdem Lehrer ungemein erleichtert sein, in 
solchen Dingen etwas, was zum Unterricht gehort, gerade daran zu 
erklaren. — Wenn uns G. etwas liefert, so liefert er Dinge, die ihm 
gefallen. Das ist etwas, wovon wir nichts haben. Vielleicht denken 
Sie zunachst iiber solche Sachen nach. Aber so etwas brauchen wir. 

X.; 1st es padagogisch ungiinstig, wenn die Kinder selbst etwas machen? 

Dr. Steiner: Ihre Nichte war bei mir und brachte mir ihre erste 
Malerei. Sie sagte, das ware nicht bloft, daft ich es ansehen miiftte, 
sondern das miiftte ich mir zuhause an die Wand hangen. 
Da kommt es darauf an, wie die Sachen sind. Ich habe nichts da- 
gegen, wenn auch die Sachen von Kindern aufgehangt werden. Bei 
Bildern ist es furchtbar schwer; eigentlich ist ein gewohnliches Bild 
an die Wand zu hangen, ein Ungedanke. Was soil ein Bild an der 
Wand? Kiinstlerische Zeiten haben nie so gedacht, Bilder an die 
Wand zu hangen. Ein Bild muft dem Raum angepaftt sein. Das 
Abendmahl von Leonardo ist im Speisesaal des Klosters. In Kreis- 
form saften die Monche, die vierte Wand wurde gemalt. Er aft mit, Er 
gehorte dazu. Das ist aus dem Raum und aus den Verhaltnissen 
heraus gedacht. Solche Dir^ge rechtfertigen die Sachen. Einfach Bil- 
der aufzuhangen, dann wird die Sache um so irriger. 

X.: Ich wollte Nachbildungen der Dornacher Glasfenster aufhangen. 
Dr. Steiner: Man laftt es eine Zeitlang. 

X. fragt, ob man Bilder von einem anthroposophischen Maler aufhangen solle. 

Dr. Steiner: Es kommt darauf an, wie esgemacht wird. Es hat schon 
eine Bedeutung, wenn die Kinder Bilder haben, die auf sie einen 
bleibenden Eindruck machen. 

Dann ist da eine Sache, die ich zur Sprache bringen muft. Es sind 



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allerlei Dinge im Bau begriffen. Nun, nicht wahr, ist es so, daft der 
musikalische Unterricht unter dem Nichtvorhandensein von geeig- 
neten Raumen an alien Moglichkeiten des fruchtbaren Unterrichtes 
leidet. Das ist doch eine Kalamitat. Nicht wahr, wenn halt der Musik- 
lehrer taub wird dadurch, daft er in einem ganz ungeeigneten Raum 
unterrichten muft, so ist das eine Kalamitat. Das ist etwas, dem 
abgeholfen werden muftte. Man hat eine solche Befriedigung fur die 
Waldorfschule, wenn so ein Quartett auftritt. Das zeigt, was geleistet 
werden konnte, wenn alle Grundlagen da waren. Es ware gut, wenn 
eine gewisse Sicherheit dafur vorhanden ist, daft darauf Rucksicht 
genommen wird, daft die Musik tatsachlich einmal fiir drei, vier Jahre 
ordentlich untergebracht ist. 

X.: Ein Musiksaal ist vorgesehen. 

Dr. Steiner: Ist der Musiklehrer als Sachverstandiger zugezogen wor- 
den? Das ware notwendig, daft Sie das selbst anordnen, was Sie 
wollen. Es miiftte schon dafiir gesorgt werden, daft die Turnhalle zu 
gleicher Zeit fiir den musikalischen Teil der Schule etwas hat. 

Der Musiklehrer: Ich brauche auch fiir die Vorbereitung des Unterrichts einen 
geeigneten Raum. Ich mufite etwas klanglich ausprobieren. 

Dr. Steiner: Es ware notwendig, daft diese Sachen so eingerichtet 
werden, wie Sie es selbst angeben. 

Werden geniigend grofte Raume da sein fiir den Handfertigkeitsunter- 
richt? Wie kommen Sie durch mit alien Kindern? Wenn Sie immer 
solch einen Trupp haben, dann konnen Sie kaum durchkommen. 

X. : Es fangt mit der 6. erst an. 

Dr. Steiner: Trotzdem weift ich nicht, ob Sie durchkommen konnen. 
Viel mehr hat man nicht Platz in den Raumen, die ein Winkelwerk 
sind. Die Kinder werden krank werden. Das waren Fingerzeige, die 
notwendig gewesen waren zu beachten. 

Jetzt mochte ich, daft sich die Freunde aussprechen iiber die Dinge, 
die sie gerne besprochen hatten. 

X.: Ich wollte fragen, wie man Kinder behandeln soli, die lethargisch sind. 

Dr. Steiner: Wie ist der Sch. im Handfertigkeitsunterricht? Er geht 
so komisch. Ich habe im vorigen Jahre bei einigen schwach begrei- 
fenden Kindern so etwas als Grundiibungen angegeben, daft sie am 
eigenen Korper denken muftten. ,,Greife mit dem rechten dritten 
Finger deine linke Schulter an." Solche Dinge werden sie am eigenen 



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Korper denken miissen. Ich habe auch gezeigt, man zeichnet ihnen 
etwas auf, was man stilisiert; sie miissen darauf kommen, was dasist. 
Oder man laftt sie das Symmetrische dazu machen. Man bildet 
Anschauungen, die mit dem Korperbau zusammenhangen. Diese 
Ubungen in den Unterricht eingefiigt, sind aufterordentlich weekend 
fur schlafrige Kinder. Bei diesem Jungen ist das Schlaf. 
Ich wiirde Sie darum bitten, bei den Kindern keine Lassigkeit im 
Kleinen zu dulden. Nicht dulden, daft die Kinder die Kreide halten 
wie die Feder, daft die Kinder keine Ungeschicklichkeit begehen. 
Auf solche Sachen wiirde ich ganz stark achten. Fast die Halfte der 
Kinder halt die Kreide schlecht. Das mufi man ihnen nicht durch- 
lassen. Auf diese Dinge muft man doch furchtbar stark sehen. 
Ich wiirde den Kindern nicht gestatten, so herauszutropfeln, wie 
heute das kleine Madchen. Da wiirde ich trachten, daft die sich den 
Gang bessern kann. Das hat ungeheuer viel Weckendes. 
Der N. in der 6. ist auch so sehr apathisch. Bei dem wiirden solche 
Ubungen sehr rasch helfen. 

Ich wiirde auch eine Zeitlang sehr sehen auf das kleine Madchen in 
der 4. Klasse, riickwarts auf der rechten Seite. Die neigt dazu, sich 
furchtbar viel auszudenken. Sie hat sich ausgedacht, daB die ganze 
Szene von dem ,,Lied vom braven Mann" am Mittellandischen Meer 
spielt. Das alles schreibt sie in Anlehnung an das Lied vom braven 
Mann. ,,Der Tauwind kam vom Mittagsmeer." Von da aus macht sie 
eine phantastische Geographic Mit diesem kleinen Madchen mufi 
man oft sprechen, die ist der Gefahr ausgesetzt, an Gedankenflucht 
zu leiden. ,,Das Agaische Meer flieBt ins Mittellandische Meer." 
Der Junge, der Kleine — es sind einzelne darunter, die haben eine 
reizende Schrift, einzelne sind sehrweit —, der kleine Junge schreibt 
so, wie mancher kommunistische Redner redet. Er paftt dann nicht 
auf. Er schreibt ohne Zusammenhang, wie ein Redner vom Kom- 
munismus redet. Fur den waren auch solche Ubungen weekend. 

X. fragt wegen F. L. 

Dr. Steiner: Der Junge, der F. L., miiftte vielleicht doch oft aufgeru- 
fen werden. Es ist nicht so schlimm. Er ist nur vertraumt. Er kommt 
mit sich selbst schwer zurecht. Er miiftte das Gefiihl haben, man 
interessiert sich fur ihn. Dann wird es sofort gehen. Es geht doch jetzt 
besser. 

X. : Er spricht in der Stunde nicht mit. 

Dr. Steiner: Ob er sich nicht aufraffen konnte? Er hat eine fort- 



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wahrende Angst, daft man ihn nicht lieb hat. Das ist sein Grund- 
phanomen. Man soil nicht hinter ihm etwas suchen. 

X.: Was wurden Sie raten fur Ch. D. in der 2. Klasse? 

Dr. Steiner: Hat sie etwas angenommen vom Unterrichtsinhalt? Was 
haben Sie gegen sie? 

X.; Ich werde charakterlich nicht fertig. 

Dr. Steiner: Setzen Sie sich ganz in die Nahe und bemerken Sie 
nicht, wenn sie mit Ihnen kokettiert. Bemerken Sie es zunachst 
nicht, und immer erst am nachsten Tag sprechen Sie mit ein paar 
Worten iiber das, was sie ausgefressen hat am erstenTag. Nicht wenn 
es gerade ausgefressen wird, sondern vierundzwanzig Stunden da- 
nach. 

X.: Bei mir in der 4. ist der W. R. K. Der foigt nicht; er lernt nicht und stort 
dauernd die anderen Kinder. Er ist schlafrig und apathisch. 

Dr. Steiner: Da wiirde ich es auch versuchen mit diesen Ubungen. 
Alles von Grund auf mit den Kindern machen, daft sie keine Schablo- 
nen in die Hand bekommen, noch ausgesprochene Formen, die iiber- 
sichtlich sind. 

X. (der die 5. Klasse iibernommen hat, weil Frau K. krank wurde): Es ist vor 
allem eins, dafi dadurch, dafi die Klassen viel an Lehrern gewechselt haben, im 
Rechnen die Kenntnisse ungleichmafiig sind. Soil ich das Rechnen abbrechen 
und lieber einen anderen Gegenstand nehmen? 

Dr. Steiner: Wie lange glauben Sie zu brauchen, daft jedes Kind so 
weit ist, daft es geht? 

X. : Die Majoritat in der Klasse ist nicht schlecht im Rechnen. 

Dr. Steiner: Nun meine ich das: der Unterricht im Chor ist gut; er ist 
gut mit Maft gemacht. Wenn allzuviel im Chor gesprochen wird, dann 
bitte ich nicht zu vergessen, daft die Gruppenseele eine Realitat ist, 
daft Sie nie darauf rechnen konnen, daft die Kinder als einzelne das 
konnen, was sie im Chor richtig machen. Man hat so das Gefiihl, 
wenn die Kinder im Chor sprechen, daft man sie leichter ruhig erhalt. 
Ein so gutes Mittel es ist, maftig betrieben, damit die Gruppenseelen- 
haftigkeit in Regsamkeit kommt, so wenig ist es doch gut, die Kinder 
allzusehr der Gruppenseele zu uberlassen. Sie konnen als einzelne 
nicht das, was sie im Chor konnen. Da miiftte noch weiser geschaltet 
werden. Sie miissen die Kinder einzeln recht viel fragen. Man muft es 
tun. Es hat seinen groften erzieherischen Wert. Ja nicht glauben, 



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wenn die Kinder unruhig werden, daft man sie dann im Chor spre- 
chen lassen mufi. 

X.: Was soil man gegen die Unruhe tun? 

Dr. Steiner: Was machen die Kinder dann? 

X.: Sie sprechen, schwatzen, larmen. 

Dr. Steiner: Es scheint beim Rechenunterricht zu sein. Neulich, wie 
ich da war, waren die Kinder wunderbar ruhig. 

X.: Die haben Angst gehabt vor Dr. Steiner, das haben die anderen nachher 
gesagt. 

Dr. Steiner: Sie mussen es eine Zeitlang so machen, daft Sie ver- 
suchen, die Neugierde der Kinder zu erregen, daft sie unter einer 
gewissen Spannung dem Unterricht folgen; durch die Sache selbst, 
nicht durch aufterunterrichtliche Mittel. 

(Zu Fraulein Hauck): Nicht wahr, die Kinder im Handarbeitsunter- 
richt, ich habe sie noch nie unartig gefunden. Ich glaube, es wird sich 
auch geben. Die Kinder werden sich an Sie gewohnen. Die 4. ist 
eigentlich artig und regsam. Sie gingen auf eine schwierige Ausein- 
andersetzung ein und dachten griindlich nach. Ich habe etwas dar- 
iiber gesprochen. Sie mussen nur nicht gleich — Sie sind ganz noch 
jung und morgenschon als Lehrerin der Waldorfschule; Sie mussen 
noch warten, bis die Kinder kommen, Sie nahe zu sehen. 

X.: Der G. Z. leidet an Heimweh. Er hat einen groften Fragetrieb. 

Dr. Steiner: Er ist auch im Physikunterricht ganz aufmerksam. Ich 
war verwundert dariiber, daft er so artig ist. Die Frau, bei der er 
wohnt, sagt, er kritisiert sehr stark und schimpft furchtbar iiber die 
Lehrer und iiber die Schule und sagt, auf anderen Schulen hat er viel 
mehr gelernt. Man miiftte wissen, ob es stimmt. 

X.: Das Kind G. D. fiihlt sich leicht gekrankt und ungerecht behandelt. 

Dr. Steiner: Die Mutter halt sich fur eine geistvolle Dame und da 
scheint sie manchen Kohl zu reden. Sie hat furchterliches Zeug im 
Laufe der Jahre geredet. Was ist fur eine Kalamitat vorhanden? 

X.: Die Mutter beklagt sich, ich wiirde das Kind iiberanstrengen. 

Dr. Steiner: Ich glaube nicht, daft man mit der Mutter so leicht fertig 
wird. Sie ist so eine Salonspinne. 

Man bemerkt oftmals bei den Kindern, die noch lenkbar sind und 
mit denen man im Grunde alles machen konnte, daft bei denen die 



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schrecklichsten Familienverhaltnisse zugrunde liegen. Dieser klei- 
nere Bruder, der bei einer vorsichtigen Behandlung ein ausgezeich- 
neter Junge ware, der kann nicht hochkommen in diesem Milieu. Er 
ist begabt, er hat alle die Krankheiten, die seine Mutter hat, in erhoh- 
tem MaBe, nur in anderer Form. Auf diese Dinge braucht man nicht 
zu achten, dann tut man sofort das Richtige. 

Eine Eurythmielehrerin: Bei R. F. gelingt es mir nicht, dafi er Interesse an der 
Eurythmic gewinnt. 

Dr. Steiner: Ironisieren Sie ihn doch cinmal! Er war in einer Kloster- 
schule. Die Hauptsache ist, dafi er in der Eurythmie nicht mittut. Ich 
wiirde doch versuchen, ihn Eurythmieformen zunachst zeichnenzu 
lassen. Er soli Ihnen Formen zeichnen. Wenn er gezeichnet hat, dann 
lassen Sie ihn sie machen. 

X..- . . . 

Dr. Steiner: Nun haben wir Ihre Fibel. Die Sache ist ausgezeichnet 
und wiirde fur den, der sie beniitzt, aufterordentlich anregend sein. Es 
konnte sich das Allerverschiedenartigste daran kniipfen. Die Sache 
jetzt als eine Probe des Geistes, der in der Waldorfschule waltet, zu 
geben, das ware sehr gut. Wie ich uberhaupt meine, daft es gut ware, 
wenn man von dieser Art das, was auf den Unterricht Bezug hat, 
herausgeben wiirde. Nicht bloft die Aufsatze, sondern das, was im 
Unterricht sich betatigt. Es kostet aber ein Kapital. Es handelt sich 
darum, wie wir zurechtkommen. So wie Sie es zusammengestellt 
haben, wenn diese Zeichnungen darin sind, mufi das auch entspre- 
chend gedruckt sein. Die Schrift herbekommen, das kann man 
schon. Man kann sie machen. Wir machen auch das Titelblatt. Die 
Schriften, die jetzt zu haben sind, sind fiirchterlich. Es handelt sich 
darum, das durch das ganze Buch durchzufiihren. Das Ganze wiirde 
20 000 Mark kosten; wenn wir zunachst darauf rechnen, da/3 wir 
1000 absetzen, so miissen wir solch eine Fibel fur 40 Mark verkau- 
fen. Wie kommen wir da finanziell zurecht! Es ware interessant, sich 
dariiber zu unterhalten, wie man es machen kann. Man muBte es 
uberlegen. Biicher sind furchtbar teuer. Sie konnen diese Dinge nicht 
mit einer gewohnlichen Schrift machen. Es ist etwas so eigenartiges 
und als Fibel so charakteristisch , dafi es gefordert werden sollte. Nun 
wiirde ich ein Nachwort dazu schreiben. Wenn es so hinauskommt, 
versteht es kein Mensch. Es wiirde dariiber gesprochen werden. 
Jetzt haben sie ein System, das ich ganz brauchbar finde, fiir ein 
Bilderbuch mit verschiebbaren Bildern, wo man unten an Schniiren 



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zieht, wo man einen kurzen Text hat und oben verschiebbare Bilder. 
Ein solches Bilderbuch wiirde aufterordentlich notwendig sein beim 
Kindergarten. Wenn Sie sich damit beschaftigen wiirden! Fiirchter- 
lich philistros sind die heutigen Bticher. 

X.: Ich wollte fragen, ob man im Religionsunterricht auch alte Dokumente 
heranziehen kann. 

Dr. Steiner: Naturlich. Auch Selbsterfundenes. — Ich meine, da/3 
man Herrn A. schon den Vorschlag machen sollte, daft er die Halfte 
der Religionsklasse iibernimmt. Geben Sie ihm nur die Halfte. Wah- 
len Sie selbst aus die, die Sie loshaben wollen. Er wird trotz seines 
Alters ebenso jung und morgenschon sein. 

X.: Wiirde Herr A. auch teilnehmen an den Handlungen? 
Dr. Steiner: Das wird sehr bald notig sein. 

(Zu Fraulein H.): Jetzt mochte ich, daft Fraulein S. zu Ihnen 
kommt. Ich meine, daft es gut ware, wenn Fraulein S. bei Ihnen darin 
ware, daft Sie ihr die Fortsetzung des Unterrichts iiberlassen. Sie 
unterrichten eine Stunde, Sie sind darin, bleiben im Kontakt. Dazwi- 
schen jemand anderes. Mir kommt vor, daft Sie das wollen sollten. 
Naturlich braucht das nicht pedantisch durchgefiihrt zu werden. Nur 
meine ich, daft angefangen werden sollte, denn in diesem Raum ist 
diese Klasse von Ihnen allein nicht zu bewaltigen. 
Ich habe sicher gedacht, daft ich Ihnen diesen Bericht geben kann. 
Ich habe so viel zu tun, daft ich ihn erst von Dornach aus schicken 
kann. Das war mir eine Beruhigung, daft Sie auch nicht fertig sind. 
Fur das Goetheanum habe ich schon geschrieben. Da haben Sie noch 
nicht geschrieben. 

X.: Ich mochte den Jahresbericht jetzt doch setzen lassen. 

Dr. Steiner: Ich schreibe ihn wirklich, wenn ich in Dornach an- 
komme. Ich gebe ihn Herrn M. mit. Man miiftte diese Beitrage durch- 
redigieren. Wenn ich nur Zeit hatte! Ich miiftte ihn mitnehmen und 
ihn machen in Dornach. 

Dr. W. ist auch unglucklich und macht schon so verdrossene Gesich- 
ter den ganzen Tag. Sie sollen die Vortrage von H. machen? Mein 
Vater hat zwar, wie ich immer mit einer gewissen psychologischen 
Sensation erzahle, die Liebesbriefe fur die Burschen des ganzen Ortes 
geschrieben. Die sind immer gekommen und haben sich die Liebes- 
briefe schreiben lassen. Die Madchen waren furchtbar entziickt. 
Aber daft Sie die H.'schen Vortrage machen sollen! Ich werde in 



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Ziirich Vortrage zu halten haben, ich werde dem H. sagen, dafi er 
seine Vortrage selbst machen mufi, 

Dann habe ich daran zu denken, Sie mochten eine Art Ritual fur die 
Weihnachtshandlung haben. 1st sonst eine Frage noch zu besprechen ? 
Anschaulichkeit hat man nicht blofi, um das, was zu erklaren ist, 
anschaulich zu machen, sondern auch, um den Geist beweglicher zu 
machen. So wiirde ich es gar nicht unberechtigt finden, wenn man 
das grofite gemeinschaftliche Mafi durch Zeichnungen so veran- 
schaulichen wiirde, daft man die in beiden Zahlen enthaltenen Prim- 
zahlen in ein Gefafi hineinwirft; dann sind nur die Primzahlen, die in 
beiden sind, darin. Man hat die Moglichkeit, das ins Anschauliche zu 
versetzen. Ein grofies Gefafi, man nimmt den Primfaktor 2, den 
schmeiftt man hinein. Das ist ein Mafi, mit dem kann man beides 
messen. 

Es handelt sich darum, nicht blofi das zu unterstiitzen, was man 
begreiflich machen will, sondern das Gedachtnis wird dadurch unter- 
stiitzt, dafi man Raumesvorstellungen einfuhrt, die anschaulich sind; 
dafi die Kinder genotigt sind, da Raumesvorstellungen zu haben. Es 
ist das kein Tadel. Diese Stunde war schon eine ausgezeichnete. Es 
konnte sich daran etwas anschliefien, um die Kinder zum raumlichen 
Vorstellen zu bringen. 

Wenn niemand mehr etwas zu fragen hat, werden wirabschliefien. Ich 
kann nur sagen, dies, was zum Teil herumgesprochen wird, daft die 
ganze Schule durch die Zunahme der Kinderzahl an Intimitat verlo- 
ren hat, kann ich nicht als Mangel empfinden. Ich kann nicht sagen, 
daft es etwas ist, was man besonders unangenehm empfinden muft. 
Das mufi man nehmen, wie es ist. Im iibrigen, eigentlich kann ich sa- 
gen, ich finde, daft die Schule doch recht gute Fortschritte gemacht 
hat nach jeder Richtunghin. Hat jemand eine andere Meinung? 
Nun mochte ich noch erwahnen; unsere Stuttgarter Unternehmun- 
gen miissen in einer gewissen Beziehung ein harmonisches Ganzes 
sein und miissen als solches empfunden werden. Es mufi ein harmo- 
nisches Zusammenwirken sich immer mehr herausbilden. Wenn die 
Dinge iiberall so gegangen waren, wie sie im vorigen Jahr in der 
Waldorfschule gegangen sind, in bezug auf das Padagogisch-Didak- 
tische, so wiirde es gut sein. Die Waldorflehrer wirken wacker mit, 
damit das andere auch unterstiitzt werden kann. Es muft das, was 
hier in Stuttgart ist, als Ganzes betrachtet werden. Die Anthroposo- 
phische Gesellschaft mit der Waldorfschule zusammen ist der gei- 
stige Teil des dreigliedrigen Organismus. Der Bund fur Dreigliede- 
rung mufi ein politischer Teil sein; dazu miissen die Waldorflehrer 



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durch ihren Rat beitragen. Der Kommende Tag ware der wirtschaft- 
liche Teil im Ganzen. Die Waldorfschule gingejafort. Jedermuft das 
Notige dazu tun, daft die anderen Dinge nicht einschlafen. Nament- 
lich der Bund fur Dreigliederung, von dessen Regsamkeit hangt alles 
ab. Wir miissen darauf bedacht sein, daft uns mit jedem neuen Schritt 
neue Aufgaben erwachsen. Dadurch, daft die Del Montesche Fabrik 
hinzugekommen ist, haben wir eine Schar von Arbeitern. Eine solche 
Betriebsversammlung, wie wir sie gehalten haben, ist ja vom heutigen 
sozialen Leben aus gesehen wirklich ganz deutlich. Es ist jede Briicke 
abgebrochen zwischen Arbeiterschaft und fuhrenden Klassen. Wenn 
wir nicht in der Lage sind, durch die Dreigliederungsbewegung 
gemeinsame Interessen hervorzurufen, wie sie in den siebziger Jah- 
ren vorhanden waren in der europaischen Bevolkerung, wo die Prole- 
tarier sich interessiert haben fiir die demokratische Idee, so daft 
gemeinsame Interessen vorhanden sind, daft man auf etwas anderes 
denkt als bloft das Brot, wenn das nicht der Fall sein kann, kommen 
wir auf keinem Gebiete weiter. Wir miissen eine geistige Atmosphare 
schaffen. In bezug darauf schlaft das Stuttgarter geistige Leben in 
den letzten fiinf Monaten einen tiefen Schlaf, und es muft wiederum 
auferweckt werden. 

Das tritt dadurch hervor, daft die Dreigliederungszeitung, die so gut 
ist, als sie sein kann, in den letzten fiinf Monaten gar nicht an Leser- 
zah] zugenommen hat. Sie hat auch nicht zugenommen anMitarbei- 
terzahL Wir brauchen Mitarbeiter fiir die Dreigliederungszeitung. 
Das Ziel muft uns vor Augen schweben, die Dreigliederungszeitung 
moglichst schnell in eine Tageszeitung zu verwandeln. Wenngewisse 
Konsequenzen gezogen werden, wenn wir also solche Betriebe 
angliedern, ohne daft wir etwas Positives leisten fiir die politische 
Bewegung Mitteleuropas, dann iiberleben wir das nicht. Wir konnen 
nicht Betriebe nach und nach aufnehmen und nicht zu gleicher Zeit 
etwas mit Stoftkraft leisten, was etwas ist. 

Im politischen Leben und im sozialen Leben sind nicht Dinge ein- 
fach wahr, sondern sie sind, wenn man heute zu einer solchen Ver- 
sammlung geht, etwas sagt, das ist heute wahr, aber wenn man sich 
nicht entsprechend verhalt in den nachsten Monaten, so ist es nicht 
mehr wahr, so wird es unwahr. Wenn der Kommende Tag so etwas 
bleibt wie eine gewohnliche Unternehmung, so wird das unwahr. Es 
ist wahr, wenn es uns gelingt, wirklich mit Stoftkraft vorwartszu- 
kommen. Da handelt es sich darum, wie weit wir in der nachsten Zeit 
gegen alle Vorurteile im Aktuellen zugreifen. 

Solch ein Mensch wie der Stinnes hat eine grofte Bedeutung fiir die 



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nachste Zukunft. Seine Ideen gewinnen an Anhang. Insbesondere in 
seiner Partei, der Deutsch-Idiotischen Partei, das heiftt der deutschen 
Industrie-Partei, da gewinnen diese Ideen eine agitatorische Kraft. 
Man muft sich klar sein, daft da geniale Hintermanner sind. Er strebt 
an, es dahin zu bringen durch eine Riesenvertrustung des geistigen 
Lebens und der wirtschaftlichen Unternehmungen, daft das Prole- 
tariat knierutschend vor den Toren seiner Unternehmungen 
erscheint, um Einlaft zu bitten. Dazu ist er auf dem besten Wege. Und 
es ist systematisch, was er tut. Und mit solchen Leuten stent schon 
wiederum die geistige Bewegung in Deutschland in einem gewissen 
Zusammenhang. Bei uns versteht man die Mache viel zu wenig. Graf 
Keyserling (in Darmstadt) hat die Mache sehr gut verstanden. Erhat 
starke Finanzkrafte hinter sich. Dasjenige, was mit Stinnes herauf- 
zieht — Sie konnen das verfolgen in den Badenschen Zeitungen — , 
wird als eine Heilslehre hingestellt. Das bringt eine Art von Dreiglie de- 
rung herauf, aber in ahrimanischer Ausgabe. Sie kommt alsTeufels- 
werk, wenn sie nicht so gemacht wird, wie wir sie machen konnen. 
Nun handelt es sich darum, daft man die Augen sehend, die Ohren 
horend, die Nasen riechend macht fur alles das, was heraufzieht. Es 
ist schon, absolute Theorienhinzustellen. Es ist notwendig, daft man 
das Groftte an die Einzelheiten ankniipft. Unser Wirken muft aktuell 
werden. Ich habe in meinem Vortrag in der Liederhalle am Berg- 
arbeiterstreik angekniipft. Wir sollen vom Alltaglichen die Leute her- 
aufheben zu groften Gesichtspunkten. Da muft schon hier alles 
zusammenwirken. Der Kommende Tag wird dadurch wahrscheinlich 
funktionieren. Dem Bund fur Dreigliederung schadet es nicht, wenn 
ihm manchmal ein biftchen Feuer unter den Sitz gemacht wird. 
Unmittelbar aktuell ist die Frage, was wird mit der Kinderschar der 
neu ubernommenen Fabriken? Das ist die Frage, die ein Vorwurf 
wird, wenn wir nicht zugreifen. Nun, nicht wahr, Dr. Ungers Betrieb 
hat eine Kinderschar, Del Montes Betrieb hat eine Kinderschar; 
dadurch, daft wir sie ubernommen haben, wachst uns die Aufgabe, 
wie grimden wir dafiir eine Waldorfschule. Wir miiftten dafiir sorgen. 
Ebensogut mochte ich erinnern an das, was ich gestern an einem 
anderen Ort gesagt habe; die Studenten, die sich engagiert haben 
dafiir, diesen Aufruf zu verbreiten, gegen die haben wir die heilige 
Pflicht, sie nicht sitzen zu lassen. Da mussen wir fest dahinter sein. 
Der Aufruf ist eine furchtbar wackere Tat. Er schlagt ein. Die land- 
wirtschaftlichen Schiller von Hohenheim haben reagiert darauf. Wir 
mussen unsere Bewegung als eine solche auffassen, die nicht stehen- 
bleiben kann, die mit jedem Tag fortschreiten muft, sonst hat sie gar 
keinen Sinn. Ins Austragsstiibel konnen wir uns noch nicht setzen. 



Konferenz vom Sonntag 16. Januar 1921, 9.45 Uhr 



Dr. Steiner: Da wir nur diesen Winkel der Zeit hatten, werden wir 
die allernotwendigsten Dinge besprechen miissen. Vielleicht sind 
Sie so gut und bringen die Dinge zur Sprache, die aus dem {Colle- 
gium heraus vorgebracht werden sollen. 

X.: Die Schule ist zwar genehmigt, aber es ist jetzt ein ErlaB der Behorde 
gekommen, der festsetzt, wieviel Kinder wir im 1. Schuljahr aufnehmen diir- 
fen. Das miiBte besprochen werden. 

Dr. Steiner: Das Besprechen hilft nicht viel. Der Erlaft besagt doch, 
daft wir im besten Falle, so lange es der Regierunggefallt, dieersten 
Klassen nur so grofi machen diirfen, als sie in diesen beiden Schul- 
jahren sind, daft wir nicht mehr Kinder aufnehmen diirfen. Das ist 
das, was glattweg darinnensteht. Daft die Schule in beliebiger Weise 
fortgefiihrt werden kann, davon kann gar keine Rede sein. Wir diirfen 
nicht mehr Schiiler aufnehmen, als wir bisher hatten. 
Was dariiber zu sagen ware, ist dies: wenn wir noch einen wirklich 
bestehenden Bund fiir Dreigliederung hatten, so miiftte der die Agita- 
tion gegen dieses Schulgesetz aufnehmen. In bezug auf diese Dinge 
wird im einzelnen nichts erreicht; es muft gegen diese Tendenzen in 
umfassender Weise Stellung genommen werden. Etwas anderes ist 
dariiber nicht zu sagen. Wir konnen mit dem Erlaft sonst nichts 
machen. 

Gegen die Einschrankung in dieser Beziehung muft ich mich auch auf 
einem anderen Gebiet wenden. Es ist nie aus unserer Anthroposo- 
phischen Gesellschaft die Tendenz hervorgegangen, gegen die Ein- 
schrankung durch die Arztetyrannei irgend etwas offentlich zu tun. 
Dagegen besteht standig die Tendenz, irgendwie zur Kurpfuscherei 
anzuregen. Das ist dasjenige, was auch unsere Bewegung ruiniert, 
dieses heimliche Wollen von etwas, wogegen man offentlich nicht 
angehen will; daft das fortwuchert. (Zu einem Lehrer:) Sie waren 
heute mutig genug, indem Sie Tropfigkeit gesagt haben. Es kannzu 
Konsequenzen fiihren, gewift, das schadet nichts. 
Es ist so, daft es durchaus ausgesprochen werden muft, es isteine der 
Tatsachen, daft die Dreigliederungszeitung seit Ende Mai kein ein- 
ziger abonniert hat. Daft der Bund fiir Dreigliederung absolut nicht 
funktioniert, das ist etwas, was gesagt werden muft. 

X.; Das Schulgebaude wird nicht rechtzeitig fertig werden. Man mufi viel- 
leicht eine Baracke zur Aushilfe nehmen. 



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Dr. Steiner: Wahrscheinlich wird es darauf hinauskommen, daB man 
eine solche Baracke bauen muB. Es ist auBerordentlich wenig Aus- 
sicht vorhanden, daft dieses groBe Schulgebaude, das also Millionen 
kostet, in der nachsten Zeit geleistet werden kann. Das Geld miiBte 
geleistet werden von seiten des Kommenden Tages. DaB es geleistet 
werden kann, das ist nicht sehr wahrscheinlich, denn der Kommende 
Tag hat, wenn er zurecht kommt, eine ganze Reihe von Dingen zu 
tun, die eigentlich unbedingt geschehen mtiBten. Und es ist fast 
unmoglich, etwa das erste Geld fur den Bau des Schulhauses zu 
verwenden. Wenn nicht das erste Geld verwendet werden kann, dann 
ist nicht daran zu denken, daB das Schulhaus fur das nachste Schul- 
jahr fertiggestellt werden konnte. Technisch fertigstellen konnte 
man es ja, aber es wird finanziell nicht moglich sein. 

Mehrere Lehrer sprechen iiber die Wege, Geld zu schaffen. 

Dr. Steiner: Es steht nichts im Wege, Geld irgendwie zu bekommen. 
Diese Art von Propaganda hangt davon ab, daB sie mit einigem Hu- 
mor gemacht wird. Nicht wahr, ich konnte mich ja in der letzten Zeit 
zu wenig in der Waldorfschule umsehen. Es war mir furchtbar 
schmerzlich; ich bin niemals mit so schmerzlichen Gefuhlen weg- 
gegangen als diesmal. Einiges werde ich sagen. Es erscheint mir nicht 
moglich, daB unsere jetzigen Waldorflehrer zu einer solchen Propa- 
ganda etwas beitragen konnen. Im groBen ganzen hat es den Ein- 
druck gemacht, daB die Waldorflehrer mit der Sorge fur die Hoch- 
schulkurse schon geniigend belastet sind. Es ware notwendig, daB sie 
fur manche Dinge entlastet wiirden, wenn die Schule richtig gedeihen 
soli. Ich habe den Eindruck, daB Sie nicht weiter belastet werden 
konnen. Man braucht, wenn man lehren will, wirklich eine gewisse 
Zeit des Vorbereitens. Man muB die Sachen griindlich verarbeiten. 
Einzelne sind so iiberlastet, daB das nicht mehr moglich ist. — Also 
ich wiirde dem Dr. Stein entschieden raten, wenn man von seiten des 
Bundes fur Dreigliederung ihm etwas zuschiebt, daB er es energisch 
zuriickweist, damit die Dinge auf diese Weise einige Korrektur erfah- 
ren. Wenn der Bund fur Dreigliederung diejenigen Dinge, die in seiner 
Aufgabe stehen, auf Sie abschiebt und sich darauf beschrankt, sich 
zuruckzuziehen in seine Raume, dann ist das eine Methode, die weni- 
gen Leute, die arbeiten, so zu ruinieren mit der Uberlastung und die 
anderen auf die Festung sich zuriickziehen zu lassen, daB es nicht 
weitergehen kann. 

X.: Vortrage sollte ich halten. Ich weifi schon lange, dafl ich absolut nicht 
diese Vorbereitung aufbringen kann, die notwendig ist. 



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Dr. Steiner: Ich tadle nicht! Ich wollte nicht Kritik iiben. Es ware 
unangebracht, an der besten Institution Kritik zu iiben. Es miissen 
die Dinge durchaus eingeteilt werden. Man kann zugeben, wenn das 
Arrangement in Ordnung ist, daft Sie solche Dinge machen, wie die in 
Darmstadt; dann miiftte ein viel intensiveres Zusammenarbeiten mit 
dem Bund fur Dreigliederung da sein. Jedenfalls miissen Sie sehen, 
daft man Ihnen nicht so etwas aufhalst, was eminenteste Pflicht der 
Leute vom Bund fur Dreigliederung ist. Die anderen Herren auch. 
Vor alien Dingen haben wir fur die Schule zu sorgen, das ist in erster 
Linie unsere Aufgabe. Forschungsinstitut und Schule gehoren zu- 
sammen, um daraus ein Einverstandnis zu bewirken. Das gehort 
zusammen. 

X.: Ich hatte gerne gefragt, wie ist es mit der Beigabe von Musik zum Unter- 
richt. Ich hatte es so gemacht: um die Stimmung vorzubereiten, hatte ich am 
Beginn ein Stuck Klavier vorspielen lassen. 

Dr. Steiner: Dieses, was Sie jetzt auseinandersetzten, das ist ein 
Unfug. Denn nicht wahr, wir diirfen nicht die Sitte einfiihren, welche 
sowohl den Unterricht nach einer Seite durch eine kiinstlich erzeugte 
Stimmung beeintrachtigt; auf der anderen Seite diirfen wir nicht eine 
Kunst zu einem solchen Mittel verwenden. Der Kunst muft schon 
gewahrt bleiben, daft sie Selbstzweck ist, daft sie ja nicht dazu dient, 
Stimmung vorzubereiten. Es erscheint mir eine bedenkliche Annahe- 
rung an spiritistische Sitzungen. Ich glaube nicht, daft das weiter 
verfolgt werden darf. Etwas anderes ist es, wenn iiber Akustik vor- 
getragen wird. 

X.: Ich habe immer Zusammenhange gesucht. 

Dr. Steiner: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen den Punischen 
Kriegen und einer musikalischen Sache. Was gibt es fur einen Zusam- 
menhang? Worauf soil das hinaus? Auch Eurythmie nicht! Sicher- 
lich, Sie konnen nicht eine Eurythmieauffiihrung machen, um eine 
Stimmung zu machen fur eine Schattenkonstruktion. Wollen Sie 
Eurythmieauffiihrungen machen, um nachher Frachtbriefe zu 
schreiben? Das ware eine Ausweitung nach der anderen Seite. Wir 
haben die Aufgabe, den Unterricht so musisch zu gestalten, innerlich 
so musisch wie moglich, nicht durch rein aufterliche Mittel. Das ist 
schadlich fur den Inhalt dessen, was vorgebracht wird, wie fur die 
Kunst selber. Man kann nicht ein Marchen erzahlen, um hinterher 
Farbenlehre zu behandeln. Es wiirde der Unterricht auf eine ganz 
falsche Bahn gebracht werden. Der Unterricht muft insich so gestal- 



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tet sein, daft er Stimmung erzeugt. Wenn man notig hat, durch 
irgendeine dekorative Sache die Stimmung erst zu erzeugen — wobei 
die Kunst leidet — , so wiirde man aussprechen, daft man durch den 
Inhalt des Unterrichts nicht diese Stimmung hervorbringen wollte 
oder konnte. Mir war es bedenklich, wenn man manchmal anthro- 
posophischen Erlauterungen irgendein Musikstiick vorausgeschickt 
hat, was ja noch immerhin etwas anderes ist, weil es erwachsene 
Leute sind. Im Schulunterricht geht es nicht. Da werden wir es 
abschaffen konnen. 

X. : Ob wir das in der Physik verwenden konnen als eine Briicke vom Musikali- 
schen zum Akustischen? 

Dr. Steiner: Da ware es wiinschenswert, daft man die Akustik musi- 
kalischer macht, daft man eine Akustik herauskriegt, die man ver- 
binden kann durch eine Art kunstlerischer Briicke mit dem Musikali- 
schen. Es gibt schon diese Moglichkeit, in die Sache so etwas Musi- 
sches hinejnzubringen. Man darf nicht versuchen, es auf die vorhin 
erwahnte Art moglich zu machen. Ich weift auch gar nicht, was 
iibrigbleiben soli fur den Punischen Krieg, wenn Sie eine halbe 
Stunde wegnehmen fur alles das. 

Eine Eurythmielehrerin: Es war ein ganz kurzes Gedicht. 

Dr. Sterner: Das ist eine phantastische Padagogik! Es ist das beste 
Mittel, die Eurythmie lacherlich zu machen. 

Eurythmielehrerin: Ich hatte die Wirkung in der Klasse, dafi die Kiasse sehr 
interessiert war. 

Dr. Steiner: Vielleicht ist sie noch mehr interessiert, wenn Sie einen 
kleinen Film vorfiihren. Wir diirfen nie darauf gehen, wie die Kinder 
interessiert sind durch irgend etwas. Da konnten wir ein Tanzchen 
auffiihren lassen. Es kommt nicht darauf an, daft sie interessiert sind, 
das ware eine furchtbar phantastische Padagogik. Wenn das ein- 
reiften wiirde, dann wiirde unser Unterricht leiden und die Euryth- 
mie diskreditiert sein. Entweder ist es im Prinzip richtig, dann miiftte 
es gemacht werden, oder es ist falsch. Das kann man nicht erwidern. 
Dies ist jedenfalls etwas, das nicht gehen kann. 

Da war der eine junge T. L. in der 6b, der mit der Schrift die Schwie- 
rigkeit hat, der einen Strich in den anderen hineinmacht. Bei solchen 
Dingen, wo im zentralen Nervensystem vorliegt eine leichte Neigung 
zu nicht herauskommenden Krampfen, die vielleicht sogar in spate- 
rem Lebensalter zu Schreibkrampf fiihren konnen, da miiftte man 
versuchen, dem sehr friih entgegenzuarbeiten. Und bei diesem 



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Buben, den sollte man Eurythmie machen lassen mit Hanteln; er 
miiftte die Bewegung mit Hanteln machen. Sie brauchen vielleicht 
nicht besonders schwer zu sein, aber er soil Eurythmie mit Hanteln 
machen. Sie werden bemerken, daft dadurch die Schrift sich korri- 
giert. — Man konnte auch noch andere Dinge machen. Man konnte 
versuchen, ihm eine andere Federrichtung zu geben. Es gibt solche 
Federn — ich weift nicht, ob es sie nach dem Kriege noch gibt — , die 
im Winkel angesetzt sind an den Federstiel. Da ist es notwendig, daft 
ein solcher Bub sich erst gewohnt an die andere Einstellung. Das hilft 
ihm auch, wenn er Bewufttsein in die Fingerhaltung hineinbringt. — 
Dann hat er zu stark konvergierende Augenachsen; man miiftte ihn 
veranlassen, die Augen etwas weiter vom Papier zu halten, damitdie 
Augenachsen sich weniger konvergierend einstellen. Man miiftte 
abwarten, wie sich die Schrift unter Einfluft dieser mehr organischen 
Mittel andert. Wenn man es beobachtet, daft er sich Miihe gibt, daft er 
irgend etwas ordentlich schreibt, dann kann man ihn lenken, dann 
kann sein bewuftter Wille eingreifen. 

Der andere Bub R. F., der ist etwas stumpfsinnig. Im Schreiben habe 
ich ihn nicht gesehen. 

X. : Seine Schrift ist ganz schon. Er hat eineinhalb Stunden geschrieben. 

Dr. Steiner: Man braucht nicht mit einer Kur einzusetzen. Er war 
immer ein Sorgenkind. Es ist jetzt wohl kaum viel mit ihm zu 
machen. Bis ihm der Knopf aufgeht, muft man ihn, trotzdem er 
Schwierigkeiten macht, ofters mal fragen, so daft er sieht, daft man 
ihm Liebe zuwendet. Und dann, daft er denkt: Ich kann ofter gefragt 
werden! 

Man muft bei solchen Kindern daran denken, daft man sie ofters 
aufruft, und vielleicht manchmal von den fortgehenden Dingen ab- 
riickt auf Nebengeleise. Vieles andere kann man mit ihnen nicht tun. 
Kurzsichtig ist er nebenbei. Er ist stumpfsinnig. Es ist wahrschein- 
lich, daft da organische Sachen zugrunde liegen; da miiftte man sich 
im einzelnen mit ihm beschaftigen. Wahrscheinlich leidet der Bub an 
organischen Sachen. Ich hatte den Eindruck, daft der Bub behandelt 
werden miiftte jeden zweiten Tag mit Wurmzucker, durch vierzehn 
Tage. Es miiftte gepriift werden. Ich glaube, daft er an Wiirmern lei- 
det. Wenn man dies kurieren konnte, so wird die Sache besser wer- 
den. Man miiftte sich mit diesen Dingen der Schiilerschaft beschaf- 
tigen. Vielleicht sehen Sie ihn einmal an, Dr. Kolisko, ob dies oder 
etwas ahnliches im Verdauungssystem vorliegt. Vielleicht liegt sonst 
ein Grund zu einer besonders tragen Verdauung vor. Man wird die 



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eigentliche Ursache seines Stumpfsinns im Verdauungssystem zu 
suchen haben. 

Bitte vergessen Sie nicht, wenn ahnliche Sachen vorliegen, wie mit 
diesen zwei Schiilern, das noch vorzubringen. Nicht so sehr wegen 
des einzelnen Falles, sondern daft sich uberhaupt durch Besprechung 
einer Anzahl von solchen Fallen, wo Schiiler im einzelnen durch- 
genommen werden miissen, nach und nach eine Erfahrung ergibt. 
Vergessen Sie nicht, diese Dinge vorzubringen, die Ihnen sonst noch 
notwendig oder fruchtbar erscheinen. 

Dann diese Sache mit den Austritten, wie verhalt sich das? 

X.: Viele Eltern nehmen die Kinder nach der 8. Klasse heraus, um sie in einen 
Beruf zu stecken. Die Proletarier sind iibermafiig empfindlich. 

Dr. Steiner: Nicht wahr, das wird wahrscheinlich schwer gehen, 
wenn wir nicht in der Lage sind, fur die hoheren Klassen hinauf den 
Unterricht zu erweitern durch irgendwelche Dinge, die die Leute so 
ansehen konnen, daft es ihnen Ersatz gibt fur das, was sie durch 
irgendeine Lehrlingszeit haben. Da miiftten wir unsere hoheren Klas- 
sen so einrichten, wie es in meinen Volkspadagogischen Vortragen 
steht. Dann wiirde man das erreichen konnen, daft die Kinder blei- 
ben. Aber wenn wir also nicht zu dem iibergehen, dann wird es sehr 
schwer werden, daft die Eltern sie darin lassen. Es werden viele nicht 
einsehen, worauf das hinaus will bei ihren Kindern. Wir stehen 
immer vor der Schwierigkeit, daft man die Kinder bis zum Abiturien- 
tenexamen bringt. Das ist eine sachliche Schwierigkeit. Da miiftte 
man einen Ausweg suchen. Moglich ware es trotzdem, die Kinder 
zum Abiturientenexamen zu bringen, wenn sie auch praktisch arbei- 
ten. Es miiftten diejenigen, die fur praktische Arbeit geeignet sind, 
mehr fiir das Praktische unterrichtet werden, ohne daft man die 
Schule gabelt. Ich glaube nicht, wenn wir die Schule auslaufen lassen 
in eine ,,hohere Lehranstalt", daft wir dann darum herumkommen, 
daft mit dem fiinfzehnten Lebensjahr eine Anzahl austritt. 

X.: Ich habe nur den Wunsch, dafl die Kinder der Proletarier so lange wie 
moglich in der Schule erhalten bleiben. 

Dr. Steiner: Erst haben die Eltern kein Verstandnis, was bei sozial- 
demokratischen Kreisen nicht weit geht. ,, Unsere Jungen sollen 
etwas Besseres werden"; da hatten sie vielleicht Verstandnis. Jetzt ist 
die Gesinnung sehr wenig vorhanden. Da hatten sie vielleicht die 
Gelegenheit ergriffen, auf billige Weise die Madchen unterrichten zu 



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lassen. Auf eine andere Weise werden wir gegeniiber dem, was in 
Lebensgewohnheiten liegt, nicht sofort etwas erreichen. Es wird 
auch nicht leicht sein mit den Kindern, die nicht wenigstens die 
ganze Voiksschule von unten herauf gemacht haben, also mit den 
spater eingetretenen, die wir nur ein Jahr lang in der 8. Klasse gehabt 
haben, die nun hinaufsteigen zu lassen in die hoheren Klassen. Die 
Kinder sind nicht danach, daft sie hinaufsteigen konnten. Wir haben 
in der 8. Klasse gar nicht so viel Proletarier gehabt. 

X.: Es sind neun ausgetreten. Es ist schwer, den Schiilern in der 8. Klasse das 
beizubringen, was sie fur die hoheren Klassen brauchen. 

Dr. Steiner: Sie sind in ihrer ganzen Lebensverfassung — wobeiich in 
keiner Weise irgend etwas anderes meine — , in der innerlichen See- 
lenverfassung sind sie nicht in das hinaufzubringen, was man 
gewohnlich hat als hohere Schule. In die hohere Schule, die eine Art 
Bourgeoisanstalt ist, da ist der Proletarier — er ist als Streber hinein- 
zukriegen, wenn er hinaufriicken will in die Bourgeoisie. Man muftte 
die Schule einrichten, wie ich es in den Volkspadagogischen Vor- 
tragen beschrieben habe. Dann wtirde es sich herausstellen, wie man 
diese Schiiler durchbringt zu einer richtigen Bildung. So lange man 
genotigt ist, etwas von der Schulverfassung des Gymnasiums zu 
haben, was die reine Bourgeoisieschule ist — es gibt nichts, was nicht 
zugeschnitten ware auf die Bourgeoisie — , da wird der Proletarier 
nicht hineinpassen. 

Ich mochte nur iiber diese Note des Nur-Lehrens, daft also man 
irgend etwas nicht in die Kinder hineinbringt, sagen: da handelt es 
sich darum, daft die Methode, die wir angefangen haben, die ausein- 
andergelegt worden ist in meinen didaktischen Vortragen, sehr viel 
vermag in der Okonomisierung des Unterrichts, wenn sie richtigaus- 
gebildet wird, und daft auch mehr hineingearbeitet werden sollte auf 
die Okonomisierung des Unterrichts. Nicht wahr, diese Okonomi- 
sierung ist durchaus notwendig, damit man die anderen Dinge auch 
einhalten kann. 

Ich habe nicht geriigt, daft die Kinder noch nicht schreiben konnen. 
Sie werden etwas anderes konnen in diesem Lebensabschnitt! Ich 
mochte das Beispiel von der R. F. M. erwahnen. Die hat mit neun 
Jahren noch nicht schreiben gekonnt, hat viel spater schreiben 
gelernt als alle anderen Kinder, sie hat die Buchstaben gemalt. Jetzt 
ist sie sechzehneinhalb Jahre alt und ist verlobt. Sie ist aufterordent- 
lich tiichtig im Helfen in einem Betrieb. Das ist doch eine andere 
Tour! So spat wie das Madchen lesen konnte — sie hat das letzte Jahr 



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der Handelsschule gratis bekommen und wurde zum Sekretar des 
Direktors ernannt! Es werden solche Dinge nicht geniigend beriick- 
sichtigt. Es fordert die Tiichtigkeit ganz entschieden, wenn nicht zu 
friih diese Dinge, wie das Schreiben und Lesen unserer jetzigen 
Schrift, die mit der menschlichen Natur nicht zusammenhangen, 
wenn die nicht zu friih beigebracht werden. Das spate Lesen- und 
Schreibenlernen, das ist etwas, was schon einen gewissen Wert hat. 

X. : Es wird bei den Eltern geredet, dafl in der Schule ein Gegensatz bestande 
zwischen den proletarischen Kindern und den anderen. 

Dr. Steiner: Wie ist das im gegenseitigen Verhalten zutage getreten? 

X.: Bei den Kindern untereinander Iconnte ich nichts konstatieren. Nur dieser 
kleine W. A., der zaubert so Sachen heraus: „Den Reichen erlaubt man immer, 
dafi sie herausgehen, nur uns Armen erlaubt man es nicht." Trotzdem ist nie die 
Stimmung gewesen, dafi etwas gegen die Proletarier ist. 

Dr. Steiner: Das ist fur unsere Schulentwickelung nicht besonders 
charakteristisch, denn hier hat er sich gebessert. Er ist viel zivilisier- 
ter, als er war. Er ist ein Wildling gewesen, wie er hereingekommen 
ist. Er hat sich entschieden gebessert. Ich glaube nicht, dafi der fur 
den Gegensatz zum Proletariat charakteristisch ist. 

X.: Er kann sich nicht konzentrieren. 

Dr. Steiner: Bei ihm wiirde man, sobald man sich vom Standpunkt 
der Pathologie mit den Kindern beschaftigen kanri, etwas erreichen, 
wenn man ihm ein paar Schropfkopfe setzen wiirde. Das wiirde ein- 
mal zur Padagogik gehoren. Jetzt wiirden wir furchtbaren Anstofi 
erregen. 

Sie wiirden auch einiges mit ihm erreichen, wenn Sie ihn gewohnen 
wiirden, ganz scharf irgend etwas mit Konsequenz vom Anfang bis 
zum Ende durchzufuhren. Wenn er bei einer solchen Geschichte 
etwas ausfrifit, muftte er es niederschreiben. Irgendwie muB man bei 
ihm in reinlicher Weise die Sache durchfiihren bis zur letzten Kon- 
sequenz. Man kann sehr viel erreichen, wenn man ihn eine Sache 
machen laftt, bis er sie reinlich durchgefiihrt hat. Er leidet vor alien 
Dingen an einer zu starken inneren Regsamkeit des Blutes. Es ist eine 
furchtbare Spannung in ihm, und er ist, was ich nennen mochte 
einen physischen Renommisten. Er will renommieren. Sein Korper 
renommiert. Das wiirde durch eine Behandlung des Blutes wesent- 
lich geandert werden. 

Bei manchen konnte man sehr viel machen, sobald man die Sache an 
einem richtigen Ende packt. Ich werde in jeder Klasse ein paar her- 



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aussuchen, die korperlich behandelt werden miifiten. Bei K. R. istes 
entschieden so, daft er richtig behandelt werden mufite. Er mufite 
behandelt werden auf eine gewisse Diat, auf Dinge, die ich gesagt 
habe. 

Diese Institution des Schularztes mufite man einrichten und so 
gestalten, dafi es akzeptiert werden konnte von der offentlichen 
Meinung. Man sollte eine besondere Institution des Schularztes 
schaffen. 

X.: Konnte das nicht sehr rasch in Angriff genommen werden? 

Dr. Steiner: Ich weifi nicht, ob von Dr. Kolisko so etwas gemacht 
werden konnte. Der Schularzt, der meiner idee nach dasein mufite, 
der mufite samtliche Schulkinder kennen und im Auge behalten, der 
mufite im Grunde genommen nicht einen speziellen Unterricht 
haben, sondern sich mit den Kindern samtlicher Klassen beschafti- 
gen, wie es sich ergibt. Den Gesundheitszustand samtlicher Kinder 
mufite er wissen. Da lafit sich viel sagen. Ich habe ofter betont, die 
Leute sagen, es gibt so viele Krankheiten und nur eine Gesundheit. 
Es gibt aber ebenso viele Gesundheiten, als es Krankheiten gibt. 
Diese Institution des Schularztes, der alle Kinder kennt und im Auge 
behalt, das wiirde eine vollamtliche Beschaftigung sein; der mufite 
ganz in unsere Dienste treten. Ich glaube nicht, dafi wir es machen 
konnen. Wir sind finanziell nicht so weit, dafi wir es verantworten 
konnen. Es mufite streng durchgefuhrt werden. Nur dadurch wiirde 
es akzeptiert werden. Er mufi jemand sein, der ganz in der Schule 
drinnensteht. 

Es wird gefragt wegen W. L. und R. D. 

Dr. Steiner: Der R. D. ist viel besser geworden. Der war im vorigen 
Jahr nicht in dem Zustand. Warum haben Sie ihn nach riickwarts 
gesetzt? Er ist das vorige Mai ganz am Ofen gesessen. 

X.: Das ist mehr, weil er sich mit dem E. zu sehr befafit. 

Dr. Steiner: Jedenfalls ist der R. D. jetzt besser. 
Bei W. L., da ist auch nur das allgemeine Befinden. Ich habe mich 
noch nicht so weit mit ihm beschaftigt. Er hat etwas korperlich. Der 
R. D. ist hysterisch. Ausgesprochen mannliche Hysteric Der andere 
hat vielleicht auch so etwas Ahnliches. Da mufite man ihn unter- 
suchen, wenn so etwas organisch vorliegt. 

X.: Darf ich fragen, ob Sie sich des Jungen D. R. erinnern? 



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Dr. Steiner: Der Junge ist physisch klein geblieben. Er sieht sehr 
neugierig aus. Ich glaube, der Junge braucht, daft er die Sicherheit 
hat, daft er ofter erleben wiirde, daft man ihn gerne hat. Zuhause wird 
er wenig Liebe erfahren. Die Mutter mag gescheit herumreden. Man 
sollte ihm in der Schule etwas Liebe geben. Man sollte ihn ofter 
anreden und Ahnliches, was einem schwer wird, weil er einen un- 
sympathischen Eindruck macht. Man sollte ihn ofter anreden, ihn 
iiber dies oder jenes fragen. Es macht ganz den Eindruck, daft er nach 
dieser Richtung hin angefaftt werden miiftte. Der Junge ist nur etwas 
vereist. 

X.: Soil ich mit dem Madchen N. M. auch etwas Besonderes machen? 

Dr. Steiner: Es fragt sich, ob man es nicht besonders aufwecken 
konnte. 

X.: Sie ist ganz zerstreut und hat die Augen in einer schiefen Lage. 

Dr. Steiner: Sie hat einen schwachen Intellekt. Fiir solche muftten 
wir doch die Schwachsinnigenklasse haben, daft man sie systema- 
tise]! behandeln kann. Diese Kinder wiirden sehr gewinnen, wenn 
man nicht Schreiben und Lesen geben wiirde, sondern Dinge, die 
aber doch ein gewisses Denken fordern. Solche elementare Auf- 
gaben, daft man sagt, sie muft in neun aufeinanderfolgende Becher 
eine Anzahl von kleinen Kugeln legen und in jedem dritten Becher 
miissen zwei rote und eine weifte sein. So etwas, daft sie kombinieren 
muft. Dann wiirde man schon etwas erreichen. Wir muftten eine Lehr- 
kraft fiir diese psychopathischen Kinder haben. 

X.: Ich bin in der 9. Klasse bis 1790 gekommen in der Geschichte. Ich sollte 
bei der Gegenwart angelangt sein. Ich komme langsam vorwarts. 

Dr. Steiner: Ich habe neulich nicht entnehmen konnen, wie rasch Sie 
vorwartsgegangen sind. Woran liegt es nach Ihrer eigenenMeinung? 

X.; Das liegt daran, daft ich selbst diese Geschichte sehr wenig kenne. Das 
Vorbereiten, um ganze Epochen zu umspannen, geht eben sehr langsam. 

Dr. Steiner: Mit was haben Sie angefangen? 
X.: Mit der Reformationszeit. 

Dr. Steiner: Man miiftte sehen — die Folgezeit ist kurz — , moglichst 
bald bis zur Gegenwart zu kommen. 

X.; 1st es besser, in der Projektions- und Schattenlehre in der 6. Klasse vom 
Kiinstlerischen auszugehen oder vom Geometrischen? 



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Dr. Steiner: Es ist unter Umstanden das das beste, was eine Briicke 
baut zwischen einem Unterricht, der niichtern geometrisch ist, und 
einem solchen, der doch zur Kunst hinuberftihrt. Ich glaube nicht, 
daft man das kiinstlerisch behandeln kann. Gemeint ist die Zentral- 
projektion. Ich wiirde doch glauben, daft die Kinder auch wirklich 
wissen mufiten, wie also der Schatten eines Kegels auf einer so gearte- 
ten Ebene ist; daft sie eine innere Anschauung haben. 

X.: Soli man solche Ausdrucke verwenden wie Lichtstrahlen, Schattenstrahlen? 

Dr. Steiner: Das ist nun ja eine allgemeinere Frage. Es ist nicht gut, 
Dinge in der projektiven Geometrie anzuwenden, die es nicht gibt. 
Es gibt keine Lichtstrahlen, noch weniger Schattenstrahlen. Das ist 
nicht notig, daft man mit diesen Begriffen in der Projektionslehre 
arbeitet. Man sollte arbeiten mit gestalteten Rauminhalten. Es gibt 
nicht Lichtstrahlen und Schattenstrahlen. Es gibt Zylinder und 
Kegel. Es gibt einen Schattenkorper, der entsteht, wenn ich einen 
Kegel habe, der schief ist und von einem Punkt beleuchtet wird, und 
den Schatten auffallen laftt auf eine geneigte Ebene. Dann habe ich 
einen Schattenkorper, der da ist. Diesen Schattenkorper als solchen, 
die Kurvenbegrenzung des Schattenkorpers, das sollte auch schon 
das Kind verstehen. Geradeso wie es spater in der projektiven Geo- 
metrie verstehen muft, wenn ein Zylinder einen anderen mit kleine- 
rem Durchmesser durchschneidet. Das ist ungemein niitzlich, die 
Kinder dies zu lehren. Es bringt nicht ab vom Kiinstlerischen. Es laftt 
die Kinder im Kiinstlerischen. Es macht das Vorstellen geschmeidig. 
Man kann geschmeidig vorstellen, wenn man von vornherein weift, 
was fiir eine Schnittkurve entsteht, wenn sich Zylinder durchschnei- 
den. Das ist ganz wichtig, daft man diese Dinge bringt, aber nicht 
Abstraktionen. 

X. fragt nach darstellender Geometrie. 

Dr. Steiner: Da bin ich vielleicht mitten in die Stunde hineingekom- 
men. Ich wiirde in diesem Teil finden, daft man anschaulicher vor- 
gehen soil. Wie die Kinder geantwortet haben, das konnte rationeller 
gemacht werden; das fiel auseinander. Die Kinder redeten verwor- 
ren. Und das kann natiirlich anders sein, wenn man saftigere Begriffe 
beibringt. Ich wiirde mehr vom Anschaulichen ausgehen, wiirde dem 
Kinde beibringen, wie verschieden ein Gebaude ausschaut vom 
Luftballon gesehen, und wie es ausschaut, wenn man Gebaude, 
hinter denen ein Berg ist, von dort herab anschaut. Ich wiirde aui 
diese Weise zuerst aus dem komplizierten Objekt heraus die Begriffe: 



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GrundriB, AufriB beibringen, bevor ich zur Darstellung des Punk- 
tes gehe. 

Diese Geometrie ware etwas, was die Kinder mit Leidenschaft trei- 
ben konnten, wenn man es ihnen beibringen wiirde. Es ist etwas 
ungeheuer Fruchtbares. Ich finde, daB es zu lange herumgeredet war, 
in die Flache eines Dreiecks einen Punkt hineinzusetzen. Wenn Sie 
im Anfang der Stunde den Punkt hineinzeichnen, und am Ende der 
Stunde wird iiber allerlei zu den Dingen herumgeredet, ohne daB Sie 
dazu gekommen sind, die Linien zu ziehen, so glaube ich, daB Sie die 
Vorstellungen zu stark auseinandertreiben. Wenn das Kind iiber 
soviel Vorstellungen sich verbreitet, dann verliert es den Zusammen- 
hang, den Faden. Es wird alles so weit, daB die Kinder — nicht wahr, 
man faBt es nicht mehr; es ist auseinander gezerrt. 

X.: Hat es einen kiinstlerischen Wert, wenn man ,,Das Lied von der Glocke" 
lernen laftt? 

Dr. Sterner: Man kann es schon machen, wenn man es heraufhebt in 
eine freiere Auffassung. Das ,,Lied von der Glocke" ist eines von den 
Gedichten, bei denen Schiller der Philistrositat Konzessionen 
gemacht hat. Manches darinnen ist eigentlich spieBig. Viele Vorstel- 
lungen sind ganz unwahr. Deshalb ist es gefahrlich. Naturlich werden 
die Proletarierkinder es ihren Eltern erzahlen. Das ist auch nicht 
wiinschenswert. Es wird empfunden als ein Philistergedicht. 
Wie stent es 4 mit der 1. Klasse? 

X. berichtet. 

Dr. Steiner: In Ihrer Klasse macht die Homogenitat einen guten Ein- 
druck. Die Kinder sind in beiden ersten Klassen so, daB sie nicht als 
b'esonders Begabte und Unbegabte hervortreten. 

X. : Es sind einzelne da, bei denen ist es etwas schwierig. 

Dr. Steiner: Das ist auch gut, einzelne muB manwecken. Imganzen 
habe ich mich gefreut bei beiden ersten Klassen, daB sie doch verhalt- 
nismaBig ruhig sind, wahrend die zweite eine schreckliche Schrei- 
klasse ist. Sie tun sich schon hollisch schwer; sie sind auch unruhig. 
In dieser Beziehung sind die ersten Klassen sehr gut. 

X.: Etwas schwerer ist die Sprachstunde. 

Dr. Steiner: Im ganzen ist diese Klasse so, daB man zufrieden sein 
kann mit ihnen. Es sind auch ein paar, die zuruckgeblieben sind. 
Diese Kleine in der ersten Bank, in der linkesten Reihe, die 



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kommt schwer vorwarts. Der kleine B. R. ist nicht besonders 
begabt. 

Dr. Steiner hatte vorgeschlagen, dafl eine jiingere Lehrerin, Frl. S. einer alte- 
ren Klassenlehrerin, Frl. H. im Unterricht helfen sollte. Es wird nun gefragt, 
wie das Zusammenarbeiten im einzelnen geschehen solle. 

Dn Steiner: Ich habe so gemeint erst, daft Sie sich ablosen, aber daft, 
wahrend die andere nichts zu tun hat, sie nicht bloft zuhort, sondern 
auch ein biftchen herumgeht, um so ein biftchen nebenher die Diszi- 
plin zu bewahren. 

X.: Wir hatten das nicht getan, da wir es fur unerspriefilich hielten. 

Dr. Steiner: In abstrakter Beziehung mag es richtig sein. Intim ist es 
nicht so. Fraulein H. ist furchtbar angestrengt. Also wenn Sie dahin- 
ten herumgehen wiirden, konnten Sie manches, was herumspringt, 
am Sitzplatz erhalten. Das ist ersprieftlicher, als wenn Sie bloft zu- 
horen. 

X. : Wenn ich den Kindern etwas sage, sagt Frl. H. das Gegenteil. 

Dr. Steiner: Das kommt nicht in Frage, wenn Sie bloft darauf sehen, 
daft ein Kind, das herumspringt, am Platze sitzen bleibt. Ich meine, 
nicht wahr, wir wollen uns nicht iiber Prinzipien unterhalten. Bei 
dieser Klasse ist es eigentumlich, daft die Kinder bunt durcheinander- 
laufen. Da kann man sie abhalten von diesem Durcheinanderlaufen. 
Wie will Frl. H. das Gegenteil sagen? Ich will nicht hoffen, daft Sie 
untereinander uneinig sind. Ich meine nicht, wenn berechtigterweise 
ein Kind vorgeht, daft man es zuriickhalt. Es handelt sich um die 
offenbaren Falle, daft die Kinder ungezogen sind und daft man 
schwer Disziplin halt, daft die Kinder zu reichlich schwatzen. 
Machen Sie es ganz unauffallig, so daft Sie gar nichts tun konnen, 
wozu das Fraulein H. das Gegenteil sagen konnte. 
Sollte es wirklich so schwer sein, die Sache zu machen? Es ist vor- 
geschlagen in der Absicht, daft Fraulein H. geholfen werden sollte, 
weil die Klasse fur sie zu groft ist und die Kinder in einer etwas schwer 
zu behandelnden Weise zusammengewiirfelt sind. Solch ein Experi- 
ment kann man nicht machen, wenn es ein Experiment bleibt. Ich 
konnte mir aber gut denken, daft Sie so weit kommen, sich ftinf 
Minuten dariiber zu besprechen, was der Unterrichtsgegenstand am 
nachsten Morgen sein wird. 

Hier scheint eine Frage gestellt worden zu sein nach Marchenerzahlen. 



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Dr. Steiner: Wenn Sie finden, daB es sachlich gerechtfertigt ist. Ich 
mochte davor warnen, gewisse Zeiten auszufullen mit Marchenerzah- 
len. Es soil alles sehr gut padagogisch eingeteilt sein. Ich mochte 
nicht, daB diese Dinge zu stark hervortreten, daB der Unterricht 
undurchdacht wiirde; daB man, wenn man nicht weiB in einem 
bestimmten Moment, was man tun soil, ein Marchen erzahlt. In jeder 
Minute muB der Unterricht durchdacht sein. Nicht wahr, Marchen- 
erzahlen ist ganz gut, wenn man es festgesetzt hat, daB man es tut. 
Eigentlich ist es im Sinne unserer padagogischen Anschauung, daB 
diese zwei Stunden am Morgen ein in sich geschlossenes Ganzes sind, 
nicht daB man irgendwelche divergierenden Interessen hat. 
Sie werden nur durchkommen, wenn Sie beide ganz ein Herz und 
eine Seele sind. Wenn Sie gewissermaBen brennen daranzukommen, 
um die Sache gegenseitig fortzusetzen. Ganz ein Herz und eine Seele: 
das ist das, was natiirlich fast unerlaBlich ist. 

X..' Fraulein Lang will uns verlassen, weil sie sich verheiratet. 

Dr. Steiner: Da konnen wir nichts anderes sagen, als daB es schade 
ist. 

Da werden wir eine andere Lehrkraft haben miissen. Es ist absolut 
notwendig, daB jemand ernannt wird, der sich ganz aus vollem Her- 
zen hineinfindet in den Geist der Waldorfschule. Wir sind bald herum 
um die Leute, die als Lehrer in Betracht kommen. Viele diirften 
nicht noch heiraten! 

Wann wiirde Boy frei werden? Ich habe von ihm einen sehr verniinf- 
tigen Brief bekommen. Es fragt sich, ob er mit Herz und Seele dabei 
sein kann. Er steht der Sache ein biBchen fern. Ich hatte dasGefiihl, 
er konnte herkommen mit einer vorgefaBten Meinung iiber Unter- 
richt und sich nicht ganz in unsere Methode hineinfinden, weil diese 
Lehrer an solchen Schulen ihre kuriosen Ideen haben. Aus manchen 
Anzeichen sehe ich, daB er nicht in diese Dinge eingefahren ist. 
Natiirlich miiBte ich wissen, daB er mit Herz und Seele dabei sein 
konnte. Ich wiirde Herrn Boy sehr gerne personlich kennenlernen. 

Boy war damals an einem Landerziehungsheim tatig. 
Es wird noch iiber andere Kandidaten gesprochen. 

Dr. Steiner: Wir bleiben dabei, daB wir Herrn Ruhtenberg die eine 
Klasse geben und uns um Boy oder einen anderen bemiihen. Darf ich 
Boy personlich kennenlernen? 
Gibt es noch Anstandsunterricht? 



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269 



X. : Ich habe es ganz in den Musikunterricht hineingenommen. 

Dr. Sterner: Es ist ja, wenn man es richtigmacht, vongutem Effekt. 
Man mufl nur bei diesem Unterricht die Sache so anlegen, daft man 
auf Wiederholungen zuriickkommt, damit die Kinder durch den 
Rhythmus der Wiederholungen gepackt werden. 
Noch gar nicht viel habe ich von der Eurythmie gesehen. 

X. fragt nach Heileurythmie, wie besonders schwierige Falle zu behandeln sind. 

Dr. Steiner: Es ist seit Jangem daran gedacht, dieses System der Heil- 
eurythmie auszubilden. Es ist mir schwer geworden in der letzten 
Zeit, diese Sache noch zu machen. Man miiftte die Heileurythmie 
ausarbeiten. Natiirlich laftt sich manches fur die psychologische 
Pathologie machen. Wenn man die Kinder hat, laBt sich auch man- 
ches machen. 

X. berichtet iiber den Gesangsunterricht. 

Dr. Steiner: Es wird sich kaum empfehlen, bei den kleinen Kindern 
Zweistimmiges zu gebrauchen. Man konnte es erst bei der 5. Klasse 
anfangen. Bei den Kindern bis zum zehnten Jahre wiirde ich in der 
Hauptsache beim Einstimmigen bleiben. Haben Sie eine Moglich- 
keit, im groflen MaBstab die Kinder das, was sie im Chor singen, auch 
solo singen zu lassen? 

X.: Jetzt kann ich es schon machen. 

Dr. Steiner: Das ist etwas, was sonst auch in Betracht kommt. Ich 
meine, man muft viel Riicksicht nehmen darauf, doch die Kinder 
nicht nur im Chor singen zu lassen; ja nicht deshalb dariiber das Solo 
versaumen. Namentlich bei den Dingen, die im Chor gesprochen 
werden, werden Sie finden, die Gruppenseele reet sich. Manche 
machen es sehr gut im Chor; Sie rufen sie einzeln aur, und sie kriegen 
nichts heraus. Man mufi darauf sehen, dafi die Kinder auch einzeln 
das konnen, was sie im Chor konnen, insbesondere beim Sprach- 
unterricht. 

Wie ist es mit den GroBten im Gesangsunterricht? 

X.: Die Jungen haben Stimmbruch, die bekommen Theorie und rhythmische 
Obungen. Die alteren Kinder beschaftige ich in verschiedener Weise. Vielleicht 
konnen wir einen gemischten Chor bilden. Das wiirde SpafJ machen. 

Dr. Steiner: Das muBte man sicher machen. 
Wie ist es mit dem Handarbeitsunterricht? 

Es wird berichtet. 



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16. 1. 1921 



Dr. Steiner: Sie miissen sich bei der Wahl der Arbeiten anpassen an 
die Bediirfnisse. Es gibt nicht die Moglichkeit, auf alles ein gewisses 
ktinstlerisches Tun anzuwenden. Man sollte das Entwickeln des 
Kiinstlerischen nicht versaumen, den kiinstlerischen Sinn nicht ver- 
dorren lassen. Aber Sie konnen nicht viel mit dem kiinstlerischen 
Sinn anfangen, wenn die Kinder einen Strumpf stricken sollen. Wenn 
ein Kind einen Strumpf gestrickt hat, kann man immer unterbrechen 
und irgendeine Niedlichkeit dazwischen machen lassen. Wir wollen 
in die Zusammenkunft am Abend soziale Pikanterien hineinbringen, 
wollen ganz kleine geschmackvolle Bandchen machen lassen mit 
etwas Anhanglichem aus Papier. Ja nicht ins Frobeln kommen! 
Dinge, die man brauchen kann, die im Leben eine Bedeutung haben, 
die kann man geschmackvoll kiinstlerisch machen. Keine Konzes- 
sionen! Nicht Dinge machen lassen, die nur Finessen oder Kokette- 
rien entspringen. — Nicht fur vieles wird man Papier anwenden 
konnen. Ich hoffe auch noch hineinzugehen. 

Herr Wolffhiigel, mit dem Handfertigkeitsunterricht haben Sie wohl 
noch nicht besondere Erfahrungen! 

X.: Die Kinder haben angefangen, Spielzeug zu machen, sind aber noch nicht 
fertig geworden. 

Dr. Steiner: Es ist durchaus nichts einzuwenden, daft die Kinder 
Kochloffel machen. Ganz Fernliegendes brauchen sie nicht zu 
machen. Moglichst keinen Luxus. 

Es wird ein Zweijahresbericht erwahnt. 

Dr. Steirier: Es ist jederzeit gut, wenn der Jahresbericht erscheint. 
Man kann nicht genug iiber die Waldorfschule und ihre Prinzipien 
und Absichten und ihre Art arbeiten. Es ist schade, wenn es nicht 
immer wieder geschieht in sachlicher Weise. — Dann will ich sehen, 
daft ich die Sache schreibe. Es soil nicht lang werden. 

X.: Ich habe den Eltern meiner Kinder auf einem Elternabend einen Vortrag 
gehalten und sie unterrichtet iiber alles, was ich die Kinder gelehrt habe. 

Dr. Steiner: Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber es kann niemals 
Vorschrift werden. Wer es tun will, der kann es tun. Man mufi mei- 
nen, daft es notwendig ist. Es wird es nicht jeder tun konnen. Man 
muft schon viel Uberkrafte wie Sie haben, wenn man diese Dinge 
auch noch machen will. 

Natiirlich miissen Sie bedenken, daft die Waldorfschule als solche — 
wenn wir auch gar nicht darauf ausgehen, die Schulerzahl zu ver- 
mehren, was bei den Raumschwierigkeiten gar nicht geht, abgesehen 



16. 1. 1921 



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von dem ErlaB -, es bleibt immerhin, daB der Bestand der Waldorf- 
schule fur unsere gesamte Sache agitiert. Sie ist wichtig. Es ist wich- 
tig, die Bestrebungen der Waldorfschule ins rechte Licht gesetzt zu 
bekommen. Innerhalb der Dreigliederung ist es viel wichtiger, daB 
die charakterisierten Tendenzen der Waldorfschule in sachlicher 
Weise vorgefiihrt werden. Nicht als Reklame fiir die Schule, sondern 
als Charakteristik unserer Sache als solcher. Das ware bei den Mit- 
gliedern des Bundes fiir Dreigliederung viel notwendiger als iiber 
Tolstoi zu reden. Sie ist jetzt schon bis zu einem gewissen Grade 
bekannt. Sie rniiBte viel griindlicher bekanntwerden, namentlich ihre 
Grundsatze. Dann muBte sehr scharf betont werden die Freiheit des 
Lehrerkollegiums, die republikanisch-demokratische Einrichtung 
des Lehrerkollegiums, um zu beweisen, daB man sogar in den be- 
grenzten Moglichkeiten, die man hatte, ein freies Geistesleben sich 
denken kann. 

X.: Ist es sehr ratsam, weiter nach dem Norden zu gehen, um Vortrage zu 
halten? 

Dr. Steiner: Nicht wahr, es kommt darauf hinaus, daft man injedem 
einzelnen Falle entscheiden kann, ob etwas dabei herauskommt. 
Wenn die Sachen gut arrangiert sind, ist es jedesmal gtinstig, daft 
soviet Leute, als nur moglich ist, gehen konnten und vortragen. 

Frau Dr. Steiner: Herr L. will morgen mit mir sprechen wegen einer Auffiih- 
rung in einer anderen Stadt. 

Dr. Steiner: In groBem MaBstabe kann das nicht gemacht werden, 
daB die Kinder der Waldorfschule herumfahren. Ich weiB nicht, ob 
man damit gerade anfangen soli, wenn die ganze Aufmachung dabei 
eine tantenhafte ist. Man kann nicht die Waldorfkinder ewig herum- 
schicken, das muB eine seltene Ausnahme sein. Waldorfkinder 
konnen keine Wandertruppe werden. Aus diesem Zusammenhang 
halte ich es nicht fiir angemessen. Wir konnen fiir die Kindereuryth- 
mie eintreten. Man sollte die Leute veranlassen, Reisen zu machen, 
um die Kindereurythmie hier zu sehen. Es muB viel ernster eingelei- 
tet werden, als es Frau P. und Herr L. tun wiirden. Die wollen eine 
Art Gschaftlhuberei machen. Das ist zuviel verschwendete Kraft, in 
diesem Zusammenhang viel Vortrage zu halten. Wir miissen nicht 
dieser Tee-Anthroposophie zu stark entgegenkommen. 
Wer Zeit hat, mag ja hingehen. Es ist ein biBchen verschwendete 
Kraft. Wer will, kann zu Vortragen gehen. Die volkstumlichen Zele- 
britaten haben schon vorgetragen. Es ist ziemlich sicher, daB dort 



272 



16. 1. 1921 



kein aussichtsvolles Publikum ist. So ein biftchen gemischt aus Bohe- 
miens und Salonmenschen. Nicht Leute, die irgendwie zur Fortfiih- 
rung der anthroposophischen Bewegung beitragen. 
In Bayern ist die absolute Philisterei die tonangebende Partei. Diese 
Idealisten haben Unfug gemacht, so ist es leicht, mit dem Philiste- 
rium durchzukommen. Der Bayer sagt, ein Wittelsbacher, und er 
meint, gute Bratwurste. 

Ist sonst etwas Sachliches? Ich meinerseits mochte nur wiinschen, 
daft ich mich mehr der Waldorfschule widmen konnte. 



Konferenz vom Mittwoch 23. Mdrz 1921 , wohl abends 



Dr. Steiner (zu Ruhtenberg, der vertretungsweise die 5b tibernom- 
men hatte): Wie haben Sie sich hineingefunden in die 5. Klasse? 

X.: Die Kinder sind schwatzhaft und unruhig. 

Dr. Steiner: Auf was istdie Schwatzhaftigkeitzuruckzufiihren? Die 
friihere Lehrerin, Fraulein Lang, ist immer zurechtgekommen. 

X.: Ich habe bei ihr zugehort, bei ihr waren die Kinder durchaus ruhtg. 

X.: Diese Klasse war immer besonders schwierig. 

Dr. Steiner: Das ist eine eigentiimliche Erscheinung. Fraulein Lang 
hat sie ruhig gehalten, da liegt immerhin ein Ratsel verborgen. 

X.; Sie war sehr streng. 

Dr. Steiner: Ich mache Sie darauf aufmerksam, daft da etwas vor- 
liegt, was fur uns wichtig ist. Fraulein Lang ist eine in Wiirttemberg 
gepriifte Lehrerin. Wenn wir beurteilt werden, dann wird man die 
Neigung haben, die stramme Disziplin auf die seminaristische Aus- 
bildung in Wiirttemberg zuruckzufiihren. Als dazumal die drei inspi- 
zierenden Weisen in der Schule waren, da hat einer ganz besonders 
bei der Frau K. gesagt: Man hatte gesehen, daft es mit der Disziplin 
nicht ginge bei den nicht Gepriiften. Sie hatten es in der Klasse 
gemerkt, wenn eine richtig gepriifte Lehrerin da war. 

X.: Ich habe den Eindruck, es liege daran, dafi es mir nicht geniigend moglich 
war, mich zu praparieren. 

Dr. Steiner: Da kommen wir zu den Imponderabilien. Es ist nicht 
bloft wichtig, was der Lehrer tut, sondern was der Lehrer ist, wie er in 
der Seelenverfassung ist. Das ist einmal durchaus so. Das mufi in 
Betracht gezogen werden. Solche Dinge treten einem besonders 
stark entgegen an den Gymnasien, wo sehr haufig die Lehrer des 
Morgens mit starkem Kater in die Schule kommen, weil sie abends in 
der Kneipe sind. Da ist der Teufel los, nur durch die Tatsache, daft 
der Lehrer einen Brummschadel hat. Das gehort zu den Impondera- 
bilien. Das ist der radikalste Fall. Sobald das Eigentiimliche eintritt, 
daft man nicht geniigend prapariert ist, da vibriert die Seele anders als 
sonst. Das spiegelt sich sehr leicht in der Disziplinlosigkeit. Daft man 
wirklich prapariert ist, das ist die Schwierigkeit beiunseren Lehrern 
in der Waldorfschule. Es ist bei der anstrengenden Tatigkeit 
furchtbar schwer, zu praparieren. Warum lachen Sie? 



274 



23. 3. 1921 



X.; Weil es so ist! 

Dr. Steiner: Wollen wir uns noch einmal zum Bewufttsein bringen, 
welche Lehrkrafte wir brauchen. — Ja, da ware die 6. Die braucht 
nicht geteilt zu werden. 54 Kinder, das kann man noch ertragen. 
Aber dann mtissen wir an die 9. denken. Dann miissen wir eine 10. 
anschliefien. Da werden wir eine Einteilung treffen. 

Es werden die Klassen mit ihren Klassenfachlehrern durchgegangen und ver- 
teilt. 

Dr. Steiner: Ich mdchte, daft Fraulein Dr. Roschl herkommt. Ich 

finde sie sehr geeignet. Ich mochte sie sehr gerne hier haben fur 

Lateinisch und Griechisch. Sie kann erst vom Herbst an. 

Ist Ruhtenberg frei? Mit Riicksicht darauf, daft ich Fraulein 

Dr. Roschl durchaus dahaben mochte, wiirde ich meinen, daft esgut 

ware, wenn diese 5b fur die Dauer von Herrn Ruhtenberg besorgt 

wiirde. 

Es wiirde sich dann nur um zwei neue Lehrkrafte handeln. 

1st nicht Fraulein Klara Michels Fachlehrerin? Sie wiirde dann wohl 

nur fur eine hohere Klasse in Betracht kommen. 

Dr. Kolisko sagt, dafi er vom Herbst an an die Schule kommen konnte. 

Dr. Steiner: Wenn dann Dr. Kolisko eintritt, konnte es sich etwas 
verschieben. — Es ist nicht leicht, Lehrkrafte zu finden. Beworben 
haben sich riesig viele, aber keine brauchbaren. 

X.: Ich bin im Geschichtsunterricht in der 9. Klasse bei der Gegenwart ange- 
kommen. 

Dr. Steiner: Sie dachten zu Jean Paul uberzugehen. Ich wiirde mei- 
nen, das, was wir festgelegt haben, miiftte fest eingehalten werden. 
Mit der 8. sind Sie auch bis zur Gegenwart gekommen? 
Ich wiirde Ihnen empfehlen, mit der 8. Klasse zu lesen die ersten 
Kapitel von Schillers ,,Dreiftigjahrigem Krieg". Darin ist sehr viel 
Bildendes; darin sind sehr viele Dinge, die bis zur Gegenwart gehen. 

X.: Sollte es nicht moglich sein, im englischen Unterricht in der 7. Klasse 
irgend etwas aus einem Buch zu lesen? 

Dr. Steiner: Vielleicht ist es doch moglich. Wieviel Zeit werden Sie 
haben, um zu lesen? Wie konnte man das bewirken, daft „Christmas 
Carol" gelesen wiirde? Es ist aufterordentlich instruktiv, wenn jedes 
Kind das Buch hat und man sie einzeln herausruft und vor den 
anderen in zwangloser Weise vorlesen laflt, damit sie zusammen- 
lesend denkend arbeiten. 6a, 6b: Poetisches; Prosa nach der Poesie. 



23. 3. 1921 



275 



Im Lateinkurs kann man Ovid oder Vergil lesen. Plutarch, kleine 
Geschichten. 

X. sagt, er habe Ovid gelesen. 

Dr. Steiner: Bleiben Sie dabei, bis sie arg viel konnen. 
Es wird nach Plinius gefragt. 

Dr. Steiner: Plinius ist eine gute Lekture. Livius fur die altesten 
Schuler: da mu/3 man auf die Intimitaten eingehen. Livius hat eine 
sehr schlechte Uberlieferung; er ist der beriihmte Schriftsteller, bei 
dem man immer Konjekturen macht. 

Im Griechischen wiirde ich solche Spriiche mit ihnen durchnehmen 
(Dr. Steiner gibt ein Beispiel); es gibt sehr viel solche Zweizeiler im 
Griechischen. 

Es wird gefragt wegen des Religionsunterrichts. 

Ein Klassenlehrer: Ich war mit darin in der Klasse 6b. Das ging ganz gut. 

Dr. Steiner: Man kann jemandem viel helfen, wenn man mit in der 
Klasse ist. 

Wie steht die Sache mit der Eurythmie? Da wo lite ich, dafi es Frau 
Doktor hort. 

Es wird berichtet. Es war eine Extraklasse gemacht worden. 

Frau Dr. Steiner: Fur einige junge Herren und Damen ist es nicht schlecht, 
wenn sie blofi zuschauen. 

Dr. Steiner: Es ist das Prinzip, die Eurythmie der Schule zu zeigen, 
dadurch durchbrochen, daft man einen Extrakurs macht. Wenn es 
richtiges Schulprinzip ist, wird man das nicht machen; man wird 
nicht eine Extragruppe zubereiten. Aus dem gewohnlich verlaufen- 
den Schulunterricht wiirde man es dadurch herausnehmen. Daft man 
eine Schuleraristokratie macht, das ist etwas, was das Padagogische 
in der Schule stort. 

X.: Es ist deshalb gemacht worden, weil einige Kinder fur Auffuhrungen 
gebraucht wurden. 

Dr. Sterner: Es miissen unter den gewohnlichen Schiilern einige sein, 
die man brauchen kann. Daft man extra welche prapariert, in einer 
besonderen Gruppe, das ist unpadagogisch. 

X. : Ich habe mit Herrn N. gesprochen, und er meinte, ob es nicht besser ware, 
einen Kurs aufterhalb der Schule zu machen. 



276 



23.3. 1921 



Dr. Steiner: Dann konnen wir niemals sagen, dafl wir die Waldorf- 
schulkinder vorfiihren. Das ist ein Gesichtspunkt, der fur die Offent- 
lichkeit in Betracht kommt. 

Es ist niemals in einer Konferenz von einem solchen Extrakurs die 
Rede gewesen. 

X.: Das hat sich bei der ersten Auffuhrung ergeben. 

Dr. Steiner: Es miiflten solche einschneidenden Sachen innerhalb 
der Konferenz zur Sprache kommen. Sonst konnte eines Tages von 
irgend jemand beschlossen werden, eine Anzahl Kinder auszuwahlen 
und einen Schachkurs zu machen. Prinzipiell ist esdasselbe. Es geht 
eigentlich nicht. Es ist eine Aristokratie, die man bildet. 

Frau Dr. Steiner: Ich begreife das. 

X.: Ich wollte fragen, ob der Gedanke an den Kindergarten aufgegeben ist. 

Dr. Steiner: Aufgegeben ist er nicht. Wir miissen nur war ten, bis wir 
ihn einrichten konnen. 

X. : Wir wollten die Frage der Fortbildungsschule vorbringen. 

Dr. Steiner: Gibt es da konkrete Moglichkeiten? Wir miissen einmal 
den Lehrplan der 10. Klasse festsetzen. Da muR etwas hinein, was 
wirkliche Lebenspraxis ist. Aber Fortbildungsschule? Liegen denn 
konkrete Moglichkeiten dafiir vor? 

X.: Es handelt sich um die Kinder, die ausgetreten sind, daft man die gefafit 
hatte. Es war jetzt nicht moglich, aus Platzmangel und Geldmangel. Man 
miiftte es vorbereiten fiir das nachste Jahr. 

Dr. Steiner: Die Vorbereitung wiirde darin bestehen, zu sorgen, daft 
die Behorden uns nicht in die Suppe spucken. 

X.: Es ist so, daft nichtstaatliche Fortbildungsschulen vorgesehen sind. Sie 
miissen nachweisen, daft der Lehrplan nicht unter dem der andern ist. 

Dr. Steiner: Wir hatten den Wahnsinn machen sollen, die Kinder in 
spezielle Sachen hineinzustecken. Wir konnen das nicht mitmachen, 
wenn wir bei unserer Padagogik bleiben wollen. Wir konnen doch 
nur dasjenige einrichten, was den Menschen vorwartsbringt. Wenn 
wir Fortbildungsschulen errichten wollen, miissen wir es so einrich- 
ten, dafl die Kinder etwas davon haben fiir ihre menschliche Fort- 
bildung. 

Von uns wird entschieden, was fiir eine Schule wir errichten wollen. 
Es hat kein Mensch bezweifelt, daB Strakosch berufen war zu einer 



23. 3. 1921 



277 



allgemeinen Fortbildungsschule. Es sollte eine Art praktisch-gymna- 
siale Fortbildung sein, eine menschliche Fortbildungsschule. Eine 
andere Sache zu errichten, haben wir nicht die geringste Veranlas- 
sung. Es ist doch nicht notig, daft man dasselbe macht, was die 
anderen auch machen. 

X.: Die Sache ist so: die Kinder, die in einen Beruf hineinkommen, miissen 
eine von den staatlichen Schulen besuchen. 

Dr. Steiner: Die, die schon in solche Fachschulen gehen, kommen 
doch nicht zu uns hinein. Wir werden niemand darinnen haben in 
unseren Klassen. Was uns fehlt, ist die Moglichkeit, die Kinder vom 
fiinfzehnten Jahr an nach unserem Lehrplan zu unterrichten. Das ist 
dazumal konstatiert women. Die Frage ist vorlaufig erledigt. Das 
haben wir schon einmal verhandelt; wir konnen es hier nicht weiter 
erortern. Die ganze Frage ist die akuteste: wie ist die Zeit auszufiillen 
zwischen Volksschule und Hochschule? Wenn wir die Moglichkeit 
dadurch schaffen konnten, daft wir die Behorden dazu kriegen, uns 
anzuerkennen, dann wiirden wir furchtbar Zulauf haben. 
Ist denn eine Moglichkeit vorhanden, wenn nicht eine solche Lehr- 
lingszeit vorliegt, daft jemand solche Leute in einen Betrieb auf- 
nimmt? 

X.. - Wer nicht bei einem anerkannten Meister gelernt hat, kann nicht ange- 
stellt werden. 

Dr. Steiner: Man kann nichts machen! Es ist alles so abgezirkelt, daft 
es bloft noch kein Gesetz gibt, wie man die Gabel halten mufi. 
Die Frage miiftte studiert werden, auf welche Weise man Fortbil- 
dungsschulen einrichten kann, daft sie im Sinne der volkspadagogi- 
schen Aufsatze Fortbildungsschulen sein konnen. Die Waldorfschule 
miiftte versuchen, das bei den Behorden durchzudriicken. Man miiftte 
der Schule mehr Ansehen versch affen. 



Konferenz vom Donnerstag 26. Mai 1921, 20—2 Uhr 



Dr. Steiner: Wir werden uns wohl iiber den Schulschluft zu unterhal- 
ten haben. Sie haben eine Anzahl von Fragen? 

X.: Die Frage, wie die Versetzung in diesem Jahr gehandhabt werden soil. 
Allgemeines wegen der 10. Klasse und der folgenden. Eine Bitte um einen 
Kursus iiber Erziehung der iiber Vierzehnjahrigen, auch betreffend den Reli- 
gionsunterricht. Weiter, was bei uns eine ,,bourgeoise Methode" ist, und wie 
es ausgemerzt werden konnte. Eine Frage wegen des Instrumentalunterrichts. 
Ob man in der 3. Klasse in den Fremdsprachen schon schreiben oder nur spre- 
chen soli. Eine Frage betreffend Lebenskunde und soziale Erkenntnis. Eine 
Frage nach dem Eurythmie-Sonderkurs. Auch wegen einer Versammlung mit 
Lehrern, wegen padagogischer Wochen und wegen eines Mitteilungsblattes. 

Dr. Steiner: Ich denke, wir werden die einzelnen Punkte absolvieren, 
indem wir zuerst versuchen, die Dinge zu sagen, welche die einzelnen 
Lehrkrafte iiber das vorzubringen haben, was mit der Fortsetzung 
und mit dem Ende des Schuljahres zusammenhangt. Dann werden 
wir leichter die Frage nach der Versetzung der Kinder besprechen 
konnen. Ich denke, wir beginnen bei der 9, Klasse. Ich werde die 
verehrten Lehrkrafte bitten, die Erfahrungen vorzubringen, die sie 
auf den Schluft des Schuljahres vorzubringen haben. 

Es wird iiber jede einzelne Klasse gesprochen, zuerst iiber die 9. 

Dr. Steiner: Ich war darin bei der Jean Paul-Besprechung. Sind Sie 

zufrieden mit der Art, wie die Kinder teilnehmen? 

Was ist in der Eurythmie zu sagen? Der eine Lethargische, der U. A., 

ist nicht wirklich lethargisch; der macht nur einen lethargischen Ein- 

druck. 

Falls eine 10. Klasse zu errichten sein wiirde, so wiirdenalle Schiiler 
aufzusteigen haben. 

Nun kommen wir zur 8. Klasse. Sind da Schiiler, die in Betracht 
kommen als so schwach, dafi man sie zurucklassen soil? 

X,: Es ware bei H. K. zu uberlegen, ob er nicht in einer tieferen Klasse besser 
vorwartskommt. 

Dr. Steiner: Meinem Eindruck nach mufite er nicht zuriickbleiben. 
Ist es einer von denen, die in bestimmten Fachern mehr zuriick sind? 

X.: Er schlaft formlich ein. 

Dr. Steiner: Er ist physisch schwach. Er war bei der Quakerspeisung. 
X.: Es sind so schlimme hausliche Verhaltnisse. 



26. 5. 1921 



279 



Dr. Sterner: Es fragt sich in einem solchen Fall, ob Sie glauben, daft 
er im nachsten Jahre in der 9. Klasse storen wird, oder ob man ihn 
unter Umstanden doch wird mitbringen konnen. Wenn solche Ver- 
haltnisse vorliegen, ist solch ein Schock nicht gerade das Wunschens- 
werte. 

X.: Ich glaube nicht, dafi er storen wird. 

Dr. Steiner: Ist in der Eurythmie etwas zu gewinnen aus ihm? 

Eine Eurythmielehrerin: Er strengt sich an. — Der P. R. ist verwachsen, soli 
man ihn einzeln vornehmen? 

Dr. Steiner: Haben wir eine gewisse Anzahl solcher Kinder durch die 
verschiedenen Klassen durch? Man mufi, so gut man kann, mit den 
Kindern innerhalb derselben Gruppe fertig werden. Es geht nicht an, 
daft man den P. R. absondert. 1st sprachlich etwas zu sagen? 
Der H. K. bliebe zu bedenken. Ich glaube doch, daft es kaum zweifel- 
haft sein kann, daft wir diesen in die 9. Klasse hinaufnehmen. Ich 
werde vielleicht morgen oder iibermorgen in die Klasse kommen. Wir 
miissen den Hilfsunterricht haben. Daran miissen wir denken. In 
einer niedrigeren Klasse wiirden solche Schiiler ebenso storen. 

X.: Die Kinder in meiner 6. Klasse haben ein schlechtes Gedachtnis. Es muft 
ein Fehler im Unterricht sein. 

Dr. Steiner: Man kann nicht sagen, das Gedachtnis aller Kinder sei 
schwach. 

X.: Die Kinder haben die Dinge nicht behalten. Sie haben keine klaren Bildei, 
zum Beispiel von Agypten. 

Dr. Steiner: Auf welche Weise versuchen Sie die bildliche Vorstel 
lung beizubringen ? 

Es wird vom Geographieunterricht berichtet. 

Dr. Steiner: An die Pyramiden und Obelisken erinnern die Kinder 
sich. Sie miissen sich dabei fragen, ob Sie wirklich alles im einzelnen 
gemacht haben, um alien Kindern ein Bild beizubringen von der 
wirklichen Lage Agyptens, so daft das Kind nicht Liicken hat im 
Vorstellen, wenn es auf Agypten kommen soil. Wenn man Agypten 
bloft heraushebt, und es keine Vorstellungen hat, wie es von hier aus 
nach Agypten kame, wenn es kein plastisches Bild hat, dann ist <\s 
sehr leicht moglich, daft das Gedachtnis aussetzt. Vielleicht mutt 
man darauf achten, daft alle Einzelheiten getan sind, damit die Kin 
der eine vollig plastische Vorstellung und eine liickenlose Vorstel 



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lung haben von der Lage Agyptens in bezug auf den eigenen Ort. Das 
Kind wird etwas wissen von Pyramiden und Obelisken, aber nicht 
weifi es, daB sie in Agypten sind. Es ist sehr zu iiberlegen, ob wirklich 
alle diese Dinge, die zu geschlossenen Vorstellungen fuhren, gemacht 
werden. Lassen Sie die Kinder nur Afrika zeichnen? Vielleicht sollte 
man immer zur Spezialkarte noch etwa eine europaische oder sonst 
eine zeichnen lassen, die einen Uberblick und den Zusammenhang 
verschafft. 

X. : Ich habe gefragt, in welcher Himmelsrichtung sie Agypten suchen wiirden. 

Dr. Steiner: Vielleicht mufi man die Stadte suchen, Liber die man 
kommt, wenn man von hier nach Agypten geht. Diese Art von 
Gedachtnisfehlern riihrt her von irgendwelchen Liicken im iibrigen 
Vorstellungserwerb. Wenn die Kinder geschlossene Vorstellungen 
kriegen, dann ist es ganz zweifellos, dai3 dasGedachtnis besser wird. 
Das war bei Herrn O. nicht der Fall. Die Kinder waren interessiert. 
Sie haben alles verstanden, waren enthusiasmiert. Sie haben sich aber 
nichts gemerkt, weil er die Dinge heraushob und nicht groftere Zu- 
sammenhange gab. Groftere Zusammenhange herstellen, das ist eine 
gute Art von Gedachtnispflege. 

Das gilt in der verschiedensten Weise fiir verschiedene Unterrichts- 
zweige. Es gilt vor allem fiir solche Dinge wie Geographie, es gilt auch 
fiir gewisse naturgeschichtliche Dinge. Fiir Geschichte, natiirlich, da 
gilt es ganz besonders. Bei der Geschichte ist es wichtig, daft auf jede 
mogliche Weise gesucht werden mufi, den Kindern konkrete Vor- 
stellungen zu geben. 

Wenn man so etwas bespricht wie die Perserkriege, wiirde ich niemals 
versaumen, wenigstens wo wichtige Knotenpunkte sind, irgend 
jemand herauszuheben. Heute haben Sie den athenischen Laufer 
gehabt: ich wiirde niemals versaumen, den Kindern eine recht 
anschauliche Vorstellung zu verschaffen, wie lange es her ist, daft ein 
solcher Mensch gelebt hat, zum Beispiel die Generationen nach- 
rechnen zu lassen: Grofivater und Sohn und so weiter. Ich wiirde die 
Reihe konstruieren bis herauf zum athenischen Laufer. Es wiirden 
sich ergeben 55 bis 56 hintereinanderstehende Menschen. Die Kin- 
der bekommen dadurch eine Vorstellung, wie lange die Zeitlinie 
hinaufgeht. Ich wiirde fragen, welcher ist Zeitgenosse des Myste- 
riums von Golgatha? Solche Vorstellungen zu Hilfe nehmen, und 
darauf ruhen lassen die Kinder. Man redet von Agypten und will 
ihnen beibringen, wie sie von Stuttgart nach Agypten kommen. Man 
halt in Venedig, dann versucht man ein bifichen abzuriicken vom 



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Thema und einen Witz zu machen, was auf Venedig Bezug hat. Es 
mufi Humor in den Unterricht hinein, sonst leidet auch das Gedacht- 
nis. 

X. spricht iiber einige schwachbefahigte Kinder in der 6a, besonders iiber 
W. G. Er ist iibersanguinisch, dafi er beinah narrisch ist, Er schreibt die Buch- 
staben nicht zusammen, ein Wort nicht zu Ende. Er sagt, was ihm einfallt. 

Dr. Steiner: Das ist ein seelisch nicht so altes Kind. Er ist seelisch auf 
der Stufe von acht oder sieben Jahren. Nun ist es bei ihm so, da/3 er 
sich nicht sehr viel daraus machen wiirde, wenn man ihn zuriicklaBt. 
Es wiirde sich darum handeln, wie wir uns prinzipiell zur Verset- 
zungsfrage verhalten. Dieser W. G. ware einer, der dafiir in Betracht 
kommen wiirde. Es wiirde ihm gut tun, den Stoff zweimal hinterein- 
ander durchzunehmen. Wir werden die Frage prinzipiell erortern. 

X.: Ich wiirde ihn sehr ungern abgeben. 

Dr. Sterner: Er ware der einzige von denen, die Sie genannt haben. 
Den E. W. konnte man in die Hilfsklasse geben. 

X.: Mehrere konnen noch nicht richtig schreiben. 

Dr. Steiner: Alle diese wiirden nur in die Hilfsklasse kommen. W. E. 
ist ein ausgesprochener Kandidat der Hilfsklasse. Er kann seine 
Gedanken nicht orientieren. Wie ist er musikalisch? Die Mehrzahl 
wird musikalisch sein. Er wird auch im Handfertigkeitsunterricht 
nicht besonders tiichtig sein. W. E. wird durch lebhafte Farben 
hypnotisiert sein. 

Wir miissen die Einrichtung eines Hilfsunterrichts in Betracht zie 
hen. 

Ober einige Kinder in der 5. Klasse, besonders iiber E. E. 

X.: Er kommt nicht mit. In den Sprachen ist er begabt. Er ist schlau, gerissen. 

Dr. Steiner: Man mufite mit moglichster Beriicksichtigung seiner 
Individuality ihn ab und zu beschaftigen, ihn anreden. Dann muB 
man das variieren, sich immer wieder speziell mit ihm beschaftigen. 

X.: Sollte er nicht in die Hilfsklasse kommen? 

Dr. Steiner: Was soil er in der Hilfsklasse machen? Er ist ein leiden 
schaftlicher Zwickel. Es wiirde auf ihn einen tieferen Eindruck 
machen, wenn man ihn ein Paar Schuhe machen lafit. Man muftte so 
etwas schaffen, daft er Nagel einschlagt und Schuhe machen kann. 
Richtige Stiefel fur jemand anderen. Man mtifite den E. im Hand 



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arbeitsunterricht Schuhe machen lassen: das ware schon etwas. Das 
wird ihm Spaft machen, besohlen, Doppelsohlen machen. 

Ober die 4. Klasse. 

Dr. Steiner: Ich war in der Klasse, und ich muft sagen, die ist recht, 
mit Ausnahme von drei oder vier, die werden aber dann das, wassie 
nicht konnen, schnell nachholen. Im Rechnen sind einige schwacher, 
andere sehr gut. Ich meine, es ist eine Klasse, die ein wenig unter dem 
gelitten hat, daft sie drei aufeinanderfolgende Lehrkrafte hatte. 
Die Klasse nimmt man glatt in die 5. hinauf. Die vorige Lehrerin 
konnte aufterordentlich gut Disziplin halten, sie war, was man in 
bourgeoisen Schulen ,,streng" nennt. Die Kinder hatten sie sehr 
gern. Dann kamen Sie. Heute war eine musterhafte Disziplin. 

X.: Ich habe mich in den Ruf der Strenge gesetzt. 

Dr. Steiner: Den Erfolg werden Sie erst sehen, wenn Sie sie langere 
Zeit haben. 

L. H. hat wohl schwache Augen: die Augenachsen paralleler 
machen! Sie konvergieren zu stark. Versuchen Sie, ihn zu gewoh- 
nen, ein klein wenig, so viel wie ein halber Zeigefinger, das Buch 
weiter weg halten zu lassen, als er es gewohnt ist. Die Sehachsen- 
kreuzung etwas vom Gesicht wegschieben. 

Der B. E. ist mir aufgefallen, der ist an einem Tage aufgewacht. 
Die Kinder waren ganz erstaunt daruber, daft B. etwas sagt. 

X.: Die Mutter ist besorgt, der M. I. habe etwas vom Vater ubernommen. 

Dr. Steiner: Er hat einen Anflug von kindischem Wesen. Er ist 
offenbar ein Preufte, ein kleiner. Er ist nicht eigentlich patholo- 
gisch. Wenn Sie wollen, konnen Sie es schwach pathologisch nen- 
nen. Er ist in Berlin geboren; er hat durch die Sprache etwas Siift- 
liches bekommen. Wenn er eine gute Fuhrung hat, so kann er ganz 
normal werden. 

X. : Er legt sich eine Statistik der elektrischen Bahnen an; er halt sich abseits. 

Dr. Steiner: Man muft ihn liebevoll fiihren. Das einzig Bedenkliche 
ist die Statistik der Tramways. Man muft versuchen, ihm ein ande- 
res Interesse beizubringen, ihm dies abzugewohnen. Er soli deutsch 
schreiben lernen. 

Sie haben in der 2. Klasse einzelne Schuler, die sehr gut sind. Bei 
Ihnen ist die Schwierigkeit, daft die Klasse eine solche Grofte hat. 
Die pathologischen Kinder G., H. N. und M. H. miissen auch in die 



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Hilfsklasse. Der B. R. ist nicht ganz normal. Er miiflte nachmittags 
eine besondere Unterstiitzung kriegen. Das ist schwierig bei einzel- 
nen Ihrer Kinder. Er hat ein zu kleines Gehirn, der B. R. Man 
braucht ihn nur anzuschauen. Es ist kleiner geblieben, als es sein 
sollte. Man muR versuchen, doch diese Eigenschaft bei ihm zu 
bekampfen. Er hat die Unmoglichkeit, ganz mit vollem Anteil auf- 
zupassen. Man muft ihn ofter aufrufen und ofter auf dem Korridor 
und auf der Strafte mit ihm allerhand reden, wobei er beim Zu- 
horen etwas denken mufi. Es ist die Mutter ebenso wie er. 

X.: Manche haben in der 1. Klasse schon neue Zahne, manche noch nicht. 

Dr. Sterner: Fertig gezahnt kann kein Kind in der 1. Klasse haben, 
das geschieht erst im achten Jahr. Es handelt sich in bezug auf das 
Schulalter nur darum, ob sie schon angefangen haben zu zahnen. 
Der O. Nr. kame auch fur die Hilfsklasse in Betracht. Er kehrt die 
Worte um. Man kann ihn eine Zeitlang in der Hilfsklasse haben, wo 
man jedes Kind individuell behandelt. 

X. ttber T. M. 

Dr. Sterner: Das Pathologische ist bei T. M. weniger stark, er ist 
schon gesiinder. 

X.: Er hat asthmatische Anfalle in der Nacht. 

Dr. Steiner: Mit mafiiger Menge von Arsen behandeln in Form von 
Levicowasser. Eine Unregelmaftigkeit des astralischen Leibes ist bei 
diesem Jungen, den konnte man physisch kurieren. In der Woche 
zweimal, verdiinnen, ein Viertel Trinkglas mit Wasser gemischt. 
Dann wiirden Sie alle Schuler hinaufnehmen in die 2. Klasse. 

X. fragt nach F. O. in der bisherigen Klasse la. 

Dr. Steiner: Er sollte durch die Hilfsklasse gefordert werden, dafi er 
in die bisherige 2. Klasse, kiinftige 3. Klasse kommen konnte. 
Jetzt waren wir wohl mit den einzelnen Klassen zu Ende. 

Es wird iiber den Sprachunterricht berichtet. 

Dr. Steiner: Man kann versuchen, durch die Gruppenabteilung etwas 
zu erreichen. Wir konnen sie in Gruppen zusammenbringen, so dafi 
wir diejenigen mit gleichen Kenntnissen und Fahigkeiten beisammeri 
haben. 

X.: Ich glaube, es ware gut, in der 6. Klasse etwas Gedrucktes zu lesen. 



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Dr. Steiner: Wie alt sind die Schiiler? Man miiftte eine maftig grofte 
Erzahlung heraussuchen. Man miiftte eine Erzahlung finden, eine 
Novelle, etwas, was Substanz hat, nichts Oberflachliches. Es ware 
moglich, so etwas wie ein historisches Stuck zu lesen ausMignet. Da 
lernen sie auch sehr viel daran. 

Den Sprachunterricht werden wir neu gliedern miissen. Da ist es auch 
so, daft man die Schiiler so schwer befriedigen kann. Beim Sprach- 
unterricht muft man die Schiiler viel fragen, daherrscht die Ansicht, 
daft die Schiiler unzufrieden sind. Lernen tun sie am meisten an der 
Lektiire. Viel Hilfe ist das Sich-Hineinfinden in eine zusammenhan- 
gende Lektiire. Das Auswendiglernen ist nur ein Hilfsmittel. Man 
geht Satz fiir Satz vor. Bei den Kleinen immer sprechen. 

X.: Soli man in der 3. Klasse in den Fremdsprachen auch schreiben? 

Dr. Steiner: Man kann anfangen, kurze und leichte Satze zu schrei- 
ben, die einen einfachen Gedanken ausdriicken. 

X. fragt, ob man drei Lieder von Dr. Steiner als Chor drucken lassen darf. 

Dr. Steiner: Diese Chorlieder konnen Sie ruhigdem Dornacher Ver- 
lagiibergeben, die werden viel gekauft werden. 

X.: Konnen wir darauf rechnen, Texte zu bekommen fiir Kinder? 

Dr. Steiner: Es ist jetzt eine Sache da, die ist aber fiir jiingste Kinder. 
Das Fruhlingslied. 

Der Instrumentalunterricht wiirde nur ein Surrogat sein konnen. Das 
miissen wir vorlaufig lassen. 

X.: Ich habe einiges aus der Heileurythmie verwendet. Soil ich so fortfahren? 

Dr. Steiner: Was ich heute gesehen habe, hat mich ganz gut befrie- 
digt. 

In der 5. Klasse sind viele Buben, die konnten Turnunterricht 
bekommen. Das ware unser Schulprogramm, daft es eine Stunde 
schon ware. Wir werden es auch vergeistigen, sobald wir es machen 
konnen. 

X.: In der 9. Klasse ist angefangen worden zu modellieren. 

Dr. Steiner: Was ich gesehen habe, hat mich befriedigt. 
Nun mochte ich Sie fragen, ob wir die Zeugnisse wieder so ausstellen 
wie im vorigen Jahr. Es ist eine gute Art, die Zeugnisse so auszustel- 
len. Genau so, wie im vorigen Jahr. 

X.: Wir haben sie optimistisch gehalten. 



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Dr. Steiner: Es handelt sich darum, daB man die Satze richtig faBt. 
Wenn man nicht gut individualisiert, was schwierig ist, dann wird 
man, wenn man die Satze zu streng formuliert, sehr viele zuriick- 
stoBen. Es wurde sich schon darum handeln, wenn jemand ein groBer 
Nichtsnutz ist, daB man schreibt, es ware dringend zu wunschen, daB 
er im nachsten Jahr sich zusammennahme. In der Formulierung 
wurde manches liegen. Auch Mangel positiv ausdriicken, aber in 
bezug auf die Formulierung streng sein. 

Da sind wir einig, daft wir die Zeugnisse ausstellen wie im vorigen 
Jahr. Ein moglichst treues Bild. Unten wiederum fur jedes Kind 
einen Spruch ins Zeugnis, der fur die Individuality des Kindes rich- 
tunggebend sein kann, als Leitmotiv fur die Zukunft. Nun wurde ich 
doch gerne haben, da das Kind dieses Zeugnis behalt, daB auf jedem 
Zeugnis alle Lehrer unterschreiben, die tatig waren an dem Kinde. 
Gerne wurde ich haben wollen, daB jedes Kind alle Unterschriften 
hat. Es ist nicht unbedeutend, daB die Kinder alle Unterschriften 
haben von den Lehrern, die an dem Kinde gearbeitet haben. Es soil 
der Name des Klassenlehrers daraufstehen und dabei auch stehen 
,,Klassenlehrer", so daB das Kind weiB: zu dem gehort es; und die 
anderen stehen darunter. Es ware gut, wenn der Lehrer selbst den 
Text schreibt, der Klassenlehrer den liingsten, und jeder andere Leh- 
rer eine kurze Bemerkung. 

Zur Frage der Versetzung. 

Dr. Steiner: Es blieben eigentlich diese beiden Geschwister P., und 

dann ware sonst fast niemand, nur der F. Die H. M. kann auch in die 

Hilfsklasse kommen. Die anderen wiirden wir mitnehmen. 

Jetzt kommt die Frage der Hilfsklasse. Es wird sich darum handeln, 

ob wir eine Lehrkraft brauchen. Dr. Schubert sollte sie iiber- 

nehmen. 

Es wird die Liste der Lehrer aufgestellt, die den Hauptunterricht erteilen. 

Dr. Steiner: Wie ware es, wenn man den Dr. Schwebsch aus Berlin 
herbeorderte? Er soil am 1 1 . Juni herkommen. 
Wir bekommen im Herbst Fraulein Dr. Rdschl fur Latein und Grie- 
chisch, das wird natiirlich eine sehr gute Zuwachskraft sein. — Nun 
brauchen wir noch eine Verbesserung, eine neue Kraft fur die neue- 
ren Sprachen, und wenn es der junge Englert ware. Er ist noch sehr 
jung. Er soli auch am 11. Juni hierher oder vorher nach Dornach 
kommen. 

Es wird iiber den freien Religionsunterricht berichtet. 



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Ein Klassenlehrer sagt, er sei bei den Religionsstunden seiner Klasse dabei 
gewesen, um auf Ordnung zu sehen; er sei sich wie ein Wauwau vorgekom- 
men. 

Dr. Steiner: Es ist schon so, diese eine Ausnahme ist doch in einem 
gewissen Sinne moglich. Das ist dies, daft man festhalt, was wir zu 
unserer Padagogik rechnen. Wir miissen annehmen, daft die Klassen 
und der Lehrer zusammengehoren. Weil die Religionsstunden ver- 
schiedene Klassen zusammen haben, so halte ich es fiir durchaus 
moglich, wenn der betreffende Klassenlehrer in der Klasse ist, wah- 
rend ein anderer Lehrer Unterricht erteilt. Wir kommen auch kaum 
anders iiber die Sache hinaus, als daft wir versuchen, kleinere Klassen 
zu machen. 

X.: Es ist nicht immer innere Teilnahme dabei; es sind zu viele. 

Dr. Steiner: Diese Gruppen sind zu groft. Das sollten sie nicht sein, 
damit der Unterricht innig sein kann. 

Wir miissen ein Gefuhl fiir die Jahreszeiten bei den Kindern 
erwecken.Und wir miissen mehr ins Auge fassen, daft die Kinder ein 
moglichst plastisches Bild des Christus bekommen; daft das in dem 
Mittelpunkt Ihrer Betrachtung steht, und zwar auf alien Stufen, so 
daft wir darauf zuriickkommen, und das ganze Erdenleben des Chri- 
stus im Mittelpunkt steht. Das personliche Verhaltnis zum Christus 
muft gehiitet werden, auch auf der unteren Stufe, daft es wie eine Art 
innerer Kultus hineinkommt. Das personliche Verhaltnis der Kinder 
zum Christus hiiten! Es muft ein idealer Kultus in der Stunde sein. 
Symbolik und Bild miissen eine Rolle spielen, so daft das Gefuhl sehr 
stark mitgenommen wird. 

Als Religionslehrer gehoren Sie nicht der Schule an. Den erteilen Sie, 
wie wenn Sie Pastor in einer anthroposophischen Kirche drauften 
waren und hereinkommen. 

Was die Schulung vom vierzehnten Jahr an betrifft, die Padagogik 
der iiber Vierzehnjahrigen, so werden wir sehen, daft einige Stunden 
veranstaltet werden konnen, wenn ich am 10. zuruckkomme. Das 
hangt zusammen mit dem, was Sie bourgeoise Methoden genannt 
haben. 

X.: Im vorigen Jahr war soziale Erkenntnis als Lebenskunde fakultativ ein- 
gefuhrt women. 

Dr. Steiner: Das hangt zusammen mit der Didaktik der hoheren 
Klassen. Die Lebenskunde wiirde am besten von uns erteilt werden. 
Es miissen dann die sprachlichen Facher dafiir wegbleiben. Die alten 



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Praktiker, die zweijahrige Schulpraxis durchgemacht haben, miifken 
solche Gegenstande geben. 

Ober einen Sonderkurs fiir Eurythmie. 

Eine Eurythmielehrerin: Die Auffiihrung war auflerordentlich fruchtbar; sie 
tat sehr viel, um die Waldorfschule bekanntzumachen. Es wird sich so heraus- 
stellen, daft eine Extragruppe gebildet wird. 

Dr. Steiner: Man kann zweierlei machen: entweder wirmachen Auf- 
fiihrungen mit den Kindern der Waldorfschule, dann miissen wir 
dabei stehenbleiben, aus der gewohnlichen Kinderschar auszuwah- 
len, oder wir verzichten darauf und machen es mit einer Gruppe. Das 
waren nicht Kinder der Waldorfschule. Wir wiirden das nicht mehr 
als Leistungen der Waldorfschule als solche in die Gffentlichkeit 
hineinfiihren konnen. Man kann diese zwei Dinge machen: entweder 
wir machen Auffiihrungen mit den Kindern der Waldorfschule, dann 
durfen wir keine Sondergruppe bilden, oder wir bilden — das kann 
eingerichtet werden — eine Sonderabteilung fiir Eurythmie an der 
Waldorfschule, die nebenherlauft. Das kann hierganz offiziell dabei 
sein. Dann konnen wir sagen: ,, Auffiihrungen mit Schiilern der Son- 
derklasse der Waldorfschule." 

X.: Wenn die Kinder singen wiirden in einem Chor, dann mufiten sie auch 
ausgesucht werden. 

Dr. Steiner: Wenn es so ware, daft man einen Chor bildet aus den 
einzelnen Schiilern, das ist eine Sache, die kaum gut vorkommen 
kann. — Entweder die Leistungen nehmen, wie sie gerade treffen, 
oder wir errichten eine besondere Eurythmieabteilung. Beides kann 
gemacht werden, vielleicht sogar bloR nach Sympathie, nach Anti- 
pathic Es wird eine grofte Menge begabter Eurythmisten geben, die 
auf diese Weise verwendet werden konnen. Wir durfen es dann aber 
nicht als Auffiihrung der Waldorfschule deklarieren. 

X.: Man konnte aus den grofieren Madchen eine Gruppe bilden. 

Dr. Steiner: Man konnte es ganz gut machen, wenn man Auffiihrun- 
gen von der Waldorfschule macht. Sie sehen, die kleinen Sputzen, die 
haben den groBten Erfolg. Es kann eine Sonderabteilung von vor- 
geriickten Eurythmisten sein. Das einzige ist, da/3 man diejenigen, die 
also Eurythmie als Beruf treiben, dispensiert von der gewohnlichen 
Eurythmieubung. Solche Dinge konnen vorkommen. Das miifiten 
Sie einrichten ganz als eine von der Schule getrennte Sache. 
Ich glaube, es sind solche da, die brennend gerne Eurythmie treiben 
wurden, nur ware es schon, wenn auf diesem Wege wenigstens, wenn 



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auch nur als Surrogat, einige junge Buben hineinkommen wiirden. In 
Dornach haben wir nur den einzigen S., der braucht ein halbes Jahr, 
urn eine Vorstellung vorzubereiten, so daft wir niemals mannliche 
Eurythmisten auf der Biihne sehen. Wie die Eurythmie eingerichtet 
worden ist, das war in Munchen, da sind die Herren aufgetreten; mit 
vier Mannern haben wir debiitiert. Dann ist immer mehr und mehr 
die Mannlichkeit in den Hintergrund getreten. Die Damen sind 
begabter gewesen. Hier sind die Studenten sehr begabt. Es ist ganz 
merkwiirdig, wie viel bessere Doktoren die Damen sind als die 
Manner. 

X.: Die Kinder der oberen Klassen, die sich musikalisch ausbilden wollen, 
mussen anfangen, sich zu tiben. Konnten die nicht von den Stunden dispen- 
siert werden, die durch schwere Korperarbeit die Geschicklichkeit der Finger 
behindern? 

Dr. Steiner: Nach dieser Richtung konnte man den Lehrplan indivi- 
dualisieren. Das konnte man schon machen. Wir sollten auch daran 
denken, besondere Ubungsraume zu haben. Es mussen die Dinge 
bleiben, die Menschenbildung geben; sonst kann man spezialisieren. 

X.: Die Schiiler haben in der Schiilerbibliothek gefragt, ob sie Werke von Dr. 
Steiner lesen diirfen. Sollen die alteren Kinder etwas sozial Gerichtetes 
bekommen? 

Dr. Steiner: Wenn wir die 10. Klasse einrichten, so werden wir auch 
durch die Lektiire erzieherisch wirken mussen. Es ist im allgemeinen 
noch etwas friih, diese Dinge zu geben. Dagegen wiirde es vielleicht 
moglich sein, einzelne Zyklen zu geben, wenn sie entsprechend 
gedruckt wiirden. ,,Christentum als mystische Tatsache", vielleicht 
auch die ,,Theosophie". Da mussen Praliminarien ausgearbeitet 
werden. 

Es wird gefragt, ob die Schiiler Vortrage von Dr. Steiner besuchen diirfen. 

Dr. Steiner: Meinen Sie, daft es eine grofte Erbauung gibt, ein solcher 
Vortrag? Vielleicht konnen wir doch nicht herumkommen, diese 
Sache den Eltern zu iiberlassen. Wir konnen keine Verfiigung treffen. 
Die Eltern mussen das tun und auch selber verantworten. 

Es wird gefragt, ob man ein Mitteilungsblatt herausgeben und „Padagogische 
Wochen" fur Lehrer veranstalten soli. Die Diskussionen mit den Lehrern 
waren doch recht erfreulich. 

Dr. Steiner: Uber was diskutieren Sie denn? 

X. : Ober das Verhaltnis von Schule und Staat; auch mancherlei Padagogisches. 



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Dr. Steiner: Ich halte es fur einen Luxus. Die wesentlichen Punkte 
miftversteht man am meisten. Wenn Sie mit der Bewegung weiter- 
kommen wollen, miissen Sie an die Konsumenten gehen, nicht sin die 
Fabrikanten. Man kann das machen als nettes Plauderstiindchen, 
heraus kommt dabei nichts. Ich habe mich nie widersetzt; wenn Sie 
finden, daft man es tun soil, so tun Sie es nur ruhig. Es ist schon soviel 
Kraft verpufft worden, indem man immer wieder neue Sachen unter- 
nimmt, die eigentlich aussichtslos sind. In der Schweiz kann man 
sich den Luxus gonnen, auch unter der Lehrerschaft zu agitieren. Wir 
haben es erlebt beim Osterkurs, daft die Schweizer gesagt haben: Bei 
uns sind die Schulen frei. — Die Schweizer Schulen sind ganz ver- 
sklavt. Ich glaube nicht, daft wir uns dafiir zu ereifern brauchen. 
Wir konnen das Waldorfschul-Prinzip nur zum Modell machen. Eine 
zweite Schule werden wir nicht mehr errichten konnen. Sie wird ein 
Modell bleiben, so daft wir also auch nicht etwas anderes brauchen, 
als diese Schule als Modell zu erhalten, bis daft man sie aus Wut 
aufhebt. Einen Sinn hat es jetzt nur, gegen dieses Schulgesetz mit 
einer Weltbewegung sich aufzulehnen. Es ist die hochste Zeit,"fur den 
Weltschulverein etwas zu tun. Es handelt sich darum, den Weltschul- 
verein ins Leben zu rufen, so daft eine Riesenbewegung fur die Ver- 
selbstandigung des Unterrichtswesens, fur die Befreiung des Schul- 
wesens international durch die Welt ginge. Deshalb glaube ich, wir 
sollten jetzt diese Schule mit ihrer Schiilerzahl so innerlich gediegen 
wie moglich machen, und nach oben ausbauen. Jedes Jahr eine neue 
Klasse, und nach oben ausbauen. 

Das Mitteilungsblatt wird aus Mangel an Mitarbeiterschaft nicht 
gehen. Padagogische Woche ist ein Luxus. Ist noch etwas? 

Frage nach der Schluflfeier. 

Dr. Steiner: Die Schluftfeier konnte man im Kuppelsaal des Kunst- 
gebaudes machen. Wenn sie so gemacht wird, daft die Kinder einen 
Schluftpunkt haben, ein paar Gedanken aufnehmen, so ist es doch 
gut. Es gehort zum ganzen im seelischen Erleben, sonst gehen die 
Kinder bloft fort und beginnen ein neues Schuljahr: sie werden zu- 
letzt zu gleichgultig. Die Schluftfeier ist der Abschluft eines ganzen 
Schuljahres. Daft nur acht Tage Ferien dazwischenliegen, ist eine 
Ausnahme. Es ist eine neue Klasse, die jede Schiilerklasse dann 
beginnt. Es muft nicht prosaisch werden. 

Warum sind denn die Monatsfeiern nicht mehr gewesen? Es ist sehr 
schade. Ich glaube schon, daft wir sie machen sollten. 



Zeittafel: November 1918 bis April 1921 
(GA = Rudolf Steiner Gesamtausgabe) 



Vom 9. November 1918 ab halt Dr. Steiner in Dornach und anderen Orten in 
der Schweiz eine grofie Anzahl von Vortragen iiber die Dreigliederung des 
sozialen Organismus und erwahnt darin immer wieder, dafl das Schulwesen 
vom Staat unabhangig werden miisse. — Bei Emil Molt keimt durch das 
Anhoren vieler dieser Vortrage und durch die Erfahrungen mit den von ihm 
eingerichteten Arbeiterbildungskursen der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik 
der zunachst noch unbestimmt bleibende Gedanke auf, eine Schule fur die 
Kinder seiner Fabrik einzurichten. 

Dornach, Montag 27. Januar 1919: Gesprach zwischen Dr. Steiner, Emil 
Molt, Roman Boos und Hans Kiihn. Hinweis Dr. Steiners, es muftten jetzt vor 
allem Schulen gegriindet werden. 

Anfang Marz 1919 erscheint Dr. Steiners ,,Aufruf an das deutsche Volk und 
an die Kulturwelt!", Bibl.-Nr. 23, GA Dornach 1961. 

Stuttgart, Montag 21. April bis 22. Juni 1919: Zweigvortrage „Geisteswissen- 
schaftliche Behandlung sozialer und padagogischer Fragen", Bibl.-Nr. 192, 
GA Dornach 1964. Sehr wichtig fur den inneren Zusammenhang zwischen der 
Waldorf schul -Pa dagogik und der sozialen Dreigliederungsbewegung von 
1918/19. 

Ende April 1919 erscheint „Die Kernpunkte der sozialen Frage in den 
Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft", Bibl.-Nr. 23, GA Dor- 
nach 1969. 

Stuttgart, Mittwoch 23. April 1919: Vortrag fixr die Arbeiter und Angestell- 
ten der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik AG, in ,,Waldorf-Nachrichten" 
1. Jg., Nrn. 9, 10, 11/1919, besonders wichtig S. 152-154. 

Stuttgart, Mittwoch 23. April 1919: An den Vortrag anschliefiend eine Be- 
triebsratssitzung. Die Firma stellt 100 000 Reichsmark zur Grundung einer 
Schule fur die Kinder ihrer Arbeiter und Angestellten zur Verfugung. Molt 
bittet Dr. Steiner, die Einrichtung und Leitung dieser Schule zu iibernehmen. 

Stuttgart, Freitag 25. April 1919: Grundlegendes Gesprach zwischen Dr. Stei- 
ner, Molt, Hahn und Stockmeyer iiber die Schule. 

Stuttgart, Sonntag 11., 18. Mai, l.Juni 1919: Zweigvortrage: ,,Drei Vortrage 
iiber Volkspadagogik", Bibl.-Nr. 192, GA Dornach 1964. 

Stuttgart, Dienstag 13. Mai 1919: Dr. Steiner, Molt und Stockmeyer haben 
ein Gesprach mit dem wurttembergischen Kultusminister Heymann. Dr. Stei- 
ner entschlieflt sich, die Leitung der Schule zu iibernehmen. 

Stuttgart, Freitag 30. Mai 1919: Es wird Molt das spatere Schulgrundstuck 
zum Kauf angeboten, am damaligen ,,Kanonenweg", heute Hauftmannstralie. 
Molt kauft es aus seinem Privatvermogen. 



Zeittafei. Juni bis September 1919 



291 



Stuttgart, Donnerstag 19. Juni 1919: Vortrag fur den Verein jiingerer Lehrer 
und Lehrerinnen: „Die Aufgabe der Schule und die Dreigliederung des sozia- 
len Organismus", in „Die Menschenschule" 9. Jg., 1935, Heft 2 (Selbstandig- 
keit des Geisteslebens — Siebenjahresstufen). 

Stuttgart, Sonntag 29. Juni bis Sonntag 3. August 1919: Zweigvortrage „Gei- 
steswissenschaftliche Behandlung sozialer und padagogischer Fragen", 
Bibl.-Nr. 192, GA 1964. Allgemeinere soziale und geistige Fragen; weniger 
Padagogisches. 

Dornach, Samstag 9. August bis Sonntag 17. August 1919: Sechs Mitglieder- 
vortrage „Die Erziehungsfrage als soziale Frage", Bibl.-Nr. 296, GA Dornach 
1971. Im Thema ahnlich wie die Vortrage vom 21. April bis 22. Juni 1919, 
aber viel Erganzendes. 

Stuttgart, Mittwoch 20. August 1919: Ansprache an die Teilnehmer der pad- 
agogischen Kurse fur die kiinftigen Waldorflehrer, siehe S. 61. 

Stuttgart, Donnerstag 21. August bis Samstag 6. September 1919: Die drei 
grofien padagogischen Kurse ,,Allgemeine Menschenkunde", Bibl.-Nr. 293, 
GA Dornach 1973 — „Erziehungskunst. Methodisch-Didaktisches", Bibl.-Nr. 
294, GA Dornach 1974 — ,,Erziehungskunst. Seminarbesprechungen und 
Lehrplanvortrage", Bibl.-Nr. 295, GA Dornach 1969. 

Stuttgart, Sonntagvormittag 24. August 1919, halboffentlich: ,,Welche Ge- 
sichtspunkte liegen der Errichtung der Waldorfschule zugrunde?" 

Stuttgart, Sonntagvormittag 31. August 1919, halboffentlich: ,,Die Waldorf- 
schule und ihr Geist." 

Stuttgart, Sonntagnachmittag 31. August 1919: Vortrag fur die Eltern aus der 
Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, die ihre Kinder in die Waldorfschule 
schicken wollen. — Diese drei Vortrage in ,,Die Waldorfschule und ihr Geist", 
Stuttgart 1956. 

Stuttgart, Montag 1. September 1919, offentlich: Kein Thema angegeben, 
keine Nachschrift; es ist sehr fraglich, ob der Vortrag stattgefunden hat. 

Stuttgart, Sonntag 7. September 1919: Ansprache bei der feierlichen Eroff- 
nung der Freien Waldorfschule, in „Rudolf Steiner in der Waldorfschule", 
S. 18-28, Stuttgart 1958. 

Stuttgart, Montag 8. September 1919: Lehrerkonferenz. 

Stuttgart, Montag 8. September 1919: Zweigvortrag, in ,,Geisteswissenschaft 
liche Behandlung sozialer und padagogischer Fragen", Bibl.-Nr. 192, GA 
Dornach 1964. Wichtige Erganzung zur Eroffnungsansprache. 

Berlin, Freitag 12., Samstag 13., Sonntag H.September 1919: Zweigvor 
trage, in „Der innere Aspekt des sozialen Ratsels", Bibl.-Nr. 193, GA Dornach 
1968. 

Berlin, Montag 15. September 1919, offentlich, in ,,Gedankenfreiheit und 
soziale Krafte". Bibl.-Nr. 333, GA Dornach 1971. 



292 



Zeittafel: September bis Dezember 1919 



Stuttgart, Mittwoch 24. September 1919, offentlich: „Obersinnliche Erkennt- 
nis und sozialp&dagogische Lebenskraft", in ,,Die Menschenschule" 1936, 
10. Jg., Heft 1 {Waldorfschule S. 2-22). 

Stuttgart, Donnerstagvormittag 25. September 1919: Lehrerkonferenz. 

Stuttgart, Donnerstagabend 25. September 1919: Ansprache zur Diskussion. 
Versammlung des Bundes fur Dreigliederung des sozialen Organismus. Bera- 
tung iiber den zu griindenden Kulturrat. Keine Nachschrift. 

Stuttgart, Freitag 26. September 1919: Lehrerkonferenz. 

Dornach, Samstag4. Oktober 1919: Mitgliedervortrag, in ,,Soziales Verstandnis 
aus geisteswissenschaftlicher Erkenntnis", Bibl.-Nr. 191, GA Dornach 1972. 

Zurich, Dienstag 28. Oktober 1919, offentlich: ,,Geistesfragen: Geisteswissen- 
schaft (Kunst — Wissenschaft — Religion), Erziehungswesen", in ,,Soziale 
Zukunft", Bern 1950, S. 122-149, besonders S. 144-146. 

Basel, Dienstag 25. November 1919, offentlich: „Die sozialpadagogische 
Bedeutung der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft", in ,,Die 
Menschenschule" 1958, 32. Jg., Heft 4, besonders S. 103—120 (Siebenjahres- 
stufen) und in der Aussprache S. 125—126 (Griindung der Waldorfschule). 

Basel, Donnerstag 27. November 1919, offentlich: „Geisteswissenschaft und 
Padagogik", in ,,Die Menschenschule" 1958, 32. Jg., Heft 5. Eingehende Dar- 
stellung, Siebenjahresstufen und die Obergange nach dem 9. und ll.Jahr, 
Anschauungsunterricht, Eurythmie, Turnen. 

Stuttgart, Mittwoch 17. Dezember 1919: Keine Nachschrift vorhanden. 

Stuttgart, Freitag 19. Dezember 1919, offentlich, in ,,Gedankenfreiheit und 
soziale Krafte", Bibl.-Nr. 333, GA Dornach 1971. 

Stuttgart, Samstagvormittag 20. Dezember 1919: Weihnachtsfeiern in den 
einzelnen Klassen, zum Teil in Anwesenheit Dr. Steiners. 

Stuttgart, Samstagnachmittag 20. Dezember 1919: Weihnachtsfeier der Wal- 
dorf-Astoria-Zigarettenfabrik. Krippenspiel. Ansprache Dr. Steiners (?). 

Stuttgart, Sonntagvormittag 21., Donnerstag 25., Sonntag 28., Mittwoch 
31. Dezember 1919, Donnerstag 1. Januar 1920: Zweigvortrage, ,,Weltsilve- 
ster und Neujahrsgedanken", Bibl.-Nr. 195, GA Dornach 1962. 

Stuttgart, Sonntagnachmittag 21. Dezember 1919: Weihnachtsfeier in der 
Waldorfschule, Ansprache Dr. Steiners, in ,, Rudolf Steiner in der Waldorf- 
schule", Stuttgart 1958, Bibl.-Nr. 298. 

Stuttgart, Montag 22. Dezember 1919: Lehrerkonferenz. 

Stuttgart, 23.-31. Dezember 1919, 2. und 3. Januar 1920, 10.30 oder 
11 Uhr: „Geisteswissenschaftliche Impulse zur Entwickelung der Physik. 
Erster naturwissenschaftlicher Kurs (Lichtlehre)", Bibl.-Nr. 320, GA Dornach 
1964. 

Stuttgart, Dienstagnachmittag 23. Dezember 1919: Lehrerkonferenz. 



Zeittafel: Dezember 1919 bis Marz 1920 



293 



Stuttgart, Dienstag 23. Dezember 1919, offentlich: Keine Nachschrift. 

Stuttgart, Mittwoch 24. Dezember 1919: Zweigvortrag. Keine Nachschrift. 

Stuttgart, Freitag 26., Sonntag 28., Montag 29., Mittwoch 31. Dezember 
1919, Freitag 2., Samstag 3. Januar 1920, meist gegen 14.30 Uhr: „Geistes- 
wissenschaftliche Sprachbetrachtungen", Bibl.-Nr. 299, GA Dornach 1970. 

Stuttgart, Samstag 27. Dezember 1919, offentlich, in „Gedankenfreiheit und 
soziale Krafte", Bibl.-Nr. 333, GA Dornach 1971. 

Stuttgart, Dienstag 30. Dezember 1919, offentlich, in „Gedankenfreiheit und 
soziale Krafte", Bibl.-Nr. 333, GA Dornach 1971. 

Stuttgart, Donnerstagnachmittag 1. Januar 1920: Lehrerkonferenz. 

Stuttgart, Sonntag 1. Februar 1920 findet zum ersten Male die von Dr. Stei- 
ner gegebene Sonntagshandlung in der Waldorfschule statt. 

St. Gallen, Donnerstag 12. Februar 1920, offentlich: ,,Die erzieherischen 
Krafte in der Volksgemeinschaft." Keine Nachschrift. 

Stuttgart, Sonntag 29. Februar 1920: Dr. Steiner ist anwesend bei der Sonn- 
tagshandlung in der Waldorfschule. 

Stuttgart, 1.— 14. Marz 1920, meist vormittags: „Geisteswissenschaftliche 
Impulse zur Entwickelung der Physik. Zweiter Naturwissenschaftlicher Kurs 
(Warmelehre)", Bibl.-Nr. 321, GA Dornach 1973. 

Stuttgart, Dienstag 2. Marz 1920, offentlich: „Geist und Ungeist in ihren 
Lebenswirkungen", in ,,Geisteswissenschaft und die Lebensforderungen der 
Gegenwart", Heft 2, Dornach 1950. 

Stuttgart, Donnerstagnachmittag 4. Marz 1920: Ansprache bei einer Monats- 
feier. Keine Nachschrift. 

Stuttgart, Donnerstagabend 4. Marz 1920, offentlich: „Die geistigen Forde- 
rungen des kommenden Tages", in ,,Geisteswissenschaft und die Lebensforde 
rungen der Gegenwart", Heft 2, Dornach 1950. 

Stuttgart, Freitag 5. Marz 1920: Zweigvortrag, in ,,Gegensatze in der Mensch 
heitsentwickelung", Bibl.-Nr. 197, GA Dornach 1967. 

Stuttgart, Samstag 6. Marz 1920: Lehrerkonferenz. 

Stuttgart, Sonntag 7. Marz 1920: Fragenbeantwortung nach dem Vortragvon 
Dr. von Baravalle iiber ,,Die Relativitatstheorie". Nicht gedruckt. 

Stuttgart, Sonntag 7. Marz 1920: Zweigvortrag, in „Gegensatze in dei 
Menschheitsentwickelung", Bibl.-Nr. 197, GA Dornach 1967. 

Stuttgart, Montag 8. Marz 1920: Lehrerkonferenz. 

Stuttgart, Dienstag 9. Marz 1920: Zweigvortrag, in ,,Gegensatze in der 
Menschheitsentwickelung", Bibl.-Nr. 197, GA Dornach 1967. 



294 



Zeittafel: Marz bis Mai 1920 



Stuttgart, Mittwoch 10. Marz 1920, offentlich: „Die Volker der Erde im 
Lichte der Geisteswissenschaft." 

Stuttgart, Donnerstag 11. Marz 1920: Fragenbeantwortung nach dem Vortrag 
von Dr. Bliimel iiber „Das Imaginare und der Begriff des Unendlichen und 
Unmoglichen". Nicht gedruckt. 

Stuttgart, Donnerstag 11. Marz 1920: Fragenbeantwortung nach dem Vortrag 
von A. Strakosch iiber ,,Die mathematischen Gebilde als Zwischenglied zwi- 
schen Urbild und Abbild." Nicht gedruckt. 

Stuttgart, Freitag 12. Marz 1920, offentlich: „Die Geschichte der Menschheit 
im Lichte der Geisteswissenschaft." 

Stuttgart, Samstag 13. Marz 1920: Fragenbeantwortung nach dem Vortrag 
von Dr. Kolisko iiber ,,Hypothesenfreie Chemie". Nicht gedruckt. 

Stuttgart, Samstag 13. Marz 1920: Ansprache bei der Griindung der Aktien- 
gesellschaft ,,Der Kommende Tag". Keine Nachschrift. 

Stuttgart, Sonntag 14. Marz 1920: Lehrerkonferenz. 

Zurich, Donnerstag 18. Marz 1920, offentlich: ,,Die geistigen Krafte in der 
Erziehungskunst und im Volksleben", siehe ,,Die Menschenschule" 1958, 
32. Jg., Heft 6. 

Dornach, 21. Marz bis 9. April 1920: Kurs fur Arzte und Medizinstudenten. 
20 Vortrage ^Geisteswissenschaft und Medizin", Bibl.-Nr. 312, GA Dornach 
1961. 

Dornach, 24. Marz bis 7. April 1920, offentlich: Vortrage von Dr. Steiner und 
von anderen Rednern iiber „Anthroposophie und gegenwartige Wissen- 
schaften". 

Dornach, Montag 29. Marz 1920: SchluIJwort nach dem Vortrag von 
Dr. Stein iiber ,,Anthroposophie und Physiologie". Nicht gedruckt. 

Dornach, Dienstag 30. Marz 1920: Schlufiwort nach dem Vortrag von 
Dr. Kolisko iiber ,,Anthroposophie und Chemie". Keine Nachschrift. 

Dornach, Mittwoch 31. Marz 1920: Schlufiwort nach dem Vortrag von 
E. A. K. Stockmeyer iiber „Anthroposophie und Physik". Keine Nachschrift. 

Dornach, 9. April bis 16. Mai 1920: Mitgliedervortrage „Entsprechungen zwi- 
schen Mikrokosmos und Makrokosmos. Der Mensch — eine Hieroglyphe des 
Weltenalls", 16 Vortrage, Bibl.-Nr. 201, Dornach 1958. 

Basel, 20. April bis 11. Mai 1920: Padagogischer Kurs fur Lehrer von Basel 
und Umgebung „Die Erneuerung der padagogisch-didaktischen Kunst durch 
Geisteswissenschaft", Bibl.-Nr. 301, Dornach 1958. 

Basel, Dienstag 4. Mai 1920, offentlich: ,,Anthroposophie im Verhaltnis zu 
Geist und Ungeist", in ,,Die Menschenschule" 1958, 32. Jg., Heft 7/8, beson- 
ders S. 206-214. 



Zeittafel: Mai bis Juni 1920 



295 



Basel, Mittwoch 5. Mai 1920, dffentlich: ,,Seelenwesen und sittlicher Men- 
schenwert im Lichte der Geisteswissenschaft", in „Die Menschenschule" 
1958, 32. Jg., Heft 9. Diese beiden Vortrage enthalten Wesentliches zur Men- 
schenkunde, auch iiber die Siebenjahresstufen. 

Basel, Donnerstag 6. Mai 1920, offentlich: ,,Die geistigen und sittlichen 
Krafte der gegenwartigen Volker im Lichte der Geisteswissenschaft", in ,,Die 
Menschenschule" 1958, 32. Jg., Heft 10/11. - Dem Stuttgarter Vortrag vom 
10. Marz in den Hauptlinien ahnlich, ihn aber erganzend. 

Aarau, Freitag 21. Mai 1920, offentlich: Vortrag fur den Verein ehemaliger 
Kantonsschiiler des Kantons Aargau ,,Erziehung und soziale Gemeinschaft 
vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft". Keine Nachschrift. 

Dornach, Samstag 29. Mai 1920: Einleitungzu einer Eurythmieauffiihrung fur 
die evangelischen Lehrervereine von Baselland und Baselstadt. Ungedruckt. 

Stuttgart, Dienstag 8. Juni 1920, offentlich: „Der Weg zu gesundem Denken 
und die Lebenslage des Gegenwartsmenschen" in ,, Geisteswissenschaft und 
die Lebensforderungen der Gegenwart", Heft 6, Dornach 1950. 

Stuttgart, Mittwoch 9. Juni 1920: Lehrerkonferenz. 

Stuttgart, Donnerstag 10. Juni 1920: Ansprache bei einer Monatsfeier in 
„Rudolf Steiner in der Waldorfschule", Bibl.-Nr. 298, Stuttgart 1958. 

Stuttgart, Donnerstagabend 10. Juni 1920, offentlich: ,,Die Erziehung und 
der Unterricht gegenviber der Weltlage der Gegenwart", in ,, Geisteswissen- 
schaft und die Lebensforderungen der Gegenwart", Heft 6, Dornach 1950. 
Wichtig! 

Stuttgart, Freitag 11. Juni 1920: Elternabend der Freien Waldorfschule. ,,Du- 
Schulgewohnheiten der niedergehenden Zeit und die Schulpraxis des kom 
menden Tages", in ,, Rudolf Steiner in der Waldorfschule", Bibl.-Nr. 298, 
Stuttgart 1958. 

Stuttgart, Samstagnachmittag 12. Juni 1920: Lehrerkonferenz. 

Stuttgart, Samstagabend 12. Juni 1920, offentlich: ,,Das Goetheanum in Dor 
nach", mit Lichtbildern. Nicht gedruckt. 

Stuttgart, Sonntag 13. Juni 1920: Zweigvortrag, in ,,Gegensatze in der 
Menschheitsentwickelung", Bibl.-Nr. 197, GA Dornach 1967. 

Stuttgart, Montag 14. Juni 1920: Lehrerkonferenz. 

Stuttgart, Dienstag 15. Juni 1920, dffentlich: „Fragen der Seele und Fragc n 
des Lebens. Eine Gegenwartsrede", in „Geisteswissenschaft und die Lebens 
forderungen der Gegenwart", Heft 8, Dornach 1952. 

Stuttgart, Donnerstag 17. Juni 1920: Vortrag in der Technischen Hochschule. 
„Geisteswissenschaft, Naturwissenschaft und Technik." Nicht gedruckt. 

Stuttgart, Mittwoch 23. Juni 1920: Lehrerkonferenz. 



296 



Zeittafel: Juni bisOktober 1920 



Stuttgart, Donnerstag 24. Juni 1920: Zweigvortrag, in „Gegensatze in der 
Menschheitsentwickelung", Bibl.-Nr. 197, GA Dornach 1967. 

Stuttgart, Samstagvormittag 24. Juli 1920: Ansprache bei der Schuljahres- 
schlufifeier, in , .Rudolf Steiner in der Waldorfschule", Stuttgart 1958. 

Stuttgart, Samstagnachmittag 24. Juli 1920: Lehrerkonferenz. 

Stuttgart, Sonntag 25. Juli 1920: Zweigvortrag, in „Gegensatze in der 
Menschheitsentwickelung", Bibl.-Nr. 197, GA Dornach 1967. 

Stuttgart, Dienstag 27. Juli 1920, offentlich: Keine Nachschrift. 

Stuttgart, Donnerstagvormittag 29. Juli 1920: Lehrerkonferenz. 

Stuttgart, Donnerstagabend 29. Juli 1920, offentlich: „Wer darf gegen den 
Untergang des Abendlandes reden? Eine zweite Gegenwartsrede", in „Gei- 
steswissenschaft und die Lebensforderungen der Gegenwart", Heft 8, Dor- 
nach 1952. 

Stuttgart, Freitagnachmittag 30. Juli 1920: Lehrerkonferenz. 

Stuttgart, Freitagabend 30. Juli 1920: Zweigvortrag, in „Gegensatze in der 
Menschheitsentwickelung", Bibl.-Nr. 197, GA Dornach 1967. 

Stuttgart, Samstag 31. Juli 1920: Lehrerkonferenz. 

Dornach, Freitag 6. August 1920: Mitgliedervortrag, in ,,Geisteswissenschaft 
als Erkenntnis der Grundimpulse sozialer Gestaltung", Bibl.-Nr. 199, GA Dor- 
nach 1967. 

Dornach, Mittwoch 8. September 1920: Vortrag fur Lehrer aus der Ura- 
gebung Dornachs ,,0ber padagogisch-didaktische Kunst, Eurythmie und die 
Waldorfschule", in „Die Menschenschule" 1941, 15. Jg., Heft 1/2. 

Stuttgart, Mittwoch 15., Donnerstag 16., Dienstag 21., Mittwoch 22. Septem- 
ber 1920: 4 Vortrage fur die Waldorflehrer, in ,,Erziehung und Unterricht aus 
Menschenerkenntnis", Bibl.-Nr. 302a, GA Dornach 1972. 

Stuttgart, Montag 20. September 1920, offentlich: „Die groflen Aufgaben 
von heute im Geistes-, Rechts- und Wirtschaftsleben. Eine dritte Gegenwarts- 
rede", in „Geisteswissenschaft und die Lebensforderungen der Gegenwart", 
Heft 8, Dornach 1952. 

Stuttgart, Dienstagvormittag 21. September 1920: Lehrerkonferenz. 

Stuttgart, Dienstagabend 21. September 1920: Zweigvortrag, in „Gegensatze 
in der Menschheitsentwickelung", Bibl.-Nr. 197, GA Dornach 1967. 

Stuttgart, Mittwoch 22. September 1920: Lehrerkonferenz. 

Dornach, 26. September bis 16. Oktober 1920: Erster anthroposophischer 
Hochschulkurs am Goetheanum: ,,Wissenschaft, Kunst und Religion." 

Dornach, 27. September bis 3. Oktober 1920: ,,Grenzen der Naturerkennt- 
nis", 8 Vortrage beim Hochschulkurs, Bibl.-Nr. 322, GA Dornach 1969. 



Zeittafel. September bis Dezember 1920 



297 



Dornach, Dienstag 28. September 1920: Zur Diskussion nach den Vortragen 
von Dr. von Baravalle „Grundprobleme der Physik im Licht anthroposophi- 
scher Erkenntnis". Keine Nachschrift. 

Dornach, Mittwoch 29. September 1920: Zur Diskussion nach den Vortragen 
von Baumann „Musik und eurythmische Erziehungskunst", Bibl.-Nr. 283, 
GA Dornach 1969. 

Dornach, Montag 4. Oktober 1920: Fragenbeantwortung in „Methodik und 
Wesen der Sprachgestaltung", Bibl.-Nr. 280, GA Dornach 1975. 

Dornach, Mittwoch 6. Oktober 1920: Zur Diskussion nach den Vortragen von 
Dr. Kolisko iiber „Hypothesenfreie Chemie im Sinne der Geisteswissen- 
schaft". Nicht gedruckt. 

Dornach, Freitag 8. Oktober 1920: Zur Diskussion in einer Besprechung 
padagogischer Fragen. Nicht gedruckt. 

Dornach, Samstag 16. Oktober 1920: Ansprache bei einer Lehrerversamm- 
lung (Anregung zur Griindung eines Weltschulvereins). Keine Nachschrift. 

Dornach, Samstag 16. Oktober 1920: Ansprache bei einer Studenten- 
versammlung, in „Die Erkenntnisaufgabe der Jugend", Dornach 1957. 

Stuttgart, Montag 8, November 1920: Zweigvortrag in „Gegensatze in der 
Menschheitsentwickelung", Bibl.-Nr. 197, GA Dornach 1967. 

Stuttgart, Mittwoch 10. November 1920, offentlich: ,,Die Geisteskrisis der 
Gegenwart und die Krafte zum Menschheitsfortschritt." Nicht gedruckt. 

Stuttgart, Sonntag 14. November 1920: Zweigvortrag in „Gegensatze in der 
Menschheitsentwickelung", Bibl.-Nr. 197, GA Dornach 1967. 

Stuttgart, Montag 15. November 1920: Lehrerkonferenz. 

Stuttgart, Dienstag 16. November 1920: „Die Wahrheit der Geisteswissen- 
schaft und die praktischen Lebensforderungen der Gegenwart. Zugleich eine 
Verteidigung der anthroposophischen Geisteswissenschaft wider ihre Ankla- 
ger." Nicht gedruckt. 

Stuttgart, Samstag 20. November 1920: Zweigvortrag. Keine Nachschrift. 

Stuttgart, Montagnachmittag 22. November 1920: Lehrerkonferenz. 

Stuttgart, Montagabend 22. November 1920: Zweigvortrag, in ,,Gegensatze in 
der Menschheitsentwickelung", Bibl.-Nr. 197, GA Dornach 1967. 

Stuttgart, Dienstag 23. November 1920: Ansprache bei einer Monatsfeier, in 
,, Rudolf Steiner in der Waldorfschule", Stuttgart 1958. 

Olten, Mittwoch, 29. Dezember 1920: Ansprache zur Eurythmieauffuhrung 
(hauptsachlich Kindereurythmie). Nicht gedruckt. 

Olten, Mittwoch 29. Dezember 1920, offentlich: ,,Anthroposophie und pad- 
agogische Kunst", in ,,Die Menschenschule" 1945, 19. Jg., Heft 1. 



298 



Zeittafel: Januar bis Februar 1921 



Stuttgart, Samstag 1., Sonntag 2. Januar 1921: 2 Vortrage fur Oberschlesier 
iiber Dreigliederung des sozialen Organismus. Nicht gedruckt. 

Stuttgart, 1.— 18. Januar 1921, teils vormittags, teils nachmittags, 18 Vor- 
trage: „Das Verhaltnis der verschiedenen naturwissenschaftlichen Gebiete zur 
Astronomic" Dornach 1926. 

Stuttgart, Samstagabend 1. Januar 1921: Zweigvortrag „Die zwei Weihnachts- 
verkundigungen", Dornach 1952. 

Stuttgart, Dienstag 4. Januar 1921, offentlich: „GeisteswissenschaftIiche 
Ergebnisse und Lebenspraxis." Nicht gedruckt. 

Stuttgart, Mittwoch 5. Januar 1921: Ansprache bei der Weihnachtsfeier der 
Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik. Nicht gedruckt. 

Stuttgart, Donnerstag 6. Januar 1921: Zweigvortrag, in ,,Erkenntnisse der 
Geistesforschung iiber die wiederholten Erdenleben gemessen an den Vorgan- 
gen der Gegenwart." Basel 1952. 

Stuttgart, Freitag 7. Januar 1921, offentlich: ,,Wirtschaftliche Forderungen 
und Geist-Erkenntnis." Nicht gedruckt. 

Stuttgart, Samstag 8. Januar 1921: Vortrag bei einer Versammlung wiirttem- 
bergischer Industrieller. Nicht gedruckt. 

Stuttgart, Sonntag 9. Januar 1921: Zweigvortrag, in ,,Erkenntnisse der Gei- 
stesforschung iiber die wiederholten Erdenleben gemessen an den Vorgangen 
der Gegenwart." Basel 1952. 

Stuttgart, Dienstag 11., Mittwoch 12., Freitag 14., Samstag 15. Januar 1921, 
abends, halboffentlich: 4 Vortrage ,,Proben iiber die Beziehungen der Geistes- 
wissenschaft zu den einzelnen Fachwissenschaften", in ,, Gegenwart", 
1952/53, 24. Jg., Hefte 2-6. 

Stuttgart, Donnerstag 13. Januar 1921: Elternabend der Freien Waldorf- 
schule, in ,, Rudolf Steiner in der Waldorfschule", Stuttgart 1958. 

Stuttgart, Sonntagvormittag 16. Januar 1921: Lehrerkonferenz. 

Stuttgart, Sonntag 16. Januar 1921: Zweigvortrag, in ,,Erkenntnisse der Gei- 
stesforschung iiber die wiederholten Erdenleben gemessen an den Vorgangen 
der Gegenwart." Basel 1952. 

Dornach, Samstag 22. Januar 1921: Mitgliedervortrag, in ,, Impulse der Gei- 
steswissenschaft fur das praktische Leben". Basel 1952. (S. 22—24 iiber Wal- 
dorfschul-Padagogik und Freier Religionsunterricht.) 

Stuttgart, Samstag 12. bis Donnerstag 17. Februar 1921: Rednerkurs, 10 Vor- 
trage. „Wie wirbt man fur die Dreigliederung des sozialen Organismus? " Dor- 
nach 1952. 

Den Haag, Mittwoch 23. Februar 1921, offentlich: „Die anthroposophische 
Geisteswissenschaft und die grofien Zivilisationsfragen der Gegenwart", in 
„Die Menschenschule" 1959, 33. Jg., Hefte 10 und 12. 



Zeittafel: Februar bis Mai 1921 



299 



Den Haag, Sonntag 27. Februar 1921, offentlich: ,,Erziehungs-, Unterrichts- 
und praktische Lebensfragen vom Gesichtspunkte anthroposophischer Gei- 
steswissenschaft", in ,,Die Menschenschule" 1959, 33. Jg., Hefte 11 und 12. 

Vortrage mit demselben Thema wie die beiden letzten wurden aufierdem in 
derselben Zeit in Amsterdam, Hilversum, Utrecht, Rotterdam, Hengerlo 
gehalten. Sie sind alle nicht gedruckt. 

Stuttgart, 16., 17., 18., 19., 21., 22., 23. (zwei Vortrage) Marz 1921: 8 Vor- 
trage iiber ,,Naturbeobachtung, Mathematik, wissenschaftliches Experiment 
und Erkenntnisergebnisse vom Gesichtspunkte der Anthroposophie", Bibl.- 
Nr. 324, GA Dornach 1972. 

Stuttgart, Sonntag 20. Marz 1921: Unterredung mit einer Jugendgruppe, in 
„Die Erkenntnisaufgabe der Jugend". Dornach 1957. 

Stuttgart, Mittwoch 23. Marz 1921: Lehrerkonferenz. 

Dornach, Montag 4. bis Sonntag 10. April 1921: Zweiter anthroposophischer 
Hochschulkurs ,, Anthroposophie und Fachwissenschaften", in ,,Ansprachen 
und Vortrage im Zweiten anthroposophischen Hochschulkurs", Bern 1948. 

Stuttgart, Donnerstag 26. Mai 1921: Lehrerkonferenz. 



HINWEISE 



zu Seite 

63 Konfessioneller Religionsunterricht: Siehe auch Einleitung S.35. 

64 an den Sonntagen werden wir Vortrdge haben: Am 24. und 31. Au- 
gust 1919. ,,Die Waldorfschule und ihr Geist." Stuttgart 1956. Liste 
Nr. 7. 

65 8. September 1919: Von dieser Konferenz und von denen vom 22. 
und 23. Dezember 1919, 1. Januar, 6., 8. und 14. Marz 1920 liegen 
nur sehr unzureichende Notizen vor. Dr. Karl Schuberts Steno- 
gramme beginnen erst am 9. Juni 1920. 

65 7. und 8. Klasse Herr Dr. Treichler und Herr Stockmeyer: Siehe Ein- 

leitung S. 44. 

65 Religionsunterricht auf den Nachmittag: Siehe Hinweis zu S. 70. 
65/66 Eurythmie und Tumen: Siehe Einleitung S. 44. 

66 Die Stundenzahl ist den Lehrern iiberlassen: Es lie/5 sich nicht fest- 
stellen, worauf sich das bezieht. 

66 Stundenplan fur den Vormittagsunterricht: Schichtunterricht siehe 

Einleitung S. 43. 

66 Fdcher ein Vierteljahr hintereinander: Epochenunterricht. Vgl. 

Seminarbesprechungen 1. Vortrag, Liste Nr. 6. 

66 Im letzten Vierteljahr Wiederholung: Ist sehr selten durchgefiihrt 
worden. 

67 Handarbeit: Siehe Einleitung S. 44. 

70 Freier Religionsunterricht: Siehe Einleitung S. 35—39. 

70 Schiiler, die Schulgeld zahlen: Siehe Einleitung S. 21, 22, 

70 Waldorf-Astoria-Fabrik: Siehe Einleitung S. 19-25. 

70 Lehrmittelfreiheit: Siehe Einleitung S. 21. 

71 beim Abgang von der Schule: Der Vorschlag ist nicht durchgefiihrt 
worden. 

71 Nach der neuen Verfassung: Der ,,Weimarer" Reichsverfassung. 
Siehe Einleitung S. 28, 29. 

72 eintragen (ins Klassenbuch), wenn Schuler fehlten: Das wurde spater 
notig, urn nachweisen zu konnen, ob ein Schuler an einem bestimm- 
ten Tage anwesend war. 

73 im Kursus: Das heifit in den Vortragen August/September 1919. 
Vgl. Zeittafel. 



Hinweise 



301 



74 Schularztliche Untersuchungen: Amtsarzt. Siehe Einleitung S. 30. — 

Vgl. Sachwortverzeichnis. 

74 Ludwig Noll, 1872-1930, Dr. med., Schuler Rudolf Steiners, Arzt in 

Kassel, war beim padagogischen Kurs und in der ersten Zeit der 
Schule anwesend. 

74 /ange Geschichte mit den Temperamenten: Vgl. 1.— 5. Seminar- 

besprechung. Liste Nr. 6. 

79 Lehrplan fur den freien Religionsunterricht, vgl. S. 98 ff. 

80 der gestrige offentliche Vortrag: ,,Obersinnliche Erkenntnis und 
sozialpadagogische Lebenskraft", Stuttgart 24. September 1919, 
Liste Nr. 86. 

80 „Die pddagogische Grundlage der Waldorf schule": „Waldorf-Nach- 

richten". Siehe Einleitung S. 21 und Liste Nr. 55. 

80 Wochensp niche : Seelenkalender. Liste Nr. 45. 

81 Die Verhandlungen iiber das Credo: Es diirften die Verhandlungen 
auf den friihen Kirchenkonzilien gemeint sein. 

81 Kernpunkte der sozialen Frage: Liste Nr. 47. 

84 Organisation der Lehrerschaft in der Anthroposophischen Gesell- 

schaft: Diese lockere Organisation hat nicht lange bestanden. 

84 Lebenskunde: Hier ist damit nicht das spater ebenfalls so bezeich- 

nete Unterrichtsfach gemeint. 

84 Herr van Leer: Emanuel Josef van Leer, gest. 1934, Grofikaufmann, 
President des Verwaltungsrates der Weleda in Arlesheim. 

85 Kulturrat: Siehe Einleitung S. 17. 

86 In Pierers Konversationslexikon: Siehe Liste Nr. 52. 

89 C-G-S-System: Centimeter-Gramm-Sekunden-Maflsystem. 

89 Planetenbewegung: Vgl. 14. Seminarbesprechung S. 151 f. und Hin- 

weis dazu S. 192. 

91 Ich habe heute darauf hingedeutet: Vielleicht besuchte Rudolf Stei- 
ner am Vormittag eine Klasse; Notizen dariiber sind nicht erhaken. 

92 Lorentzscher Versuch: Der stenographische Text ist vermutlich zu 
gliedern wie folgt „. . . interessant, aber theoretisch behandelt. Was 
Lorentz daran anschliefit, es ist nicht notig, dafi Sie es annehmen, 
dafi da . . . ". 

Hendrik Antoon Lorentz, 1853—1928, hollandischer Mathematiker 
und Physiker, Nobelpreistrager. 

93 Prachtstuck: Beispiel fur die Relativitatstheorie. Vgl. Hinweis zu 
3/159. 



302 Hinweise 

94 Das dritte Kopernikanische Gesetz: Nikolaus Kopernikus, 

1473—1543. Das dritte Gesetz wird etwa wie folgt formuliert: Die 
Erdachse beschreibt im Laufe von 26 000 Jahren einen Kegelmantel 
mit der Richtung nach dem Ekliptikpol als Achse. ,,De revolutionibus 
orbium coelestium libri VI", 1543; deutsch 1879, Neudruck 1939. 
Und ,,De hypothesibus motuum coelestium a se constitutis Com- 
mentariolus". Mit deutscher Ubersetzung herausgegeben von Fritz 
Rofimann, als ,,Erster Entwurf seines Weltsystems . . . ", Munchen 
1948; bes. S. 12, 14, 41. 

94 Johannes Schlaf, 1862—1941: Naturalistischer, spater impressioni- 

stischer Dichter und Schriftsteller, suchte das Kopernikanische Welt- 
bild zu widerlegen, z. B. in ,,Die Erde — nicht die Sonne", 1920. 

94 Ich sprach ... in der Schopenhauer-Gesellschaft in Dresden: Am 
20. September 1919 iiber „Die philosophische Rechtfertigung der 
Anthroposophie". Nur unzureichende Notizen erhalten; nicht ge- 
druckt. 

95 Wertlehre von Rickert: Vgl. ,,Ratsel der Philosophic" Bd. II, Kap. 
,,Der moderne Mensch und seine Weltanschauung", Liste Nr. 38. 

96 Vaterunser: Als Rudolf Steiner Anfang Oktober 1923 der ersten 
Stunde Dr. Martha Hablers in ihrer neuen Klasse 5c beiwohnte, for- 
derte er sie auf, mit den Kindern nach dem Morgenspruch auch noch 
das Vaterunser zu sprechen. — Vgl. Martha Habler, „Rudolf Steiner 
in einer Waldorfschulklasse", ,,Erziehungskunst", Jg. 16, 
S. 358-361. 

98 Freier Religionsunterricht: Siehe Einleitung S. 35—39. 

99 Lebenslauf beim Menschen: Vgl. ,,Ansprache zum Beginn des 
3. Schuljahrs", 18. Juni 1921. „Rudolf Steiner in der Waldorf- 
schule", Liste Nr. 8. 

100 Gedichte iiber die Metamorphose der Pflanzen und der Tiere: 
Goethes Gedichte, Abteilung ,,Gott und Mensch". 

103 im zwdlften Jahr: Siehe Einleitung S. 34 die spatere Dreiteilung fiir 
die Volksschulklassen. 

105 Wir haben ja allerlei Spriiche: Siehe „Wahrspruchworte", Liste 
Nr. 45. 

105 Der Schmeilsche Leitfaden fiir Botanik und Zoologie: Otto Schmeil, 
1860-1943, „Lehrbuch der Zoologie" (1899), „Lehrbuch der 
Botanik" (1903). Viele Neuauflagen. 

106 der alte Brehm: Alfred Edmund Brehm, 1829-1884. „Illustriertes 
Tierleben", 1. und 2. Aufl. (1864-69). 6 Bde 4. Aufl (1911-1918) 
13 Bde.; neu bearbeitet von O. zur Straften. 

106 das gestern Gesagte: Vgl. S. 89-94. 

109 gestern aufgezeichnet: Vgl. S. 90, 93, 94. 



Hinweise 



303 



109 Zyklus 20 und 18: Siehe Liste Nr. 68 und 69. 

110 Nachmittagskurse fur Arbeiter der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik: 
Siehe Einleitung S. 21. 

110/111 ,,Theosophie", „Me erlangt man Erkenntnisse der hdheren Wel- 
ten? " „Die geistige Fiihrung des Menschen und der Menschheit". 
Liste Nrn. 41, 43, 44. 

112 Nachmittagshort: Siehe Einleitung S.46. 

112 Monatsfeier: Siehe Einleitung S. 47. 

112 Zwolf Stimmungen: In den „Wahrspruchworten". Liste Nr. 45. 

114 Lehrersprechiibungen: Vgl. Seminarbesprechungen ab 26. August 
1919. 

115 zu einer Besprechung: Davon liegen keine Notizen vor, aber Rudolf 
Steiner selbst hat am 28. April 1920 in Basel davon berichtet. ,,Die 
Erneuerung der padagogisch-didaktischen Kunst", 6. Vortrag. Vgl. 
Zeittafel, Liste Nr. 12. 

116 Zeugnisse: Siehe Einleitung S. 48. 

118 Flammensymmetrie; Ellicot: Vgl. Erster Naturwissenschaftlicher 
Kurs, „Geisteswissenschaftliche Impulse zur Entwicklung der Phy- 
sik", 8. Vortrag. 31. Dezember 1919, Liste Nr. 9. — In einem Notiz- 
buch Rudolf Steiners findet sich dazu die Bemerkung: ,,2 Uhren = 
Ellicot." Sicherlich sind die 2 Pendeluhren von S. 138/139 des obi- 
gen Kurses gemeint. Weiteres iiber Ellicot und seine Arbeiten zu 
ermitteln, ist noch nicht gelungen. 

119 Beitrage fur die „Soziale Zukunft": Siehe Nrn. 5—7 (in einem Heft) 
„Erziehungskunst" 1919, mit Beitragen von Waldorflehrern. Liste 
Nr. 137. 

119 Friedrich Dittes, 1829—1896. Trat praktisch und literarisch wie 
Pestalozzi und Diesterweg ein fur freisinnige Gestaltung des offent- 
lichen Schulwesens. 

119 9. Klasse, da ist kein Schulgesetz mehr da: Siehe Einleitung S. 28. 

120 Sonntagshandlungen: Siehe Einleitung S. 36, 37. 

120 Gartenbauunterricht: Siehe Einleitung S. 44, 45. 

121 Forth ildungsschule: Siehe Einleitung S. 46, 47. 

121 Kindergarten: Siehe Einleitung S. 46. 

122 lateinische Schrtft: 1919 war in Deutschland noch iiblich, die lateini- 
sche Schrift erst nach der deutschen zu lehren. Spacer trat sie an die 
erste Stelle. Vgl. 1. Lehrplanvortrag. 

123 Die Klasse als Chor behandeln: Diese Stelle mufi nach neugefunde- 



304 



Hinweise 



nen Notizen lauten: ,,. . . Zwischenfragen an die anderen stellen und 
sie dadurch wach erhalten oder die Klasse als Chor behandeln." 

123 Unterricht in sozialer Erkenntnis: Siehe Einleitung S. 47. 

123 Unterricht fur die psychopathischen Kinder: Hilfsklasse. Siehe Ein- 
leitung S. 45/46. 

123 Dementia praecox: Wird heute meist bezeichnet als Hebephrenic, 
Jugendirresein. 

124 Kleptomanie: Vgl. S. 2/88. 

124 Forschungsinstitut: Siehe Einleitung S. 19. 

124 Rudolf Maier (nicht Meier!), Dr. 1886-1943. 

125 Unterricht iiber Takt und Moral: Siehe Einleitung S. 45. 

127 Jahresbericht und Prospekt: Der Jahresbericht wurde in diesem Jahr 
nicht fertig. Er wurde als „Bericht iiber die zwei ersten Schuljahre 
1920/21 und 1921/22" spater als Manuskript gedruckt. Ohne Jah- 
reszahl. 

127 Vortragswesen der Waldorf-Astoria; Arbeiterbildungsschule: Siehe 
Einleitung S. 21. 

128 das Archiv: In Nebenraumen der Schule war ein „Archiv des 
Goetheanismus" eingerichtet fur Rudolf Steiners Biicher und Vor- 
tragsnachschriften, auch fur Biicher goetheanistischer Autoren. 

128/129 Psychologika sammeln; Goldenes Buch: 1st leider nie gemacht wor- 
den. 

130 Filioquestreit; Harnacks Dogmengeschichte: Adolf v. Harnack, 
1851—1930. „Dogmengeschichte" im „Grundrifi der theologischen 
Wissenschaften" 4. Teil 3. Bd. 4. Aufl. 1905. $ 39 „Die Lehre vom 
Heiligen Geist ..." 

130 Goethe-Biographie von Baumgartner: Alexander Baumgartner S. J., 
1841-1910. „Goethes Leben und Werke" 3 Bde. 1885-1886. 

130 Goethe-Biographie von Lewes: George Henry Lewes, 1817—1878. 

,,Life and works of Goethe" 2 Bde. 1855. Auch deutsche Oberset- 
zung. 

130 Schweizerischer Volkskalender: Dariiber ist nichts bekannt. 

131 Waldorfschulverein: Siehe Einleitung S. 22—25. 

131 Material in den Waldorf-Nachrichten: Es waren darin abgedruckt: 
1. der Vortrag fur die Angestellten und Arbeiter der Waldorf-Astoria 
am 23. April 1919 (Zeittafel). 2. Die Ansprache bei der Schuleroff- 
nung am 7. September 1919 (Zeittafel). 3. Der Aufsatz „Die padago- 
gische Grundlage der Waldorfschule". — Vgl. Hinweis zu S. 80 Liste 
Nr. 55. 



Hinweise 



305 



134 Konsonanten durch Tdtigkeiten eingeprdgt im Eurythmieunterricht: 
Aus dem Bericht von El. Baumann: „ ... in Bildern, so dafi das 
Kind miterlebt und sich darin fiihlt in Naturvorgangen, zum Beispiel 
im Entstehen' und Vergehen der Pflanzenwelt, erfassen die Kleinen 
und Kleinsten das Lautliche. Sie lassen die Blume tief im Boden ver- 
borgen sein, da wissen sie, das ist B; sie lassen sie sich durch die Erde 
heraufschaffen, das ist ihr M; sie dringt ins Licht hinauf im D und 
wachst nun von Bliite zu Bliite und das ist L. Ganz steht das Kind im 
Vorgang darin, mit seinem fuhlenden Willen lernt es den Laut lie- 
ben." Elisabeth Baumann, in „Freie Waldorfschule e. V. Stuttgart, 
Bericht uber die zwei ersten Schuljahre 1919/20 und 1920/21." 
S. 94; vgl. Hinweis zu S. 127. 

135 ,,hurtig toch": norwegisch = Schnellzug. 

135 Das Eurythmeum mufi gebaut werden: Das geschah auf dem Ge- 
lande der Waldorfschule im Jahre 1922. 

136 ,,Cherubinischer Wandersmann, Geistreiche Sinn- und Schlufireime" 
1674, von Angelus Silesius, Pseudonym fur Johannes Scheffler, 
1624—1677. Neudruck von Ellinger 1901. Samtliche poet. Werke 
herausgegeben von Held 1922 2 Bde. 

136/137 Jugendfeier: Sie wurde zum ersten Male gehalten am Palmsonntag 
1921. Siehe Einleitung S. 37, 41. 

139 der Hund, der mit dem Fleisch im Maul uber die Briicke geht: Aus 
Asop: Ein Hund, der ein Stiick Fleisch im Maul trug, iiberschritt 
einen Flufi. Dabei sah er seinen Schatten im Wasser und meinte, das 
sei ein anderer Hund, der ein grofieres Stiick Fleisch habe. Sofort 
liefi er das eigene fallen und fuhr auf das Spiegelbild los, um das 
Fleisch zu rauben. Aber dabei kam nur heraus, dafi er beides verlor, 
das fremde Fleisch, weil es iiberhaupt nicht da war, und das eigene, 
weil es vom Wasser weggetrieben war. 

141 keinen Tau haben: Osterreichischer Dialektausdruck fur ,,keine 
Ahnung haben". 

142 Zu Frdulein Dr. v. Heydebrand: Vgl. Hinweis zu S. 161. 

144 Gartenarbeit und Handwerk: Siehe Einleitung S. 44/45. 

145 Buchbinderei: Sie wurde erst 1922 eingefiihrt fur die 11. Klasse. Vgl. 
2/89, 98. 

147 Zeugnisse: Siehe Einleitung S. 48. 

149 wie ich sie dazumal inauguriert habe: Am 23. Dezember 1919. Vgl. 
S. 115 und Hinweis dazu. 

150 Eormen mit den Fufien machen: Rudolf Steiner erzahlte, dafi er als 
Knabe selbst solche Obungen gemacht habe. — ,,Die Geschichte der 
Menschheit . . ." Arbeitervortrage. Vortrag vom 12. April 1924. 
Liste Nr. 129/130. 



306 Hinweise 

151 unter unseren Obungssdtzen: Die Lehrersprechubungen. Vgl. Hin- 
weis zu S. 114. 

151 Schuler A. W. in der 5. Klasse: Er bekam spater einen Spruch von 
Rudolf Steiner. 

153 Erster anthroposophischer Hochschulkurs am Goetheanum: Siehe 
Zeittafel. 

153 Valutageschichte: Deutschland erlebte damals einen reifienden 
Wahrungsverfall. 

153 beim Arztekurs: Siehe „Geisteswissenschaft und Medizin", GA Dor- 
nach 1961. Liste Nr. 89. 

154 Dornacher Bau, Goetheanum, Malereien, Glasfenster: Siehe Einlei- 
tung S. 13. 

154 ,,Die Erziehung des Kindes": Liste Nr. 2. 

155 Unfallstation: Spater wurde fur Dr. Kolisko ein Arztzimmer ein- 
gerichtet. 

156 weiblicher Lausbub: Er wurde im Oktober 1920 von der Schule aus- 
geschlossen. 

156 Dr. v. Heydebrand ... Dr. Stein: Vgl. den dffentlichen Vortrag 
R. Steiners vom 29. Juli 1920 ,,Wer darf gegen den Untergang des 
Abendlandes reden?" Zeittafel. 

157 Karl Biicher, 1847—1930, Nationalokonom. Arbeit und Rhyth- 
mus", 1896. 

157 Schulschlufifeier: Siehe Einleitung S. 47. 

157 Dichten Sie doch etwas: Paul Baumann dichtete daraufhin einen 
Text und komponierte ihn fur drei Stimmen mit Klavierbegleitung. 
Nur enthalten in der 1. Ausgabe der ,,Lieder der Freien Waldorf- 
schule". Vgl, Hinweis zu S.284. 

161 Ich war auf einer Schule mit einer Maschinenbauschule: Rudolf Stei- 
ner besuchte 1872—79 die Unter- und Oberrealschule in Wiener- 
Neustadt, der eine Maschinenbauschule angeschlossen war. — Vgl. 
C. S. Picht ,,Aus der Schulzeit Rudolf Steiners" in „Zur Padagogik 
Rudolf Steiners", Zweimonatsschrift IV. Jg. 1930/31. Auch enthal- 
ten in C. S. Picht ,,Gesammelte Aufsatze und Fragmente", Stuttgart 
1964. 

162 unsere Kursbemuhungen: Siehe den grundlegenden dreiteiligen pad- 
agogischen Kurs vom August/September 1919. 

162 das ich schon am Morgen beriihrt habe: Siehe die Ansprache der 
Schuljahres-Schlufifeier vom 24. Juli 1920 in Rudolf Steiner in der 
Waldorfschule . . .". Liste Nr. 8. 



Hinweise 



307 



162 Kurs in Basel iiber Pddagogik: Siehe ,,Die Erneuerung der padago- 
gisch-didaktischen Kunst durch Geisteswissenschaft." 20. April bis 
11. Mai 1920, 1. Vortrag. Liste Nr. 12. 

162 Pestalozzi, Frobel, Diesterweg, Herbart, Dittes: 
Johann Heinrich Pestalozzi, 1746—1827 
Friedrich Frobel, 1782-1852 

Adolf Diesterweg, 1790-1866 

Johann Friedrich Herbart, 1776-1841 

Friedrich Dittes, 1829-1896, vgl. Hinweis zu S. 119 

163 was Frobel an herber Kritik gegeniiber Pestalozzischen Anstalten 
geschrieben hat: Es wurde mitgeteilt, diese Auflerung beziehe sich 
auf zwei Tagebuchnotizen Frobels; die erste von 1806, die zweite 
wohl von 1810. Naheres war nicht zu erfahren. 

163 was ich in der letzten Zeit an einzelnen Orten schon wiederholt 
gesagt habe: Zum Beispiel Dornach 17. und 18. Juli 1920 in „Heil- 
faktoren fur den sozialen Organismus", Bibl.-Nr. 198, Gesamtaus- 
gabe Dornach 1969. 

164 morgen im Zweigvortrag: Siehe den Vortrag vom 25. Juli 1920 in 
,,Gegensatze in der Menschheitsentwickelung", Bibl.-Nr. 197. 
Gesamtausgabe Dornach 1967. 

164 was wir vom April 1919 an versuchten, und Aufruf zum Kulturrat: 
Siehe Einleitung S. 17. 

164 der wiiste Skandal am Goetheanum als Symptom des Niedergangs 
des deutschen Geisteslebens: Siehe den Vortrag vom 5. Juni 1920 
,,Die Wahrheit iiber die Anthroposophie und deren Verteidigung 
wider die Unwahrheit" in ,,Die Hetze gegen das Goetheanum". Liste 
Nr. 90. 

165 hospitieren: Siehe Einleitung S. 31. 

166 in Paris . . . eine Waldorf schule: Siehe Einleitung S. 31. In Paris kam 
es erst nach dem 2. Weltkrieg zu Schulgriindungen. 

168 Ausgestaltung der Zeugnisse: Siehe Einleitung S. 48. Nach dem 
1. Schuljahr hatten die Lehrer alle Zeugnisse gemeinsam durch- 
gesprochen. 

171 Hilfsklasse: Siehe Einleitung S. 45/46. 

171 Fremdsprachen . . . nicht so streng klassenweise: Siehe Einleitung 
S. 49 und Sachwortverzeichnis. 

172 Separatkurs in den Sprachen: Er wurde fiir Neueintretende je nach 
Notwendigkeit eingerichtet. 

177 Schulverein: Der Waldorfschulverein war im Mai 1921 gegriindet 
worden. Siehe Einleitung S. 22. 

177 Weltschulverein: Siehe Einleitung S. 24/25. 



308 



Hinweise 



177 Haarmittel „Verlockung": Das heute von der Weleda hergestellte 
,,Haarwasser" trug anfangs den Namen ,,Krauterhaarwasser". Die 
humoristische Bezeichnung „Verlockung" diirfte der Zeit des 
Suchens nach einem geeigneten Namen entstammen. 

178 Der Kommende Tag: Siehe Einleitung S. 19/20. 

180 Lehrerwohnungen: Es wurde spater fur einige Lehrerfamilien ein 
Haus auf dem Schulgelande gebaut; im 2. Weltkrieg wurde es zer- 
bombt. 

182 Aufruf: Der Text dieses Aufrufes kpnnte noch nicht gefunden wer- 
den. Siehe auch: Einleitung S. 24/25. 

182 Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik: Siehe Einleitung S. 20/24. 

183 Valuta: Durch den Wahrungsverfall war die deutsche Wahrung, die 
Valuta, im Ausland so gut wie wertlos geworden. 

184 futurum: Siehe Einleitung S. 19. 

184 Verein Goetheanismus: Siehe Einleitung S. 13. 
188 Patenschaften: Siehe Einleitung S. 23. 

190 Heileurythmie: Rudolf Steiner hatte im Heileurythmie-Kursus im 
April 1921 (Einl. S. 14) aufmerksam gemacht auf die therapeuti- 
schen Moglichkeiten, wenn unter Verantwortung des behandelnden 
Arztes die ausgebildete Heileurythmistin mit dem Patienten spezifi- 
sche, geeignete Eurythmieubungen vornimmt. Liste Nr. 31. 

191 Kurs von funf bis sieben neuen Vortrdgen: Siehe ,,Meditativ erarbei- 
tete Menschenkunde". Liste Nr. 13. 

191/192 Reifepriifung: Siehe Einleitung S. 56, 58. 

192 vollstandig freie Hochschule: Siehe Einleitung S. 13, 24/25. 

192 Dornacher Farben: Zum Ausmalen der Kuppeln des ersten Goethea- 
nums wurden Pflanzenfarben hergestellt in Dr. Oscar Schmiedels 
chemischem Laboratorium in Dornach. Siehe Einleitung S. 13. Nach 
dem 2. Weltkrieg sind sie in Dornach weiterentwickelt worden. 

193 offentlicher Vortrag: Liste Nr. 94. 

193 Handfertigkeitsunterricht: Siehe Einleitung S. 44/45. 

196 die unteren Klassen und von der 6. Klasse an: Weil die Schule da- 
mals nur 8 Klassen hatte, waren ,,untere Klassen" also die 1.— 4. Fiir 
sie ist niemals Handwerksunterricht eingerichtet worden. Dariiber, in 
welcher Klasse er aus menschenkundlichen Griinden anfangen solle, 
ist damals keine Angabe Rudolf Steiners gemacht worden. Hier, das 
heifit am 30. Juli 1920, ist offensichtlich von ,,budgetaren" Fragen 
die Rede. Zwei Jahre spater, im 7. Vortrag des Oxforder Kurses 
August 1922 ,,Die geistig-seelischen Grundkrafte der Erziehungs- 



Hinweise 



309 



kunst" S. 136 und 138 wird ausdriicklich gesagt, dafi der Hand- 
werksunterricht schon vor dem 6. Schuljahr beginnen konne. — 
Liste Nr. 22. 

198 engeres Kollegium: Wird jetzt meist interne Konferenz" genannt. 

201 Drei Gruppen im freien Religionsunterricht: Siehe Einleitung S. 36. 

205 Professor Abderhalden: Emil Abderhalden, 1877-1950, Professor 
fur Physiologic 

205 Vorder- und Hinterknoten im Riickenmark: Siehe: „Allgemeine 
Menschenkunde". 2. Vortrag und ,,Methodisch-Didaktisches". 
2. Vortrag am Anfang. 

206 Als ich in Berlin davon horte: Rudolf Steiner war iiber den 18. und 
19. September in Berlin gewesen. 

212 bei dem jetzigen Hochschulkurs in Dornach: Der eben abgelaufene 
Erste Hochschulkurs vom 26. September bis 16.0ktober 1920. 
Siehe Einleitung S. 17 und Liste Nr. 95. 

217/218 Anerkennung der Waldorfschule als Grundschule und Erlafi: Siehe 
Einleitung S. 26. 

219 Lehrplan — fur morgen niederschreiben: Diese Lehrplan-Nieder- 
schrift, fur die 9. Klasse, Rudolf Steiners ist nicht bekannt. In den 
Notizbiichern finden sich unter dem 21. September 1920 Eintragun- 
gen, die alle in der Konferenz vom 22. September ausgefuhrt sind. 

219 „Asthetik oder die Vorschule des Schdnen", von fean Paul, eigent- 
lich Johann Paul Friedrich Richter, 1763-1825. 3 Bde 1805. 

219 Herman Grimms Goethe-Vorlesungen: „Goethe", zuerst Berlin 
1877, 2 Bde. 

220 Buckle, Lecky 

H. Th. Buckle, 1821 — 1862. „History of Civilisation in England'' 
1857; Deutsch von J. H. Ritter, Leipzig 1900. 

W. E. H. Lecky, 1838-1903. "History of the Rise and Influence of 
the Spirit of Rationalism in Europe", 1865. Deutsch von H. Jolo 
vicz, Leipzig und Heidelberg 1868. 

221 eine Wasserkanne: Die iiberlieferten Notizen sind nur Bruchstiicke, 
Die versuchte Erganzung bleibt zweifelhaft. 

222 das Dopplersche Prinzip: Christian Doppler, 1803—1853, osterrei 
chischer Physiker und Mathematiker. „uber das farbige Licht dei 
Doppelsterne", Abhandlung 1842. — Die Anzahl der gehorten 
Schallwellen per Sekunde wird bei Annaherung grofier, bei Entfer 
nung geringer, der gehorte Ton also hoher oder defer. Dies zuerst fur 
Luftwellen nachgewiesene Prinzip wurde von Doppler auch in die 
Optik (Lichtwellen) und in die Spektralanalyse iibertragen. 

223 Anstandsunterricht: Siehe Einleitung S. 45. 



310 

H inweise 

224 Behandlung des Instrumentes: Flotenunterricht fur die Kleinsten 
und Geigenunterricht fur die hoheren Volksschulklassen konnten 
erst nach Rudolf Steiners Tode eingerichtet werden. 

225 Hedwig Hauck: Siehe ihr Buch ,,Handarbeit und Kunstgewerbe. An- 
gaben von Rudolf Steiner." Dresden 1937. 

225 Dr. Guido Hauck, gest. 1905, aus Wiirttemberg. Zuletzt Professor fur 
darstellende Geometrie und Graphostatik an der Techn. Hochschule 
in Berlin-Charlottenburg. Seine Broschiire , .Arnold Bocklins Gefilde 
der Seeligen und Goethes Faust" (1884) ist auszugsweise abgedruckt 
in „Anthroposophie. Monatsschrift fiir freies Geistesleben" Jg. 14 
Heft 12, 1931/32 S. 528-539. - Vgl. dort in den Einleitungsworten 
das Zitat aus Herman Grimms Rezension dariiber. 

226 Laokoon: Vgl. Rudolf Steiner ,,Kunstgeschichte als Abbild innerer 
geistiger Impulse", IX S. 18. Dornach 1939. 

229 dafi die andere Sache viel schneller geht: Was damit gemeint war, ist 
nicht zu ermitteln. — Die Textiiberlieferung ist an dieser Stelle sehr 
unsicher. Ober den Weltschulverein siehe Einleitung S. 25. 

230 Verlag: Der Kommende Tag A.-G. Verlag, Stuttgart: Siehe Einl. 
S. 19. Dort erschienen u.a.: 

1. Ludwig Polzer-Hoditz: ,,Politische Betrachtungen auf Grundlage 
der Dreigliederung des sozialen Organismus", 1920. 

2. Dr. Walter Johannes Stein: „Die moderne naturwissenschaftliche 
Vorstellungsart und die Weltanschauung Goethes, wie sie Rudolf 
Steiner vertritt", 1920. 

3. Dr. Walter Johannes Stein: ,, Rudolf Steiner als Philosoph und 
Theosoph." Eine Antwort auf die gleichnamige Schrift Dr. Friedrich 
Traubs, Professor in Tubingen. 1920. 

231 Gruppe Haafi-Berkow: Der Schauspieler Gottfried Haafi-Berkow 
(1888—1957) studierte wahrend des 1. Weltkrieges auf Anforderung 
des Roten Kreuzes in vielen Stadten mit Laienspielern volkstumliche 
Spiele ein, besonders seinen beriihmt gewordenen ,,Totentanz". 
Nach dem Krieg schuf er eine Reisetruppe, die ,,Haafi-Berkow- 
Spiele", die, iiberall auch fiir die Anthroposophie eintretend, etwa 
sieben Jahre lang durch Deutschland zog, aber auch vom Engadin bis 
nach Schweden und Holland. Viele seiner Schauspieler blieben nach 
Rudolf Steiners „Dramatischem Kurs" (1924) in Dornach am 
Goetheanum. Liste Nr. 125. 

233 Stuttgarter Hochschulkurse: Siehe Einleitung S. 17 und Sachwort- 
verzeichnis. 

235 Herman Grimm — Charakteristik der letzten Jahrhunderte: Siehe die 
16. Vorlesung in Goethe, ,,Rom". 

237 Leo Thun: Leo Leopold Graf von Thun, 1811 — 1888, osterreichi- 
scher Kultusminister 1849—1860. Im Herrenhause Fuhrer der Kleri- 
kalen und Feudalen. 



Hinweise 



31] 



237 Gautsch: Paul Freiherr Gautsch von Frankenthurn, 1851-1918, 
osterreichischer Kultusminister 1885 und 1895. Siehe Rudolf Stei 
ner, ,,Das deutsche Unterrichtswesen (in Osterreich) und Herr v. 
Gautsch". In ,,Gesammelte Aufsatze zur Kultur- und Zeit 
geschichte". GA 1966. S. 121-127. Liste Nr. 53. - Vgl. auch „Meir» 
Lebensgang", Kap. VIII. 

242 dafi Goethe so etwas meint, wie er Klavier gelernt hat: Siehe ,,Dich 
tung und Wahrheit", Anfang des 4. Buches. 

244 „Das Riesenspielzeug": Gedicht von Adalbert von Chamisso, 
1790-1838. 

245 Frdulein Waller: Marie Elisabeth (Mieta) Waller, spater Mrs. Pyle, 
1883—1954, Malerin. Von ihr kam die erste Anregung, ein eigenes 
Gebaude zu errichten zur Auffiihrung von Rudolf Steiners Myste 
riendramen. In Munchen spielte sie die Rolle des Johannes. Sie lebte 
lange in Dornach und nahm auch teil an dem dreiteiligen padagogi 
schen Kurs von 1919. 

245 Architrave — Glasfenster: Siehe Einleitung S. 13. 

246 Grundubungen: Vgl. Hinweis zu S. 115. Ober diese Obungen spricht 
Rudolf Steiner auch im 4. und 5. Vortrag des Kurses: „Die Kunst 
des Erziehens aus dem Erfassen der Menschenwesenheit", Torquay 
1924, GA Dornach 1963. 

247 ,,Lied vom braven Mann" von Gottfried August Burger, 1747—1794. 
Die zweite Strophe beginnt: ,,Der Tauwind kam vom Mittagsmeer / 
und schnob durch Welschland trub und feucht." 

250 Ihre Fibel: Leonie v. Mirbach hatte mit Kollegen zusammen ein 
Lesebuch fur die 1. Stufe — „Fibel" — ausgearbeitet. Der Druck kam 
zunachst noch nicht zustande. Spater (1928) hat Caroline von 
Heydebrand, diese Vorarbeiten weiterfuhrend, das Lesebuch „Der 
Sonne Licht" herausgegeben. Jetzt im J. Ch. Mellinger-Verlag, Stutt 
gart. 

250 20 000 Mark . . . 1000 Stuck . . . zu 40 Mark: Deutschland stand 
damals in der grofien Geldentwertung. 

250 Bilderbuch mit verschiebbaren Bildem: Das wurde spater aufgegrif 
fen von Hilde Langen. Es erschienen „Schneewittchen", ,,Dorn 
roschen", „Rotkappchen". Jetzt im Verlag Haus zu den sieben 
Zwergen, Dornach. 

251 Bericht = Jahresbericht: Siehe Hinweis zu S. 127. 

252 Ritual fur die Weihnachtshandlung: Siehe Einleitung S. 37. 
252 Bund fur Dreigliederung: Siehe Einleitung S. 16, 18. 



253 Del Montesche Fabrik: Jose Del Monte, 1875-1950. Leiter einet 
Kartonagefabrik. Siehe Einleitung S. 19. 



312 Hinweise 

253 Dreigliederungszeitung: Siehe Einleitung S. 17, 18 und Liste 
Nr. 136. 

253 Stinnes: Hugo Stinnes, 1870—1924, baute sein Rhein-Schiffahrts- 
unternehmen im Anfang des 20. Jahrhunderts aus zu einem riesigen, 
auch im Ausland tatigen Konzern, der aufier in See- und Binnen- 
schiffahrt sich auch besonders im Kohlenbergbau, Papier, Druckerei 
und Verlag, Erdol, Kraftwagen betatigte. 

254 Deutsch-Idiotische Partei: Es diirfte die deutsch- demokratische Par- 
tei gemeint sein. 

254 Graf (Herman v.) Key serling in Darmstadt, 1880—1946. ,,Reisetage- 
buch eines Philosophen" (1919); „Philosophie als Kunst" (1920), 
darin Ausfiihrungen unschoner Art iiber Anthroposophie. Rudolf 
Steiner wandte sich dagegen im offentlichen Liederhallen-Vortrag 
vom 16. November 1920. - Zeittafel. 

254 Der Bergarbeiterstreik: In England, am 1. April 1921 angefangen, 
dauerte ein Vierteljahr lang. 

254 Vortrag in der Liederhalle: Siehe den Vortrag vom 16. November 
1920, gehalten in der Liederhalle: „Die Wahrheit der Geisteswissen- 
schaft und die praktischen Lebensforderungen der Gegenwart." 
Noch nicht gedruckt. 

254 Dr. Ungers Betrieb: Dr. Carl Unger, 1878-1929. Leiter einer Fabrik 
fur Werkzeugmaschinen. Siehe Einleitung S. 19. 

254 gestern an einem anderen Ort: Wohl in einer Besprechung iiber Drei- 
gliederungsfragen. 

254 dieser Aufruf: Aufruf des Bundes fiir anthroposophische Hochschul- 
arbeit (Flugblatt 1920). Siehe Einleitung S. 17. 

254 die Schiller von Hohenheim: In Hohenheim bei Stuttgart besteht 
eine landwirtschaftliche Hochschule. 

255 Erlafi der Behdrde: Siehe Einleitung S. 29. 

255 Sie waren heute mutig genug: Es liefi sich nicht feststellen, worauf 
sich das bezieht. 

255 Schulgebdude — Baracke: Die Grundsteinlegung fiir das neue Schul- 
haus fand erst am 16. Dezember 1921 statt. Die inzwischen erstellte 
Baracke ist, nach Wiederherstellung 1946, noch heute in Gebrauch. 

257 dafi Sie solche Dinge machen, wie die in Darmstadt: Wahrscheinlich 
hatten einzelne Lehrer in Darmstadt Vortrage gehalten gegen die 
Angriffe des Grafen Keyserling. Vgl. auch Hinweis zu S. 254. 

258 Briicke vom Musikalischen zum Akustischen: Vgl. 2. Lehrplanvor- 
trag iiber Akustik im Physikunterricht der 6. Klasse. Abgedruckt in: 
,,Erziehungskunst. Seminarbesprechungen und Lehrplanvortrage" 
S. 170. 



Hinweise 



313 



260 Viele Eltem nehmen die Kinder heraus nach der 8. Klasse: Damals 
waren die Kinder nur bis zum 14. Lebensjahr schulpflichtig. 

260 volkspddagogische Vortrdge: Siehe „Drei Vortrage iiber Volkspad- 
agogik", Mai und Juni 1919. Liste Nr. 3. 

260 Abiturientenexamen: Siehe Einleitung S. 56, 58. 

263 Institution des Schularztes: Im Herbst 1921 wurde Dr. Eugen 
Kolisko als Schularzt und Lehrer fur Naturwissenschaft angestellt. 

264 die Schwachsinnigenklasse: Hilfsklasse. Siehe Einleitung S. 45, 46. 

268 Anstandsunterricht: Unterricht iiber Takt und Moral. Siehe Einlei- 
tung S. 45. 

269 Heileurythmie: Vergleiche Hinweis zu S. 190. 

270 Zusammenkunft am Abend: Dariiber war nichts mehr festzustellen. 
270 Zweijahresbericht: Vgl. Hinweis zu S. 127. 

273 die drei inspizierenden Weisen: Visitatoren. Siehe Einleitung S. 14, 

274 ,, Christmas Carol": Charles Dickens, 1812— 1881. Christmas Books, 
1843-1848; darin „A Christmas Carol", 1843. -Vgl. Sachwortver- 
zeichnis. 

277 das haben wir schon einmal verhandelt: Wo sonst iiber die Fortbil- 
dungsschule gesprochen wurde, ist nicht nachzuweisen. 

278 Quake rspeisung: Die englischen Quaker hatten nach dem 1. Welt- 
krieg Schulspeisungen fur unterernahrte Kinder in Deutschland ein- 
gerichtet. 

280 Spezialkarte: Vgl. fur das Kartenzeichnen im Unterricht, wie Rudoll 
Steiner in den Vortragen fur die Arbeiter am Goetheanumbau immei 
wieder Ubersichtskarten zeichnete. 

280 Generationen nachrechnen: Vgl. 14. Seminarbesprechung. 

281 ein Paar Schuhe machen: Spater hat der Lehrer speziell fur diesen 
Jungen selbst das Schuhemachen gelernt und hat ihn darin unter 
richtet. 

283 das geschieht erst im achten Jahr: Gemeint ist, dafi die Schneide 
zahne herausgekommen sind. 

283 Gruppenabteilungen im Sprachunterricht nach Kenntnissen: Siehi 
Einleitungen S. 49. 

284 Francois Mignet, 1796—1884. ,,Histoire de la Revolution franchise", 
1824. 

284 Chorlieder mit Texten von Dr. Steiner: Siehe Paul Baumann, „Lie 
der der Freien Waldorfschule", Verlag der Freien Waldorfschule, 
l.Ausgabe. Heft II „Der Sonne Licht . . ." (zweistimmig); ,,Ini 



314 



Hinweise 



Seelenaug sich spiegelt ..." (dreistimmig mit Klavier); „Die Sonne 
schaue . . ." (zweistimmig mit Klavier); Heft III ,,Friihling" (einstim- 
mig mit Klavier); Heft IV ,,Planetentanz" (vierstimmig). Die Texte 
sind entnommen aus: „Wahrspruchworte". Liste Nr. 45. 

284 Instrumentalunterricht: Vgl. Hinweis zu S. 224. 

286 Pddagogik der iiber Vierzehnjdhrigen: Siehe den Erganzungskurs: 
„Menschenerkenntnis und Unterrichtsgestaltung", Juni 1921. GA 
Dornach 1971, Liste Nr. 17. 

286 soziale Erkenntnis ah Lebenskunde: Gemeint diirfte sein eine Fort- 
fiihrung des S. 123 und 136/137 Besprochenen in die Oberklassen 
hinein. An dessen Stelle tritt die Technologie, ebenfalls oft ,, Lebens- 
kunde" genannt, S. 46. Der Anfang dazu wird gemacht mit Spinnen 
und Weben usw., S. 2/29. 

288 wie die Eurythmie eingerichtet worden ist in Munchen: Am 
28. August (Goethes Geburtstag) 1913 fand die erste Eurythmieauf- 
fvihrung vor den Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft 
statt. 

289 Osterkurs: Zweiter Hochschulkurs April 1921 in Dornach. Liste 
Nr. 100. Ober das erwahnte Gesprach mit Schweizern ist sonst 
nichts bekannt. 

289 dafi nur acht Tage Ferien dazwischen liegen: Der Schuljahresanfang 
mufite auf Ostern verlegt werden. In diesem Jahre war als Obergang 
der Schulschlufl am 11. Juni und der Anfang des neuen Schuljahres 
schon am 18. Juni.